Fleischeslust
Welche politische Dimension der Genuss von Schnitzel, Gulasch und Co. hat, erklärt die Heinrich Böll Stiftung in ihrem Fleischatlas. MEHR
Welche politische Dimension der Genuss von Schnitzel, Gulasch und Co. hat, erklärt die Heinrich Böll Stiftung in ihrem Fleischatlas. MEHR
Der Monitoringbericht macht deutlich: Die Schwarz-Gelben Regierung kann die Energieeffizienzziele nicht erreichen. MEHR
Die von der Merkel-Regierung verabschiedete Beihilferegelung für die Industrie fördert weder den Klimaschutz noch entlastet Sie die Bürger. MEHR
Eine Geschichte über unfaire Ausnahmen, die Schwarz-Gelb der Industrie gewährt. MEHR
Wie wir bis 2050 unabhängig von fossilen Energieträgern werden können. MEHR
Wir erklären, warum Solarstrom ein wichtiger Baustein für die Energiewende ist. MEHR
Alle Infos rund um EU-Fiskalvertrag, ESM und die Position der Grünen. MEHR
Grüne Mitglieder können zehn Projekte für die Bundestagswahl 2013 auswählen. MEHR
Menschen die ehrenamtlich pflegen, leisten einen unverzichtbaren und sehr wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Damit eine qualitativ hochwertige Pflege gewährleistet werden kann und es nicht zu Überlastungen bei den Pflegenden kommt, muss diese Arbeit jedoch stärker begleitet und unterstützt werden. Teil 2 unserer Serie "Wer pflegt uns?".

Wenn sich Menschen für ein gemeinsames Leben entscheiden und verbindlich Verantwortung füreinander übernehmen, tragen sie mit ihrer gegenseitigen Sorge zugleich maßgeblich zur Solidarität und einem guten Miteinander in der Gesellschaft bei. Die dabei von ihnen geleistete Arbeit am Menschen stellt einen in der Regel unverzichtbaren Grundpfeiler unseres Solidarsystems dar. Wir können es uns nicht leisten, auf diese Arbeiten im familiären Umfeld zu verzichten. Der größte Teil der Pflegearbeit wird heute immer noch durch ehrenamtliche, familiäre Betreuung und zwar in der Regel von Frauen geleistet. Diese Arbeit findet jedoch kaum die notwendige Anerkennung und wird in ihrer Wichtigkeit und mit Blick auf ihren Wert maßgeblich unterschätzt. Dabei hat diese Arbeit eine enorme Bedeutung für die Gesellschaft.
36,7 Wochenstunden unbezahlte Arbeit
Etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Die Betreuenden sind meist die Partnerin oder der Partner oder Kinder der Betroffenen. Sie leisten im Durchschnitt 36,7 Wochenstunden oder 5,2 Stunden am Tag Pflegearbeit. Dieses Arbeitsvolumen entspräche etwa 3,2 Millionen Erwerbsarbeitsplätzen in Vollzeit. Menschen die ehrenamtlich pflegen, leisten also einen unverzichtbaren und immens wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft. Müsste diese Arbeit in normalen Lohnarbeitsverhältnisse mit Tariflöhnen geleistet werden, würde sie die Gesellschaft viele Milliarden Euro kosten. Trotzdem taucht im Pflegebericht des Statistischen Bundesamtes oder in den amtlich erhobenen Daten zur Pflegeversicherung diese unbezahlte Arbeit nicht einmal auf. Dementsprechend kommt die private Pflege auch in der politischen Debatte kaum vor.
Debatte um Qualitätsstandards notwendig
In unserer alternden Gesellschaft, in der die Sorgearbeit immer wichtiger wird, muss diese Arbeit mehr in das Bewusstsein aller rücken und zudem braucht es eine Debatte um die notwendigen Qualitätsstandards für Pflege. Wenn wir weiterhin qualitativ hochwertige und flächendeckende Pflege haben wollen, müssen wir auch die ehrenamtlich Pflegenden miteinbeziehen, sie qualifizieren und uns um ihre finanzielle Absicherung kümmern. Weiterhin gilt es, bestehende Probleme in der Pflege zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten sowie die Pflegeversicherung auf eine solidarisch getragene Grundlage zu stellen.
Kaum Beratung und starker Druck führen zu Überlastung
Die notwendige Übernahme der Pflege erfolgt für die meisten Menschen sehr plötzlich und unvorbereitet. Wenn Angehörige Pflege brauchen, muss oft sehr schnell entschieden werden. Zeit für Beratungen oder Gespräche innerhalb der Familie, mit Beratungsstellen oder ambulanten Hilfsangeboten vor Ort, ist meist nicht vorhanden. Die Pflege von nahestehenden Menschen stellt jedoch sowohl zeitlich als auch psychisch eine sehr große Herausforderung dar. Studien belegen, dass die durchschnittliche Pflegedauer in der privaten Pflege 9,6 Jahre beträgt und meist nicht im voraus geplant werden kann.
Hinzu kommt, dass bei engen persönlichen Beziehungen, wie bei Ehepartnerinnen und Ehepartnern oder Eltern-Kind-Beziehungen häufig ein hohes Konfliktpotenzial besteht. Durch die mangelnde Vorbereitung und Beratung während dieser Zeit kann es leicht zu Überforderung und Überbelastung kommen. Gerade Frauen laufen Gefahr, dass sie, aus ihrer eigenen aber auch gesellschaftlich vorgegebenen Rollenerwartung resultierend ihre eigenen Grenzen überschreiten, um sich um die (Schwieger)-Eltern andere ältere Angehörige oder die Partenrin oder den Partner zu kümmern. Das Delegieren von Aufgaben an ambulante Hilfskräfte oder die Einweisung in eine stationäre Pflegeeinrichtung erfolgt daher häufig erst zu einem Zeitpunkt, wenn auch die Gesundheit der pflegenden Person bereits angegriffen ist.
Anerkennung und Dankbarkeit für die geleistete Hilfe sind zudem bei weitem nicht selbstverständlich, zumal die Anstrengungen, die mit dieser Arbeit verbunden sind, oft gar nicht gesehen oder völlig unterschätzt werden. Dies zeigt sich in abschätzenden Äußerungen, mit Vorliebe männlicher konservativer Politiker, die meinen, bei der Pflege würde es ausreichen, wenn der/die Betroffene satt und sauber sei, was als originäre Zuständigkeiten von Frauen angesehen wird.
Beratungsangebot muss ausgebaut werden
Gerade in engen, familiären Beziehungen, in denen schon vor der Pflegebedürftigkeit Konflikte existierten, kann es durch das Zusammentreffen von Überforderung, mangelnder Unterstützung und Anerkennung zu Situationen kommen in denen Gewalt ausgeübt wird. Häufig werden bestehende Hierarchien verstärkt oder aber, der zuvor dominante Ehepartner ist nun plötzlich hilfsbedürftig. So entstehen Situationen, mit denen alle Beteiligten nicht umgehen können und wo alle eigentlich dringend Beratung und Hilfe bräuchten. Es ist wichtig, möglichst vor Übernahme der Pflege ausführliche Beratungen durchzuführen und die Pflegenden ausreichend zu schulen.
Das grüne Konzept der Pflegezeit will den Betroffenen genau diese Zeit geben. Sie bietet durch einen zeitlich eng befristeten Ausstieg aus dem Beruf die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren und gemeinsam mit ambulanten Pflegediensten und Angeboten die Pflege passgenau zu organisieren. Zusätzlich müssen die Beratungsangebote ausgebaut werden. Die Pflegenden brauchen Unterstützung und müssen lernen, wie sie mit der belastenden Situation umgehen können. Auch im Verlauf sollte die ehrenamtliche Pflege ausreichend begleitet werden, um auf Veränderungen adäquat reagieren zu können und sich zusätzlich notwendiges Wissen aneignen zu können.
Nur durch unterstützende Angeboten der professionellen Pflege kann einer Überlastung der Pflegenden vorgebeugt und zudem sichergestellt werden, dass auch der Betroffene die Pflege erhält, die er oder sie braucht. Dabei spielt auch der Umgang und die Vermeidung von Gewalt eine wichtige Rolle, damit Gewaltsituationen präventiv erkannt und rechtzeitig Maßnahmen ergriffen werden können. Da es für die Betroffenen zumeist sehr schwierig ist, häusliche Gewalt in Pflegebeziehungen anzuzeigen und oftmals kein klares Täter-Opfer-Schema erkennbar ist, folgen häufig keine Konsequenzen, obwohl diese Gewalthandlungen nicht ohne Konsequenzen bleiben dürfen.
Ehrenamtliche Arbeit wird oft von Frauen geleistet
Nicht nur in der professionellen, auch in der privaten Pflege sind Frauen in der Regel die Hauptpflegenden. Insgesamt werden zwei Drittel der unbezahlten Pflege von Frauen geleistet. Aufgrund des großen Zeitaufwandes schränken viele Frauen ihre Erwerbstätigkeit ein oder geben sie ganz auf, um sich um Angehörige zu kümmern. Dies bedeutet jedoch für die meisten, dass sie kein eigenes und unabhängiges Einkommen mehr haben.
Bei der Pflegeversicherung genießt die häusliche Pflege Vorrang vor der teilstationären und der voll stationären Pflege. Durch diese Regelung wird die Erstverantwortung der Pflege an die Familie delegiert. Nur wenn die Unterbringung im gewohnten Umfeld gar nicht mehr möglich ist, kann als letzter Weg die stationäre Pflege in Betracht kommen. Da jedoch hauptsächlich Frauen die Pflegenden sind, verstärkt dies vorhandene Geschlechterhierarchien, denn im Regelfall sind es die Frauen, die ihren Beruf zugunsten unbezahlter Pflege aufgeben oder stark einschränken müssen, da sie – auch auf Grund der geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede - meist nicht die Hauptverdienerinnen sind. Außerdem ist ein berufliches Ausscheiden von Frauen wegen Familienarbeit gesellschaftlich akzeptierter, selbst wenn die wirtschaftlichen Nachteile für die Frauen enorm sind
Pflegegeld schafft Anreize zur Berufsaufgabe
Das Pflegegeld, welches zwischen 154,20 Euro und 1.655,80 Euro pro Monat beträgt, kann aufgrund des hohen Zeitaufwands und der starken Belastung der Pflegenden, nicht als Entlohnung oder Lohnersatzleistung angesehen werden. Es schafft jedoch, ähnlich dem Betreuungsgeld, Anreize für die Teilzeitarbeit oder gar die komplette Berufsaufgabe. Die Entscheidung, dass es für die Pflegebedürftigen am besten ist, in häuslicher Umgebung gepflegt zu werden und daher die Angehörigen die Erstverantwortung zur Pflege haben, ist grundsätzlich richtig. Es wird jedoch zu wenig in Betracht gezogen, dass dies in der Folge hauptsächlich Frauen trifft. Durch die bestehende Regelungen werden eher gering Verdienende dazu motiviert und gedrängt, Pflegearbeit zu übernehmen und die Berufstätigkeit einzuschränken.
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN haben hohen Respekt davor und begrüßen es ausdrücklich, wenn Angehörige die Pflegearbeit übernehmen wollen. Dies sollte jedoch ausreichend entlohnt werden, sodass die Pflegenden nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Außerdem müssen unterstützende Angebote ausgebaut werden, damit Pflege und Berufstätigkeit miteinander vereinbar sind. Das grüne Pflegekonzept versteht die Familie als Ressource, die gestärkt werden muss. Deshalb müssen Pflegedienste Angebote für die Bedürfnisse der gesamten Familie anbieten. Das Angebot von Tagespflegeeinrichtungen sollte daher dringend ausgebaut und ambulante, teilstationäre und stationäre Pflegeleistungen müssen flexibler an die individuellen Bedarfslagen des Pflegehaushaltes angepasst werden.
Reformen sind notwendig
Des Weiteren sollte die Übernahme der Pflege nicht aus rein finanziellen Gründen erfolgen. Es braucht also ausreichend alternative und kostengünstige Angebote, die sicherstellen, dass individuell und unabhängig von der finanziellen Situation der Angehörigen entschieden werden kann, ob zuhause gepflegt werden soll oder ob professionelle Pflege in Anspruch genommen wird. Um dies zu erreichen, wollen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die Pflegeversicherung finanziell und strukturell reformieren und als BürgerInnenversicherung gestalten, in die alle gemäß ihrem Einkommen und Vermögen einbezogen werden. Pflege muss sich an der Menschenwürde und dem Recht auf Selbstbestimmung orientieren.
Die Grünen treten dafür ein, ambulante und stationäre Pflegesätze anzugleichen und Pflegeleistungen an die Preisentwicklung anzupassen. Die Pflegezeit soll Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen die Möglichkeit für eine begrenzte Auszeit aus dem Beruf eröffnen. Ein "guter Mix" verschiedener Hilfen ist erforderlich. Es wird vermehrt darauf ankommen, bürgerschaftliches Engagement, Nachbarschaftshilfe, niedrigschwellige Angebote ebenso wie professionelle Dienstleistungen sinnvoll miteinander zu kombinieren.