Das Schweigen ist erschreckend

Ein Verbot des Mohammed-Schmäh-Videos wäre nicht mehr als eine Beruhigungspille, schreibt Omid Nouripour. "Die einzige Medizin gegen geistige Brandstiftung aber ist der Zusammenhalt der Demokraten aller Religionen." Gastbeitrag von Omid Nouripour für die Frankfurter Rundschau, 19. September 2012.

Porträtfoto von Omid Nouripour, Foto: Omid Nouripour
Omid Nouripour, 1975 geboren in Teheran, erhielt mit dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht 2002 den deutschen Pass. Seit 2006 ist er Mitglied der grünen Bundestagsfraktion. Foto: Omid Nouripour

Nicht einmal einen ganzen Film hat es gebraucht, um Massenproteste gegen den Westen zu mobilisieren. Ein Trailer von knapp 14 Minuten, mies gespielt, stümperhaft synchronisiert und schlecht geschnitten, hat vielen Menschen - unter anderen einem US-Top-Diplomaten - das Leben gekostet und so manches Botschaftsgebäude brennen lassen, unter anderem die deutsche Vertretung in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum.

Es reicht also für einen "Krieg der Kulturen" a la Samuel Huntington ein schlechter Clip, in dem der Prophet der Muslime beleidigt wird? Reicht es das nächste Mal, wenn ein einzelner Provokateur auf Youtube ein freizügiges Lady-Gaga-Video mit Koran-Untertiteln versieht, damit der Nahe Osten brennt?

In Kairo gingen 5000 Menschen auf die Straße, um zu protestieren. Kennt man die Zustände in der ägyptischen Hauptstadt, dann weiß man, dass 5000 Demonstranten eher eine Mini-Demonstration als der geballte Volkszorn sind. Im Libanon mobilisierte die Hisbollah mit ihrem dichten sozialen Netzwerk zwar über 100 000 Menschen. Hier ging es aber in erster Linie um eine innenpolitische Machtdemonstration den anderen Parteien gegenüber.

In Libyen und Sudan ist die staatliche Macht zu schwach, um die Ausschreitungen radikaler Minderheiten zu unterbinden. Im Iran und in Syrien waren die Demonstrationen eindeutig staatlich organisiert, um von deutlich größeren innenpolitischen Konflikten abzulenken. Lediglich in Pakistan waren die Demonstrationen teilweise ein Ausdruck eines breiten und gewaltsamen Volkszorns.

Das Erschreckende ist also nicht diese Fackel tragende, blutrünstige Minderheit. Diese sucht jeden Anlass um die Machtfrage zu stellen. Die Salafisten in Ägypten tun dies derzeit genauso wie die Hamas in Gaza oder eben Al-Kaida in Jemen. Das erschreckende ist das Schweigen der bedrohten moderaten Mehrheit in diesen Ländern. Derjenigen also, die die wichtigste Zielscheibe der Extremisten sind.

Wo bleibt die Demonstration der lebendigen Zivilgesellschaften in Tunesien, Ägypten oder Libanon gegen den mordenden Mob? Welche Intellektuellen ergreifen das Wort in Ablehnung der Gewalt gegen diplomatische Vertretungen? Bis auf wenige Ausnahmen herrscht das Schweigen. Die schweigende Mehrheit, selbst von der Beleidigung ihres Propheten abgestoßen, wehrt sich nicht gegen die Extremisten, weil sie Angst hat. Angst davor, in der monochromen Weltsicht der Extremisten auf der Seite der "Ungläubigen" eingebucht zu werden.

Skurrile Reaktionen

Damit liefert sich die Mehrheit aber passiv der aggressiven Dominanz einer gefährlichen fundamentalistischen Weltsicht aus. Die Moderaten vergeben damit nicht nur die Chance auf internationale Anerkennung, sie verlieren so vor allem an Boden im innenpolitischen Kampf um die Vorherrschaft gegen die Extremisten. Auf Kosten persönlicher und politischer Freiheiten - allen voran der Frauen.

Der Graben verläuft also nicht zwischen Muslimen und Christen. Der Graben verläuft zwischen (muslimischen, christlichen, jüdischen ...) Extremisten auf der einen Seite' und uns, die wir den pluralen Rechtsstaat wollen, auf der anderen Seite. Das gilt für den Nahosten genauso wie für die Bundesrepublik Deutschland. Unsere Demokratie ist nur dann gegenüber Nazi- und Islamisten-Terror sowie den Radikalen von Pro Deutschland und "politically incorrect" wehrhaft, wenn sie nicht auf jede Provokation eingeht.

Umso skurriler ist so mancher aktuelle Beitrag. Einzelne Außenpolitiker der Union fordern nun, dass wir "unser Verhältnis zu den islamischen Staaten überdenken". Sollen wir Europäer uns nicht mehr mit unseren unmittelbaren Nachbarn unterhalten? Sollen wir als Alternative zur Kooperation eine Mauer um Europa hochziehen? Wohl kaum, nicht erst wegen den Millionen Muslimen in der Europäischen Union. Andere wollen den peinlich schlechten Film gar verbieten. Sogar die Bundeskanzlerin hat nun darüber öffentlich räsoniert. Gewiss gibt es im deutschen Strafgesetzbuch den sogenannten "Blasphemie-Paragrafen", der ein solches Verbot wahrscheinlich legitimierte. Das könnte als
schneller Erfolg missverstanden werden, der in der aktuellen Krise aber nur kurz für Ruhe sorgen würde. Doch was dann? Ist das nicht die Steilvorlage für die nächste Provokation? Führt das nicht zur nächsten Reaktion von Extremisten aller Couleur? Muss dann nicht aus Gründen der Gleichbehandlung aller Religionen auch Monty Pythons Klassiker "Das Leben Brians" verboten werden?

Ein Verbot wäre nicht mehr als eine Beruhigungspille, allerdings mit einem hohen Suchtfaktor. Die einzige Medizin gegen geistige Brandstiftung aber ist der Zusammenhalt der Demokraten aller Religionen. Wir müssen uns vor unsere Grundrechte stellen und sie gern auch mit heißem Herzen, aber vor allem mit kühlem Kopf verteidigen. Fangen wir an, unsere gesellschaftliche Freiheiten aus Angst vor Extremisten einzuschränken, haben die Feinde der Freiheit gewonnen. Nicht der Westen muss mehr verbieten. Die überwältigende Mehrheit friedliebender Muslime muss mehr Selbstvertrauen aufbringen, für Gelassenheit im Umgang mit Provokateuren.

Klicke auf die Buttons, um das jeweilige Netzwerk zu aktivieren. Beachte, dass dadurch persönliche Daten an Facebook, Twitter oder Google übertragen werden.

Aktiv gegen Atomkraft – Wechsle zum Ökostromanbieter

Mach mit und wechsle heute noch zum Ökostromanbieter.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/NazisRaus_benoitd_Flickr_CC_BY-NC-SA_20_225x130_02.jpg

Gefahr für die Demokratie von Rechts

Mit breiten Bündnissen und lokalen Initiativen gegen Rechtsextremismus, rassistisches Gedankengut und rechte Gewalt kämpfen.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/Shell_GerardStolk_Flickr_CC_BY-NC_20_225x130.jpg

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen!

Die Informationspolitik des Shell-Konzerns bei der Ölkatastrophe in der Nordsee ist bewusst irreführend, sagt Claudia Roth.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/anetta_225.jpg

"Schäuble verharmlost"

Der neue Verfassungsbericht ist da. Die Ergebnisse sind erschreckend. Anetta Kahane, Chefin der Amadeu-Antonio-Stiftung, zu rechtsextremer Gewalt in Deutschland

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/Facebook_bh.png

Facebook, was weißt du über mich?

Frag jetzt bei dem sozialen Netzwerk nach, welche Daten von dir gespeichert sind.

Kommentare

realdenkender Mensch
25-09-12 18:39
ob dieser kommentar was zur verständigung und aufklärung bringt ? nein, dieursache allen ist die wirkliche aufklärung, das es keine götter und propheten gibt. wer angesichts der milliarden von galaxien behauptet, "gott" oder "allah" hätte die welt geschaffen , ist nicht nur naiv, sondern im tiefsten mittelalter angekommen. religionen sind nun mal opium des volkes, so wie eins Lenin sagte !!! werden mal wach und denkt nach !
sinnloser kommentar die zeit hätten sie sich sparen können.
Helmut Krüger
21-09-12 22:35
Geehrter Omid Nouripour,

ich glaube auch, dass auf jeden Fall denjenigen Muslimen, die in den Ländern des Nahen Ostens nicht nur demonstrierend vorgehen, sondern brachial vorgehen gegen dieses Video, eine gehörige Portion Distanz fehlt zu ihrer Religion.

Distanz. Andernfalls würde sie, die Religion, vereinnahmend. Alle Lebensbereiche umfassend.

Und ich glaube, dass das die halbe Wahrheit ist. Als Analogie fällt mir dazu ein, wir hier bei uns würden aus einer sachlichen Auseinandersetzung eine persönliche Auseinandersetzung werden lassen und aus der persönlichen Auseinandersetzung eine denunzierende Auseinandersetzung.

Es ginge nicht mehr um inhaltliche Positionen, sondern jemand bisse sich fest an einem anderen, suchte öffentlichkeitswirksam alle Möglichkeiten der Herabsetzung, versteifte sich bspw. auf dessen anderes Geschlecht oder auf dessen Kinderlosigkeit oder auf dessen zahlreichen Kinder.

Das Zeitalter des Internets stellt viele Fragen neu. Seine immensen Verbreitungsmöglichkeiten stellt Herausforderungen, sorgsam und sensibel mit diesen an die Hand gegebenen technischen Möglichkeiten umzugehen.

Sind wir gesellschaftlich von der Diskussionskultur dem gewachsen?

Ich sehe und empfinde eine Tendenz zur Ruppigkeit. Auch in vielen Diskussionen. Nicht so sehr, dass Menschen Beiträge hineinstellen, die es nicht anders vermögen, mehr: es scheint eine zunehmende Zahl von Menschen zu geben, die durchaus anders können und anderes gewohnt sind aus geschäftlicher oder politischer Alltagspraxis, die im Internet allerdings den verbalen Hooligan spielen.

Vor über 100 Jahre sind die Kerls, die mit Ärmelschonern und Papierbergen auf dem Schreibtisch nicht recht glücklich geworden sind, nach Zentrum Berlins nach Pankow rausgefahren und haben sich mit Ihresgleichen die Muskeln spielen lassen.

In den Fußballpartien - die pauschal als Spiele zu benennen ich nich schlichtweg weigere - steht so mancher Abteilungsleiter von einem Großunternehmen oder so mancher politischer Referatsleiter nicht nur in Fankleidung verhüllt und Baseballschläger oder bengalischem Feuerwerk, im Internet findet das an anderen Orten Zurückgehaltene seine Entsprechung.

Ist es fatalistisch, in diesen Dingen eine Tendenz der US-Amerikanisierung zu sehen, dass der Lauteste und Effekthaschendste zu gewinnen scheint, derjenige, der diese Lautstärke nicht aufzubringen vermag und sie auch nicht will, irgendwann auf verlorenem Posten steht?

Mehr als Verbote helfen m. E. behutsame Schritte zur Veränderung der politischen Kultur und der Umgangskultur. In diesem Kontext kann es dann auch zuweilen Verbote, Sperrungen und Löschungen geben, wenn nichts anderes mehr hilft. Als Ultimo Ratio, nicht als erstes Mittel.
Robert K.
21-09-12 20:58
Guter Beitrag. Und gute Reaktion.
Gast
21-09-12 00:00
Was ist eigentlich schlimmer?
jemanden beleidigen oder jemanden umbringen? Die verletzten Gefühle einiger Muslime in allen Ehren aber dafür muss man niemanden töten. Viel schlimmer ist, dass das besagte Video scheinbar mehr Empörung hervorruft als der umgebrachte US Botschafter. Ist das nicht armseelig? Und dann noch zu mehr Toleranz aufrufen, das ist schon grotesk.
romero
20-09-12 23:56
Das schweigen ist vor allem erschreckend von den Muslimen in Europa.
Selbst im Mittelalter musste sich der Narr hier vor niemanden rechtfertigen.
Wenn man sich über was beschweren kann, dann dass Mohammed so unwichtig
ist, dass es keine wirklich lustige Verfilmung gibt.
Die Muslime müssen ein Zeichen setzen, dass sie Humor haben.
Wenn sie das nicht können; sind sie nicht fähig für ein zivilisiertes und multikulturelles
Zusammenleben.
Peter M.
20-09-12 22:15
Schöner Beitrag, ich kann Ihnen nur Recht geben.
lara k.
20-09-12 10:08
also mir hat das nicht wirklich etwas gebracht. schade.
Kommentar

Wir freuen uns auf Meinungen zu diesem Artikel. Bitte beachtet unsere Nutzungsbedingungen.
Die Kommentarfunktion dient nicht dazu, direkt mit uns Kontakt aufzunehmen oder Fragen zu stellen. Dafür haben wir ein Kontaktformular.



CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.