Fleischeslust
Welche politische Dimension der Genuss von Schnitzel, Gulasch und Co. hat, erklärt die Heinrich Böll Stiftung in ihrem Fleischatlas. MEHR
Welche politische Dimension der Genuss von Schnitzel, Gulasch und Co. hat, erklärt die Heinrich Böll Stiftung in ihrem Fleischatlas. MEHR
Der Monitoringbericht macht deutlich: Die Schwarz-Gelben Regierung kann die Energieeffizienzziele nicht erreichen. MEHR
Die von der Merkel-Regierung verabschiedete Beihilferegelung für die Industrie fördert weder den Klimaschutz noch entlastet Sie die Bürger. MEHR
Eine Geschichte über unfaire Ausnahmen, die Schwarz-Gelb der Industrie gewährt. MEHR
Wie wir bis 2050 unabhängig von fossilen Energieträgern werden können. MEHR
Wir erklären, warum Solarstrom ein wichtiger Baustein für die Energiewende ist. MEHR
Alle Infos rund um EU-Fiskalvertrag, ESM und die Position der Grünen. MEHR
Grüne Mitglieder können zehn Projekte für die Bundestagswahl 2013 auswählen. MEHR
Rund 2,5 Millionen Türkeistämmige leben in Deutschland. 50 von ihnen kommen in dem von Cem Özdemir und Wolfgang Schuster (Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart) herausgegebenen Buch „Mitten in Deutschland – Deutsch-Türkische Erfolgsgeschichten“ zu Wort und erzählen ihre Geschichten von Migration und Integration. Wir haben den anatolischen Schwaben und Parteivorsitzenden von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN dazu interviewt.

gruene.de: 50 Jahre sind vergangen, seit Deutschland und die Türkei ein Anwerbe-Abkommen schlossen. In dem von Dir mit herausgegebenen Buch „Mitten in Deutschland“ finden sich 50 Lebensgeschichten überwiegend erfolgreicher Integration. Wieso diese Konzentration auf positive Beispiele?
Cem Özdemir: Naja, die anderen Beispiele muss man ja nicht extra nennen, die sind jeden Tag in allen Nachrichten, in allen Zeitungen. Wir konzentrieren uns in der Berichterstattung und der Diskussion mittlerweile fast ausschließlich auf die Negativbeispiele. Deshalb wollen Wolfgang Schuster und ich anlässlich 50 Jahre Deutsch-Türkisches Anwerbe-Abkommen in unserem Buch auch mal die anderen Beispiele in den Mittelpunkt rücken. Denn die gehören eben auch dazu. Das bedeutet nicht, dass wir vorhandene Probleme unter den Teppich kehren.
Was müssen türkischstämmige Bürgerinnen und Bürger für eine gelungene Integration leisten?
Die erste Migranten-Generation hat in Deutschland die zweite Heimat gefunden und diejenigen, die hier geboren und aufgewachsen sind, haben hier ihre erste Heimat. Gerade die Jüngeren müssen sich als Teil dieser Gesellschaft empfinden. Ein weiterer Beitrag zu einer gelungenen Integration ist, dass man sich mit Selbstverständlichkeit an unsere Verfassung hält und sich bemüht, die Amtssprache zu erlernen und zu sprechen. Das gilt ja auch für den Schwaben Cem Özdemir, der bemüht ist, sich einigermaßen ans Schriftdeutsche zu halten.
Was muss in deutschen Schulen passieren, damit auch Kinder aus Migrantenfamilien faire Bildungschancen haben?
Genau das, was auch für Kinder aus benachteiligten deutschen Familien gilt: ein Bildungssystem, das sie fördert und das durchlässiger ist. Dafür muss die frühkindliche Bildung massiv ausgebaut werden, auch für Kinder unter drei Jahren. Wichtig ist dabei die Qualität, damit die Kinder optimal auf die Schule vorbereitet werden. Außerdem brauchen wir Ganztagsschulen, aber das darf nicht nur draußen auf einem Schild stehen. Es müssen tatsächlich Ganztagesschulen sein, in denen kein Kind die Schule verlässt, ohne die Hausaufgaben gemacht zu haben und wo sie auch am Nachmittag gefordert und gefördert werden. Kinder sollen länger gemeinsam lernen und zwar unabhängig davon, ob sie aus Hartz-IV-Familien kommen oder ob die Eltern Chef-Ärzte sind. Was spricht dagegen, dass diese Kinder unterschiedlicher Herkunft untereinander auch Freundschaften schließen. Ich bin so aufgewachsen, und es hat weder mir noch meinen Freunden geschadet.
Du lebst in Kreuzberg. Wieso hast Du Dich für diese Wohngegend entschieden?
In Berlin bin ich zu meiner Frau nach Moabit gezogen, wohnte vorher aber auch schon mal in Neukölln und Schöneberg. Wir haben uns dann gemeinsam für Kreuzberg entschieden, da in der Hausgemeinschaft viele Freunde von uns leben. Wir haben Kinder und für uns ist es sehr wichtig, dass man in einem Haus wohnt, in dem auch andere Kinder leben und Kinder auch akzeptiert werden. Bei uns im Haus muss man sich nicht dafür entschuldigen, wenn die Kinder mal laut sind, und wir können – so wie gestern Nacht – beim Nachbarn klingeln und nach Milch fragen, wenn wir sie mal beim Einkauf vergessen haben. Das alles geht da, das entspricht unserer Art zu leben. Ich denke auch, es entspricht der Lebensrealität, dass man in einem Stadtteil wohnt, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Problemen leben und man diesen Problemen nicht aus dem Weg geht.
In Deiner Heimat Baden-Württemberg wurde jetzt ein Integrationsministerium gegründet. Unterscheiden sich die Herausforderungen an Integrationspolitik in Berlin und Baden-Württemberg?
Ja und nein. Es gibt Unterschiede, die haben damit zu tun, dass Baden-Württemberg im Verhältnis zu Berlin wirtschaftlich besser dasteht und der Anteil der Arbeitslosen etwa geringer ist. Auf der anderen Seite ist aber in einer Stadt wie Stuttgart der Migrantenanteil höher als in Berlin. In beiden Ländern geht es aber auch darum, dass Migranten ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft werden, sich entsprechend einbringen, auch politisch engagieren. Da stellt sich hier wie dort die Frage: Wie schaffen wir es, dass die Zahl der Einbürgerungen steigen? Brauchen wir nicht endlich einen entspannten Umgang mit doppelter Staatsbürgerschaft, wenn doch heute sowieso schon jede zweite Einbürgerung je nach Herkunft der Person mit Beibehaltung der früheren Staatsbürgerschaft erfolgt? Wir Grüne meinen: Ja. Wie bekämpft man Diskriminierung? Aber auch: Wie schafft man, dass manche Migrantenjugendliche sich von ihrem Machogehabe und falschen Ehrvorstellungen verabschieden?
Es verlassen mehr türkischstämmige Menschen das Land, als nach Deutschland migrieren. Woran liegt das?
Das stimmt, auch wenn das noch nicht zu allen vorgedrungen ist. Und auch nicht, dass viele gut Ausgebildete Deutschland verlassen, junge Absolventen von den Universitäten, die eigentlich hier ganz gute Chancen haben müssten. Ein Grund ist sicher, dass sich die Arbeitsmärkte europäisieren, schließlich verlassen auch andere ihr Land, um woanders ihr Glück zu suchen, viele kommen sicher auch wieder zurück. Es gibt aber sicher noch andere Gründe. Ein Akademiker empfindet es als besonders ungerecht und diskriminierend, wenn er das Gefühl hat, er habe doch im Prinzip alle Voraussetzungen erfüllt, um zu partizipieren und dazu zu gehören, und stößt trotzdem auf unsichtbare Mauern. Wenn er beispielsweise einen Job nicht bekommt oder nicht aufsteigt, weil er in seiner Wahrnehmung die falsche Herkunft hat. Das führt oft dazu, dass gerade diese Menschen dann sagen: Hier will ich nicht mehr bleiben, wenn ich nicht gewollt werde. Wir brauchen ein durchlässigeres Bildungssystem, wir brauchen aber auch insgesamt eine größere Offenheit für Vielfalt.
Angela Merkel blockiert den Beitritt der Türkei zur EU. Wie wirkt sich das auf die Integration der türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland aus?
Das sind auf den ersten Blick unterschiedliche Themen. In dem Buch merkt man aber an der einen oder andeen Stelle, dass manche es zusammen betrachten. Einige sagen: „Wenn Angela Merkel ein Problem mit dem Land hat, aus dem wir kommen, dann hat sie doch wahrscheinlich auch ein Problem mit uns.“ Und so nehmen das viele wahr. Übrigens auch viele, die selber die Türkei kritisieren. Türkischer Herkunft zu sein, bedeutet schließlich nicht, die Augen davor zu verschließen, dass die Türkei noch einiges zu erledigen haben auf dem Weg in die EU. Aber wenn es heißt, selbst wenn die Türkei die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft erfüllt, sind wir immer noch dagegen, weil wir grundsätzlich nicht wollen, dass die Türken in die Europäische Union kommen, dann führt das bei vielen zu dem Gefühl, hier in Deutschland auch als Person abgelehnt zu werden.
Du hast den Vorschlag gemacht, ein Migrationsmuseum einzurichten. Was könnte in diesem gezeigt werden?
In Bremerhaven gibt es schon ein Auswanderungsmuseum. Es dokumentiert, wie einst auch Deutsche aus wirtschaftlicher und politischer Not das Land verließen. Ein Migrationsmuseum wäre nun eine Komplettierung der Museenlandschaft. Es könnte zeigen, wie sich Deutschland durch Migration beispielsweise von ehemaligen Gastarbeitern und Aussiedlern verändert hat. Gerade Schulklassen – die sich oft multikulturell zusammensetzen – hätten damit eine Anlaufstelle. Die Schüler könnten dort sehen, wie ihre Eltern oder Großeltern gelebt haben, als sie nach Deutschland kamen, wie auch sie ihren Teil zum Gelingen der Bundesrepublik beigetragen haben. Es wäre pädagogisch wertvoll, es wäre aber auch ein Zeichen der Anerkennung und Dazugehörigkeit.
Özdemir, Cem / Schuster, Wolfgang (Hrsg.): „Mitten in Deutschland -
Deutsch-Türkische Erfolgsgeschichten“, Verlag Herder, 2011