Punktesystem ist überfällig

Grüne Woche mit Cem Özdemir: Über die Vorstellung einer multikulturellen Gesellschaft, den notwendigen Zuzug hochqualifizierter Fachkräfte und der Türkeireise des Bundespräsidenten.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender

Was bedeutet für dich Multikulti?

Ich finde, es ist wichtig, klar zu machen, dass Multikulti bei uns und auch in weiten Teilen der Republik offensichtlich anders definiert wird als in der Union. Für uns heißt multikulturelle Gesellschaft auch, wenn eine Ehe zwischen Katholiken und Protestanten eben nicht mehr als multireligiöse Ehe betrachtet wird, sondern Selbstverständlichkeit ist. Multikulti ist mit Sicherheit nicht eine Parallelgesellschaft oder ein Nebeneinanderherleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, sondern für uns kann Zusammenleben nur erfolgreich funktionieren auf dem Boden einer gemeinsamen Verfassung, unserem Grundgesetz, mit einer gemeinsamen Amtssprache, die ist sinnigerweise Deutsch. Die muss der Bayer Seehofer genauso beherrschen wie der Schwabe Özdemir und das zusammen macht die Bundesrepublik Deutschland so aus, wie wir sie uns definieren.

Was erwartest du vom Türkeibesuch des Bundespräsidenten Wulff?

Ich hoffe, dass diese Reise erfolgreich verläuft, dass sie aber auch genutzt werden kann, um sich gemeinsam von türkischer wie von deutscher Seite darauf zu verständigen, wie man in der Integrationsdebatte künftig besser zusammen arbeiten kann. Ich begrüße ausdrücklich die Äußerungen des türkischen Europaministers Egemen Bagis, aber auch des türkischen Staatspräsidenten Gül, die eindeutig sind was die Erfordernisse angeht für die Integration Menschen türkischer Herkunft in der Bundesrepublik in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache und in Richtung Gesetzestreue. Dies bedeutet eine große Chance, dass man hier eng zusammenarbeitet. Umso ärgerlicher, dass die Antwort von Politikern aus der Bundesregierung, Herrn Seehofer beispielsweise, vor allem eine Selbstbeschäftigung ist und ein vorgezogener Wahlkampf. Seehofer & Co beschäftigen sich vor allem mit den eigenen Umfrageergebnissen, anstatt die ausgestreckte Hand von Ankara die es jetzt gibt und die ja nicht immer ausgestreckt war, in der Integrationsdebatte zu nutzen, um das Zusammenleben in der Bundesrepublik Deutschland voranzubringen. Ich glaube, da gibt es eine erhebliche Chance für gemeinsame Aktivitäten in den nächsten Jahren, die jetzt genutzt werden sollten.

Welche Vorschläge haben die Grünen zur Einwanderung hochqualifizierter Fachkräfte?

Die Union tut sich offensichtlich sehr schwer damit, einfache Sachverhalte logisch zu erklären, die gar nicht so kompliziert sind: Zum Beispiel, dass ein 55jähriger Stahlkocher wohl kaum kurzfristig zur IT-Fachkraft bzw. zum Ingenieur für Elektrotechnik umgeschult werden kann. Das heißt, wir müssen beides gleichzeitig machen: Wir müssen uns einerseits kümmern um den Bedarf unserer Wirtschaft der kurzfristig gelöst werden muss, im Bereich IT, im Bereich Ingenieure, über ein Punktesystem, über ein modernes Zuwanderungsgesetz, das dann eben auch ausprobiert werden kann, inwiefern sich das Punktesystem bewährt und dann kann man Feinjustierungen vornehmen in den nächsten Jahren. Gleichzeitig müssen wir uns kümmern um diejenigen, die in der Gesellschaft sind, deutsch wie nicht-deutsch, und ihnen bessere Bildungschancen zu ermöglichen, Stichwort frühkindliche Bildung, Stichwort Ganztagesschulen, Stichwort längeres gemeinsames Lernen. Wir müssen von denjenigen, die bereits Teil unserer Gesellschaft sind, viel mehr zum Erfolg führen, damit wir unseren Fachkräftebedarf aber auch unseren Akademikerbedarf künftig decken können.

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Eine größere Offenheit für Vielfalt

Ein Interview mit Cem Özdemir über Integration, ein durchlässigeres Bildungssystem und sein neues Buch.

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Cem Özdemir

Cem Özdemir ist seit 2008 GRÜNER Bundesvorsitzender.

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Teşekkürler, Grazie, Danke

Anlässlich 50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen lobten Claudia Roth und Cem Özdemir die erste Einwanderer-Generation für die Hilfe beim Aufbau des Nachkriegsdeutschlands.

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

Dafür: Vielfalt

Wir sind für gleiche Verwirklichungsmöglichkeiten für alle

Kommentare

KL
02-11-10 18:42
Wie meine Vorredner schon erwähnt haben, wird jegliche Kritik in Bezug auf die Integraionspolitik, in die rechte Ecke geschoben. Ein Ansatz wie er z.b. von Herrn Sarrazin gemacht wurde kommt zwar Spät, aber er hat Publiziert, was viele hier im Land denken. Selbst die Deutsche HIP-HOP-Szene redet in letzter Zeit mit Stolz über gescheiterte Integration. Die Deutsche Politik sollte sich ein Beispiel an anderen europäischen Ländern nehmen. An denen die Landessprache vorausgesetzt wird. Bei uns heißt es dann nur : "Nix verstehen!" . Aber auf die Frage, wie lange man denn nun schon in diesem Land lebt bekommt man vielfach eine Haarsträubende Antwort. Wenn ich mehr als 20 Jahre in einem Land lebe und arbeite, dann beherrsche ich die Sprache. Hierzulande werden Formulare von den Ämtern schon in verschiedenen Landessprachen ausgegeben. Wie kann das sein? Ich selbst habe einen Migrationshintergrund. Die Grünen sind für mich kein Kreuz wert am Wahltag. Wie kann ich es gutheißen, Fachkräfte aus anderen Ländern zu befürworten und andererseits inländische Fachkräfte auf der Strasse stehen zu lassen? Hört auf mit dem Schmusekurs!
Stefan A.
01-11-10 07:52
Warum bilden wir unsere Fachleute nicht selber aus?
Wenn die Wirtschaft Fachleute benötigt, dann soll die Witschaft auch um die Ausbildung kümmern.
jaja
27-10-10 22:15
Die Grünen hätten qualifizierte Fachkräfte bitter nötig. Nur gehen die nicht in die Politik.
scotchguard
27-10-10 16:31
Ich habe mich leider bei der letzten Wahl dazu hinreisen lassen den Grünen meine Stimme zu geben.
Das passsiert mir sicherlich nicht nochmal.
Im Bezug auf Ökologie gibt es sicherlich kaum eine Alternative in Deutschland, aber wer nichts gegen die Überfremdung in unserem Land unternehmen will, hat in der Regierung absolut nichts verloren.
Das Problem ist, daß keine der etablierten Parteien sich an dieses heiße Eisen traut!
Ich kann nur hoffen das Herr Sarrazin mal ein Partei gründet!!!!!!
SD
27-10-10 01:48
Dem kann ich nur zustimmen. Wie gesagt, die Grünen wären für mich wählbar, wenn sie sich in Bezug auf EU-Beitritt der Türkei und Zuwanderung um 180° drehen würden. Mit dem Rest des Programms kann ich mich ganz gut identifizieren. Ich habe das Gefühl, die Grünen pflegen einfach aus Prinzip eine gewisse Anti-Haltung, egal was die Regierung macht. Aber Opposition heißt nicht, dass man in allem eine entgegengesetzte Haltung haben muss. Vor allem Frau Künast und Frau Roth haben das nicht verstanden. Wo sind die günen Vernuftspolitiker wie Bütighofer oder Rezzo Schlaug geblieben? Waren die den Grünen nicht mehr unkonventionell genug?
rene
27-10-10 00:01
multikulti hier, zuzug da, integration dort... hat angela merkel nicht vor kurzem gesagt, dass das gescheitert ist? gescheitert am menschen, nicht am staat.

herr özdemir: statt "fachkräfte" von irgendwo herzuholen, schauen sie sich doch lieber mal an, wie viele akademiker jenseits der 50 arbeitslos zu hause sitzen. statt gelder für einen zuzug auszugeben, nehmen sie lieber geld in die hand und starten sie einen integrationsprozess dieser erfahrenen ehemaligen mitarbeiter. führen sie diese wieder ins berufsleben und schon ist ein teil der fehlenden fachkräfte ausgeglichen. erst wer als politiker diese situation erkannt hat UND entsprechend handelt, hat seine hausaufgaben gemacht. bis dahin 6! setzen
SD
25-10-10 01:20
Und überhaupt: Multikulti...? Wo haben wir denn Multikulti? Was ich sehe, ist eine deutsche Gesellschaft, die zunehmend Angst vor der muslimischen hat. Und wer seine Angst äußert, wird in die rechte Ecke geschoben. Diese Angst sollte ernst genommen werden. Ich sehen kein Multikulti wenn ich an Ausländer in Deutschland denke. Multikulti ist zb in New York. Multikulti heißt viele verschiedene Kulturen!!! Brasilianer, Inder, andere Europäer, Japaner,... Was wir in Deutschland haben ist etwas anderes. Wir haben eine einfarbige muslimische Gesellschaft, die mehr oder weniger jedes Klischee erfüllt. Je mehr muslimische Ausländer in Deutschland wohnen, desto weiter entfernen wir uns von Multikulti, da die anderen Kulturen das Weite suchen.
SD
25-10-10 01:08
Aufgrund vieler gesellschaftspolitischer Themen wie Gleichstellung der Frau, Homoehe, etc und dem Atomausstieg, der Verbesserung der Lebensmittelqualität würde ich die Grünen sofort wählen.
Aber solange die für die Türkei in der EU und weiterer Zuwanderung vor allem aus muslimischen Ländern sind, wähle ich sie niemals! Wen sie sich davon abwenden, wären sie sogar in der Lage, eine Volkspartei zu werden.
SD
25-10-10 01:03
Ich bin promovierter Diplom-Chemiker (33) und finde seit meinem Abschluss vor einem Jahr keinen Job!!! Wie kann das sein beim Fachkräftemangel. Ich muss dabei zusehen, wie "meine" Jobs reihenweise an indische, osteuropäische oder russische Wissenschaftler vergeben werden, weil die für weniger Geld angeblich härter arbeiten. Es ist einfach frustrierend. Solange es hochqualifizierte Arbeitlose wie mich gibt, braucht man doch nicht über Zuwanderung von Fachkräften diskutieren. Bei BASF sind angeblich 80% der Chemiker Ausländer mit befristetem Arbeitsvertrag, die, wenn sie zurück in ihr Land gehen, "gemachte Laute" sind, dann kommen die nächsten. Früher waren deutsche Ingenieure/Wissenschaftler extrem gut angesehen in der Welt und im eigenen Land werden sie durch Schwellenländer-Ingenieure ersetzt. Es ist echt frustrierend, was aus diesem Land geworden ist bzgl. der akademischen Klasse.
ayofoyayo
24-10-10 23:11
@ "schlauer junge":

Du glaubst also man erzeugt eine vernünftig agierende Gesellschaft, indem man den Schülern im Schnelldurchlauf Zahlen und Formeln reinknüppelt, die sie dann alleine zu Hause nacharbeiten dürfen. Ich war selber an so einem "wissenschaftlichen" Gymnasium und sage Dir, es produziert Unzufriedenheit und Frust, weil es tendenziell autistische Nerds und Sesselfurzer hervorbringt.
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