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Das Konterfei von Petra Kelly.
„Ich spreche so schnell, weil Frauen 2000 Jahre nicht viel zu sagen hatten und das jetzt nachholen müssen.“ Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F065187-0022 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0

"Petra Kelly hat Menschen begeistert und mitgerissen, sie hat Mut gemacht und mobilisiert."

Eine Rede von Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, zum siebzigsten Geburtstag von Petra Kelly am 29. November 2017 in Freising.

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste!

Ich freue mich wirklich sehr, heute bei euch zu sein und an eine Frau zu erinnern, die Brückenbauerin war – und nichts so sehr wollte wie Veränderung. Veränderung in einem Deutschland, das eingemauert war in ein politisches Establishment, das nicht repräsentativ war; in dem Frauen, Homosexuelle, in dem Geflüchtete und HIV-Positive, in dem auch der Wald und die Luft keine politische, keine parlamentarische Stimme hatten.

Die Rede ist von Petra Kelly, die heute siebzig Jahre alt geworden wäre. Anlass genug, sich ihrer Person, vor allem aber ihrer herausragenden Rolle in der grünen Bewegung zu erinnern.

Petra Kelly hat Menschen begeistert und mitgerissen, sie hat Mut gemacht und mobilisiert. Petra Kelly konnte aber auch zerbrechlich sein. Immer wieder ging sie an den Rand ihrer Kräfte, manchmal auch weit darüber hinaus, trug schwer an den enormen Erwartungen, die auf ihr lasteten. Sie war Vorbild, hat grüne Politik in Form und Inhalt geprägt, hat verkörpert, was die jungen Grünen in ihren vier Leitwörtern auszudrücken versuchten – denn Petra Kelly kämpfte wie kaum eine zweite für den „ökologischen, sozialen, basisdemokratischen und gewaltfreien“ Wandel.

In der Form war sie dabei stark amerikanisch beeinflusst, hat beispielsweise Sitzblockaden und den zivilen Ungehorsam in die deutsche Politik gebracht. Sie hat das Bewusstsein gestärkt, dass es auf das Engagement jedes einzelnen ankommt. Und sie wusste genau, dass dieses Engagement auch nach außen hin „verkauft“ werden muss, wenn es tatsächlich Wirkung zeigen sollte – mit aussagekräftigen Bildern, öffentlichkeitswirksamen Aktionen, mit einer akribischen Pressearbeit, die mir als Pressesprecherin der ersten Bundestagsfraktion noch bestens in Erinnerung ist. Weltweit erschienen Artikel über Petra Kelly, und das war kein Zufall. Mehr als einmal habe ich damals ganze Pressespiegel über sie zusammengetragen, gespickt mit Reportagen und Artikeln in etlichen Sprachen, die niemand verstand, auch Petra Kelly nicht, über die sie sich aber sichtlich freute. All das, gerade auch dieser Ansatz uramerikanischer promotion und PR in der Politik, war damals neu – all das wäre ohne Petra Kelly so in Deutschland nicht entstanden.

Eine große Rolle auf dem Weg dorthin, aber auch zu ihren inhaltlichen Schwerpunkten und politischen Überzeugungen, dürften die Erfahrungen mit dem „anderen“ Amerika gespielt haben, die Petra Kelly in den aufgewühlten 60er-Jahren machte, nachdem sie mit ihrer Familie in die USA gezogen war. Es war die Zeit der großen Vietnam-Demonstrationen. In ganz Amerika wütete eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um Menschen- und Bürgerrechte, gegen die allgegenwärtige Rassendiskriminierung. Es war ein zutiefst gespaltenes Land, das Petra Kelly selbst einmal so beschrieb: „Ich sah dort Geldscheine fliegen und Armut verfaulen. Ich sah Menschen, die sich des Krieges wegen verbrennen, und gleichzeitig wie mit Blei gefüllte gleichgültige Bürger, die nicht wählen gehen. Und ich sah diese Gegensätze zwischen Demokratie und Fanatismus.“

Und da Petra Kelly niemand war, der solche Beobachtungen einfach Beobachtungen bleiben lassen konnte, stieg sie voll mit ein in die Bürgerrechtsbewegung, 1968 sogar in den Präsidentschaftswahlkampf für Robert Kennedy und Hubert Humphrey, in die Friedensdemos um Ikonen wie Pete Seeger und Joan Baez – was ich als Produkt von Jimi Hendrix und Janis Joplin zugegebenermaßen bis heute nur bedingt nachvollziehen kann. Jedenfalls kam in den 70er-Jahren eine andere Petra Kelly aus den Staaten zurück – aus traurigem Anlass, der Krebserkrankung ihrer jüngeren Schwester Grace wegen, denn auch das war Petra Kelly: ein Familienmensch, der alles für die kleine Schwester getan und hergegeben hätte; ein Enkelkind, für das die Großmutter, Marianne Birle, stets fester Anker und Bezugspunkt war.

Aus einer klugen und rhetorisch hochbegabten Studentin war eine wahlkampf- und kampagnenerfahre politische Aktivistin geworden, die eine zutiefst fragmentierte Gesellschaft mitten in einem, ja: zum Teil auch radikalen Kampf gegen einen brutalen Krieg und systematische Ungleichheit erlebt, und ihre Schlüsse daraus gezogen hatte. Zurück kam eine vehemente Verfechterin von Beteiligung und Partizipation, eine Vorreiterin dessen, was wir heute ganz selbstverständlich als „Bürgerinitiative“ bezeichnen – und wandte ihren Blick schon bald nach Brüssel.

Ab 1972 arbeitete Petra Kelly bei der Europäischen Gemeinschaft, beackerte Fachgebiete wie Gesundheit und Soziales, Verbraucherpolitik – und natürlich: Umweltschutz. Vor allem aber erwuchs der feste Wille, das Projekt Europa zu stärken.

Spätestens hier erklärt sich, warum ich bei Petra Kelly stets an einen Dreiklang denke: Umwelt, Frieden, Europa. Umwelt, denn sie wurde zur Symbolfigur der Anti-Atom-Bewegung, hatte entscheidenden Anteil daran, dass nach Jahrzehnten grenzenloser Ausbeutung plötzlich das Bewusstsein in Deutschland zumindest heranwuchs, dass der Raubbau an der Natur nicht länger verantwortbar war. Frieden, denn Petra Kelly wurde zu einer Ikone der Friedensbewegung, machte völlig unabhängig davon, wer da gerade vor ihr stand, immer wieder in ihrer ganz eigenen, einzigartigen Weise klar, dass die Durchsetzung der Menschenrechte elementarer Bestandteil jeder – und erst recht grüner Politik sein muss. Und Europa, denn Petra Kelly gehörte bei alledem zu den Menschen, die aus einem weltumspannenden Horizont heraus dachten und handelten, und das zu einem Zeitpunkt, da Globalisierung noch längst nicht als die große ökologische, soziale, politische und ökonomische Herausforderung der Zeit galt.

Auf diesen drei Gebieten war sie Vorreiterin einer neuen Politik, die nicht an den Landesgrenzen endet. Vor allem aber war sie Vorreiterin in dem Sinne, dass sie die Dinge gemeinsam dachte, dass sie die Grünen in Deutschland und Europa nicht als Ein-Themen-Partei verstand, sondern als Stimme dessen, was wir heute ein wenig technisch als Kohärenz und Strukturpolitik bezeichnen. Dabei war sie Deutsche, Amerikanerin und visionäre Europäerin zugleich, war als eine der ersten wahre Internationalistin, eine begnadete, ja bisweilen besessene Netzwerkerin – was nicht zuletzt ihre Mitarbeiter zu spüren bekamen, die gern auch mal mitten in der Nacht ins Büro zitiert wurden, um über etliche Zeitzonen hinweg Telefongespräche einzuleiten.

Von Dharamsala bis Johannisburg, von Moskau bis Tokio: Das Aktionsfeld von Petra Kelly war die Welt, ihr Arbeitsansatz das genaue Gegenteil von nationaler Borniertheit. Sie glaubte fest an die Überwindung der Blöcke, an ein Ende der im Kalten Krieg gezogenen Grenzen – als die meisten Politikerinnen und Politiker das noch für eine gefährliche Illusion hielten, übrigens auch bei den Grünen. Kurzum: Für Petra Kelly war die „Eine Welt“ gelebte Praxis, ob im Kampf gegen den Uranabbau in Australien, ob im Protest gegen die Apartheid in Südafrika, ob in Solidarität mit den Dissidenten der damaligen Sowjetunion, oder eben im Einsatz für Umwelt und Frieden im eigenen Land. Gern auch mal mit geblümtem Stahlhelm, wie in Mutlangen.

Damit wurde sie zum Gesicht der Grünen weit über die deutschen Grenzen hinaus, wo sie übrigens bis heute auch vielen Jugendlichen noch ein Begriff ist, und hat so eine politische Kraft mitgeprägt, die heute eine ganz eigenständige Farbe in unserem Parteienspektrum bildet. Sie hat eine Bewegung begründet, die sich auch heute noch für das einsetzt, was auch Petra Kelly stets wichtig war: die weltweite Achtung der Menschenrechte, das Recht auf kulturelle und politische Selbstbestimmung, globale Gerechtigkeit, die Suche nach gewaltfreien Konfliktlösungen und den Anspruch, dass der Mensch nicht nur den Menschen nicht ausbeuten dürfe, sondern ebenso wenig die Natur und seine ökologischen Lebensgrundlagen.

Petra Kelly stand damals aber auch als Frau im Zentrum einer neuen politischen Kraft, während Politik insgesamt, erst recht aber in Bayern als Männersache verstanden wurde. Vielleicht führte sie die Grünen ja auch gerade deshalb 1983 in den Bundestag – und machte spätestens damit deutlich, was auf der Tagesordnung stand und immer noch steht: der Einsatz für eine geschlechtergerechte Politik, und gegen ein hierarchisiertes Altherren-System.

Hier schließt sich dann gewissermaßen der Kreis: Der neue Bundestag nämlich – nicht zuletzt mit einer AfD-Fraktion, die gerade mal zehn Frauen zählt – beweist auch heute noch, 34 Jahre später, wie viel Arbeit da vor uns liegt. Gern denke ich deshalb an Petra Kelly zurück, wenn auch mir mal wieder vorgehalten wird, ich würde zu viel reden, und antworte mit ihren Worten: „Ich spreche so schnell, weil Frauen 2000 Jahre nicht viel zu sagen hatten und das jetzt nachholen müssen.“

Ohnehin: Vieles von dem, was Petra Kelly politisch antrieb, ist auch heute noch grüne Aufgabenstellung – vielleicht ja mehr denn je. Petra Kelly war eine ebenso mutige wie entschlossene Kämpferin für die Menschenrechte, überall auf der Welt – auch in Tibet, dem Dach der Welt, dem dritten Pol unseres Planeten. Nicht nur dort werden die Menschenrechte auch heute noch mit Füßen getreten, werden Meinungs- und Versammlungsfreiheit gewaltsam unterbunden, Kritiker verfolgt und eingesperrt, die kulturelle Selbstbestimmung als vermeintliche Gefahr bekämpft. Somit bleibt Petra Kelly, oder zumindest die Erinnerung an sie, wegweisend – auch in ihrem Anspruch, allein schon durch ihr Auftreten in Erinnerung zu rufen, dass David letztlich als Sieger hervorging, nicht Goliath.

Auch der Einsatz für die Umwelt, der Kampf gegen den Klimawandel hält an, und wie! Und Abrüstung, das Primat der Konfliktprävention, Frieden: Sie alle bleiben politisches Ziel, weil sie immer noch nicht Realität sind.

Der siebzigste Geburtstag von Petra Kelly ist damit auch Motivation, weiterzumachen, nicht aufzugeben. Und vielleicht ist der heutige Tag ja auch ein Stück weit Mahnung. So wenig Petra Kelly nämlich für den alltäglichen Politikbetrieb in festen Strukturen geeignet war, so sehr würde ihre aktionistische, die stellenweise auch mal unbeugsame Bewegungskultur unserer Gesellschaft heute gut tun – und womöglich ja auch uns Grünen, die wir, wohlgemerkt erfreulicherweise, längst fester Bestandteil des politischen Systems in Deutschland und Europa geworden sind.

Aus dem grünen Neuansatz nämlich, den Petra Kelly weit über Deutschland hinaus verkörperte, hat sich eine vielgestaltige weltweite Kraft entwickelt, die Grundlinien der Politik für das 21. Jahrhundert zumindest mit-formuliert. Den Moment des Aufbruchs und die ersten Jahre des Weges mitgelebt und mitgeprägt zu haben, das ist Petra Kellys bleibendes Verdienst.

Heute wäre sie 70 Jahre alt geworden, heute könnte sie bei uns sein – als streitbare junggebliebene Alte –wenn ihr Leben nicht so schrecklich geendet, wenn diese persönliche Katastrophe vor 25 Jahren nicht eingetreten wäre. Umso deutlicher ist heute eines: Petra Kelly gehört zu den großen Frauen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Und ihr Vermächtnis bleibt, das sie selbst einmal so umschrieben hat: „Like the mind-set that places men above women, whites above blacks, and rich above poor, the mentality that places humans above nature is a dysfunctional delusion.”