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Digitale Ungleichheit – Anforderungen an digitale Beteiligung

Das Internet ist ein großartiges Medium für Partizipation, aber es ist auch voraussetzungsvoll. Zugang allein genügt nicht, und das Internet zu nutzen ist nicht das gleiche wie Nutzen daraus zu ziehen. Wer Onlinebeteiligung erfolgreich implementieren will, sollte sich der verschiedenen Arten von Exklusion bewusst sein, denn nur so ist aktives Gegensteuern möglich.

Onlinebeteiligung – die Nutzung von Internetplattformen für Beteiligung – ist in aller Munde, sei es in der Stadtplanung, in Unternehmen, oder auch in politischen Parteien. Und das nicht ohne Grund: Sie ist kostengünstig, skaliert, und öffnet den Beteiligungsprozess. Leider wird digitale Beteiligung immer noch zu oft als einfache Lösung für komplexe Probleme angesehen.

Das ist leicht ersichtlich anhand der Vielzahl von Tools für Beteiligung die inzwischen frei verfügbar im Netz kursiert. Das fängt bei E-Mails für direkte Kommunikation an, und setzt sich über Foren und Mailinglisten für Gruppenkommunikation fort. Foren bieten zudem die Möglichkeit Diskussionen zu strukturieren, nach Themen oder Zeit. Posts bleiben online sichtbar, und theoretisch können Nutzer so nachvollziehen welche Argumente in der Vergangenheit ausgetauscht wurden. Praktisch geschieht dies allerdings selten, und stattdessen werden – wer kennt es nicht? – dieselben Argumente wieder und wieder ausgetauscht, bis irgendwann jemand den Thread kaputt trollt oder einen Godwin pullt. Argument Mapping Tools, wie etwa das Deliberatorium, sollen diese Forendiskussionen handhabbar machen, statt chronologisch geordneten Argumenten eine Argumentenkarte erstellt wird. Jedes Argument für oder gegen eine Idee wird genau einmal registriert, und die Ergebnisse sind ohne großen Aufwand verwertbar.

Dann sind da noch die Sozialen Medien: Facebook, Twitter, Blogs, YouTube und so weiter. Die sind alle toll zur Verwaltung von Gruppen und Verbreitung von Informationen, auch weil sie ohne große Anstrengung ein großes Publikum erreichbar machen. Aber dort gibt es das Problem mit den Netzwerkeffekten: Je enger einer Gruppe von Leuten miteinander vernetzt ist, desto schwieriger wird es, Kommunikation jenseits dieser Gruppe zu verbreiten. Auch das Konzept der 'Filter-Bubble' ist inzwischen wohlbekannt.

Aber das ist alles nur Kommunikation - interessanter wird es bei Werkzeugen für Kollaboration. Wikis sind wahrscheinlich das gängigste Beispiel: Sie werden zur Erarbeitung von Inhalten und Dokumentation von Ergebnissen genutzt, seltener zur Diskussion – aber wenn ein Konsens erarbeitet wurde, sind sie ein guter Ort um diesen aufzubewahren. Dann gibt es Umfrage- oder Abstimmungstools, wie etwa LimeSurvey, oder gar Liquid Feedback, deren Hauptziel ist Daten zu bündeln: "Was denkst Du über Thema x? Bevorzugst Du x, y oder z?"

Auch weil all diese Werkzeuge, ebenso wie Breitbandanschluss, inzwischen weit über Nerdkreise hinaus genutzt werden, wird insbesondere in technisch versierten Kreisen gern angenommen, dass das Internet auch politische Beteiligung revolutionieren wird. Weil das Internet für jeden zugänglich ist, und weil durch die anonyme Nutzung des Netzes die gängigen Diskriminierungsfaktoren wie etwa Geschlecht, Hautfarbe oder Behinderungen, unsichtbar gemacht werden und darum nicht mehr wichtig sind. Jeder kann online frei handeln, Diskriminierung gehört der Vergangenheit an – alle sind gleich. Utopia! Und eben weil das Internet für alle so großartig ist, ist dann auch jeder interessiert daran sich politisch zu beteiligen, mitzudiskutieren. Und dann, letztendlich, warum brauchen wir dann eigentlich noch eine repräsentative Demokratie, ein Parlament, eine Regierung – wenn wir doch einfach über alles direkt online abstimmen können? Ist doch einfach – oder?

Nun ja … Nein. Tatsächlich ist es all das schlicht und ergreifend falsch. Zuerst einmal ist es nicht so, dass jeder Zugang zum Internet hat. Viele von uns sind sich dessen auch irgendwie bewusst. Warum sonst gäbe es Initiativen für mehr Breitbandausbau? Etwa 76 % der Bevölkerung von Europa haben Zugang zum Internet, In Deutschland sind es 89%. Das klingt zuerst einmal gut, aber das bedeutet auch dass über 10% nach wie vor nicht online aktiv sind. Auf europäischer Ebene ist es fast ein Viertel der Bevölkerung!

Aber selbst wenn Netzzugang inzwischen immer normaler wird, und diese restlichen 10% in Deutschland überbrückt werden können, bedeutet das doch noch lange nicht, dass all diese Nutzer online gleich sind. Es ist eher andersherum: Alle die online sind, sind irgendwie gleich. Weil die Nutzung des Internets, insbesondere für politische Beteiligung, ein Zeichen von Privileg per se ist. Das hat Forschung in verschiedenen Bereichen immer wieder belegt: Halford & Savage haben die Beziehung zwischen Internetnutzung und sozialer Ungleichheit untersucht, und herausgefunden dass soziale Ungleichheit im Internet reproduziert wird. Internetzugang hängt zusammen mit der sozialen Schicht der Nutzer. Aber auch die Nutzung selbst ist nicht gleich, denn auch die Vorteile die Menschen aus dem Internet beziehen sind abhängig von sozio-demografischen Faktoren. Zhang hat anhand von Fallstudien belegt, dass bestehende Ungleichheiten sich online fortsetzen, und dass 'technisches Kapital' eine Voraussetzung für erfolgreiche Onlinebeteiligung ist. Leider ist dieses technische Kapital – IT-Kenntnisse und die Wege sie zu akquirieren – wiederum ungleich verteilt, weil es von den finanziellen Möglichkeiten und dem persönlichen Netzwerk der Nutzer abhängt. Da benachteiligte Gruppen in der Gesellschaft sowohl weniger finanzielle Ressourcen, als auch schlechteren Zugang zu den entsprechenden Netzwerken haben, setzt sich ihre Benachteiligung auch im Internet fort.

Kurz gesagt: Wenn jemand offline benachteiligt ist, ist Internetzugang allein nicht ausreichend um diese Benachteiligung auszugleichen.

Ich stelle mir den Weg zu Onlinebeteiligung vor wie eine Zwiebel: Man* schält Schicht für Schicht ab, und es gibt immer noch weitere Voraussetzungen die erfüllt werden müssen um sich effektiv zu beteiligen. Zunächst einmal braucht es Zugang zum Internet. Dann kommen Lese- und Schreibfähigkeit – denn für Personen die schon mit bloßem Textverständnis Probleme haben, ist das Internet, und erst recht Onlinediskussionen, kaum zugänglich. Eine Studie von Grotlüschen & Riekmann ergab, dass 15% der Bevölkerung von Deutschland funktionale Analphabeten sind. Das bedeutet, dass sie nicht in der Lage sind einfache Informationen zu schreiben oder lesen.

Als nächstes braucht es Bildung, Fähigkeiten wie digitale Kompetenz, das Wissen wie man einen Computer, einen Webbrowser, Mailinglisten, oder gar anspruchsvollere Onlineplattformen bedient. Jede*r, der einmal versucht hat einen Wiki Eintrag zu ändern ohne ein grundlegendes Verständnis von Code zu haben, wird wissen was für eine Hürde das sein kann. Aber selbst wenn jemand all diese Anforderungen erfüllt, ist das noch nicht genug. Was Onlinebeteiligung noch braucht, ist Zeit, Freizeit, um sich sowohl mit der Technik als auch mit den Themen der Beteiligung auseinander zu setzen. Wenn jemand zwölf Stunden arbeitet, mehrere Stunden am Tag pendelt, Kinder hat, oder im Schichtdienst arbeitet, dann ist Onlinebeteiligung wahrscheinlich nicht so hoch auf der persönlichen Prioritätenliste, unabhängig davon wie vorteilhaft sie sein könnte. Zuletzt, selbst wenn Zeit gegeben ist, braucht es auch finanzielle Ressourcen – Geld, für die Hardware, und für den Internetzugang. Und zuletzt braucht es Erfahrung, oder zumindest Freunde die helfen die Plattformen zu bedienen, die wichtigen Diskussionen zu finden, die Unterstützung geben und zeigen wo es langgeht.

Ich kann mir vorstellen wie jede Schicht dieser Zwiebel mehr Personen zurücklässt. Die Gruppe derjenigen die sich effektiv beteiligen (können) wird mit jeder Schicht kleiner, so dass am Ende diejenigen übrig bleiben die höher gebildet sind, aus guten finanziellen Verhältnissen kommen, zumeist jung und männlich sind – kurz, diejenigen die nach wie vor die meisten Internetstatistiken anführen. Das sollte keine Überraschung sein. Aber es ist ein Problem, insbesondere wenn es um demokratische Beteiligung geht, denn die braucht Chancengleichheit und Diversität.

Diversität ist wichtig, weil die Ansichten von benachteiligten Gruppen im politischen Diskurs nicht fehlen dürfen. Wenn diese Gruppen strukturell ausgeschlossen werden, dann können ihre Ideen können nicht gehört, Narrative nicht einbezogen werden. Bevölkerungsschichten können nicht erreicht werden, selbst wenn sie die Zielgruppe eines politischen Diskurses sind – er findet über sie, statt mit ihnen statt. Ähnliches gilt für Chancengleichheit. Demokratie sollte bedeuten, dass alle an Entscheidungen beteiligt sind, die die Gemeinschaft betreffen, egal auf welcher Ebene. Chancengleichheit bedeutet nicht nur, dass alle die gleichen Möglichkeiten haben sollten, sondern gerade auch dass (strukturelle) Benachteiligungen ausgeglichen werden müssen. David Caldwell hat das in einem Talk sehr gut auf den Punkt gebracht: "Wenn wir Menschen fair behandeln wollen, können wir sie nicht gleich behandeln." Weil Gleichbehandlung eben auch bedeutet, dass nicht auf bestehende Nachteile eingegangen wird. Wenn eine Beteiligungsplattform online zur Verfügung gestellt wird, ist die Chance dass technisch versierte junge Männer teilnehmen eben nach wie vor höher als die von anderen Gruppen.

Wenn das Ziel ist, Chancengleichheit in der Beteiligung zu erreichen, dann müssen Gruppen die potentiell strukturell benachteiligt sind gezielt angesprochen und einbezogen werden. Dann muss der Aufwand in Kauf genommen werden, herauszufinden wo und wie diese Gruppen kommunizieren, wie man sie so in den Prozess einbinden kann dass sie sich effektiv beteiligen können und wollen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Mailinglisten moderiert werden müssen, um Trolle im Zaum zu halten, oder dass Informationen nicht nur online sondern auch auf lokalen Treffen verbreitet werden müssen.

Letztendlich gibt es keine perfekte Lösung für Onlinebeteiligung - ebenso wenig wie es sie für Offlinebeteiligung gibt, die an ähnlichen Problemen leidet. Für Offlinebeteiligung gibt es bewährte Methoden um die Zielgruppen einzubinden, um zumindest die Möglichkeit von Chancengleichheit zu erreichen. Das ist nicht einfach, das Kostet Zeit, und Geld, und erfordert dass Organisatoren mitdenken. Dieselben Kriterien und Anforderungen sollten für Onlinebeteiligung gelten, um zu verhindern dass diejenigen, die ohnehin schon benachteiligt sind, durch die neuen Beteiligungsformen noch weiter ausgegrenzt werden.

Wie lässt sich das erreichen? Zunächst einmal braucht es Problembewusstsein - nur mit dem Wissen dass es diese Probleme gibt, kann man sich Gedanken über Lösungswege machen. Dann braucht es eine klare Sicht der Zielgruppe. Wenn Beteiligung nur von Twitternutzern gewünscht ist, dann ist es legitim nur auf Twitter nach Teilnehmern zu suchen - aber das Ergebnis gilt dann eben auch nur für Twitternutzer. Soziale Medien sind nicht deckungsgleich mit der Gesellschaft, der Mitgliedschaft, oder potentiellen Wählern. Beteiligungsmethoden und -plattformen sollten darum immer basierend auf den Zielen und Zielgruppen der Beteiligung ausgewählt werden. Oft wird das bedeuten, dass eine Route allein nicht ausreichend ist - es braucht Alternativen, etwa eine Telefonnummer zusätzlich zur Webseite. Gruppen die eingebunden werden sollen müssen aktiv angesprochen werden, und Bedingungen geschaffen werden unter denen sie sich beteiligen können. Das kann etwa die Möglichkeit zu anonymer Teilnahme, oder auf nichtöffentlichen Plattformen sein. Zuletzt sollte Beteiligung immer – immer! – ernst genommen werden. Es muss von vorn herein klar sein, wie sich die Teilnahme auf zukünftige Entscheidungen auswirkt, und wie die Teilnehmer darüber informiert werden was mit ihren Eingaben geschieht. Denn nichts ist frustrierender als Zeit und Arbeit in etwas zu stecken – und dann kommt nichts dabei heraus. Beteiligung nicht wertzuschätzen ist der sicherste Weg um sie zu verhindern.

Die Slides für den Talk sind auf Slideshare verfügbar.

Über die Autorin:
Gefion Thuermer hat Kulturwissenschaften und Web Science studiert. Als Doktorandin an der University of Southampton forscht sie über die Effekte von Onlinebeteiligungsmöglichkeiten bei Bündnis 90 / Die Grünen. Bevor sie sich voll der Forschung zuwandte hat sie bei der Piratenpartei politische Erfahrung gesammelt. Dieser Blogpost basiert auf einem Workshop auf dem 5. Camp Netzbegrünung.