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Porträtfoto eines Mannes.
Martin Häusling ist Mitglied des Europäischen Parlaments und agrarpolitischer Sprecher für die Grünen/EFA. Foto: © martin-haeusling.eu

Neue Züchtungstechniken

Ein Debattenbeitrag von Martin Häusling zur aktuellen Gentechnik-Debatte.

Kommentar zum Beitrag von Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg.

Was den nicht mehr verwirklichbaren Wunsch nach einer unberührten Natur angeht, gebe ich der Autorin Recht: der Mensch hat immer verändert und manipuliert und wird das weiter tun. Wir wollen alle weder ohne die Entdeckung des Feuers leben, noch ohne Glühlampe oder Kühlschrank. Jedoch ist Einflussnahme eben nicht gleich Einflussnahme. Und um genau hier gesellschaftlich zu einer vernünftigen Abwägung zwischen technischen Möglichkeiten und Risiko zu kommen, haben wir in Europa das Vorsorgeprinzip in allen Politikbereichen als horizontales Gesetzgebungsprinzip verankert, zum Beispiel im EU-Chemikalienrecht (REACH) und auch im Gentechnikrecht.

Das Europäische Gentechnikrecht ist weltweit – vor allem auf erfolgreichen Grünen Druck hin - ein ganz besonderes Beispiel für die Anwendung des Vorsorgeprinzips. Es als Verhinderungswerkzeug von CRISPR/CAS-Gegnern darzustellen, übernimmt nicht nur eine polemische Argumentation derer, die ganz klare schnelle finanzielle Interessen an den Einsatz von CRISPR/CAS hängen und die Risiken deshalb herunterspielen, sondern untergräbt auch die wertvolle Errungenschaft des Vorsorgeprinzips generell. Wer sich dafür entscheidet, das Vorsorgeprinzip anzuwenden, verhindert ja nicht in jedem Fall etwas.

Im Fall des Gentechnikrechts erlegt die Anwendung desselben den Produkten bzw. Produzenten neuer Schöpfungen vor allem Nachprüfbarkeit, Kontrolle und Evaluierung der Auswirkungen auf. Und das gebietet bei einer Technologie deren Auswirkungen bisher nicht bekannt sind, deren Wirkmächtigkeit aber enorm ist, sowohl der gesunde Menschenverstand, es müsste darüber hinaus aber auch von ureigenem wissenschaftlichen Interesse sein, nachzuverfolgen, was eigentlich passiert.

In ihrem Beitrag stellt sich die Autorin auf den Standpunkt, der Vorwurf der Unsachlichkeit gegenüber Kritikern der „Neuen Züchtungs-Methoden“ unter „Grünen und Umweltaktivisten“ sei berechtigt.

Das stellt eine sehr pauschale und undifferenzierte Aussage dar, die leider im Folgenden in keiner Weise differenzierter dargelegt wird. Mag sein, dass es unsachliche Aussagen gibt. Aber ich persönlich sehe das – zum Teil auf haarsträubende Art - auch bei den Befürwortern. Abgesehen davon gibt es durchaus sachliche Argumente und Kritik von ausgemachten Fachleuten und Wissenschaftlern und nicht alle, die Kritik äußern, stehen den neuen Techniken komplett ablehnend gegenüber. Die allermeisten stellen Vorsorge und Wahlfreiheit ins Zentrum ihrer Argumentation.

Was mich im weiteren Verlauf des Beitrags erstaunt, ist die Vermengung von roter Gentechnik (gentechnisch hergestellte Medikamente oder Impfstoffe; Gentests, um Krankheiten zu entdecken; Versuche, Menschen mit Hilfe von Gentheraphie oder Genscheren zu heilen), weißer Gentechnik (Einsatz gentechnisch veränderter Mikroorganismen Zellkulturen oder Enzymen für die industrielle Herstellung verschiedener Produkte wie Vitamine, Lebensmittel oder Biogas) und grüner Gentechnik im Bereich der Landwirtschaft. Diese verschiedenen Bereiche wurden bisher innerhalb der Grünen Partei unterschiedlich und, wie ich finde – differenziert - bewertet, weil es gute Gründe gibt, sie bei der Bewertung getrennt zu betrachten, sei das nun aus ethischen oder technischen Gründen (abgeschlossene Systeme versus unkontrollierte Ausbreitung in der Natur). Ich halte eine Vermengung dieser Bereiche für eine klärende Diskussion über Risiken nicht für besonders zielführend, um nicht zu sagen: für unsachlich.

Im Folgenden möchte ich mich daher auf den Bereich der grünen Gentechnik beschränken, weil ich hier nach jahrelanger Auseinandersetzung mit diesem Thema, weiß, wovon ich spreche.

Prof. Arnim von Gleich, Uni Bremen, der in den neunziger Jahren im Bereich Technikfolgenabschätzung den Begriff der „Eingriffstiefe“ prägte und dem man sicherlich nicht unterstellen kann, denMöglichkeiten von CRISPR/CAS etc. pauschal ablehnend gegenüber zu stehen, hat dazu festgestellt, dass es im Fall von CRISPR/CAS etc. noch zu früh sei, von Chancen und Risiken zu sprechen, bislang könne man nur Nutzenversprechen und Besorgnisgründe beurteilen. Als Beispiele nannte er die "hohe Eingriffstiefe und Wirkmächtigkeit" dieser neuen Technologie im Ökosystem. Seine Maxime sei: "Handle so, dass du noch korrigierend eingreifen kannst, wenn etwas schief geht."

Prof. von Gleich spricht sich ganz klar für eine Technikfolgenbewertung sowie eine Evaluierung der Technologie und der (Öko-) Systeme, in die eingegriffen wird, aus.

Genau das sichert die Gentechnik-Richtlinie 2001/18. Sie schreibt ein Standortregister vor und damit Kontrollierbarkeit und Transparenz, wo und wann mit CRISPR/CAS veränderte Pflanzen angebaut werden und es muss ein Monitoring und eine Evaluation stattfinden, wie diese Pflanzen sich in der Umwelt verhalten. Ohne Zulassung innerhalb der Gentechnik-Richtlinie gäbe es keinerlei Verpflichtung zu Monitoring und Evaluation und damit auch keinerlei Erkenntnisse über Risiken und Verhalten der Organismen in der Umwelt, die der Allgemeinheit zugänglich wären. Das können eigentlich auch die befürwortenden Wissenschaftler nicht wollen, denn es wäre ein riesiger Erkenntnisverlust.

Genau diese Auflagen sichern außerdem, dass kleine und mittlere Unternehmen oder Privatpersonen sich nicht außerhalb des Kontrollbereiches betätigen dürfen. Und das halte ich nicht für undemokratisch, sondern für einer solchen Technologie angemessen. Schon heute kann man sich in Europa aus den USA kleine Bausätze zur Genveränderung (Kits) im Internet bestellen. Damit kann so ziemlich jeder auf eigene Faust mit Hilfe der Genschere munter Organismen neu erschaffen (Do-It-Yourself-Biologie). Noch ist die Anwendung der Kits in Europa illegal, aber wollen wir, dass so etwas legal möglich ist? Genetische Technologie ist aus meiner Sicht ungeeignet für Grauzonen und Hobbybiologen.

Abgesehen davon hätten Landwirte keine Wahlmöglichkeit mehr und gentechnisch erzeugte Pflanzen würden in die konventionelle gentechnikfreie und in die ökologische Produktion gelangen können, ohne dass dies kontrollierbar wäre. Dies wäre nicht nur ökologisch fragwürdig sondern auch aus Wettbewerbsgründen kaum vertretbar, denn der Ökolandbau schließt die direkte Veränderung der DNA zu Züchtungszwecken in seinen Richtlinien weltweit aus und auch das EU-Recht verbietet sie.

Um es abschließend nochmals klarzustellen: die Kritiker innerhalb der Grünen Partei sagen nicht: man muss diese Techniken verbieten. Aber sämtliche Fachpolitiker im Agrar- und Umweltbereich sind ganz eindeutig für eine Regelung innerhalb der Gentechnik-Richtlinie mit Wahrung des Vorsorgeprinzips, weil dies aktuell die fortschrittlichste Regelungsmöglichkeit darstellt, die wir in Europa haben.

Darüber hinaus sind die Agrar- und Umweltsprecher sich einig, dass sie andere, vor allem systemische, Techniken, im Agrarbereich für vielversprechender halten, wenn es um die aktuellen Probleme der Landwirtschaft geht.

Mehr Informationen

Deutscher Ethikrat: Biotechnik darf kein Geheimwissen bleiben
Positionspapier von Martin Häusling

Positionspapier der grünen Agrar- und Umweltsprecher

 

MARTIN HÄUSLING ist Mitglied des Europäischen Parlaments und agrarpolitischer Sprecher für die Grünen/EFA.

Text: Neue Zeiten. Neue Antworten. Grundsatz wird Programm.