Gegen die Überwachungsunion

Im Juni 2009 zog Christian Engström für die schwedische Piratenpartei in das Europaparlament ein. Dort schloss er sich der grünen Fraktion an. Im Doppelinterview mit Jan Phillip Albrecht spricht er über die Ziele der kommenden Jahre

  • 01.01.1970
    Im Juni dieses Jahres wurde der 49-jährige für die schwedische Piratenpartei ins Europaparlament gewählt. Er ist der erste Pirat in Brüssel und Strassburg – und bisher auch der auch einzige. Engström studierte Mathematik und Physik, er lebt mit seiner Familie in Stockholm. Im Januar 2006 verließ er die liberale Volkspartei und trat in die schwedische Piratenpartei ein. Mehr Informationen in diesem Portrait auf cafebabel.com
     
  • 01.01.1970
    Von 2006 bis 2008 war Jan Phillip Albrecht Sprecher der Grünen Jugend. Seit Juni sitzt er als jüngster deutscher Abgeordneter im Europaparlament. Der 27-jährige beschäftigt sich hauptsächlich mit Bürgerrechten, Justiz und innenpolitischen Themen. Zuletzt schrieb er auf gruene.de über seine Eindrücke der ersten Woche in Brüssel und Strassburg.
     
  • 01.01.1970
    Die schwedische Piratenpartei wurde im Januar 2006 gegründet, der deutsche Ableger im September des gleichen Jahres. In der Europawahl im Juni 2009 holten die deutschen Piraten 0,9 Prozent der Stimmen. In Schweden waren es 7,1 Prozent. Das entspricht einem Sitz im Europaparlament, den nun Christian Engström innehat. Mehr Informationen über die Piratenpartei
     
  • 01.01.1970
    Die Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz (Grüne/FEA) im europäischen Parlament wird im Wesentlichen von zwei Parteien getragen: Der Europäischen Grünen Partei und der Europäischen Freien Allianz. Der Fraktion gehören 55 Abgeordnete an, unter ihnen ist auch Christian Engström von der schwedischen Piratenpartei. Mehr Informationen gibt es auf www.greens-efa.org
     
  • Christian, nach der Europawahl im Juni hast Du Dich der grünen Fraktion im Europaparlament angeschlossen. Warum Grün?

    Die Tätigkeit der grünen Abgeordneten im Parlament ist dem Programm der Piratenpartei am nächsten. Ich kann hier am besten durchsetzen, was ich mir vorgenommen habe. Die Grünen bereits haben Arbeitsgruppen in Brüssel, die sich mit genau den Inhalten beschäftigen, die auch den Piraten wichtig sind. Das ist eine ziemlich starke Bewegung.

    Jan, welche gemeinsamen Themen siehst Du für die Grünen und die Piratenpartei?

    Wir, die Grünen und die Piraten, befassen uns mit der Frage, wie die Bürgerrechte im Internet geschützt werden können. Zudem hat das Internet die Macht, mehr Transparenz und Demokratie zu schaffen. Wir wollen die Freiheit im Netz auch verteidigen, um diese Chancen zu nutzen. Dazu gehört, den Austausch von Ideen, Meinungen und Kultur abseits von gewerblicher Nutzung für alle zu ermöglichen. Das Netz ist nicht das Fernsehen.

    Die Europäische Kommission möchte den USA auch weiterhin Informationen über alle internationalen Bank-Überweisungen innerhalb der EU liefern – die Daten des so genannten Swift-Systems.

    Christian Engström: Wir haben kein Problem damit, mit internationalen Behörden zu kooperieren. Wenn es einen konkreten Verdacht gibt. Doch es ist völlig unakzeptabel, wenn daraus eine Massenüberwachung wird. Zudem ist bei dem Abkommen mit den US-Behörden völlig unklar, wie die Datenschutzrechte der EU-Bürger in den USA geschützt werden.

    Jan Phillip Albrecht: Richtig. Wir können solchen Vorhaben nicht zustimmen, wenn die Bürgerrechte in der EU dadurch zum schmückenden Beiwerk werden. Die EU-Kommission ignoriert diese Rechte einfach. Dazu kommt noch ein zweiter Punkt: Es gibt keinen Grund, dieses Abkommen mit den USA ausgerechnet jetzt zu schließen. Die Kommission könnte ebenso gut warten, bis der Lissabon-Vertrag in Kraft getreten ist. Dann könnte das Parlament demokratische Kontrolle ausüben.

    Weitere Entscheidungen stehen in diesem Jahr an: Was denkt Ihr über das Stockholm-Programm der europäischen Innenminister?

    Christian Engström: Bis jetzt ist das Stockholm-Programm ziemlich schwammig. Aus den offiziellen Dokumenten geht nicht hervor, was nun wirklich Teil dieses Programms sein soll. Wir befürchten, dass mehr Überwachung, mehr Macht für Polizei und Militär die Folge sein werden. Aber wir brauchen nicht mehr Überwachung in der EU. Das ist der falsche Weg für Europa.

    Jan Phillip Albrecht: Wir sehen die Bestrebungen ja jetzt schon. Etwa die geplante Erhebung von Passagierdaten in allen Bereichen. Ich fürchte zudem, dass das Thema Netzsperren auch in der EU auf uns zukommt. Obwohl sie rechtsstaatlich höchst umstritten sind. Letztendlich können solche Maßnahmen ja keine Verbrechen verhindern. Dazu braucht es weiter gute Ermittlungsarbeit im Einzelfall. Die Polizei braucht nicht mehr Eingriffsrechte und neue Techniken, sondern muss die vorhandenen Mittel effektiver einsetzen können.

    Aber die europäischen Innenminister wollen das Stockholm-Programm. Was können wir konkret tun, um es zu verhindern?

    Jan Phillip Albrecht: Das Parlament allein kann das nicht. Wir brauchen eine starke Bewegung vieler Bürgerinnen und Bürger in Europa, die sagen: Wir wollen keine Europäische Überwachungs-Union.

    Christian Engström: Ich stimme Jan zu und möchte darauf hinweisen, welche wichtige Rolle die Wahlen in den einzelnen Mitgliedsländern spielen. Vieles in der EU wird von den Regierungen der Mitgliedstaaten bestimmt. Und diese werden gewählt – zum Beispiel im September in Deutschland.

    Zweites Beispiel: Auch das Telekom-Paket, welches die Telekommunikation europaweit regeln soll, enthält Vorschläge, die Online-Überwachung weiter auszubauen. Zum Beispiel durch Netzverbote nach Verstößen gegen das Urheberrecht.

    Christian Engström: Wir werden sehen, was im Herbst passiert, ob der Ministerrat dem Änderungsantrag des Parlaments zustimmt. Es geht uns vor allem um den Paragraphen 138, der die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger über die Entscheidungen von Justizbehörden stellt. Es geht darum, jetzt Grenzen zu setzen.

    Jan Phillip Albrecht: Das ist der Punkt. Im September müssen wir im Parlament zusammenhalten, um unseren Antrag in seiner ursprünglichen Form zu wahren. Wir hoffen, dass andere Parteien sich uns anschließen werden. Aber auch hier brauchen wir eine europaweite Bewegung der Nutzerinnen und Nutzer, um ihre Rechte schützen zu können.

    Wie steht es um die Einführung einer Kulturflatrate? Ist so etwas in Europa überhaupt möglich?

    Christian Engström: Die Piraten wollen die Kulturflatrate nicht. Es ist einfach nicht nötig, ein weiteres System für die Gebührenerhebung zu errichten. Entgegen aller Befürchtungen der Industrie investieren die Menschen noch immer eine Menge Geld in Musik und Filme. Sogar mehr als noch vor 10 Jahren. Aber das Urheberrecht muss sich anpassen.

    Jan Phillip Albrecht: Die Kulturflatrate kann für uns ein Weg sein, Filesharer nicht länger zu kriminalisieren und das Recht auf Privatkopie zu schützen. Schön zu sehen, dass es Punkte gibt, bei denen wir nicht ganz einer Meinung sind, Christian. Zugleich wollen wir aber auch an einer Reform des Urheberrechts arbeiten, wir wollen Creative Commons-Lizenzen fördern und eine freie Kultur jenseits der großen Unternehmen schaffen.

    Christian Engström: Das Allerwichtigste ist, dass wir aufhören, eine ganze Generation wie Verbrecher zu behandeln.

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Kommentare

raki
25-09-09 15:48
in den letzten Tagen werde ich ständig durch Telefonanrufe belästigt. Wenn ich abhebe, meldet sich niemand. Bis zu 3 Anrufe täglich, wahrscheinlich von einem Call-Center mit automatischer Wähleinrichtung.

Ich habe gehört, dass es inzwischen ein Gesetz gibt, das vor ungewünschten Anrufen schützen soll. Nur haben die Politiker wieder geschlafen und ihre Hausaufgaben nicht vollständig erledigt.

Anrufe, die von Maschinen (Servern) ausgeführt werden, werden von diesem Gesetzt nicht erfasst. Warum nicht?????????????

Und diese Politiker soll man nun morgen für eine Regierung wählen! Absurd.
Arno Nym
21-08-09 09:56
Ich vermisse bei den Grünen eine Stellungnahme zur
"Mittäterschaft" bei den verfassungswidrigen Gesetzen,
die bereits während der Regierungsbeteiligung beschlossen wurden.

Wie reagieren die Grünen auf sowas:
http://alles-schallundrauch.de/zu-dumm-grune-datendiebe/

Recht haben sie, oder?
Markus
20-08-09 17:37
B90/ Die Grünen sind also für mehr Datenschutz ...

Aber warum wird dann Vor- und Nachname gefordert, wenn ich mich registrieren will?
Polemik-Pirat
20-08-09 13:18
Wer schwarz-gelb verhindern will kann auch mal ganz strategisch die Piratenpartei ueber 5% waehlen.

Vielleicht sehen wir uns ja nach der naechsten Wahl in der gleichen Koalition! :D
Anonym
11-08-09 18:54
Ich finde es beispielhaft, wie sich Die Grünen gegen den Überwachungswahnsinn und die Missachtung des Grundgesetzes durch die Bundesregierung zu Lasten der Sportschützen einsetzen.
Die Schnüffeleien in den Privatwohnungen müssen sofort gestoppt werden.
kathy
11-08-09 11:59
Das ist die Partei die am wenigsten kaputt macht. Im Gegenteil Sie machen hin und wieder etwas gutes. :-)))))
Karl-heinz Krönes
07-08-09 09:37
der Staat zu viele überwachen
Basisdemokrat
06-08-09 12:02
Ich denke auch, dass die Grünen den Piraten als nächstes kommen bzw. die eindeutige besser Kombination darstellen. Sie ergänzen sich einander sehr gut.

Man sollte die Parteien nicht nach den "Meinungen" einzelner Politiker, derselben Fraktion, dafür verantwortlich machen. Sicherlich müssen solche Politiker "zurechtgewiesen" werden von der Basis.

Also liebe Grünen und Piraten, hetzt euch nicht gegeneinader auf, dass wäre nur im Sinne der anderen Parteien und versucht euch nicht gegenseitig die Mitglieder zu berauben bzw. diesen Versuch zu unternehmen.

Versucht lieber mal die Wähler der CDU, SPD und FDP zu überzeugen, denn die haben leider viel zu viele^^

Ich wünsche mir, dass die Piraten 5% erreichen bei der Bundestagswahl und das die Grünen auch mal wieder "zur Laus im Pelz" bei der CDU/SPD/FDP werden. Vor allem auch nach der Wahl! Das Netz vergisst nicht, sowie der "Standard-Offline-Wähler".

In diesem Sinne wünsche ich beide Parteien viel Glück!
Gorgonzola
05-08-09 10:49
Piraten UND Grüne werden in Europa gebraucht. Stockholm-Plan und Telco-Package sind tickende Zeitbomben, die undemokratisch und durch die Hintertür europäische Maßnahmen einführen, die dann in allen Staaten umgesetzt werden müssen! Die Vorratsdatenspeicherung ist auch eine Eruopa-Idee, wir müssen das jetzt ausbaden. Macht was dagegen!!!
Grün-o-mat
05-08-09 00:51
Güldner hat seine Ausage (O Wunder) relativiert: http://netzpolitik.org/2009/matthias-gueldner-antwortet-seinen-kritikern/

Ob er wirklich was dazu gelernt hat, darf als fraglich gelten, denn bei jemanden der die Diskussion sucht, sollten keine polemisierenden Beleidigungen auftreten. Aber naja, der Schaden ist angerichtet, hoffen wir, dass er durch die schnelle Reaktion begrenzt werden konnte.
Kommentar

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