Header bestehend aus Logo und aktuellem Thema

Hauptinhalte

Gekommen um zu bleiben

Vor nicht einmal 20 Jahren konnte sich kaum jemand vorstellen, wie sehr Computer, Internet und Smartphones mal unser Leben bestimmen würden. Inzwischen wächst eine Generation heran, die den digitalen Wandel nur noch als Ist-Zustand kennt. Ein Gastbeitrag von Adrian Rosenthal für das grüne Mitgliedermagazin schrägstrich.

Maennchen in Raum aus grünen Matritzen auf schwarzem Grund.
Immer mehr Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens im Cyberspace, also im virtuellen Raum. Foto: Pixel Placebo/flickr.com (CC BY-NC 2.0)

 "Das Internet ist eine Mode, die vielleicht wieder vorbeigeht." Diese Worte sprach Ines Uusmann, die schwedische Ministerin für Verkehr und Kommunikation, 1996. Zu einer Zeit also, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, kaum jemand jemals "online" war und, soviel zu ihrer Verteidigung, noch weniger auch nur in Ansätzen eine Vorstellung hatten, wie sehr dieses Internet und die neuen digitalen Kommunikationstechniken unser Leben und unseren Alltag in den nächsten Jahren komplett verändern würden.

Die Journalistin Katrin Passig griff dieses Zitat kürzlich anlässlich eines Vortrages auf, in dem sie eine oftmals übermäßig optimistische Technologiebegeisterung sezierte. Ort und Anlass diesen Vortrages war die re:publica 2012. Denn Anfang Mai kamen sie wieder in Berlin zu ihrem "Klassentreffen" zusammen: die Netzaktivistinnen und Blogger, die Startup-Gründer und Netzpolitikerinnen aller Parteien.

Waren es beim ersten Zusammentreffen 2007 nur eine paar Handvoll Insider, die sich in der Berliner Kalkscheune versammelten, sind es 2012 bereits mehr als 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie über 350 Rednerinnen und Redner aus mehr als 30 Ländern. Neben den Größen der deutschen Netzszene und einer Reihe internationaler Netzaktivisztinnen und –aktivisten saßen auch Regierungssprecher Steffen Seibert und die EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroes, auf dem Podium.

Die sechste Ausgabe der re:publica hat gezeigt, wie sehr die Netzgemeinde, ihre Anliegen und ihr Lebensstil mittlerweile im Mainstream angekommen sind. Denn sie ist nicht mehr "nur" eine Konferenz für Blogs und soziale Medien, sondern auch für die digitale Gesellschaft, wie die Veranstalter herausstreichen. Das Internet hat die Gesellschaft digitalisiert und wird sie weiter digitalisieren, ob wir wollen oder nicht. Inhaltlich ging es unter dem Motto "Act!on" um die ganze Bandbreite: um Mobilfunk in Afrika, um Datenschutz, um die Veränderung des Konsums, um Meinungsfreiheit, um neue Wege digitaler Partizipation im politischen Entscheidungsprozess, um neue Techniken digitaler Kommunikation und wie diese den Menschen weiter verändern. Aber eigentlich ging es bei alldem, wie Konrad Lischka bei Spiegel Online schrieb, nur um eine große Frage: "Welche Gesellschaft wollen wir?"

Kampf der Kulturen?

Im Fokus stand dabei fast unvermeidlich ein Thema, welches nicht nur Blogs und Twitter, sondern auch die Feuilletons seit einiger Zeit beherrscht: die Urheberrechtsdebatte. Hier prallen große Teile der Netzgemeinde und Piraten auf die Kulturindustrie. Während erstere eine Anpassung des Urheberrechts an die neuen digitalen Realitäten fordern, wünschen letztere die Beibehaltung des Status Quo. In seinem Eröffnungsvortrag lenkte Eben Moglen, Professor für Rechtgeschichte an der New Yorker Columbia University, den Blick jedoch gleich auf eine weiteres essentielles Thema für die Netzgemeinschaft: das der digitalen Selbstbestimmung. Werden die Giganten der Branche wie Facebook, Apple und Co. weiter die privaten Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer aufsaugen und auswerten, um diese in ihren geschlossenen Systemen monetisieren zu können? Wie kann die Privatsphäre im virtuellen öffentlichen Raum gewährleistet werden? Für Moglen geht es schlichtweg um die Frage, wer das Netz regiert: die Konzerne oder die Nutzerinnen und Nutzer? "In dieser Generation entscheiden wir, wie dieses Netzwerk organisiert wird."

Und auch wenn viele Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland sorglos mit ihren Daten umgehen, sind die Datenschutzbestimmungen für soziale Netzwerke in Deutschland im internationalen Vergleich die striktesten. So strikt, dass sich Jeff Jarvis, ein New Yorker Journalist und Professor und Apologet einer totalen Öffentlichkeit im Netz, über das "deutsche Privatsphäre-Paradox" lustig macht: man lasse hierzulande in der gemischten Sauna alle Hüllen fallen, versuche im Internet aber gleichzeitig die Privatsphäre um jeden Preis zu schützen.

Die Macht des Netzes

Wenn es um Nutzerdaten geht, kennt jedoch auch die Netzgemeinde in Deutschland kein Pardon. Als die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen 2009 zur Bekämpfung der Kinderpornographie Internetsperren forderte, befürchtete die Netzgemeinde Internetzensur durch die Hintertür und hob schnell die "Zensursula"-Kampagne aus der Taufe. Mobilisiert über das Internet unterzeichneten mehr als 130.000 Menschen die entsprechende Online-Petition, der Gesetzesentwurf aus dem Hause von der Leyen wurde ein Jahr später begraben. Gleiches gilt für das Antipiraterieabkommen ACTA.

Schild mit Aufschrift "Bitte respektieren Sie dieses Privatgelände".
Die meisten Nutzerinnen und Nutzer gehen mit ihrer Privatsphäre im Internet zu unvorsichtig um. Foto: DerPunk/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Über soziale Netzwerke lassen sich mittels kürzester Zeit tausende Mitstreiterinnen und Mitstreiter aktivieren. Auch NGOs wie Greenpeace setzen bei ihren Kampagnen bewusst auf die virale Verbreitung ihrer Inhalte von Nutzer zu Nutzer. Dieser Instant-Aktivismus, so die Kritik, sei aber kein richtiges Engagement, da es sich oftmals nur um das bloße Klicken auf einen "Gefällt mir"-Button beschränkt. Auf der anderen Seite schwappt digitaler Aktivismus jedoch auch vom Internet auf die Straße über: Mehr als 100.000 Menschen demonstrierten Anfang diesen Jahres in mehreren deutschen Städten gegen ACTA.

Zusammen können wir mehr

Obwohl immer wieder die zunehmende Individualisierung oder gar totale Vereinsamung der Menschheit als Resultat des digitalen Wandels herbeigeschrieben wird, lässt sich im Zuge des digitalen Wandels vor allem eine Enträumlichung sozialer Beziehungen beobachten. Die neuen digitalen Kommunikationswerkzeuge lassen Distanzen verschwinden, ein Großteil der sozialen Interaktionen findet heute im virtuellen Raum statt – ohne dass dies mit einer Abnahme der Interaktionen im realen Raum einhergehen muss. Denn auch das hat die re:publica verdeutlicht:

Ob via Facebook, Twitter oder Smartphone, der virtuelle Raum erschafft eine Vielzahl von zusätzlichen Möglichkeiten zum Austausch, zum Zusammenwirken, zum gemeinsamen Verfolgen von Zielen. Kulturprojekte, die via Crowdfunding im Internet finanziert werden.

Crowdfunding - Projekte, beispielsweise eine Unternehmensgründung oder Musikproduktion, werden von der Netzgemeinde über spezielle Plattformen finanziert.

Soziale Netzwerke, in denen sich die Mitglieder gemeinsamen nachhaltigen Konsum verschreiben. Oder die revolutionären Umwälzungen in Ägypten, die ohne soziale Netzwerke nicht aus den Startlöchern gekommen wären. Hier wie dort schließen sich Menschen zusammen – und oftmals erfolgt eine Verlängerung aus dem virtuellen Raum hinaus in den realen.

Das Leben in der Cloud

Kleinkind mit iPhone.
Für kommende Generationen wird sich das Leben völlig selbstverständlich mehr und mehr in der virtuellen Welt abspielen. Foto: Paul Mayne/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der re:publica bewohnen dabei ständig mehrere virtuelle Räume gleichzeitig. Sie tauschen sich permanent aus, verfolgen zusammen Projekte, filtern relevante Neuigkeiten aus der digitalen Informationsflut. Und sind dabei natürlich immer online, mit dem Smartphone als ständigem Begleiter. Dabei sind sie aber nicht allein, denn für Viele – Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie Selbstständige – lassen sich Beruf und Freizeit zeitlich heute nicht mehr klar voneinander trennen. Über die Cloud, den virtuellen Speicherplatz, kann jeder heute permanenten Zugriff auf alle Daten und Dateien haben. So digitalisiert die Arbeitswelt den Alltag in einem noch rasanteren Tempo.

Cloud Computing - Nutzer können direkt über den Browser von jedem Ort auf ihre Daten zugreifen und diese bearbeiten. Dabei werden Daten nicht auf dem eigenen lokalen Rechner gespeichert, sondern in Rechenzentren, die mit dem Internet verbunden sind.

Andere Generation, gleiche Fragen

Mittlerweile wächst eine Generation von Digital Natives heran, die das Leben ohne Facebook und Smartphones gar nicht mehr richtig kennt.

Digital Natives - Personen, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind.

Ihr Kulturkonsum ist digital, was nicht bei Google zu finden ist, gibt es nicht. Ebenso wenig eine Trennung zwischen virtueller und realer Welt. Diese Generation kennt den digitalen Wandel nur als Ist-Zustand. Aber auch diese Generation muss sich ihrerseits mit den hier angerissenen Fragen beschäftigen: Demokratie, Partizipation, Datenschutz, Konsum, Zusammenleben, Arbeitswelt. Sie wird vielleicht andere Fragen stellen, Antworten auf diese Fragen muss aber auch sie suchen.

Adrian Rosenthal leitet den Bereich digitale Kommunikation von MSL Germany und bloggt auf www.neurosenthal.de und www.amerikawaehlt.de.

 

Den digitalen Wandel grün gestalten

Pressefoto von Konstantin von Notz im Bundestag.
Konstantin von Notz, Sprecher für Innen- und Netzpolitik der grünen Bundestagsfraktion.

Ein Kommentar von Konstantin von Notz, Sprecher für Innen- und Netzpolitik der grünen Bundestagsfraktion.

Die Erkenntnis, dass das Internet und die Digitalisierung massive gesellschaftliche Umbrüche auslösen, ist nicht neu. Ob im Bereich des Daten- und Verbraucherschutzes, des Urheberrechts, der Demokratie- und Außenpolitik – alle politischen Akteure stehen vor der Herausforderung, auf die am ehesten mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbaren, revolutionären Entwicklungen tatsächliche, durchtragende Antworten zu finden. Wir Grünen haben das früh erkannt und unsere politische Schwerpunktsetzung dementsprechend ausgerichtet, denn Netzpolitik ist Gesellschafts-, Demokratie-, Sozial-, Wirtschafts- und Menschenrechtspolitik. Das kommt uns heute zu Gute.

Früher als andere wussten wir, welche Herausforderungen, aber vor allem auch Chancen auf unsere moderne Wissens- und Informationsgesellschaft zukommen: Sowohl Partei als auch Fraktionen auf landes-, bundes- und europäischer Ebene begleiten den digitalen Wandel seit Jahren intensiv Dabei bedienen wir keine Partikularinteressen, setzen weder auf Law & Order, noch verschließen wir die Augen vor den Herausforderungen, die vor uns liegen. Stattdessen suchen wir den Austausch mit all denjenigen, die sich konstruktiv in die Debatte um die Gestaltung unserer digitalen Gesellschaft einbringen wollen - auch über netzgestützte Techniken. Unsere Politik für, mit und im Internet, das heute praktisch jeden Lebensbereich und jede politische Fachrichtung tangiert, orientiert sich seit langem an originären grünen Grundwerten wie Freiheit, Offenheit, Allgemeinwohl und Chancengleichheit. Auch bei der Netzpolitik geht es uns "ums Ganze". Statt die Hände angesichts sich zahlreicher, derzeit stellenden Fragen in den Schoß zu legen, nehmen wir die vor uns liegenden Herausforderungen an. Wir werden den digitalen Wandel auch weiterhin Grün gestalten und diejenigen sein, die tatsächlich in Zeiten der Veränderung gesellschaftliche Interessenausgleiche herstellen. Über alle, die uns auf diesem Weg begleiten und sich an den Debatten beteiligen wollen, freuen wir uns sehr.

Infos über die grüne Gesellschafts- und Netzpolitik findet Ihr auf www.gruene-bundestag.de/nezpolitik und auf unserem netzpolitischen Blog www.gruen-digital.de.


Lest auch die anderen Artikel aus der Reihe "Digitaler Wandel".

Digitaler Wandel und Politik

Digitaler Wandel und Kultur

Digitaler Wandel und Wirtschaft

Die komplette Ausgabe des schrägstrich 02/2012 (PDF)