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Großer Text: "Für mehr Grün". Darunter: "Landtagswahl in Hessen am 28.10.".

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Porträtfoto eines Mannes
Stephan Grünewald ist Psychologe und Mitbegründer des rheingold Instituts. Foto: © rheingold institut

„Wir sind innerlich zerrissen“

Der Psychologe und Bestsellerautor Stephan Grünewald erforscht seit zwanzig Jahren das Gefühlsleben der Deutschen. Ein Gespräch über gewollten Stillstand, die Kraft von Visionen – und darüber, warum wir uns nicht vom Smartphone wecken lassen sollten.

Erstveröffentlichung im MAGAZIN DER GRÜNEN 01/2018; Interview: Christoph Cadenbach


Herr Grünewald, was sind die drängendsten Wünsche der Deutschen im Jahr 2018?

Einerseits gibt es den Wunsch nach einem echten Aufbruch, nach Visionen und neuem Schwung in der Politik. Gezeigt hat sich dieses Gefühl zum Beispiel in der Hoffnung, dass es mit einer Jamaika-Koalition klappt. Wir Deutschen schauen ja mit neidvollem Blick nach Frankreich, weil dort Macron so einen Aufbruch personifiziert. Andererseits gibt es immer noch eine große Sehnsucht nach Stabilität. Dafür steht Merkel. Dafür steht die GroKo. Symptomatisch für unsere Zeit ist diese innere Zerrissenheit.

Was haben Sie in Ihren Studien abseits der Politik über die Alltagswünsche und -sorgen der Deutschen gelernt?

Die Menschen sehen, dass die Wirtschaft wächst und dieArbeitslosigkeit sinkt. Gleichzeitig haben sie Probleme, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Sie stehen jeden Tag stundenlang im Stau. Ein bewegendes Thema ist auch die Situation an den Schulen: die marode Bausubstanz, der Ausfall von Unterrichtsstunden. Und manche haben das Gefühl, dass sie sich in einigen Stadtvierteln nicht mehr sicher bewegen können; in meiner Heimatstadt Köln am Ebertplatz zum Beispiel.

Wären diese konkreten Probleme gelöst, wären die Menschen dann zufriedener?

Frei nach Goethe ist ja nichts schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Jahren. Deutschland steht sehr erfolgreich da – und ein Großteil der Bevölkerung denkt, die Zukunft kann nur schlechter werden. Deswegen haben wir die Tendenz zum Weiterso, zur Stabilität. Auch weil wir keine Vorstellung haben, wie eine bessere, vitalere Zukunft aussehen könnte. Nach mehr als zwölf Jahren Merkel gibt es keine politische Vision, an die wir glauben können, sondern nur die Hoffnung, dass diese erfolgreiche Zeit so lange es geht anhält.

Wodurch sehen die Menschen diesen Erfolg bedroht?

Durch Globalisierung und Digitalisierung zum Beispiel. Die Deutschen haben das Gefühl: Da braut sich was zusammen. Auch die Flüchtlingskrise hat Zukunftsängste angeheizt. Wir haben vor zweieinhalb Jahren dazu eine Studie gemacht. Viele unserer Interviewpartner hatten Sorgen, dass die Integration schwierig und teuer wird. Aber es gab auch weniger rationale Ängste. Ich spitze jetzt mal zu: Während wir Deutsche eine saturierte Wohlstandsgesellschaft mit einer Vollkaskomentalität verkörpern, die visionslos und risikoscheu agiert, werden die Flüchtlinge als Menschen wahrgenommen, die noch Träume haben. Die todesmutig sind und kein Risiko scheuen. Die eine ungeheure Power ins Land bringen, die – wie die Silvesternacht in Köln gezeigt hat – auch zerstörerisch sein kann. Viele Menschen haben sich unbewusst gefragt: Wen liebt Mutter Merkel wirklich? Die eigenen Kinder oder die fremden?

Vor jeder Bundestagswahl untersucht Ihr rheingold Institut das Gefühlsleben der Wähler. 2017 machten Sie und Ihre Kollegen dabei eine einmalige Erfahrung: Noch nie hätten Sie so viele wütende Personen getroffen, berichteten Sie. Woher rührte diese Wut?

Die hat viele Quellen: Die Breiigkeit der Politik, dass also kaum noch Unterschiede zwischen den Parteien und ihren Positionen wahrgenommen wurden. Dann die innere Zerrissenheit in der Flüchtlingsfrage, die von der Politik nicht behandelt wurde. Und dann gibt es noch die Wut, die vielleicht auch mit den GRÜNEN zusammenhängt. Wir beobachten immer wieder, dass viele Menschen das Gefühl haben, das sogenannte Establishment blicke naserümpfend auf ihre Lebensgepflogenheiten. Auf das Fleischessen und Alkoholtrinken, das Rauchen, Dieseltanken und RTL II-Gucken. Wir erleben einen gesellschaftlichen Erosionsprozess: Der sogenannte kleine Mann sieht sich nicht mehr von der Politik vertreten, wie in den Siebzigerjahren vielleicht noch, sondern spürt, dass sich die Politik von ihm distanziert.

Wie können Politiker der Zuschreibung entgegenwirken, sie seien Teil einer abgehobenen Elite?

Vielleicht kann man das an der Causa Martin Schulz erklären. Seinen rasanten Aufstieg verdankte er ja seiner Volksnähe. Er kam aus Brüssel und füllte die Vätervakanz, die wir seit Mutti Merkel haben. Er galt als prinzipienfest, durchsetzungsstark und war dem Verdacht erhaben, elitär zu sein, weil er kein Abitur gemacht hatte und alkoholsüchtig war. Doch dann mutierte er erst zum Leierkastenonkel, der gebetsmühlenartig sein „Wir schaffen das“ wiederholte, und dann, mit der Aufnahme der Sondierungsgespräche zur Groko, zum Wackelpeter, der nur sein eigenes Wohl, das Außenministerium, im Blick hat. Die Menschen wünschen sich aber Politiker, auf die sie sich verlassen können, die eine klare Botschaft haben.

Was kann man noch dafür tun, dass die Wut nachlässt?

Debatten und Streit zulassen, denn sie kultivieren die Wut. Die Homoehe zum Beispiel wäre sicherlich auch Realität geworden, wenn Politik und Gesellschaft darüber drei Monate im Wahlkampf diskutiert und gestritten hätten. Aber wenn wir solche Themen aus falsch verstandener Toleranz und Bequemlichkeit einfach durchwinken und damit als alternativlos erscheinen lassen, dann wirken wir zwar äußerlich wie eine liberale Gesellschaft, im Inneren gibt es aber keine Akzeptanz und keine Versöhnung, weil die Menschen das Gefühl bekommen, an der Entwicklung des Landes nicht beteiligt zu sein.

Sie haben in diesem Gespräch schon ein paar Mal bemängelt, dass die Politik es nicht mehr schafft, eine verbindende, identitätsstiftende Vision zu entwerfen. Wie könnte die aussehen?

Es gab ja mal den Ansatz, Deutschland zum Vorreiter in Umwelttechnologien zu machen, also die Innovationskraft zu nutzen, um eine lebenswerte Umwelt zu bewahren. Vom Weltzerstörer, wie im vergangenen Jahrhundert, zum Weltretter. Aber wenn man sieht, wie die neue GroKo die Klimaziele auf Eis gelegt hat, merkt man, dass diese Vision, zum Vorreiter in Umwelttechnologien zu werden, wenig Schubkraft hat.

Politiker, die diese Vision voranbringen wollen, stehen schnell im Verdacht, elitär zu sein und die wahren Probleme der Menschen zu übersehen.

Wer Innovationsführer sein will, muss investieren, und das schafft Arbeitsplätze. Das ist nicht das Problem. Seit der Wahl von Donald Trump sind die Deutschen ohnehin sensibel für Klimapolitik. Was den GRÜNEN vorgeworfen wird, ist, die großen Ziele aus dem Blick verloren zu haben.

Die langwierigen Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen haben ein Gefühl gespiegelt, das Sie in Ihrem letzten Buch beschreiben: „Die erschöpfte Gesellschaft“. Warum scheinen wir so oft am Ende unserer Kräfte zu sein?

Weil wir stolz darauf sind. Früher waren wir nach einem Arbeitstag stolz, ein Werk verrichtet zu haben, zum Beispiel einen Tisch gebaut zu haben. Heute ist der Mensch während seiner Arbeit an so vielen parzellierten Prozessen beteiligt, dass er am Ende des Tages gar nicht weiß, was er gemacht hat. Er hat nur das Gefühl: Da war sehr viel – Telefonate, E-Mails, Abstimmungen. Zum Produktivitätsmesser avanciert sein Grad der Erschöpfung. Ich nenne das: besinnungslose Betriebsamkeit.

Wie gelingt Entschleunigung?

Indem wir uns Pausen verabreichen, unverplante Zeit zulassen. Wir brauchen wieder Mut zum Müßiggang. Ein Beispiel ist das morgendliche Weckritual. Die meisten Menschen lassen sich heute mit dem Smartphone wecken – und sehen dann sofort, wie viele E-Mails und Nachrichten angebrandet sind. Sie werden sprichwörtlich aus dem Schlaf gerissen, dabei ist Schlafen ein höchst schöpferischer Zustand. Wenn wir träumen, sind wir in einer besinnungsvollen Unbetriebsamkeit. Träume geben uns eine Idee davon, wie anders unser Leben sein könnte. Dem sollten wir auch nach dem Aufwachen noch etwas Raum geben.

Woher soll die alleinerziehende Mutter den Mut und vor allem die Zeit für Müßiggang nehmen?

Natürlich ist das ein Problem, das auch in der Arbeitswelt gelöst werden muss, wo oft ein falsches Produktivitätsideal gilt. Arbeitgeber sollten erkennen, dass ihre Mitarbeiter wertvoller sind, wenn sie regenerieren. Aber wir erleben in unseren Studien oft, dass die Menschen auch die wenigen freien Momente, die sie haben, zupflastern. Für manche ist der Sonntag der schlimmste Tag der Woche, weil sie da intensiv mit sich selbst konfrontiert werden.

Sie sind Geschäftsführer, Buchautor, Talkshowgast, Familienvater. Wie gelingt Ihnen Entschleunigung im Alltag?

Indem ich ab und zu mal krank werde. Nein, Spaß beiseite: Ich versuche alle paar Jahre ein Buch zu schreiben. Das bringt mich in einen Besinnungszustand. In unserem Institut haben wir eine einstündige Mittagspause verordnet, jeden Tag von 13 bis 14 Uhr. Erst essen wir gemeinsam und dann spielen wir an einem Tischkicker. Das ist eine schöne motorische Dekompression. Und ich habe mir gerade eine Couch für mein Büro angeschafft, auf der ich mittags kurz schlafen kann.

Kennen Ihre vier Kinder das beruhigende Gefühl der Langeweile?

Wir versuchen es ihnen manchmal aufzuzwingen. Mein jüngster Sohn ist zwölf und ich beobachte natürlich, dass er an seinem Smartphone hängt, sobald er eine freie Minute hat. Deshalb gilt bei uns die Regel: Abends ab 22 Uhr müssen die Dinger abgestellt und dürfen nicht mit aufs Zimmer genommen werden.

Wie kann der Politikbetrieb besinnlicher werden?

Indem sich Politiker von Twitter und der Demoskopie emanzipieren. Die Parteien sollten nicht ständig auf Umfragen schauen und versuchen, so den vermeintlichen Volkswillen festzumachen. Das führt dazu, dass niemand mehr grundsätzlich darüber nachdenkt, wo es hingehen soll. Wie Deutschland gestaltet werden könnte. Aber der Wähler wünscht insgeheim genau diese inhaltliche Führung. Man könnte auch sagen: eine Vision.

Und wie kriegt man Politiker dazu, weniger zu twittern?

Das wird nicht über Verbote funktionieren. Vielleicht muss ein Politiker stilbildend sein. Sich lieber einmal die Woche zu Wort melden als alle paar Minuten – um dann die inhaltlich dicken Linien zu ziehen.


STEPHAN GRÜNEWALD ist Psychologe und Mitbegründer des rheingold Instituts. Jedes Jahr führt er mit seinem Team mehr als 5.000 Tiefeninterviews zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen. Seine Bücher „Deutschland auf der Couch“ oder „Die erschöpfte Gesellschaft“ wurden zu Bestsellern.

Text: Neue Zeiten. Neue Antworten. Grundsatz wird Programm.