Text: "Der September wird Grün. Unterstütze die grünen Wahlkämpfe", daneben ein schwarzer Kreis mit einem grünen Kreuz drüber.
Viele Menschen gehen über einen Platz mit sechs großen Uhren.
Foto: © IR_Stone/iStock

Im Land der Gestressten

Wir haben fünf ganz normale Menschen getroffen, die bis an die Belastungsgrenze gehen, um Beruf, Familie und Privatleben zu bewältigen. Ihre Beispiele zeigen: Deutschland ist reif für eine neue Zeitpolitik.

Die Menschen haben schon alles Mögliche versucht, um die Zeit besser in den Griff zu kriegen. Von A wie Alchemie bis Z wie Zeitzonen-Management. Wenn das wirklich geklappt hätte, wüsste heute niemand, was ein Hamsterrad ist, und die zwei Frauen und drei Männer, die dem schrägstrich aus ihrem Leben erzählt haben, müssten unter Artenschutz gestellt werden. Ihre fünf Geschichten zeigen aber: Dauerstress und Zeitdruck gehören fester zum deutschen Alltag, als wir wahrhaben wollen. Quer durch die Republik reicht die Zeit nicht.

Beschleunigte Kommunikation

Bis zu 60 Stunden umfasst die Arbeitswoche von Olaf Köster, einem Berufsfotografen aus Kaufbeuren im Allgäu. „Die Stunden kommen nicht wegen des Fotografierens zustande, sondern wegen der Abstimmungsprozesse, die per E-Mail gemacht werden.“ Allein 20 Stunden pro Woche muss der Spezialist für Uhrenfotografie in den Mailverkehr investieren.

Seit etwa zehn Jahren habe sich eine Kommunikationskultur etabliert, in der alles schriftlich abgewickelt wird. Wo die Kunden früher persönlich in Kösters Studio kamen, muss er heute das Fotosujet aufbauen, ein Foto zum Kunden schicken, Änderungen vornehmen und so weiter. Das alles unter Hochdruck, digital entgrenzt: „Die Kunden erwarten eine Antwort in Minuten“, berichtet Köster. Der 47-Jährige tut sich schwer, seinen Berufsalltag zu entschleunigen, obwohl das dringend nötig wäre. „Man müsste den Mut haben, am Telefon zu sagen: Ich habe keine Zeit“, sagt er. Sein Ziel ist es, „bei sich zu sein und nicht bei anderen“.

Ständig wechselnde Arbeitszeiten

Diese Momente sind auch für Nicole Bethke rar. Die 36-jährige Assistenzärztin in Ausbildung zur Internistin an der Charité arbeitet im Dreischichtsystem auf der Intensivstation. Die Schichten wechseln alle drei bis fünf Tage. Die freien Tage dazwischen widmet sie ihrer dreijährigen Tochter, deren Versorgung durch die ständig wechselnden Arbeitszeiten eine Herausforderung ist. Andere Paare machen ihre Familienplanung entspannt beim Eis, Bethke und ihr Freund per Telefonapp. „Wir nutzen einen gemeinsamen Kalender im Smartphone. Ohne den ginge es nicht“, sagt sie. Bethkes Partner ist Wissenschaftler und häufig auf Kongressen. Auch die Eltern der Ärztin müssen deshalb einspringen, um das Kind aus der Kita zu holen oder es dorthin zu bringen. Dabei ist die Kita schon eine besondere: Sie liegt auf dem Gelände der Charité und ist von 5.45 bis 20.15 Uhr geöffnet. „Mit einer normalen Kita käme ich gar nicht zurecht“, sagt Bethke.

Zweites Standbein, doppelte Belastung

Das Thema Kinderbetreuung ist auch für Jo Zynda in Greifswald zentral. Er lebt in einer Patchworkfamilie mit drei Kindern. „Wir planen immer im Herbst die Wochenenden des kommenden Jahres“, sagt er, denn zwei der drei Kinder leben zeitweise in anderen Haushalten. Sein Kalender 2015 ist voll durchgetaktet, eine Situation, die Zynda nicht gefällt, aber anders nicht möglich ist.

Das liegt nicht nur an den Kindern, sondern auch an der beruflichen Doppelbelastung: Der 38-Jährige arbeitet als Dozent für Grafikdesign an der Universität Greifswald, doch sein Vertrag läuft aus. „Die Nachwuchskräfte an der Uni haben alle Zeitverträge. Man steht immer mit einem Fuß drinnen, mit dem anderen draußen“, sagt er. Noch weiß er nicht, wie es weitergeht. Deshalb betreibt er sein Büro als freiberuflicher Designer weiter. Dem großen Auftrag für ein Klassikfestival muss er sich am Wochenende widmen, denn die Aufgaben am Caspar David Friedrich Institut nehmen bereits die Arbeitszeit der Woche in Anspruch. Die Unsicherheit zehrt an Zynda. „Ich würde gerne mal irgendwo richtig ankommen“, sagt er. Stattdessen ändert sich sein Leben im kommenden Januar möglicherweise komplett, falls die Anstellung endet. Viel Stress, kaum Sicherheit.

Kräftezehrende Angehörigenpflege

Was es bedeutet, unter extremem Stress zu stehen, realisiert Sigrid Hüttlinger aus Uttenreuth bei Erlangen erst, seit die schlimmste Phase vorbei ist. Jahrelang hat sie zwei Jobs bewältigt und zusätzlich ihre Schwiegereltern gepflegt. „Man schaut, dass man es so gut es geht über die Bühne bringt“, sagt sie. Es, das hieß: Halbtags arbeitet die 49-Jährige als Arzthelferin bei einem Augenarzt, anschließend führt sie das Büro ihres Mannes, der als Schornsteinfegermeister rund 2.500 Kunden betreut. Und obendrauf kam die Pflege: für das Ehepaar kochen, beim Essen assistieren, am Ende auch bei der Pflege mit anpacken. Als „schlimmer als die Pflege selber“ empfand Hüttlinger das Drumherum: Rezepte und andere Hilfsmittel zu besorgen oder Anträge bei den Kassen zu stellen.

Jetzt, ein halbes Jahr, nachdem erst Schwiegermutter, dann Schwiegervater verstorben sind, spürt sie, wie viel Kraft sie die vielen Aufgaben gekostet haben. „Ich schaffe nicht mehr so viel wie früher“, beschreibt sie die Nachwirkungen. Trotzdem ist sie froh, ihren Schwiegereltern ermöglicht zu haben, bis ins hohe Alter im eigenen Haus zu leben. Froh, aber auch wütend wegen der Ungerechtigkeit: „Häufig tragen die Frauen die Pflege der nächsten Angehörigen, manche Söhne ziehen sich heraus“, eine Situation, die sie nicht als gerecht empfindet. „Wir werden auf dem Arbeitsmarkt schon schlechter bezahlt. Wer jemanden pflegt, sollte in der Rente mehr bedacht werden.“

Ehrenamt bis tief in die Nacht

Den Wert von freiwilliger und unbezahlter Arbeit kennt Bernd Gosau aus Bremen genau – er hat sich sein Leben lang ehrenamtlich engagiert. Ständig arbeitete der studierte Sprachwissenschaftler in Projekten, die häufig als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) organisiert waren. „Eine 40-Stunden-Woche gab es da nicht“, sagt er. Bis in die Nacht habe er Texte der Literaturzeitschrift lektoriert, die er lange Jahre leitete. „Auf dem Sofa liegen kenn ich gar nicht“, sagt er über sich selbst. Seit Gosau in Rente ist, hat sich sein Blick auf die Zeit allerdings geändert. Inzwischen überlegt der Bremer genau, wofür er seine Kraft einsetzt. Dazu gehören die GRÜNEN ALTEN. Gosau kämpft dafür, die Seniorengruppe in der Bundessatzung zu verankern. „Ich nehme mir nur Zeit für Dinge, die ich für wichtig halte“, sagt der 73-Jährige heute – Zeit sei kostbar.

Das würden die anderen vier unterschreiben. Bleibt die Frage: Was muss passieren, damit es für uns alle leichter wird, sich Zeit einfach zu nehmen?

Autorin: Mechthild Henneke (schrägstrich)

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