Eine Frau sitzt in der Natur auf einem Baumstumpf und hat einen Laptop auf dem Schoß.
Als grüne Partei wollen wir die digitale Gesellschaft mitgestalten. Foto: © oleg66/iStock

Gut leben digital

Unser Leben wird immer stärker von Digitalisierung und Automatisierung geprägt. Daraus ergeben sich viele neue Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Auf dem grünen Digitalisierungskongress am 18. und 19. September 2015 in Bielefeld haben wir unter dem Motto „Wie programmieren wir Zukunft?“ den Blick auf übermorgen gewagt. Im Interview mit gruene.de erklären Michael Kellner und Malte Spitz, wie die GRÜNEN die digitale Gesellschaft gestalten wollen.

Ob Internet oder Smartphone - digitale Technologien haben unseren Alltag
verändert. Wie haben sie die Gesellschaft verändert?

Porträtfoto eines Mannes.
Malte Spitz ist Parteiratsmitglied bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Foto: © gruene.de (CC BY 3.0)

Malte Spitz: Die Automatisierung erhält Einzug in die Werkshallen, die Vernetzung in unseren Wohnungen und die Digitalisierung in unsere Kommunikation. Ganz viele Alltagsbereiche sind schon heute davon betroffen, man siehe nur die Veränderungen nach zehn Jahren Smartphones.

Müssen wir Angst vor der Digitalisierung und den neuen Technologien haben?

Michael Kellner: Keine Angst, sondern Gestaltungswillen. Und natürlich dürfen wir uns nicht vormachen, dass wir nur in allen Lebensbereichen smarte Technologien benötigen und damit Krieg, Klimawandel und Ungerechtigkeiten umgehen. Ich bin aber davon überzeugt, dass Digitalisierung große Chancen birgt. Bei der Idee von Teilen statt Besitzen, bei ressourcenschonender Produktion, bei der Freiheit und Inklusion der Menschen. Wir müssen diesen Prozess jetzt mitgestalten, um die Chancen zu erhöhen und Gefahren mit sinnvollen Regeln begegnen.

Gerade in der Arbeitswelt erscheinen die Auswirkungen der Digitalisierung für Arbeitnehmer ambivalent: Einerseits ist arbeiten von zu Hause schneller möglich, andererseits ist man für den Chef leichter erreichbar. Wie sollen wir diesen Wandel gestalten?

Das Konterfei eines Mannes
Michael Kellner ist Politischer Bundesgeschäftsführer von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Foto: © Andrea Kroth

Michael Kellner: Digitalisierung bedeutet Selbstbestimmung auch durch gestärkte Arbeitnehmerrechte zu ermöglichen. Digitalisierung ist zu oft blind für das Soziale. Es schrumpft dann auf soziale Netzwerke. Doch Digitalisierung ermöglicht eben auch, dass Arbeitnehmer sich ihre Zeit freier einteilen können und neben dem Job mehr Zeit für Familie oder Ehrenamt einplanen können. Doch auch Handy und Laptop müssen ausgeschaltet werden können.

Viele Menschen haben sich in Zeiten von Facebook & Co. längst damit abgefunden, dass wir überall digitale Fußabdrücke hinterlassen und Daten von uns gespeichert werden. Was ist überhaupt schlimm daran?

Malte Spitz: Es betrifft all unsere Lebensbereiche. Schlimm ist, dass es keine Transparenz gibt darüber, was mit den Daten passiert, sie werden außerdem mangelhaft geschützt. Zudem habe ich gar keine echte Wahl, Selbstbestimmung ist derzeit oft nur noch eine Farce, ich habe keine Auswahl, sondern kann nur auf akzeptieren klicken. Darum ist ein starker Datenschutz von europäischer Ebene so wichtig, um hier EU-weit starken Grundrechtsschutz zu verwirklichen, der die Auswüchse der letzten Jahre eindämmt. Die Bundesregierung verwässert hier leider mehr, anstatt sinnvolle Vorgaben voranzutreiben.

Ob BND-NSA-Skandal oder große Unternehmen, die Daten sammeln und verkaufen – staatliche Behörden wirken hier oft hilflos. Wie soll das Sammeln von Daten kontrolliert werden?

Malte Spitz: Es braucht einen starken rechtlichen Rahmen und wirkungsvolle Durchsetzung, sowohl durch die Datenschutzbehörden, als auch von uns als Konsumenten und Bürgern. Bei den Geheimdiensten muss man von vorne anfangen, andere Aufgaben, weniger Befugnisse und vor allem mehr parlamentarische Kontrolle. Wir dürfen uns nicht nur darüber aufregen, dass immer und überall unsere Daten abgegriffen werden, sondern müssen uns wehren. Datensparsamere Dienste nutzen, einen Euro pro Monat für ein sicheres Mailpostfach ausgeben und lauter für eine andere Politik in diesem Bereich eintreten.

Inwieweit ist das Thema überhaupt für unsere Parteiorganisation relevant?

Malte Spitz: Ich glaube es wird entscheidend für unsere Zukunft sein, ob wir uns hier inhaltlich richtig aufstellen. Wir müssen diese Prozesse politisch begleiten, als Querschnittsthema engagiert angehen, und statt Aktionismus, wertebasiert Antworten mit den Menschen zu finden. Es geht darum, die politische Erzählung vom Guten Leben in Zeiten der Digitalisierung zu erarbeiten.

Michael Kellner: Parteien sind noch zu analog, auch wir GRÜNEN. Ich möchte, dass wir bei diesem Thema vorangehen. Offline und Online verbinden, neue Werkzeuge und Beteiligungsformen anbieten. Wir nutzen bereits Abstimmungs- und Antragstools, Etherpads und Dateiclouds, um mehr Mitglieder an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Damit können wir auch auf die veränderte Art des Mitmachens vieler Menschen reagieren. Um mich politisch für ein Ziel einzusetzen kann ich zu meinem Kreisverband gehen, oder ich kann von meinem Auslandssemester oder von meiner Couch aus, wenn die Kinder im Bett sind, Diskussionen anstoßen oder meine Haltung einbringen.

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