Deutschland trägt Mitverantwortung

Der Völkermord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern jährt sich zum hundertsten Mal und ist durch unterschiedlichste Quellen belegt. Dennoch weigern sich türkische Regierungen bis heute, die Gräueltaten an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen. Im Interview mit gruene.de spricht Cem Özdemir über die deutsche Rolle in diesem Konflikt und türkische Chancen einer Geschichtsaufarbeitung.

Porträtfoto von Cem Özdemir
Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Foto: © Sedat Mehder

Cem, Osmanisches Reich und Deutsches Kaiserreich kämpften im Ersten Weltkrieg Seite an Seite. Trägt Deutschland eine Mitverantwortung am Genozid?

Ja, das tut es. Der deutsche Marineattaché in Konstantinopel, Hans Humann, schrieb zum Beispiel zu den Massentötungen und Deportationen von Armeniern, es sei „hart, aber nützlich.“ Offizielle Vertreter des Deutschen Kaiserreiches wussten also davon. Das belegen auch historische Dokumente im Archiv des Auswärtigen Amts. Es wurde nicht eingeschritten, und offensichtlich zum Teil sogar gebilligt.

Die Bundesregierung tut sich bis heute schwer mit dem Begriff „Völkermord“. In einem Antrag der Koalitionsfraktionen wurde der Begriff jetzt indirekt aufgenommen. Kann dieses Kapitel Geschichtsaufarbeitung damit zumindest aus deutscher Sicht abgeschlossen werden?

Nein, die Aufarbeitung von Genoziden kann nicht abgeschlossen werden. Eine Schlussstrichdebatte kann es auch hier nicht geben. Mit einer Anerkennung ist es ja nicht einfach getan. Es folgt die Aufgabe, bei der Versöhnung einen Beitrag zu leisten. Die Völker zusammenzubringen, den Prozess einer Annäherung zwischen der Türkei und Armenien besser zu unterstützen und auch die Erinnerung aufrechtzuerhalten. Das Auswärtige Amt stellt ja bereits Gelder dafür zur Verfügung, aber die können bislang kaum genutzt werden, da in entsprechenden Projekten bislang das Wort „Völkermord“ nicht auftauchen darf. Und ich bin mir auch sicher, dass wir noch gar nicht alles darüber wissen, wie sich das Deutsche Kaiserreich als engster Verbündeter des Osmanischen Reiches damals verhalten hat. Auch diese Forschung wird erst möglich, wenn Deutschland offen zu seiner Mitverantwortung steht. Schließlich müssen wir auch in Deutschland eine Erinnerungskultur aufbauen, die Beschäftigung mit dem Völkermord in unseren Schulbüchern und an unseren Universitäten verankern. Wir dürfen übrigens auch nicht vergessen, dass der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts der an den Hereros und Namas war, für den das Deutsche Kaiserreich volle Verantwortung trägt.

Anfang Juni sind in der Türkei Parlamentswahlen. Kritiker mahnen, durch eine Anerkennung des Völkermords könnten anti-westliche Kräfte gestärkt werden. Siehst Du diese Gefahr nicht?

Präsident Erdogan und seine AKP werden sicherlich versuchen, dies für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren. Aber die Zivilgesellschaft und viele Wählerinnen und Wähler sind ja längst weiter als die Staatsführung. Es finden dieser Tage Gedenkveranstaltungen in der Türkei statt, und es wird mutig von Völkermord gesprochen, obwohl es verboten, und auch riskant ist, wie wir an der Ermordung meines türkisch-armenischen Freundes und Journalisten Hrant Dink im Jahr 2007 sehen. Und es tut sich auch in der Politik etwas. Wir sollten nicht nur auf Erdogan schauen. Premierminister Davutoglu fühlte sich zuletzt veranlasst, gemäßigtere Worte zu wählen, sicher auch wegen der enormen internationalen Öffentlichkeit. Außerdem gibt es zumindest in zwei der Oppositionsparteien, CHP und HDP, auch armenische und christliche Kandidaten. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass es die Türkei nicht schwächt, sondern stärker macht, wenn sie sich zu diesem dunklen Kapitel der osmanischen Geschichte bekennt. Das eröffnet viele Chancen.

Welche denn?

Vor allem fördert die Anerkennung und Aufarbeitung den Frieden zwischen beiden Nachbarn. Eine Grenzöffnung zwischen der Türkei und Armenien hätte auch positive Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft. Außerdem könnte im Zuge der Normalisierung der Beziehungen auch offener über die Opfer in der muslimischen Bevölkerung gesprochen werden, die aus dem Balkan und dem Kaukasus vertrieben wurden und schreckliches Leid erfahren haben. Eine Annäherung zwischen Armenien und der Türkei könnte auch die Fronten im gefrorenen Konflikt um Berg-Karabach aufweichen. Und schließlich wäre die Aussöhnung beider Länder auch für beide eine neue Tür in den Beziehungen zu Europa.

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