Mehr schaffen: Für einen offensiven Mitmach-Naturschutz für alle.

Autorenpapier zu einer neuen Naturschutzagenda von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Von Felix Banaszak MdB, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Jan-Niclas Gesenhues MdB, umweltpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Das Autorenpapier gibt es hier zum Download.
Menschen im Naturschutz kennen zwei Seelenzustände: Da ist der zermürbende, oft jahrzehntelange Kampf. Zwanzig Jahre Widerstand gegen eine neue Umgehungsstraße, die sich wie eine Narbe durch den Wald schneiden soll. Das verzweifelte Anrennen gegen riesige Behördenapparate und wirtschaftliche Interessen großer Konzerne, die größer, lauter und einflussreicher sind. Man schreibt Einwendungen, organisiert Demonstrationen und Mahnwachen, spricht auf Bürgerversammlungen – und hofft. Und am Ende stehen nicht selten doch der Bagger, die Rodung und die Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen, Asphalt, wo einmal über viele Jahrzehnte pures Leben war.
Und dann gibt es den anderen Zustand: Begeisterung, Stolz, Gänsehaut.
Wenn Ehrenamtliche im Naturschutz gemeinsam mit Vereinen, Schulen, Initiativen, Unternehmen und einer engagierten Verwaltung eine versiegelte Brache in ein blühendes Stück Natur verwandeln. Wenn aus der Betonwüste wieder wilde Weiden, gesunder Wald und klare Bäche werden. Wenn Bäume gepflanzt, Gewässer aus Betonröhren befreit werden und in ihrem natürlichen Verlauf fließen, Blühflächen statt Monokulturen angelegt werden – und auch die Menschen vor Ort spürbar aufatmen können. Wenn man aufgrund von Schutzmaßnahmen Tiere und Pflanzen wiederentdeckt, die lange verschwunden waren. Wenn aus bürgerschaftlichem Engagement echte Veränderung wächst. Und dieses Engagement für unsere Kinder sichtbar und spürbar bleibt.
Gemeinsam haben diese Beispiele jedoch: Sehr oft stand bislang das Abwehren im Mittelpunkt. Dieser Abwehrkampf, das permanente Reagieren auf das Artenaussterben und neue Angriffe auf unzerstörte Natur – und damit die Frustration. Denn es ist praktisch unmöglich, unsere Erde ehrenamtlich zu retten, wenn andere sie hauptberuflich zerstören.
Doch gerade jetzt, im 50. Jahr des Bundesnaturschutzgesetzes in Deutschland, brauchen wir etwas anderes: Es braucht angesichts des Zustandes unserer Lebensräume, auch der geschützten Lebensräume, jetzt ein Update des Natur- und Biodiversitätsschutzes: Raus aus der Nische und rein in die Fläche.
Der Versuch einiger (vermeintlich) Konservativer, die Ökologie aus der gesellschaftlichen und politischen Mitte zu verdrängen, ist – das zeigen die Wahlerfolge im Süden des Landes zu Beginn dieses Jahres, und das zeigen die Umfragen – politisch gescheitert. Das ist eine gute Nachricht. Denn ökologisches Denken und Handeln heißt immer, das Ganze zu sehen. Gerade im Angesicht der nicht enden wollenden ökologischen Krisen erleben Menschen, dass Ökologie und Wohlstand, Ökologie und Sicherheit, Ökologie und Geborgenheit, Ökologie und Schönheit untrennbar verbunden sind.
Gleichzeitig erleben sie, wie Schwarz-Rot in beispiellosem Tempo zentrale Errungenschaften des Naturschutzes in Deutschland angreift. Das passt mit der Alltagserfahrung und den tief in uns Menschen liegenden Bedürfnissen nicht zusammen. Die Natur hat in dieser Bundesregierung keine Stimme und keine Lobby, sie wird als vermeintliche Selbstverständlichkeit hingenommen, ihre Beschützerinnen und Beschützer als lästig, störrisch und völlig aus der Zeit gefallen. Dem stellen wir uns als einzige ökologische Kraft im Deutschen Bundestag gemeinsam mit den vielen Aktiven entgegen. Doch Opposition im Parlament und auf den Straßen allein reicht nicht aus.
Einige Gegner von Umwelt- und Naturschutz laden die realen und nicht durch bloße Rhetorik aufzulösenden Nutzungskonflikte von Land und Fläche kulturkämpferisch auf, insinuieren Stadt-Land-Klüfte, die es an dieser Stelle gar nicht gibt. Denn eine intakte Natur und Artenvielfalt ist nicht das Interesse eines großstädtischen Bildungsbürgertums, sondern die Grundlage eines guten Lebens für alle.
Besonders in dicht besiedelten Regionen wird deutlich: Lebendige Stadtnatur – Parks, Seen, Flussufer, Stadtwälder und Schrebergärten – ist ganz besonders wertvoll für diejenigen, die in beengten Verhältnissen in kleinen Mietwohnungen leben und maximal einen Balkon, nicht aber den eigenen Garten oder gar ein hübsches Häuschen auf dem Land zur Verfügung haben. Wer bei großer Hitze in der kühlen Villa am Stadtrand sitzt, mag den enormen Wert von kühlenden Stadtbäumen und Grünflächen nicht sofort erkennen. Wer sich dann aber in überhitzten Wohnungen, Büros oder Straßenzügen aufhält, der weiß, was für einen riesigen Unterschied städtisches Grün für die Kühlung unserer Städte macht.
Deshalb treiben wir eine konsequent ökologische Politik mit Selbstbewusstsein und Ambition voran. Aber haben wir genug reflektiert, welche Einfallstore wir dem anti-ökologischen Kulturkampf gelassen haben? Wie konnte es passieren, dass das Zerrbild des miesepetrigen Naturschützers, der eine noch so unbekannte Art als bedroht vermutet und gegen einen Straßenneubau ins Feld führt, so oft bemüht wird und die Auseinandersetzungen um Infrastrukturprojekte verlässlich bebildert? Was ist „unser“ Anteil als ökologisch denkende und handelnde Menschen in Politik und Zivilgesellschaft daran, dass der geplante Angriff auf die Klagerechte der Verbände als Akt der politischen Vernunft durchgehen soll und nicht als Misstrauensvotum gegenüber einer aktiven Bürgergesellschaft, die ihrerseits im politischen Willensbildungsprozess vor allem Gemeinwohlinteressen vertritt? Was können wir umgekehrt tun, um die politischen Auseinandersetzungen im Zuge von Land- und Flächennutzungskonflikten zu entideologisieren und so zu führen, dass am Ende möglichst ein großer Mehrwert für alle entsteht?
Nur ein Bruchteil der Verbände nutzt dieses Recht überhaupt und weniger als 0,1 % der Verfahren bei den Verwaltungsgerichten gehen auf Umweltklagen zurück (im Schnitt 66 pro Jahr von über 100.000 Verfahren). Eine überwiegende Zahl der Umweltklagen ist erfolgreich und sorgt wissenschaftlich nachgewiesenermaßen für einen besseren Schutz von Luft, Wasser und Klima.
Unsere These: Holt den Naturschutz wieder stärker auf die politische Agenda und in die politische Debatte. Naturschutz hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus dem politischen Raum in den Rechtsraum verlagert. Denn wenn politische Entscheidungen und Debatten völlig hinter den ökologischen Notwendigkeiten zurückblieben, hatten Naturschützerinnen und Naturschützer oft nur noch die eine Möglichkeit: Den Weg über die Gerichte. Klagerechte wurden zu einem zentralen Instrument – notwendig erkämpft, als unverzichtbar verteidigt. Aber sie haben einen Preis: Denn die Umweltklage dient Rechten und vermeintlich Konservativen als populistisches Zerrbild, um einen antiökologischen Kulturkampf zu führen. Und leider führt diese Strategie tatsächlich oft dazu, dass genau dieses Zerrbild hängen bleibt. Beispielsweise wenn Friedrich Merz ausgerechnet den großen Umweltverbänden „demokratieschädigendes Verhalten“ vorwirft, obwohl gerade diese Umweltverbände sehr maßvoll mit ihren Klagerechten umgehen und Recht durchsetzen, das zu schützen eigentlich die Aufgabe der Bundesregierung sein sollte.
Der amerikanische Journalist Ezra Klein hat auf diesen Missstand in seinem vieldiskutierten Buch „Abundance” am US-Beispiel hingewiesen: Umweltgesetze wurden missbraucht von Leuten, die mit Naturschutz in Wirklichkeit nichts am Hut haben, um wichtige Projekte zu verhindern – Zugstrecken, Wohnungsbau, Solarparks. Aber das schlechte Image haftet dem Naturschutz in Gänze an. Das Problem ist nicht der Schutzgedanke an sich, sondern die Verrechtlichung als Ersatz für fehlende politische Aushandlung. Wir wollen beides: starke Schutzrechte und eine Naturschutzpolitik, die sich als gesellschaftliches Gestaltungsprojekt begreift – nicht als Summe von Einwendungen. Die Klage muss immer ultima ratio sein, sie darf nicht Politik ersetzen. Genau deswegen brauchen wir eine echte politische Aushandlung im Interesse der Ökologie, statt einer antiökologischen Ideologie, wie bei Schwarz-Rot, die Umweltverbänden oft nur noch die Klage als letzte Option lässt. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit den Klagemöglichkeiten und eine Einbettung in eine auf Ermöglichung fokussierte politische Gesamtstrategie kann helfen, die gesellschaftliche Auseinandersetzung um die von der schwarz-roten Bundesregierung geplanten Eingriffe zu gewinnen.
Wir sind überzeugt: Es ist eine Frage der Haltung und der politischen Praxis. Der Naturschutz muss raus aus der Defensive und rein in die Offensive. Wir brauchen Zukunftsprojekte, die Mut und Lust machen, die neue Zuversicht stiften. Einen neuen Umwelt- und Naturschutz, der nicht nur verteidigt, sondern auch mehr Menschen Naturerlebnisse ermöglicht und zeigt, dass Naturschutz auch bedeutet, etwas Neues aufzubauen: Naturschutz kann und muss mehr als politischer Widerstand sein. Er muss zu einem ermöglichenden Mitmachprojekt für alle in unserer Gesellschaft werden.
Das ist für uns Anspruch an eine zeitgemäße Naturschutzpolitik. Natur ist für uns keine nostalgische Projektionsfläche und kein Luxus für wenige. Sie ist ein Versprechen auf mehr Lebensqualität, Gesundheit und Sicherheit für alle. In Deutschland engagieren sich rund 11 Millionen Menschen in den Organisationen für Natur- und Umweltschutz. Gemeinsam mit ihnen – und mit all den vielen Menschen, denen eine gesunde Umwelt und intakte Natur am Herzen liegt – wollen wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen sichern. Denn es sind die Ökosystemleistungen der Natur – sauberes Wasser, frische Luft, fruchtbare Böden, Bestäubung, Hochwasserschutz –, die die Grundlage für Gesundheit, Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität bilden.
Dabei dürfen wir nicht verschweigen, was die Natur tatsächlich zerstört. Das Artensterben hat bekannte Ursachen: Industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden, Verkehr, Lebensraumzerstörung durch Zerschneiden, Betonieren und Planieren, Überdüngung, Kohletagebaue und Rohstoffminen und zunehmend die Auswirkungen der Klimakrise. Diese Ursachen anzugehen ist keine Frage des Kulturkampfes – es ist eine Frage des politischen Mutes. Wir setzen dabei auf einen Instrumentenmix: kluge Ordnungspolitik dort, wo freiwillige Ansätze nicht reichen, und gezielte Förderung für Landwirtinnen und Landwirte, die den Wandel hin zu nachhaltig wirtschaftenden landwirtschaftlichen Betrieben gestalten. Denn wir wissen: Wer seit Generationen so wirtschaftet, wie er es gelernt hat, verdient keinen Vorwurf – sondern Anerkennung, einen fairen Ausgleich und Angebote für einen konkreten Weg nach vorne.
Im Kern läuft Naturschutz auf Landnutzungskonflikte hinaus. Natur braucht Fläche – und Fläche ist, gerade auch in einem dichtbesiedelten Land wie Deutschland, stark umkämpft. Das Denken in Schutzräumen hier und Schmutzräumen dort hat uns nicht weit gebracht. Wir brauchen einen Naturschutz, der auf der ganzen Fläche gedacht wird: in der Landwirtschaft, entlang der Flüsse, in den Städten und Dörfern. Das bedeutet: Landnutzerinnen und Landnutzer nicht als Gegner begreifen, sondern als Partner gewinnen – mit fairer Entschädigung, konkreten Kooperationsmodellen und echten Perspektiven. Und es bedeutet, mit Fläche sparsam umzugehen.
Entscheidend ist die Haltung, mit der wir Naturschutzpolitik verbinden:
Eine Politik, die Neues schafft, Verbündete gewinnt und Lust aufs Mitmachen macht. Mit dem klaren Ziel: Ökologie für und mit allen.
Unser Ansatz ruht dabei auf drei zentralen Säulen.
Mit Naturschutz Neues schaffen statt nur Bestehendes verteidigen
Wir stehen für ein neues Verständnis von Naturschutz, der Werte schafft und nicht nur Verluste verwaltet. Es reicht nicht, das Wenige zu verteidigen, was an ökologisch wertvoller Natur noch existiert. Wir wollen, dass wieder mehr lebendige, vielfältige Natur entsteht. So schaffen wir einen Mehrwert für Artenvielfalt und Lebensqualität in allen Regionen gleichermaßen.
Dafür brauchen wir eine Beschleunigungsoffensive für den Naturschutz. Wir wollen Planungen, Gesetze und Förderprogramme deutlich vereinfachen, beschleunigen und wirksamer machen.
Unsere Ziele sind:
- Grünflächen in den Kommunen, wo unsere Kinder spielen können,
- gesunde Böden für eine ertragreiche Ernte in der Landwirtschaft
- naturnahe Gewässer, die uns zugleich vor Hochwasser schützen,
- Wiedervernässung, die zugleich das Klima schützt,
- Großschutzgebiete, die begeistern,
- vernetzte Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
Neben dem klassischen Schutz bestehender Natur braucht es deshalb ein umfassendes Programm zur Heilung kranker Ökosysteme. Natur zu schützen und zu heilen ist dabei unsere Leitschnur.
Dabei setzen wir konkret auf ein Beschleunigungsprogramm für den Naturschutz:
Genehmigungsprozesse und Förderlogiken werden so gestaltet, dass Renaturierung endlich einfacher wird. Das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz mit einem Volumen von vier Milliarden Euro – das größte Programm dieser Art in der Geschichte Deutschlands – ist ein solches Ermöglichungsprogramm. Dieses von der ehemaligen Bundesumweltministerin Steffi Lemke geschaffene Programm gilt es auszubauen. Erst recht nach dem verheerenden Zeugnis des Expertenrats für Klimafragen für die Klimapolitik der Bundesregierung, der gerade für Wälder, Moore und landwirtschaftliche Flächen viel mehr Anstrengungen für den natürlichen Klimaschutz einfordert.
Wir wollen fünf Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz für blau-grüne Infrastruktur einsetzen, mit einem klaren Schwerpunkt auf die Wiederherstellung und Renaturierung unserer Bäche, Flüsse und Gewässer. Zudem weisen die aktuellen Walstrandungen über ihr individuelles Einzelschicksal hinaus. Es braucht entschiedenen Einsatz für den Schutz unserer Ökosysteme an Land und im Meer.
Dazu gehören:
- ein überragendes öffentliches Interesse für Renaturierung,
- schlanke, schnelle Verfahren,
- Entbürokratisierung und umfassender Abbau von rechtlichen Hürden bei der Umsetzung von Projekten für Grüne Infrastruktur, Natur, Wasser und Böden,
- ein Perspektivwechsel: weg vom reinen Ordnungsrecht, hin zu einem Ermöglichungsrecht, das das Entstehen neuer, vielfältiger Naturräume vorsieht,
- mehr wirksame Schutzgebiete mit Null-Nutzungs-Zonen in Nord- und Ostsee,
- und die weitere Standardisierung von Natur- und Artenschutzprüfungen, um Planungsverfahren zu beschleunigen.
Unser Ziel ist ein bundesweites Netz blau-grüner Infrastruktur – von Auen über Moore bis zu urbanem Grün. Dabei denken wir nicht statisch: Viele Arten lassen sich nur durch große zusammenhängende Flächen, im Biotopverbund, schützen. Großschutzgebiete wie Biosphärenreservate und Naturparks müssen deshalb gestärkt und verbunden werden – damit Arten wandern können, sich anpassen können, überleben können. Gerade angesichts der Klimakrise brauchen wir diesen Übergang von der Verinselung zum Netzwerk.
Ein vorbildliches Instrument dafür wurde in Dänemark entwickelt. Mit dem Grünen Tripartite-Abkommen von 2024 hat die dänische Regierung gemeinsam mit Landwirtschaftsverbänden, Umweltorganisationen und Kommunen einen breiten politischen Konsens geschmiedet: 250.000 Hektar neuer Wald sollen entstehen, 140.000 Hektar landwirtschaftlich genutztes Niedermoorland in naturnahe Flächen umgewandelt werden.
Das ist Mitmachökologie, die man anfassen kann. Genauso wie bei uns in Deutschland beispielsweise an der Havel: Auf 90 Kilometern wird die Untere Havel seit 2010 renaturiert – das größte Flussrenaturierungsprojekt in Europa. Bis 2033 fließen insgesamt rund 70 Millionen Euro in das Vorhaben, getragen von Bund, Ländern und dem NABU. Bereits heute sind 746 Hektar Überflutungsgebiet zurückgewonnen, 50 Hektar Auenwald entstanden, Biber und Fischotter sind wieder zurückgekehrt.
Oder das großflächige Programm zur Rettung der Wildkatze durch die Stärkung und Verbindung naturnäher Wälder bundesweit, das der BUND vorangetrieben hat. Oder die wieder lebendige Isar in München. Über Jahrzehnte wurde sie kanalisiert, aufgestaut, ökologisch verarmt – ein Kanal statt ein Fluss. Zwischen 2000 und 2011 wurde sie auf acht Kilometern renaturiert: Kiesbänke zurückgebracht, Ufer geöffnet, der Fluss wieder sich selbst überlassen. Wanderfische kehrten erstmals seit über hundert Jahren zurück. Und die Isar wurde vom trennenden Hindernis zum beliebtesten Naherholungsort der Stadt – für alle, nicht nur für die, die sich einen Garten leisten können.
Havel und Isar zeigen: Renaturierung ist kein Nischenprojekt – sie ist machbar, finanzierbar und schafft Mehrwert für Mensch und Natur gleichermaßen. Was fehlt, ist der politische Wille, sie zum Standard zu machen.
Naturschutz als Kitt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Naturschutzgebiete sind für alle da. Natur darf kein Privileg einiger weniger sein. Wir wollen, dass alle Menschen – unabhängig von Wohnort, Einkommen oder Herkunft – Natur erleben können.
Nicht nur diejenigen, die sich Fernreisen an exotische Küsten leisten können, sollen Zugang zu beeindruckender und gesunder Natur haben.
Unsere Nationalparks, Naturparks und Biosphärenreservate gehören uns allen – ihr Wert liegt gerade darin, dass sie als Rückzugsräume für Natur und Menschen gleichermaßen erhalten bleiben. Naturschutz bedeutet deshalb auch eine Demokratisierung des Naturerlebnisses.
Die Gewinne des Naturschutzes – sauberes Wasser, saubere Luft, Artenvielfalt, Erholung – kommen zudem allen zugute, wenn Umweltpolitik und sozialer Zusammenhalt grundsätzlich zusammengedacht werden. Intensiv ausgebeutete und privatisierte Natur dient hingegen vor allem dem kurzfristigen Nutzen Einzelner.
Deshalb ist Naturschutz für uns ein zentraler Bestandteil moderner Politik für sozialen Zusammenhalt: Er schafft einen Beitrag zur Gesundheit, umfassende Teilhabe und Lebensqualität – gerade auch in dicht besiedelten Städten und ländlichen Regionen mit Strukturschwächen. Öffentliche Parks, renaturierte Flüsse, frei zugängliche Wälder oder naturnahe Spiel- und Lernorte sind konkrete Beispiele dafür, wie Naturschutz sozialen Ausgleich schafft. Ökologie für alle eben.
Unsere Ziele sind:
- Bewusstsein schärfen für unsere Naturjuwelen – Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturschutz- und Meeresschutzgebiete und Naturparke,
- wohnortnahe und kostenlose Zugänge zu Natur für alle,
- der Ausbau erlebnispädagogischer Umweltbildung wie der Waldjugendspiele
- eine feste „Draußen-Woche“ pro Schuljahr, bspw. am Naturmonument Grünes Band,
- „Tage der offenen Tür“ in Naturschutzgebieten mit Führungen und Informationsangebote durch Naturschutzstationen, Wissenschaft, Verwaltung und Ehrenamtliche vor Ort,
- zielgerichteter Ausbau von Naturerlebnissen in Kindergärten und Schulen, mit Wildbienenlandschaften, Naturgärten oder eigenen Naturschutzprojekten, auf die Kinder und Jugendliche stolz sind und ein Leben lang in Erinnerung behalten,
- kein exklusives Privateigentum mehr an unseren Badeseen und Stränden.
Jedes Kind in Deutschland sollte mit der Erfahrung aufwachsen, dass Natur kein fernes Versprechen ist, sondern unmittelbar erlebbar – im Kindergarten, im Schulalltag, in der Freizeit. Diese Erfahrung darf kein Privileg weniger sein. Wer in einer beengten Mietwohnung aufwächst, hat genauso ein Recht auf Naturerleben, wie wer einen Garten hat oder regelmäßig Ausflüge ins Grüne machen kann. Und wer Natur einmal wirklich erlebt hat, wird sie bewahren und heilen wollen. Denn was wir lieben, schützen wir.
Deshalb wollen wir Ehrenamt und Gemeinschaft stärken: gemeinsame Erlebnisse in Parks und Naturflächen, Wettbewerbe wie das Abpflastern versiegelter Flächen in Städten – Mitmachökologie, die Menschen zusammenbringt und sichtbare Veränderung für lange Zeit schafft.
Dazu gehört, unnötige Vorschriften zu entrümpeln: Wir wollen ein Naturschutzrecht, das einlädt, Natur zu erleben. Als Orientierung dient uns das Jedermannsrecht nach den Vorbildern Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und Schleswig-Holsteins zum geregelten Betreten, Sammeln und Wildcampen in der Natur. Hier tritt eine sanfte Nutzung und Eigenverantwortung für unvergessliche Naturerlebnisse an die Stelle eines gescheiterten Geflechts von starren Regeln.
Besonders in unseren Städten wird sichtbar, was auf dem Spiel steht – und was möglich ist. Der Berliner Volksentscheid für mehr Stadtbäume zeigt: Wenn man Menschen fragt, entscheiden sie sich für Natur. Diesen Erfolg wollen wir kopierbar machen. Bäume, Parks und begrünte Flächen sind keine Kür, sondern Grundversorgung – sie kühlen überhitzte Quartiere, nehmen Regenwasser auf, schaffen Orte der Erholung. Schwammstädte, die Wasser speichern statt ableiten, sind dabei kein Nischenkonzept, sondern das Stadtbaumodell der Zukunft. Lebendiges Stadtgrün ist Mitmachökologie im wörtlichen Sinne: sichtbar, erfahrbar, für alle.
Naturschutz als innovatives Geschäftsmodell
Wer Natur im großen Maßstab retten und zurückholen will, braucht mehr als öffentliche Förderprogramme und ehrenamtliches Engagement, so wichtig beides ist. Wir brauchen auch im großen Maßstab private Investitionen, innovative Unternehmen und neue Geschäftsmodelle als neuen Hebel für große Naturschutzprojekte.
Viele Unternehmen – von der Lebensmittelwirtschaft über Chemie und Pharma bis hin zur Bauwirtschaft – sind unmittelbar auf funktionierende Ökosysteme angewiesen: auf Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit, Wasserverfügbarkeit, Biodiversität und stabile Klimabedingungen. Entsprechend investieren immer mehr Unternehmen bereits heute in Biodiversität entlang ihrer Lieferketten. Diese Pioniere wollen wir gezielt unterstützen.
Gleichzeitig entstehen neue Unternehmen und Start-ups, die Renaturierung als Geschäftsmodell anbieten:
- Landwirtschaftliche Erzeugnisse von Standorten des natürlichen Klimaschutzes (z.B. wiedervernässte Moore/Paludikultur oder Agroforstsysteme), die schon heute als Baumaterialien, Dämmung oder Ausgangsstoff für Verpackungen genutzt werden,
- Landmaschinenbau für naturangepasste Bewirtschaftung und Anbau auf wiedervernässten Standorten,
- Naturschutz im Auftrag von Unternehmen, Kommunen oder Verbänden (Vertragsnaturschutz),
- Vermarktung von ökologischen Ausgleichs- und Kompensationsmaßnahmen,
- Wiedervernässung von Moorflächen,
- naturnahe Stadt- und Dorfentwicklung,
- ökologischer Waldumbau,
- KI-gestützte Erfassung von Ökosystemleistungen,
- auf Naturschutz spezialisierter Garten- und Landschaftsbau,
- Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen,
- Start-ups, die Lösungen entwickeln, um PFAS aus unserem Wasser zu filtern.
Mit einer klugen Regulierung, vor allem aber durch die gezielte Förderung der Wettbewerbsfähigkeit solcher Modelle, wollen wir zusätzliches Kapital und zusätzliche Dynamik in den Naturschutz lenken. Schon heute gibt es erfolgreiche Betriebe und Unternehmen verschiedenster Branchen, deren Geschäftsmodelle auf Naturwiederherstellung statt Naturzerstörung basiert.
Renaturierung schafft dabei nicht nur ökologische Werte, sondern auch Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Diese Unternehmen sind unsere Verbündeten. Gerade in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft stiften solche Projekte Gemeinschaft und Zusammenhalt. Naturschutz kann Menschen zusammenbringen – weil es um etwas Gemeinsames geht, auf das man stolz sein kann.
So entstehen schon heute überall im Land Kooperationen zwischen Wirtschaft, Kommunen, Schulen, Kindergärten und Horte, ehrenamtlichem Naturschutz, Heimat- und Umweltverbänden, auch über Parteigrenzen hinweg. Gemeinsam angelegte Streuobstwiesen, befreite Bäche, Beweidungsprojekte, die Landwirtschaft und Naturschutz verbinden.
Deswegen ist schon heute die Finanzierung von Naturschutzprojekten von Unternehmen und privatrechtlichen Stiftungen eine wichtige Säule, die wir in Zukunft noch attraktiver machen wollen.
Naturschutz und erneuerbare Energien gehören dabei zusammen. Wer Korallenriffe, Regenwälder und die biologische Vielfalt erhalten will, muss sich auch für die Energiewende einsetzen. Denn Naturschutz ohne Klimaschutz ist zum Scheitern verurteilt. Das ist kein Widerspruch, sondern Konsequenz: Wer das Ganze sehen will, kann nicht beim Einzelnen stehenbleiben. Deshalb setzen wir auf kluge Kriterien statt pauschaler Blockade durch lokale Einzelinteressen.
Dazu gehört:
- Vorrang für Auf-Dach-Photovoltaik, Freiflächenanlagen mit umfassenden verbindlichen Naturschutzauflagen, Agri-PV als skalierbares Modell, das Landwirtschaft und erneuerbare Energien zusammendenkt,
- Perspektive für naturangepasste, flexible Energieproduktion aus Biomasse auf Basis von Abfällen, um fossiles Gas zu ersetzen,
- weiterer Ausbau von Windenergie und Netzen im Einklang mit dem Naturschutz.
Mit einer zeitgemäßen Naturschutzpolitik können wir genau hier ansetzen: neue gesellschaftliche Gruppen erreichen, neue Bündnisse schmieden und gleichzeitig die Natur heilen, pflegen und in unser Leben zurückbringen. Genau dafür setzen wir auf unseren Ansatz der Mitmach-Ökologie: Naturschutz mit Schaffensmodus statt nur Verhinderung, Natur als Kitt für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Naturschutz als Chance für Unternehmen.