Fleischeslust
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Ein Verbot des Mohammed-Schmäh-Videos wäre nicht mehr als eine Beruhigungspille, schreibt Omid Nouripour. "Die einzige Medizin gegen geistige Brandstiftung aber ist der Zusammenhalt der Demokraten aller Religionen." Gastbeitrag von Omid Nouripour für die Frankfurter Rundschau, 19. September 2012.

Nicht einmal einen ganzen Film hat es gebraucht, um Massenproteste gegen den Westen zu mobilisieren. Ein Trailer von knapp 14 Minuten, mies gespielt, stümperhaft synchronisiert und schlecht geschnitten, hat vielen Menschen - unter anderen einem US-Top-Diplomaten - das Leben gekostet und so manches Botschaftsgebäude brennen lassen, unter anderem die deutsche Vertretung in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum.
Es reicht also für einen "Krieg der Kulturen" a la Samuel Huntington ein schlechter Clip, in dem der Prophet der Muslime beleidigt wird? Reicht es das nächste Mal, wenn ein einzelner Provokateur auf Youtube ein freizügiges Lady-Gaga-Video mit Koran-Untertiteln versieht, damit der Nahe Osten brennt?
In Kairo gingen 5000 Menschen auf die Straße, um zu protestieren. Kennt man die Zustände in der ägyptischen Hauptstadt, dann weiß man, dass 5000 Demonstranten eher eine Mini-Demonstration als der geballte Volkszorn sind. Im Libanon mobilisierte die Hisbollah mit ihrem dichten sozialen Netzwerk zwar über 100 000 Menschen. Hier ging es aber in erster Linie um eine innenpolitische Machtdemonstration den anderen Parteien gegenüber.
In Libyen und Sudan ist die staatliche Macht zu schwach, um die Ausschreitungen radikaler Minderheiten zu unterbinden. Im Iran und in Syrien waren die Demonstrationen eindeutig staatlich organisiert, um von deutlich größeren innenpolitischen Konflikten abzulenken. Lediglich in Pakistan waren die Demonstrationen teilweise ein Ausdruck eines breiten und gewaltsamen Volkszorns.
Das Erschreckende ist also nicht diese Fackel tragende, blutrünstige Minderheit. Diese sucht jeden Anlass um die Machtfrage zu stellen. Die Salafisten in Ägypten tun dies derzeit genauso wie die Hamas in Gaza oder eben Al-Kaida in Jemen. Das erschreckende ist das Schweigen der bedrohten moderaten Mehrheit in diesen Ländern. Derjenigen also, die die wichtigste Zielscheibe der Extremisten sind.
Wo bleibt die Demonstration der lebendigen Zivilgesellschaften in Tunesien, Ägypten oder Libanon gegen den mordenden Mob? Welche Intellektuellen ergreifen das Wort in Ablehnung der Gewalt gegen diplomatische Vertretungen? Bis auf wenige Ausnahmen herrscht das Schweigen. Die schweigende Mehrheit, selbst von der Beleidigung ihres Propheten abgestoßen, wehrt sich nicht gegen die Extremisten, weil sie Angst hat. Angst davor, in der monochromen Weltsicht der Extremisten auf der Seite der "Ungläubigen" eingebucht zu werden.
Damit liefert sich die Mehrheit aber passiv der aggressiven Dominanz einer gefährlichen fundamentalistischen Weltsicht aus. Die Moderaten vergeben damit nicht nur die Chance auf internationale Anerkennung, sie verlieren so vor allem an Boden im innenpolitischen Kampf um die Vorherrschaft gegen die Extremisten. Auf Kosten persönlicher und politischer Freiheiten - allen voran der Frauen.
Der Graben verläuft also nicht zwischen Muslimen und Christen. Der Graben verläuft zwischen (muslimischen, christlichen, jüdischen ...) Extremisten auf der einen Seite' und uns, die wir den pluralen Rechtsstaat wollen, auf der anderen Seite. Das gilt für den Nahosten genauso wie für die Bundesrepublik Deutschland. Unsere Demokratie ist nur dann gegenüber Nazi- und Islamisten-Terror sowie den Radikalen von Pro Deutschland und "politically incorrect" wehrhaft, wenn sie nicht auf jede Provokation eingeht.
Umso skurriler ist so mancher aktuelle Beitrag. Einzelne Außenpolitiker der Union fordern nun, dass wir "unser Verhältnis zu den islamischen Staaten überdenken". Sollen wir Europäer uns nicht mehr mit unseren unmittelbaren Nachbarn unterhalten? Sollen wir als Alternative zur Kooperation eine Mauer um Europa hochziehen? Wohl kaum, nicht erst wegen den Millionen Muslimen in der Europäischen Union. Andere wollen den peinlich schlechten Film gar verbieten. Sogar die Bundeskanzlerin hat nun darüber öffentlich räsoniert. Gewiss gibt es im deutschen Strafgesetzbuch den sogenannten "Blasphemie-Paragrafen", der ein solches Verbot wahrscheinlich legitimierte. Das könnte als
schneller Erfolg missverstanden werden, der in der aktuellen Krise aber nur kurz für Ruhe sorgen würde. Doch was dann? Ist das nicht die Steilvorlage für die nächste Provokation? Führt das nicht zur nächsten Reaktion von Extremisten aller Couleur? Muss dann nicht aus Gründen der Gleichbehandlung aller Religionen auch Monty Pythons Klassiker "Das Leben Brians" verboten werden?
Ein Verbot wäre nicht mehr als eine Beruhigungspille, allerdings mit einem hohen Suchtfaktor. Die einzige Medizin gegen geistige Brandstiftung aber ist der Zusammenhalt der Demokraten aller Religionen. Wir müssen uns vor unsere Grundrechte stellen und sie gern auch mit heißem Herzen, aber vor allem mit kühlem Kopf verteidigen. Fangen wir an, unsere gesellschaftliche Freiheiten aus Angst vor Extremisten einzuschränken, haben die Feinde der Freiheit gewonnen. Nicht der Westen muss mehr verbieten. Die überwältigende Mehrheit friedliebender Muslime muss mehr Selbstvertrauen aufbringen, für Gelassenheit im Umgang mit Provokateuren.