"Wir werden benutzt"

Christian Bahls ist als Kind missbraucht worden. Die vom Bundeskabinett gebilligten Internetsperrungen sind für ihn Beschränkung und Demütigung zugleich. Denn er fühlt sich instrumentalisiert. Als Vorsitzender des Vereins MOGIS (Missbrauchsopfer gegen Internetsperrungen) kämpft er gegen die Pläne von Familienministerin von der Leyen.

Christian Bahls

Gruene.de: Was waren Ihre Beweggründe, den Verein MOGIS ins Leben zu rufen?

Christian Bahls: Ein Grund war die Art und Weise, wie ein profilierter Bundestagsabgeordneter (der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss, gegen den wegen des Verdachts auf Besitz kinderpornografischer Schriften ermittelt wird; Anm.d.Red.) öffentlichkeitswirksam hingerichtet wurde, der andere war das Gefühl als Missbrauchsopfer instrumentalisiert zu werden.

Gab es einen besonderen Moment, der Sie zum Handeln bewegt hat?

Auslöser war der medienwirksame Auftritt der Familienministerin Frau von der Leyen, mit den Kindern von der Kinderhilfe. Da ist mir dann fast das Essen hochgekommen. Das war Propaganda wie zu DDR-Zeiten, wo wir als Kinder ja auch so gerne vorgezeigt wurden.
Ich fand, das geht gar nicht. Aber keiner sagte etwas. Da habe ich mir gesagt: "Du musst jetzt etwas tun!" Ich fühle eine große Ohnmacht und viel Wut!

Was ist falsch an der Initiative Frau von der Leyens, Kinderpornographie-Seiten im Internet sperren zu lassen?

Wir bei MOGIS versuchen das Wort Kinderpornographie zu vermeiden. Wir ziehen den Begriff "dokumentierten Missbrauch" vor. Diese Begrifflichkeit macht klar, worin das eigentliche Übel besteht. Es ist der Missbrauch, der bekämpft werden muss. Dann ist auch der Konsum von Kinderpornografie nicht mehr möglich, der durch Manipulationen am Domain-Name-System nur leicht erschwert wird.
Da wird Symbolpolitik betrieben. Die Regierung sagt ja selbst, dass “die Vorschrift auf eine Handlungspflicht ausgerichtet ist, nicht auf einen Erfolg”. Dazu sage ich: "Lasst uns etwas tun, aber bitte nicht irgend etwas"!

Wie kann man wirksam gegen Kinderpornographie im Internet vorgehen?

Indem man zuerst dafür sorgt, dass weniger Kinder für so etwas missbraucht werden. Natürlich muss auch die Verbreitung von altem Material konsequent bekämpft werden, das braucht klassische Polizeiarbeit. Was aber die Regierung so euphemistisch "andere Sperrtechnik mit größerer Eingriffstiefe" nennt, ist brandgefährlich: Damit errichtet man in Deutschland eine Infrastruktur, die eine Zensur ermöglicht.
Und dazu werden wir missbraucht. Wir werden instrumentalisiert für ein ungeeignetes Gesetz, das weder erforderlich ist, noch einen klar definierten Zweck hat. Natürlich kann man damit den Zugang zu solchem Material erschweren, aber eben auch zu allen anderen Inhalten.

Was für Gefahren sehen Sie denn konkret?

In Finnland wurde ganz klein mit der Sperrung von etwa 1.000 Einträgen begonnen. Inzwischen wurden dort Seiten von Zensurkritikern und thailändischen Gay-Rights-Gruppen gesperrt.
Außerdem werden die Stopp-Server Logbuch schreiben: Wer hat wann versucht, welche Seite zu besuchen, woher kam er? So wird es möglich, sehr leicht ganze Nutzergruppen zu identifizieren.

Wo führt das hin?

Menschen werden versuchen, die Sperren zu umgehen. Die Reaktion der Sicherheitsorgane wird sein, die Sperren fortzuentwickeln. Wo das hinführen kann? Gehen Sie mal auf die große chinesische Suchmaschine baidu.cn und suchen dort nach dem Begriff “falun gong”. Es ist nicht Ihr Internet, das da kaputt ist! Da wollen wir nicht hin.

Klicke auf die Buttons, um das jeweilige Netzwerk zu aktivieren. Beachte, dass dadurch persönliche Daten an Facebook, Twitter oder Google übertragen werden.

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Anmerkungen zum Sperrgesetz

Malte Spitz zur Abstimmung im Bundestag

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Eine überfällige Entscheidung

Die Bundesregierung will das Netzsperrengesetz zurücknehmen. Sie hat eingesehen, dass Netzsperren wirkungslos sind.

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Ein Symbol von Unfreiheit und Tod

Astrid Rothe-Beinlich erinnert sich, wie sie die Berliner Mauer Anfang der 80er Jahre in der DDR erlebt hat.

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30 grüne Jahre (21): Joschka Fischer über die rot-grüne Bundesregierung 1998

Joschka Fischer über Lust und Last des Regierens, Schlafmangel im Dienst und die Haltung als Außenminister. Teil 21 der "Grünen Geschichte(n)".

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Nichts zu verbergen?

Datenschützer Andreas Krisch und Malte Spitz im Doppelinterview über Internetsperren, Vorratsdatenspeicherung, die Zukunft der Privatsphäre und die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“.

Kommentare

Sebastian
27-05-10 21:35
Die meisten Kommentare hier beziehen sich auf die 18 Stimmen, die nicht gegen das Gesetz waren. Ich persönlich find's total bescheuert, zu erwarten, dass bei einer Abstimmung alle dafür stimmen, was man selbst für richtig hält.
Helmut Fuchs
23-06-09 15:37
Danke für diesen Artikel.

Und dazu noch ein Kommentar zu den 18 Enthaltungen, die gerade im Spiegel dieses Artikels ein Armutszeugnis und wirklich enttäuschend sind.

Die persönliche Erklärung von Priska Hinz, Ekin Deligoez, Christine Scheel, Katrin Göring-Eckardt, Kerstin Müller, Sylvia Kotting-Uhl, Thea Dückert, Cornelia Behm, Harald Terpe und Hans-Josef Fell verfehlt das Thema meilenweit. Immerhin äußern sie sich dazu, was ich respektabel finde. Sätze wie dieser sind aber einfach fürchterlich: "Deshalb ist es grundsätzlich richtig, eine gesetzliche Grundlage für die Bekämpfung von Kinderpornographie im Internet zu schaffen."

Die Strafbarkeit von Besitz und Verbreitung ist doch bereits gegeben, nicht nur in Deutschland sondern in weiten Teilen der Welt!! Durchsetzungsmangel und fehlende Internationale Kommunikation heilt man nicht durch neue Gesetze!!!

Ich hätte gehofft, dass gerade die Grünen das verstanden hätten. Und vor allem hätte ich gehofft, dass die Grünen diese m.E. hysterische Übertreibung des Themas nicht auch noch mittragen und eine Ausschüttung des Kindes mit dem Bade mitbetreiben. Merke: Nur weil etwas im Internet besonders öffentlich zu Tage tritt, ist es deswegen nicht schlimmer, als das was im Verborgenen geschieht. Zumal Anonymität im Internet deutlich weniger gegeben ist, als zum Beispiel im Briefverkehr.

Vielleicht hätten die Enthalter sich vorher mal mit Herrn Bahls unterhalten sollen...

Ich bin jedenfalls enttäuscht und entsetzt. Und hoffe, dass Versuche eine technische Zensurmaßnahme im Internet einzuführen von den Grünen in Zukunft ernsthaft abgelehnt werden. Die Inhalte müssen bekämpft werden und nicht das Netz!
Schnuffelmonster
22-06-09 20:57
Ghet mir genauso wie meinem Vorausschreibenden. Ich dachte ich höre nicht richtig als ich lesen musste das 18 Grüne Abgeordnete dieses Gesetz nicht abgelehnt haben. Das geht gar nicht.

Die Grünen waren mein Ausweichziel bei der Bundestagswahl, eigentlich bin ich ein linker SPDler, jetzt seit ihr beide unwählbar.

Desweiteren mißtraue ich euch zunehmend das ihr wirklich mit der CDU wenn möglich in eine Koalition geht, das wäre für mich der pure Verrat an grünen Grundwerten. Hamburg habe ich schon nicht tolleriert!

Auch ich liebäugel mit den Piraten, es wird Zeit für was neues in Deutschland.
Daniela
21-06-09 13:01
Die Haltung von SPD und CDU zum Thema Zensur ist so erschreckend. Leider kann ich meine Stimme nur einer Partei geben, die eine Koalition mit diesen beiden Parteien ausschließt. Ich hoffe, die Piratenpartei wird zur Bundestagswahl zugelassen...
Frank B.
19-06-09 15:59
18 von 51 grünen Bundestagsmitgliedern haben nicht gegen das von der Leyen'sche Gesetz gestimmt. Scheint mir, als würden die Grünen das Thema ebenfalls nur benutzen. Bei der Europawahl habt ihr meine Stimme bekommen, aber bei der Bundestagswahl muss wohl der Piratenpartei über die 5%-Hürde geholfen werden - Schade eigentlich!
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