Der Text "Unser Spitzenduo". Dazu die Gesichter von Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt.

Wir wollen den Arzt vor Ort!

Ist eine ländliche medizinische Versorgung im Rahmen der Daseinsvorsorge unter Berücksichtigung der gleichwertigen Lebensverhältnisse noch realisierbar?

Ein Debattenbeitrag von Wilfried Lavin (KV Hildesheim).

Liebe grüne Mitstreiter,

bei der Gerechtigkeitsdebatte sind viele Themen zum Tragen gekommen, allerdings fehlt mir dabei bisher ein ganz wesentliches, was mich etwas verwundert. Werden doch in den Bundesländern die regionalen Disparitäten schon hinlänglich diskutiert.

„Gleichwertige Lebensverhältnisse“ sind eigentlich ein zentrales Leitprinzip der Raumordnung und im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 72 verankert.

Es könnte als räumliche Dimension des Selbstverständnisses der Bundesrepublik Deutschland als Sozialstaat verstanden werden. Zu den Aufgaben des Sozialstaates gehört es unter anderem, die sogenannte Daseinsvorsorge sicherzustellen – und zwar grundsätzlich unabhängig von der Lage des jeweiligen Ortes. Im Konnex mit dem teilräumlich doch sehr differenzierten demografischen Wandel, insbesondere der Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung in vielen Regionen, wird seit einiger Zeit intensiver diskutiert, inwieweit und ob das noch ein realistisches Prinzip sein kann.

Also, wie gerecht ist der Zugriff, unter Berücksichtigung, der „Gleichwertigen Lebensverhältnisse“ zwischen den ländlichen Regionen und ihren regionalen Disparitäten zu den teilweise überversorgten Ballungscentren.

Gesundheit als Indikator für die Qualität regionaler Lebensbedingungen, das wäre was und wäre wünschenswert.

Leider sieht es aber ganz anders aus:

Es bestehen deutliche regionale Unterschiede bei den gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen, die von zahlreichen Determinanten beeinflusst werden. Die Beschäftigungssituation auf dem Arbeitsmarkt und die Wohnungsmarktlage sind dabei wichtige Größen. Disponibel wäre dabei auch noch der Zugang zu Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs, dazu gehört auch eine Bedarfsplanung der KVn, die sich nicht in einer Verhältniszahl zwischen einem Arzt und circa 1600 Patienten erschöpft, die Qualitäten der physikalisch gebauten und natürlichen Umwelt, Kontakt und Kooperationsspielräume, aber auch Kommunikationsmöglichkeiten und Informationszugänge mit darüber, inwieweit Gesundheit auf einem möglichst hohen Niveau erzielt und erhalten werden kann.

Der mitunter wichtigste Teil öffentlicher Daseinsvorsorge ist jedoch die Gesundheitsinfrastruktur. Die Qualität und Quantität der Haus-und Fachärzteversorgung sollte eine Kernaufgabe kommunaler Daseinsvorsorge sein. Sie steht mit der Zunahme älterer Menschen mit altersbedingten und chronischen Erkrankungen (30% der Bevölkerung sind chronisch Krank) vor zahlreichen Herausforderungen.

Eigentlich müsste der Bedarf an Versorgungsleistungen dort erbracht werden, wo die Menschen leben und ihren Alltag bewältigen. Was allerdings bei der sogenannten Bedarfsplanung der KVn keine Rolle spielt. Weder der demografische Wandel noch bestimmte Krankheitspopulationen finden in dieser Bedarfsplanung Berücksichtigung. Aktuell gefährden aber Konzentrations- und Privatisierungstendenzen eine wohnortnahe Versorgung im ländlichen Raum.

Wir als Grüne sollten uns stark machen für den Arzt vor Ort!

Wir als Grüne sollten uns stark machen für die ländlichen Regionen und die Einhaltung der „Gleichwertigen Lebensverhältnisse“, zumindest aber kritisch nachfragen, wie es sich dabei mit dem Grundgesetz verhält.

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