Ohne Bildung keine Integration

Bei der von Thilo Sarrazin los getretenen Debatte erweckten viele Beteiligte den Eindruck, als werde in Deutschland zum ersten Mal über Integration debattiert - und sich dieser Debatte sonst immer verweigert. Ein Beitrag von Cem Özdemir.

Cem Özdemir ist seit 2008 Grünen-Vorsitzender und damit der erste Parteivorsitzende mit Migrationshintergrund.

Die Debatte um Integration gibts schon lange. Die Probleme sind bekannt und Lösungsvorschläge liegen längst auf dem Tisch. Die bittere Pointe dabei ist, dass ausgerechnet Thilo Sarrazin als Finanzminister in Berlin eine Kahlschlagpolitik zu verantworten hat, welche die Probleme nicht nur nicht gelöst, sondern sogar noch vergrössert hat. Darüber können Bezirksbürgermeister wie Heinz Buschkowsky viel erzählen, die trotz dieser Politik von Sarrazin dafür kämpfen, dass ihr Stadtteil nicht völlig abrutscht.

Wenn Menschen sich in ihrem Lebensumfeld unsicher oder bedroht fühlen, müssen wir das auch sehr ernst nehmen. Aber die Ursachen für diese Entwicklung einfach auf den muslimischen Hintergrund eines Teils der Bevölkerung zu reduzieren und nach Sanktionen zur rufen, ist billigster Populismus, der die gesellschaftliche Debatte verschärft, ohne einen praktikablen Lösungsvorschlag zu unterbreiten.

Darum bin ich auch sehr gespannt, welchen Kurs die SPD jetzt in der Integrationspolitik einschlagen wird. Ob sie sich von Sarrazin und seinen Thesen treiben lässt, oder sich mit kühlem Kopf für eine Integrationspolitik entscheidet, die die Probleme an ihrer Wurzel anpacken will. Dafür ist eine andere Bildungspolitik der zentrale Schlüssel. Denn Integration ist ohne Bildung zum Scheitern verurteilt.

Integration ist ohne Bildung zum Scheitern verurteilt

Doch an der Bildungsungerechtigkeit hat sich fast zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch nicht viel geändert. Die soziale Lage in manchen Milieus und Situation in problematischen Stadtteilen sind ein Auftrag an die Politik, endlich unser Bildungssystem, radikal zu stärken - und zwar angefangen bei den Kleinsten bis hin zu den Hochschulen. Wenn wir das nicht tun, wird dieses Land an die Wand fahren.

Denn der Anteil der Risikoschüler liegt immer noch bei rund 20 Prozent, sie verlassen die Schule ohne Ausbildungsreife. Ein Kind der Oberschicht hat im Vergleich zu einem Kind aus einer Arbeiterfamilie eine fast fünfmal höhere Chance, ein Gymnasium zu besuchen - bei gleicher Intelligenz und Lernvermögen. Das ist der eigentliche integrationspolitische Skandal in einer blockierten Gesellschaft, die das Aufstiegsversprechen mit Füssen tritt. Gesellschaft und Politik müssen hier endlich zu einer Umkehr bereit sein.

Wir können uns sofort darauf einigen, dass wir etwa Hassprediger nicht dulden können und jugendliche Serienstraftäter mit harter Hand anfassen müssen. Doch diese in einem Atemzug mit der ganzen Gruppe von muslimischen Migranten zu nennen, ist blanker Populismus.

Ein Paradebeispiel für Letzteres ist auch, wie mit schöner Regelmässigkeit selbst von Politikern, die es besser wissen sollten, Sanktionen gefordert werden. Sie erwecken damit fahrlässig den Eindruck, als gäbe es diese nicht schon. Denn schon längst ermöglichen es die noch unter rot-grün verabschiedeten Gesetze, die Verlängerung des Aufenthaltsrechts abzulehnen oder das Arbeitslosengeld II spürbar zu kürzen, wenn die Teilnahme an einem verpflichtenden Integrationskurs verweigert wird. Hinzu kommt, dass die Integrationskurse eine Erfolgsgeschichte sind und die Nachfrage das Angebot übersteigt - wie die Regierung gerade erst kleinlaut zugeben musste.

Sanktionen nützen aber nichts bei Eltern, die selbst bildungsfern sind und mit den Erfordernissen der Erziehung in der sogenannten Wissensgesellschaft überfordert sind. Sie verfügen schlicht nicht über das soziale und kulturelle Kapital, um ihre Kinder entsprechend zu fördern. Hier helfen nur gute Schulen, gute Erzieher und Lehrer, die Zusammenarbeit mit den Jugendbehörden, die Rückholung von Schulschwänzern sowie die Zusammenarbeit mit Brückenbauern, die Vertrauen auf beiden Seiten geniessen und auf die Eltern einwirken können.

Hier leistet uns Thilo Sarrazin einen Bärendienst, weil er und seine Anhänger nicht begreifen wollen, dass die Lösung von Integrationsproblemen nicht klappen kann, wenn selbst jene Migranten sich abwenden, die es in Deutschland "geschafft" haben. Gerade diese Menschen und Vorbilder braucht man unbedingt als aktive Partner, unter anderem, um anderen Migranten klar zu machen, dass sie in Deutschland nicht im Exil, in der Diaspora oder Verbannung sind.

Die aktuelle Debatte macht aber auch deutlich, wie schwierig der Umgang mit Vielfalt und Fremdheit für einen Teil der Bevölkerung offenbar ist. Viele, die Sarrazins Thesen ablehnen, geben doch zu erkennen, dass er "irgendwie doch Recht hat". Es geht hier offenbar um Gefühle und subjektive Erfahrungen, beispielsweise verursacht durch ein bestimmtes Machoverhalten von manchen Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Unsere Bildungseinrichtungen, etwa in Ganztagseinrichtungen, müssen in die Lage versetzt werden, da im Ernstfall auch "gegen" die Eltern zu erziehen, wenn zu Hause Werte vermittelt werden, die mit unserem Grundgesetz nicht zu vereinbaren sind. Aber man muss auch darauf hinweisen, dass es sich nicht um die Mehrheit handelt und das "Aushalten" von Verschiedenheit auf Grundlage unserer Verfassung zum Repertoire einer modernen Gesellschaft gehören muss. Das gilt für alle.

Es bleibt abzuwarten, wie die SPD, die von ihrem ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin auf dem falschen Fuss erwischt wurde, sich in der Integrationspolitik neu aufstellen wird. Die altehrwürdige Partei sollte sich darauf besinnen, dass ihr zentrales und historisches Leitmotiv soziale Gerechtigkeit und der Aufstieg von Arbeiterkindern in die gesellschaftliche Mitte ist. Der Bundesparteitag ist Gelegenheit, Farbe zu bekennen und integrationspolitisch nach vorne gewandte Konzepte zu diskutieren - und nicht nur die Geister von Thilo Sarrazin zu vertreiben.

Dieser Beitrag wurde für die Nachrichtenagentur dadp verfasst.

 

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Kommentare

Agathe
20-10-10 17:53
Mal eine gute Nachricht:
THILO SARRAZIN UNTERSTÜTZT TÜRLIYEMSPOR BERLIN!
Hier:
http://www.youtube.com/watch?v=j4-qUvi7ozA
Mischa
19-10-10 12:36
Sehr sehenswert

begegnungen: ganze Sendung auf 3sat 18.10.2010

Peter Voß fragt Necla Kelek

Hat Thilo Sarrazin recht?

www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=21098
Carlo
18-10-10 16:45
Das sind unsere Fachkräfte, Einzelfälle, das müssen wir aushalten.
http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article10376806/Jugendliche-stechen-in-Frankfurt-auf-Fahrgaeste-ein.html

Wer davor die Augen verschließt macht sich mitschuldig.
Mischa
18-10-10 10:17
In erster Linie sind doch die Politiker Schuld. Da herrscht eine abgehobene fremdgesteuerte (von Lobbyisten) Kaste bis zur nächsten Wahl. Es wird nur noch kurzfristig gedacht und gehandelt. Genauso wie auch in der Wirtschaft. Profit ist alles. Der Mensch ist zweitrangig. Wenn dann Kritik kommt vom Volk wird das als Stammtischgeschwätz abgetan. Ich habe früher die SPD und wenn nötig die Grünen gewählt. Werde das aber in Zukunft nicht mehr tun, da ich mit euren Parolen aber wirklich garnichts mehr anfangen kann. Roth, Özdemir, Trittin und Künast sind Traumtänzer was Integration angeht. Ihr hängt euch im Moment an Stuttgart 21 und macht euch zum angeblichen Sprachrohr der Menschen die dagegen sind. Aber mit klarem Kalkül. Ihr habt die Landtagswahlen in BW im Blick und seit auf Stimmenfang. Aber der Wähler hat euch hoffentlich durchschaut. Fangt endlich an, die Probleme wirklich anzugehen und nicht auf weichen Chefsesseln auszusitzen.

Satt, selbstsüchtig, selbstgerecht und selbstzufrieden.
Kurz gesagt, die Klasse derer, die ausgesorgt hat oder auch "die S-Klasse im grünen Mäntelchen"

Dies ist ein Kommentar den ich in einem Forum gefunden habe. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
Gerechtigkeit
18-10-10 00:10
Elijah: Leider muss ich dir in allen deinen Ausführungen Recht geben, diesen Hass bzw. diese Verachtung insbesondere gegen muslimisch Menschen erlebe ich regelmäßig.

Dabei habe ich immer die Hoffnung gehabt, dass Menschen verschiedener Nationen,Religionen etc. in Deutschland friedlich zusammen leben können.

Mittlerweile fühle ich mich in Deutschland nicht wohl, insbesondere, wenn ich an die Thesen von Herrn Sarrazin denke (Eugenik etc.), die mich an die NS-Zeit erinnern.

Es war mir immer bewusst gewesen, dass leider viele hasserfüllte Menschen der Sarrazin-Theorien folgen werden.

Ich frage mich, wie es sein kann, dass Menschen in Deutschland so einen Hass gegen Minderheiten wie moslemische, jüdische oder anderer Minderheiten aufbringen können.

Ich weiss wovon ich spreche, icb bin in diesem Land geboren und habe einiges an Fremdenfeindlichkeit zu spüren bekommen.

Aber eines steht für mich fest, dass ich leider in diesem Land nicht für immer bleiben möchte bzw. meine Kinder hier nicht aufwachsen sollen.

Ich appelliere an die Vernunft der Menschen, solche Ereignisse wie zu Zeiten des NS-Regimes nicht zu widerholen, die ich zum Glück nur aus Erzählungen kenne.
Elijah
17-10-10 17:33
PS:

http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-zu-rechtsextremismus-westerwelle-hat-sarrazin-den-weg-bereitet-1.1012001

"sueddeutsche.de: Herr Decker, die Islam- und Fremdenfeindlichkeit wächst, jeder Zehnte fände sogar gut, wenn ein "Führer" diktatorisch regieren würde - das ergibt die Studie, an der Sie mitgearbeitet haben. Bräunt Deutschland politisch?

Oliver Decker: Der Sockel der rechtsextremistischen Einstellungen in Deutschland war schon vorher vorhanden - allerdings eher latent. Doch inzwischen werden diese Ansichten eher geäußert als in der Vergangenheit."
Elijah
17-10-10 17:24
Die Migranten in Deutschland sind zum Teil selbst Schuld, dass sie sich nicht integrieren, zum anderen Teil die "deutsche" Gesellschaft (das Deutsche in den Deutschen, die Tugenden, die Werte, die Normen, die Leitkultur, etc...). Bis vor einigen Jahren noch hat eine Fremdenfeindlichkeits-und-nationalistische-Bombe in deutschen Koerpern getickt, diese ist nun sichtbar denn sie ist explodiert - zuvor war sie nur spuerbar, fuer Migranten in Schulen, in Sportvereinen, in Gerichten, bei der Arbeit, etc. Heute nachdem Generationen von Migranten unter dieser Fremdenfeindlichkeit gelitten haben spricht man von den Ursachen: die dunkelhaarigen Kinder in den Schulen, die Jugendlichen auf den Strassen, die Bart- oder Kopftuchtragenden Muslime - sie alle stellen eine Gefahr fuer unsere deutsche Gesellschaft dar. Und am Ende sind es immer die Tuerken und die Muslime, denn die Russen sind ja eigentlich deutsch, die "Neger" sind eigentlich ganz lieb, aber die Moslems - das sind Terroristen, Schlaeger, Frauenunterdruecker, etc. Wuerde es keine Moslems in D geben waeren die Schwatten erstmal dran, dann die Osteuropaer, dann der Rest. Sarrazin hin oder her, Deutschland ist ein fremdenfeindliches Volk!

Die ganze Debatte ist eine Ablenkung von den anstehenden Kuerzungspaketen der Bundesregierung.

Man sollte sich auch Gedanken darueber machen, warum die "Auslaender" erst nach Deutschland kommen - ganz bestimmt nicht wegen H4 oder dem aussterbenden Sozialstaat, sondern weil sie alles in Kauf nehmen um nicht getoetet zu werden oder zu verhungern. Warum es dann hier mit der Integration nicht klappt, ist eine Frage ueber die sich hier jeder an die eigene Nase packen sollte.

Ich fuer meinen Teil lebe nicht mehr in Deutschland, denn ich gab es auf mich zu integrieren. Das bei der WM geborene Nationalismuskind, welches jetzt langsam erwachsen wird, macht mir solche Sorgen, dass ich mich bald nicht mehr trauen werde meine Familie besuchen zu kommen. Wuerde mich nicht wundern, wenn bald in jedem Doenerladen geschrieben steht "Kauft nicht bei Moslems" (der Vergleich mit der NS-Zeit hat nichts mit der heutigen Islamophobie zu tun, sondern sie deutet auf eine genetische Krankheit hin, die man besonders in Deutschland kontrollieren sollte - die UdSSR und die USA haben bis vor 20 Jahren noch einen guten Job gemacht).
arbaa
16-10-10 15:25
bin deutscher..habe 11jahre in israel verbracht und dort tolleranz erlebt,welche ich in deutschland nie erleben werde..

möchtegerne,besserwisser,trottelige politiker,was ist aus gesundem menschenverstand geworden??? fühle mich fremd im eigenen land..
bringschuld
15-10-10 20:01
integration klappt nur wenn man sich auch integrieren lassen will!

der staat tut genug um die integration zu fördern, wo bitte bleibt die bringschuld der migranten?? diese multikultisoße glaubt echt niemand mehr ...
Bayer
15-10-10 18:37
Immer die gleiche Leier:

Der Staat und die anderen sind zuständig.

Türken können von jedem etwas fordern, insbesondere Entschuldigungen und Geld, wobei die eigene Kultur gar keine ehrliche Entschuldigung kennt.

Vielleicht ist es einfach nur so: Türken und Araber sind in weiten Teilen der Bevölkerung Europas nicht willkommen und daran läßt sich nichts ändern.

Und je mehr etwas eingefordert wird, auf das kein Anspruch besteht, desto verhärteter werden die Fronten.

So sehr kann ich gar nicht gegen Atomkraft sein, als das ich Ihre Partei noch jemals wähle. I
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