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Text: Neue Zeiten. Neue Antworten. Grundsatz wird Programm.

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Porträtfoto einer Frau.
Stefanie Lohaus ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Foto: © Paula Winkler

Feminismus gewinnt

Was folgt aus der #metoo-Debatte? Die Journalistin Stefanie Lohaus blickt in eine Zukunft, in der Geschlechtergerechtigkeit endlich Realität ist.

Erstveröffentlichung im MAGAZIN DER GRÜNEN 01/2018

Vor nicht allzu langer Zeit, 2016, schallte aus allen Kanälen der Ruf: „Die Zukunft ist weiblich“. Es lag in der Luft: Mit Hillary Clinton als Kandidatin waren die Aussichten gut, dass eine bekannte Feministin erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde. Angela Merkel galt nicht nur als mächtigste Frau Europas, sondern vielerorts auch als „Bundeskanzlerin der Herzen“. Die Popwelt war fest in der Hand von weiblichen Showstars wie Beyoncé oder Miley Cyrus, die sich allesamt und ohne Umschweife öffentlich zum Feminismus bekannten. Überhaupt war Feminismus Trend und Verkaufsargument für allerlei Modeartikel.

Dann kam 2017. Clinton hatte eine tragischknappe Niederlage gegen Donald Trump erlitten, die Merkel-CDU bei der Bundestagswahl 7,3 Prozent Stimmenanteil verloren. Stattdessen zog die AfD – auch mit antifeministischen Inhalten – als drittstärkste Fraktion in den Bundestag ein. Der Anteil der Frauen im Bundestag ist auch dadurch von zuletzt 36,5 Prozent auf 31 Prozent gesunken.

Und nun haben wir 2018 und nichts erscheint mir schwieriger als darüber zu orakeln, wie weiblich unsere Zukunft sein wird. Wir befinden uns derzeit in einer paradoxen Situation: Feminismus ist „in“ und Frauenrechte stehen – wie alle demokratischen Werte – unter Druck. Rechtspopulistische Parteiprogramme sind da eindeutig: Sie wünschen sich die Welt der 1950er-Jahre zurück. Werden sie damit erfolgreich sein? Die Verlockung ist groß, über die vielen Stöckchen zu springen, die uns diese Kräfte hinhalten: Genderwahn-Rhetorik, Angriffe auf sexuelle Selbstbestimmung, rassistischer Pseudofeminismus. Natürlich gilt es, solche Strategien und Lügen zu entlarven. Eine wichtige Arbeit, aber eben nicht die einzige. Denn wir leben in einer Demokratie, stellen unsere Vorstellungen von Zukunft zur Debatte, versuchen die Menschen zu überzeugen. Deswegen hier meine Vision:

2030: Ausgelöst durch die legendäre #metoo-Debatte von 2017 fand ein Paradigmenwechsel in Bezug auf Sexualität, Sexismus und Gewalt statt. Eine konsensbasierte sexuelle Aufklärung ist Teil jeder Kindheits- und Jugendpädagogik. Sollte es dennoch zu Gewalt kommen, hilft ein engmaschiges Netz aus Therapeutinnen und Therapeuten und finanzieller Unterstützung – und zwar langfristig.

2040: Die Forschungsergebnisse der Biologie, Medizin, Psychologie, Anthropologie und Soziologie fügen sich wie ein Mosaik zusammen. Geschlecht wird nun generell als Spektrum betrachtet. Die binäre Vorstellung von Geschlecht gilt als Hauptursache von Depression, als Korsett, das Menschen davon abhält, ihren Fähigkeiten und Interessen zu folgen. Die meisten Menschen verstehen sich immer noch als Frauen und Männer, hören aber auf, die Anteile des anderen Geschlechts in sich zu verneinen. Viele verorten sich auch irgendwo dazwischen.

2050: Pflege- und Erziehungsarbeit wurde jahrzehntelang – durch das historische Patriarchat bedingt – in erster Linie von Frauen unentgeltlich oder schlecht bezahlt geleistet. Ausgelöst durch die große Care-Krise, die ausbrach, als die Baby-Boomer die Renten- und Pflegeversicherung zum Zusammenbruch brachten, wurde eine längst überfällige Reform des Wirtschaftssystems durchgeführt. Diese erkennt an, dass füreinander-Sorgen zum Menschsein dazugehört. Der neoliberale Kapitalismus gilt als gescheitert und wird abgelöst durch die participatory economy, ein neues Mischsystem aus Markt- und Planwirtschaft. Ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1500 Peace-Coins (die 2048 eingeführte weltweite Einheitswährung) wird allen Menschen gewährt.

2067: Vor 55 Jahren veröffentlichte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie ihr berühmtes Manifest: „We should all be feminists.“ Anlässlich ihres 90. Geburtstag sagt Adichie in einem Interview, dass sie ihre Version einer geschlechtergerechten Welt nun endlich als verwirklicht ansieht.

STEFANIE LOHAUS ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin. Vor zehn Jahren gehörte sie zum Gründerinnenteam des Missy Magazins, eine Zeitschrift, die sich vor allem an ein junges, feministisches Publikum wendet. Sie ist dort noch immer Mitherausgeberin und Redakteurin. Auf ZEIT ONLINE schreibt sie Kolumnen für das Blog 10nach8. Sie ist Autorin des Buches „Papa kann auch stillen“.

Text: Neue Zeiten. Neue Antworten. Grundsatz wird Programm.