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Eine große Gedenkstätte aus Stein in dessen Mitte eine Flamme brennt und kreisförmig am Rand Steinblöcke blütenähnlich nach innen gebeugt in die Höhe ragen - der Himmel ist offen.
Mit der Anerkennung der Verbrechen an den Armeniern als Völkermord unterstützt der Deutsche Bundestag den Prozess der Versöhnung. Foto: © Lampochka/iStock

Ein Prozess der Versöhnung

Vor 101 Jahren wurden wurden bis zu 1,5 Millionen Armenier im Osmanischen Reich umgebracht. Jetzt will der Deutsche Bundestag die Verbrechen als Völkermord anerkennen. Cem Özdemir spricht im Interview mit gruene.de über die deutsche Mitverantwortung am Völkermord, was er sich von der Resolution verspricht und mögliche Auswirkungen auf die deutsch-türkischen Beziehungen.

Porträtfoto von Cem Özdemir.
Cem Özdemir ist Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Foto: © Harry Weber

Cem, zum 100. Jahrestag der Gräueltaten an den Armeniern weigerte sich die Bundesregierung letztes Jahr noch, von Völkermord zu sprechen. Wie kam es jetzt zum Umdenken?

Wir haben als Grüne im Bundestag tatsächlich drei Verhandlungsrunden und zwei Plenardebatten gebraucht, um die Koalition davon zu überzeugen, dass der Bundestag aktiv werden muss. Denn es geht hier nicht um irgendein beliebiges Stück Geschichte, sondern um einen Völkermord, der vor den Augen des Deutschen Reiches stattgefunden hat. Der wichtigste Grund, warum wir uns für einen gemeinsamen Antrag stark gemacht haben, ist also die deutsche Mitverantwortung am Völkermord. Das Deutsche Reich war ein enger Verbündeter des Osmanischen Reiches und war durch seine Diplomaten und Missionare vor Ort gut informiert über die Verbrechen an der christlichen Bevölkerung. Ich bin froh, dass die Koalition nun erkannt hat, dass es falsch wäre, die Aufarbeitung dieses grausamen Stücks deutscher Geschichte noch länger zum Pfand der Realpolitik zu machen. Denn dass wir nicht schon vor einem Jahr einen gemeinsamen Antrag mit klarer Sprache verabschiedet haben, hat leider sehr viel mit vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem starken Mann in Ankara zu tun.

Was versprichst Du Dir von der Resolution?

Der Antrag hat einen klaren Auftrag: Durch Anerkennung der historischen Fakten einen Prozess der Versöhnung einzuläuten beziehungsweise zu unterstützen. Das heißt konkret, dass wir der türkischen Zivilgesellschaft Rückenwind geben, ihre mutige Aufarbeitungsarbeit fortzusetzen. Die Bundesregierung sollte Mittel bereitstellen, um den Austausch zwischen den Menschen aus Armenien und der Türkei zu unterstützen. Das geht zum Beispiel über Stipendien, Begegnungen und Fördermittel für Forschung und Bildung zu diesem Thema. Dabei müssen wir auch schauen, dass der Völkermord an Schulen hier in Deutschland fester Bestandteil der Lehrpläne wird. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der Völkermord Armenierinnen und Armenier über die ganze Welt verstreut hat. Auch in Deutschland haben wir eine lebendige armenische Community, die es einzubeziehen gilt. Auf diplomatischer Ebene muss sich Deutschland dafür einsetzen, dass es zu einer Wiederannäherung zwischen Armenien und der Türkei kommt. Wie soll Austausch und Begegnung gelingen, wenn die Grenzen immer noch geschlossen sind?

Die deutsch-türkischen Beziehungen sind angespannt. Sollten weitere Konflikte mit Blick auf die Zusammenarbeit in der Flüchtlingspolitik nicht besser vermieden werden?

Als wir vor über einem Jahr den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Gruppen im Bundestag debattiert haben, ohne vor dem Wort "Völkermord" zurück zu schrecken, fiel die Reaktion aus Ankara sehr verhalten aus. Erdogan nutzt nun ganz bewusst die bevorstehende Bundestagsdebatte, um mit einem Scheitern des ohnehin schon wackelnden EU-Türkei-Deals zu drohen. Dieses Spiel sollten wir nicht mitspielen. Die Aufarbeitung eines Völkermords, an dem Deutschland eine Mitverantwortung trägt, und die Suche nach Lösungen in der Flüchtlingspolitik sind zwei getrennte Themenfelder. Dass sie nun beide zeitgleich auf der Tagesordnung der deutschen Politik stehen, ist dem langen Zögern und Zaudern der Koalition geschuldet. Wäre es nach uns gegangen, hätten wir schon am 24. April 2015, zum hundertsten Jahrestag des Völkermords, einen starken gemeinsamen Antrag verabschiedet.