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Alle finden Onlinebeteiligung toll - für andere

Seit zwei Jahren erforscht Gefion Thuermer den Effekt der Einführung von neuen Onlinebeteiligungsprozessen in der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, insbesondere die Mitgliederbefragung und das im April eingeführte Mitgliederbegehren. Für den Beteiligungsblog hat sie ihre ersten Zwischenergebnisse zusammengefasst.

Es gibt die Grundannahme, dass das Internet Beteiligung ganz prinzipiell einfacher und besser macht. Es ist schließlich fast jeder online heutzutage, und welchen Grund gäbe es da, sich nicht online in Parteiprozesse einzubringen? Leider ist das nicht so einfach, wie ich schon in einem früheren Beitrag erklärt habe: Nicht alle haben Zugang zum Internet, diejenigen die Zugang haben nutzen es sehr unterschiedlich, und der Vorteil der aus diesem Nutzen gezogen wird ist ebenfalls nicht gleichmäßig verteilt. Wie oft und zu welchem Zweck jemand das Internet nutzt, hängt vor allem von demografischen Faktoren ab, wie etwa Alter, Bildung, Einkommen oder Geschlecht. In der Forschung ist dieses Phänomen als ‚Digital Divide‘ bekannt.

Seit zwei Jahren erforsche ich nun den Effekt der Einführung von neuen Onlinebeteiligungsprozessen in der Partei, insbesondere die Mitgliederbefragung und das gerade eingeführte Mitgliederbegehren. Dazu habe ich diverse BDK'en und Workshops besucht, mit vielen Mitgliedern, Funktionsträgern und Angestellten gesprochen und eine Reihe von Umfragen analysiert. Die ersten Ergebnisse dieser Forschung, basierend auf Interviews von November 2016 bis Januar 2017 und der ersten Umfrage im April 2017, liegen jetzt vor. Es zeigt sich ein recht gemischtes Bild der Vorstellungen und Wünsche von Mitgliedern und ein interessanter Vergleich zwischen den Erwartungen von und der der geplanten Beteiligung an den neuen Prozessen.

In meinen Beobachtungen und Interviews wurde deutlich, was die Erwartungen an die neuen Onlinebeteiligungsprozesse sind: Sie sollten mehr Mitgliedern ermöglichen sich einzubringen, und die Beteiligung für alle einfacher machen. Vor allem aber für alle anderen. Eine der herausragenden Erkenntnisse aus der Analyse dieser qualitativen Daten ist, dass sich die Hoffnungen und Erwartungen (und auch die Ängste!) der Mitglieder primär auf andere beziehen. So erwarten Mitglieder ohne Kinder, dass Eltern von den neuen Prozessen profitieren werden; ältere Mitglieder nehmen an die Prozesse kämen vor allem jüngeren Mitgliedern zu Gute (weil die sowieso immer online sind), während jüngere Mitglieder vor allem Vorteile für ältere sehen (die weniger mobil sind und daher nicht zu Veranstaltungen kommen können). Es scheint als würde die eigene Erfahrung mit Onlineprozessen - die fast durchweg positiv ist - auf andere übertragen. Zumeist in der Annahme, dass diese Anderen diese Erfahrung bislang nicht haben.

Tabelle 1: Gegenüberstellung der codierten Aussagen zu Erfahrung mit und Erwartung von Onlinebeteiligung.

Leider lässt diese Annahme meist außer Acht, dass es viele Gründe dafür gibt, dass sich Menschen eben nicht online einbringen. In den Ergebnissen der ersten Umfrage zeigt sich, dass diejenigen, die tatsächlich vorhaben ihre Beteiligung mit den neuen Prozessen zu intensivieren, eher nicht diese Anderen sind, sondern zumeist diejenigen, die bereits recht aktiv sind.

Der 'Digital Divide' in der Gesellschaft zeigt sich auch in der Partei - zumindest was die Mitgliederbefragung angeht. Da wäre zunächst die Bildung: Mitglieder die promoviert haben planen sich mehr einzubringen als andere, gefolgt von anderen Universitätsabschlüssen. Das ist geradezu klassisch für den 'Digital Divide'. Ähnlich verhält es sich mit dem Alter: Je jünger das Mitglied, desto wahrscheinlicher wollen sie sich mehr beteiligen. Besonders interessant ist das Geschlecht: Frauen haben deutlich weniger vor ihre Beteiligung zu erhöhen als Männer. Offline werden eine ganze Reihe Prozesse angewandt, um Geschlechtergerechtigkeit zu erhalten, wie etwa die Quote oder getrennte Rednerlisten. Da vergleichbare Prozesse für Onlinebeteiligung aber fehlen, ist dieses Ergebnis wenig überraschend. Frauen sind insgesamt in der Gesellschaft weniger online, ziehen weniger Nutzen aus dem Internet, wenn sie online sind und sind auch in der Politik insgesamt weniger engagiert. Dieser Effekt zeigt sich auch bei den Grünen, wenn die Kontrollen zur Geschlechtergerechtigkeit fehlen. Das stimmt allerdings nur für die Teilnahme an der Mitgliederbefragung.

Zum Vergrößern auf die Grafik klicken:

 

Grafik 1: Zusammenfassung der Chancenverhältnis (Odds Ratio) aus zwei statistischen Modellen. Werte im roten Bereich (unter 1) zeigen eine geringere Wahrscheinlichkeit an, Werte im grünen Bereich (über 1) eine erhöhte Wahrscheinlichkeit. Zusammengefasst sind hier die die Antwort 'Ich werde mich mehr beteiligen' auf die Frage 'Wie wird sich Deine persönliche Beteiligung durch diese Prozesse [Befragung & Begehren] verändern'. Die Grafik ist nicht maßstabsgetreu. Detaillierte Werte finden sich im Paper.

Für das Mitgliederbegehren sieht das Modell deutlich anders aus. Hier fehlen die Kategorien aus dem 'Digital Divide' - weder Alter, Geschlecht noch Bildung spielen eine Rolle. Stattdessen ist die bereits praktizierte Internetnutzung wichtig. Je öfter ein Mitglied online ist, desto eher plant es sich mithilfe des Begehrens mehr zu beteiligen. Wer sich durch die Teilnahme an der Befragung mehr einbringen will, plant auch sehr deutlich eine erhöhte Beteiligung am Begehren, was sich als genereller Enthusiasmus für Onlinebeteiligungsprozesse interpretieren lässt.

 Besonders spannend bei diesem Modell ist nicht der Einfluss von Geschlecht, sondern eine Interaktion zwischen Geschlecht und Institutioneller Aktivität. Diese Aktivität leitet sich als Faktor aus den verschiedenen Beteiligungskanälen (Versammlungen, Mailinglisten, Social Media) und -arten (Abstimmungen, Diskussionen, Anträge), sowie der Position innerhalb der Partei ab. Sie besagt, dass inaktive Frauen sich im Vergleich zu ähnlich inaktiven Männern nicht mehr beteiligen wollen, wohingegen aktive Frauen sich im Vergleich zu ähnlich aktiven Männern deutlich mehr beteiligen wollen. Daraus lässt sich keine Kausalität ableiten. Denn, ob es nun Beteiligung ist, die Frauen selbstbewusster macht sich mehr einzubringen, oder selbstbewusste Frauen sich mehr beteiligen, lässt sich nicht sagen. Was sich aber sagen lässt, ist dass Frauen, wenn sie einmal aktiv sind - egal ob online oder offline - auch bei Begehren mehr einbringen wollen.

Grafik 2: Interaktion zwischen Geschlecht und Institutioneller Aktivität

Zuletzt gibt es eine Reihe von Faktoren, die sowohl für die Beteiligung an der Befragung als auch am Begehren relevant sind. Das ist zum einen die besagte Institutionelle Aktivität. Je aktiver ein Mitglied ist, desto weniger hat es vor, sich mit diesen Prozessen mehr zu beteiligen. Das kann allerdings durchaus daran liegen, dass es bei 'Hochaktiven' einfach nicht mehr viel Luft nach oben gibt. Ob sich ein Mitglied über Onlinekanäle beteiligt, ist hingegen ein für beide Prozesse positiver Faktor. Denn Mitglieder die bereits online aktiv sind, haben auch vor sich durch die neuen Prozesse mehr zu beteiligen. Zuletzt spielen die Beteiligungspräferenzen eine Rolle. Mitglieder die die Beteiligung an Abstimmungen höher bewerten als die an Diskussionen haben bei beiden Prozessen vor, sich mehr einzubringen. Mitglieder die Gleichberechtigung bei Beteiligung höher bewerten als die größtmögliche Beteiligung, wollen ihre Beteiligung hingegen nicht erhöhen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich der 'Digital Divide' aus der Gesellschaft auch bei den Grünen wiederspiegelt, allerdings eher in der Beteiligung an der Mitgliederbefragung als am Mitgliederbegehren. Während die Beteiligung an der Befragung deutlich von gesellschaftlichen Ungleichheiten geprägt ist, sind für die Beteiligung am Begehren eher Internetaffinität und Beteiligungspräferenzen relevant. Für die Partei bedeutet das, dass sie diese Entwicklung zumindest langfristig beobachten sollte, damit sie, wenn sich ein Trend in der tatsächlichen Nutzung der Prozesse abzeichnet, dem entgegensteuern kann. In diesem Licht betrachtet macht es beispielsweise sehr viel Sinn, in Onlineprozessen jeweils das Geschlecht der Beteiligten abzufragen, und vielleicht sogar in der Auswertung anzugleichen (beispielsweise durch eine höhere Bewertung der Antworten von Frauen). Langfristig sollte gerade im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit überlegt werden, wie sich die Prozesse, die sich offline bewährt haben - wie etwa die Rednerlisten - auch online umsetzen lassen.

Das volle Paper (auf Englisch) kann hier heruntergeladen werden: https://eprints.soton.ac.uk/419199/

Über die Autorin:
Gefion Thuermer hat Kulturwissenschaften und Web Science studiert. Als Doktorandin an der University of Southampton forscht sie über die Effekte von Möglichkeiten der Onlinebeteiligung bei Bündnis 90 / Die Grünen. Bevor sie sich voll der Forschung zuwandte hat sie bei der Piratenpartei politische Erfahrung gesammelt.