35 grüne Jahre (3): Neu im Bundestag

Wie war es, als die Grünen in den Bundestag einzogen? Oder später regierten? Diese und andere prägende Meilensteine der Grünen Chronik werden hier in 35 Geschichten anlässlich unseres 35. Geburtstags in Erinnerung gerufen.

"Mit Verlaub, Herr Präsident"

29 grüne Abgeordnete bringen ab 1983 die Verhältnisse im Bonner Bundeshaus - dem Plenarsaal des Bundestages - zum Tanzen. Neu sind nicht nur die Vollbärte und Strickpullover, neu ist vor allem der Politikstil: provokativ und schonungslos offen und kritisch - auch untereinander.

Für die Altparteien sind Petra Kelly & Co. eine Zumutung und gleichzeitig eine Frischzellenkur: Plötzlich beschäftigt sich der Bundestag mit Ökolandbau und nachhaltigem Wirtschaften, der Entschädigung von Zwangsarbeitern und Vergewaltigung in der Ehe.

Diese Themen sind neu im Parlamentsbetrieb und verändern diesen nachhaltig. "Wir fordern Sie alle auf", so Waltraud Schoppe in ihrer Rede im Mai 1983 vor dem Bundestag, "[auch] den alltäglichen Sexismus hier im Parlament einzustellen."

Schoppes Ausspruch von der "fahrlässigen Penetration" macht in der Republik Furore. Im Oktober 1986 bringen die Grünen das erste Antidiskriminierungsgesetz in den Bundestag ein.

Zu ihren ersten Sprechern wählt die Fraktion Petra Kelly, Marie Luise Beck-Oberdorf und Otto Schily. Die ersten Fraktionssitzungen werden vollkommen öffentlich abgehalten - und dennoch kontrovers geführt. Mitunter fließen auchTränen.

Heftig umstritten: Die Rotation. Unter der Maßgabe "keine Macht für niemand" rotieren in der Mitte der Legislatur alle grünen Abgeordneten - mit Ausnahme von Petra Kelly und Gert Bastian. Vorrücker und Nachrücker bilden eine Bürogemeinschaft. Die Rotation wird auf Bundesebene im Mai 1986 aufgegeben.

Und dann ist da noch ein gewisser Joschka Fischer, Ex-Sponti, Ex-Taxifahrer und Parlamentarischer Geschäftsführer. Er macht sich schnell als fulminanter Redner einen Namen - und als umstrittener: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch", lautet im Oktober 1984 seine Botschaft an den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen. Der Grund: Stücklen hatte den grünen Abgeordneten Jürgen Reents ausgeschlossen, weil dieser den damaligen Kanzler Helmut Kohl als "von Flick freigekauft" bezeichnet hatte.


 

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Weitere Jahreszahlen und Grüne Ereignisse finden Sie in unserer Überblicks-Chronik.

Quelle Abb.: Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich Böll Stiftung