O'zapft is!

Gestern ist der Chaos Computer Club mit der Analyse einer ihnen zugespielten, staatlichen Spionagesoftware an die Öffentlichkeit gegangen. Aber was kann dieser Trojaner eigentlich alles ausspähen und steuern, wenn er einmal auf unserem Computer gelandet ist? Sicher ist mittlerweile, dass der Trojaner vom bayerischen Landeskriminalamt eingesetzt worden ist. "Innenminister Herrmann und Regierungschef Seehofer müssen umgehend alle Fakten auf den Tisch legen, und erklären, in welchem Umfang und Ausmaß bayerische Sicherheitsbehörden mit Ausspäh-Trojanern Verfassungsbruch begangen haben und ob bayerische Sicherheitsbehörden weiterhin verfassungsrechtlich unzulässige Überwachungssoftware verwenden", sagte die grüne Bundesvorsitzende Claudia Roth.

Schild mit Aufschrift "Bitte respektieren Sie dieses Privatgelände"., Foto: DerPunk/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)
Trojaner ermöglicht massiven Eingriff in die geschützte Privatsphäre. Foto: derpunk (CC BY-NC-SA 2.0) Foto: DerPunk/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Hast du deinen Computer schon mal von jemand anderem steuern lassen? Wenn du ein Problem mit deinem Rechner hast und dich selbst nicht so gut mit der Technik auskennst, kannst du und ein computerversierter Freund kleine Hilfsprogramme auf euren Computern installieren und damit die Kontrolle über den Rechner des anderen übernehmen. Das kann wirklich hilfreich sein, und weil du die ganze Zeit beobachten kannst, was der andere mit deinem Computer mittels Fernsteuerung macht, besteht hier auch keine Gefahr des Missbrauchs.

Was ist aber, wenn von staatlicher Seite kleine Schnüffelprogramme, die sogenannten "Trojaner", auf deinen Computer geschickt werden, um dort Emails mitzulesen und eure Webcam einzuschalten, um mal eben zu schauen, was so in deinem Arbeits- oder Wohnzimmer los ist?

Digitale Intimssphäre wird verletzt

Wie der Chaos Computer Club (CCC) jetzt in einer Analyse von ihnen zugespielten Festplatten und der darauf enthaltenen staatlichen Spionagesoftware herausgefunden hat, wurden Trojaner entwickelt, mit denen nicht nur die "Quellen-Telekommunikationsüberwachung", also das Abhören von Internettelefonie wie etwa Skype, aktiviert werden kann. "Sogar ein digitaler großer Lausch- und Spähangriff ist möglich, indem ferngesteuert auf das Mikrophon, die Kamera und die Tastatur des Computers zugegriffen wird", schreiben die Experten des CCC. "Die von den Behörden so gern suggerierte strikte Trennung von genehmigt abhörbarer Telekommunikation und der zu schützenden digitalen Intimsphäre existiert in der Praxis nicht."

Diese strikte Trennung ist auch deswegen notwendig, weil das Bundesverfassungsgericht am 27. Februar 2008 in einem Urteil der Telekommunikationsüberwachung enge Grenzen gesetzt hat. Eine präventive Online-Durchsuchung zur Gefahrenabwehr sei nur dann zulässig, wenn "überragend wichtige Rechtsgüter" wie Menschenleben oder der Bestand des Staates konkret gefährdet seien. Außerdem müsse diese Spionage auf einem Computer von einem Richter angeordnet werden.

Vorgegebene Grenzen des Bundesverfassungsgericht massiv verletzt

"Sind die vom Chaos Computer Club aufgedeckten umfassenden Möglichkeiten und auch Funktionsdefizite staatlicher Überwachungssoftware zutreffend, ist dies im höchsten Maße alarmierend", erklären die grüne Bundesvorsitzende Claudia Roth sowie die grünen Netzpolitiker Malte Spitz und Konstantin von Notz. "Offenkundig wurden vom Bundesverfassungsgericht vorgegebene Grenzen massiv verletzt."

Auch Frank Rieger, Sprecher des CCC, prangert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Missachtung des Karlsruher Urteils an: "Es ist wohl aber das erste Mal, dass, entgegen dem expliziten Votum aus Karlsruhe, systematisch eine heimliche Ausweitung der Überwachungsmöglichkeiten in den klar illegalen Bereich vorgenommen und auch noch die Öffentlichkeit darüber irregeleitet wurde."

Bei der Analyse des Trojaners haben die Hacker des Chaos Computer Clubs nicht nur die umfangreichen Spionagemöglichkeiten aufgedecktet, sondern ebenfalls festgestellt, dass die Software auch als Tor benutzt werden, um den infizierten Rechner mit fremden Dateien zu bespielen. So sei es ohne weiteres möglich, belastendes Material wie kinderpornografische Bilder oder Videos auf den Computer zu schicken, ohne dass der ahnungslose Anwender davon etwas mitbekommt. Weil die Verschlüsselungsmechanismen der Spionagesoftware sehr schwach seien, können sich andere so Zugang zu den Computern unbescholtener Bürgerinnen und Bürger verschaffen und mit fremden Daten manipulieren.

In diesem Zusammenhang forderte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, der Staat dürfe nur Programme einsetzen, die technisch beherrschbar und damit frei von Missbrauchsrisiken seien.

Der Trojaner wurde vom bayerischen Landeskriminalamt eingesetzt, schreibt Kai Biermann für ZEIT Online. Daneben gebe es auch Hinweise, dass noch andere Bundesländer die Spionagesoftware benutzt haben. Das Bundeskriminalamt soll die Spionagesoftware nicht verwendet, heißt es aus Kreisen des Bundes. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sieht jetzt die Länder in der Pflicht, den Fall aufzuklären.

Spionagesoftwarte muss sofort gestoppt werden

Der Chaos Computer Club kann sich nach der Analyse des dilletantischen Tronjaners auch nicht den Spott verkneifen: "Wir sind hocherfreut, daß sich für die moralisch fragwürdige Tätigkeit der Programmierung der Computerwanze keine fähiger Experte gewinnen ließ und die Aufgabe am Ende bei studentischen Hilfskräften mit noch nicht entwickeltem festen Moralfundament hängenblieb."

Claudia Roth, Malte Spitz und Konstantin von Notz fordern den sofortigen Stopp der entdeckten Software: "Es ist weder aus politischer noch verfassungsrechtlicher Sicht hinnehmbar, dass das heimliche Auspähen von Computern unter der Hand schrittweise ausgeweitet wird." Das Ausspionieren aller Vorgänge auf einem privaten Computer, das offenkundig nicht nur den Sicherheitsbehörden sondern auch Dritten möglich sei, bedeute einen massiven Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte Privat- und Intimsphäre.

 

Zum Bericht des Chaos Computer Clubs




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Kommentare

@franz
13-02-12 18:51
> Glaubt hier wirklich einer, dass das LkA Computer von
> unbescholtenen Bürgern ausspäht?

Unbescholten oder nicht - jedenfalls ohne gesetzliche Grundlage. Ähnliches lässt sich am Nürburgring beobachten.

> Aber grenzenlose Sicherheit einfordern.
Wer das fordert ist realitätsfremd - eine absolute Sicherheit gibt es nicht.

> Namensschilder fordern, damit der Täter auch noch an deren Familien herantreten kann

Es ging um Identifizierung - eine Nummer, welche sich _bei einer Anzeige_ zurückverfolgen ließe war schließlich auch im Gespräch.

> Werte, wie unser christliches Abendland sie hat
Aha - Deutschland ist ein Christliches Land… Soso… Dabei konnte sich der christliche Glaube doch eher durch einen schwachen Staat in dieser Gegend etablieren - wie kommt dann die Forderung nach starkem Staat?

> haben wir Verhältnisse wie in Berlin oder Hamburg!
Und die wären?

> Solange dem unbescholtenen Bürger nicht ein Licht aufgeht,
> dass dessen Daten der Polizei sowas von egal sind, solange
> wird es auch Wähler der Grünen geben.
Schade, dass es zu viele anders lautende Berichte gibt - und warum muss man Daten sammeln, die egal sind.
Franz
25-10-11 23:52
Was für ein Witz, den Rücktritt des bayer. Innenministers zu fordern! Kapiert hier eingentlich auch nur einer, um was es hier geht? Glaubt hier wirklich einer, dass das LkA Computer von unbescholtenen Bürgern ausspäht? Wer glaubt den wirklich, dass die Beamten des BLKA Zeit für solchen Blödsinn haben? Euer scheiß Computer ist doch so uninteressant wie, wenn ein Fahrrad in Japan umfällt.
Aber grenzenlose Sicherheit einfordern. Die wollen wir schon, aber machen darf die Polizei nichts. Freiheit, Gleichheit und freie Entfaltung der Persönlichkeit hat auch damit etwas zu tun, dass wir geschützt werden, vom Staat, von seinen Organen. Aber die Grünen, die sowieso nichts von der Polizei halten, Namensschilder fordern, damit der Täter auch noch an deren Familien herantreten kann, zeigt lieber auf seiner website einen Film, in dem geflucht wird, Gläubige verunglimpft werden. Werte und Normen kennt diese Partei sicherlich überhaupt nicht. Werte, wie unser christliches Abendland sie hat, sind dieser Partei definitiv fremd. Aber macht nur weiter so! Sofern diese Partei jemals in Bayern an die Macht kommt, haben wir Verhältnisse wie in Berlin oder Hamburg! Dann kann ich nur gratulieren! Koppelt Euch doch an die FDP und deren Datenschutzforderungen! Gemeinsam seid Ihr stark!
Solange dem unbescholtenen Bürger nicht ein Licht aufgeht, dass dessen Daten der Polizei sowas von egal sind, solange wird es auch Wähler der Grünen geben.
Ex-Grünenwähler
24-10-11 10:53
Volker Becks Rede anlässlich der Aktuellen Stunde vergangene Woche war eine der besseren, meine Anerkennung dafür! Allerdings hat er, ebenso wie Herr von Notz (dessen Redebeitrag leider eher bescheiden ausfiel), versäumt, ein generelles Verbot kriminalistischer "Malware" zu fordern!

Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass jenes "Kompetenzzentrum", wovon Union und Freiheitliche gerade schwadronieren, irgend etwas an der momentanen Situation verbessern würde? Weshalb habt ihr euch nicht mit den Linken abgesprochen, die ein eindeutiges *Verbot* sämtlicher staatlicher Trojaner-Attacken fordern? Oder wollt ihr es euch mit Blick auf die nächsten Wahlen nicht zu sehr mit den Christdemagogen verscherzen? Das wäre allerdings armselig!

Mein Entschluss steht fest:
Künftig bekommen nur noch die Piraten meine Stimme, ihr nicht mehr!
Frank
17-10-11 14:19
Aber die Totalüberwachung per Maut fordern (Kretschmer).
Ihr macht Euch nur noch lächerlich. Die Piraten haben
jetzt übrigens gegen IM Friedrich Anzeige erstattet.
betonfresser
12-10-11 15:41
der bayrische innenminister muß zurücktreten
securix
11-10-11 17:17
Einsatzverbot nicht nur für illegale Schnüffelsoftware, sondern auch Einsatzverbot für Innenminister, die das BVG verhöhnen und sich ihr eigenes "Recht" zusammenbasteln.
C
11-10-11 15:03
Dann können die Grünen ja gleich mal in BW anfangen, wo der Trojaner eingesetzt wurde und sie selbst an der Regierung beteiligt sind.
Bruno Kramm
10-10-11 08:31
Mindestens genauso alarmierend: Laut den Untersuchungsergebnissen weist der Trojaner eine geringe eigene Verschlüsselung auf. Der digitale Türöffner kann somit von kriminellen Programmieren für eigene Zwecke verwendet werden und hinterlässt damit nicht nur eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten und Privatrechten, sondern den Ausgespähten als willkommenen Opfer für weitere Angriffe und Missbrauch.
Klaus
09-10-11 21:36
Warum Innenausschuß????

Da wird doch eh nur allles unter dem Deckmantel der Geheimniskrämerei vertuscht!

Dieser Skandal gehört in einer öffentlichen Sitzung des Bundestages offengelegt.

Armes Deutschland, die Regierenden verspielen immer mehr ihre Glaubwürdigkeit vorm Volk. Schade dass die Grünen dieses Spiel mit wischiwaschi Aussagen alá .... Innenausschuß ... auch noch mitspielen!

Ich stelle mir ernsthaft die Frage: Soll ich das nächste mal wieder "Grün" wählen oder doch den frischen Wind der Piratenpartei mit meiner Stimme anfachen ...
jonny
09-10-11 14:39
na und, seit wann hält sich der staat denn an gesetze bzw. verfassung. für den kanzleramtsminister ist es "lass mich in ruhe mit dieser sch..e"...warum sollten sich die ermittlungsbehörden denn an die verfassung halten? das BVerfG ist doch nur noch ein muster ohne wert.

konsequenzen aus dem ganzen? keine natürlich.
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