Das Netz ist nicht bürgerrechtsfrei

Stellungnahme des Bundesvorstandes von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Beitrag des Bremer Abgeordneten Matthias Güldner

Screenshot des Beitrages von Matthias Güldner auf Welt Online

Am vergangenen Sonntag veröffentlichte Matthias Güldner, grüner Fraktionsvorsitzender in der Bremer Bürgerschaft, einen Beitrag im Debattenforum von Welt Online.

Wir veröffentlichen eine Stellungnahme des Bundesvorstandes von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN:

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, aber auch kein bürgerrechtsfreier Raum!

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN haben sich intensiv an der Debatte um die effektive Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet beteiligt und einen klaren Beschluss dazu auf dem letzten Parteitag gefasst, der die Pläne der Bundesregierung hier mit guten Gründen ablehnt.

Das Vorhaben von Frau von der Leyen und der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD den Aufbau einer umfassenden Sperrinfrastruktur umzusetzen haben wir klar abgelehnt. Auch im Kampf gegen Kinderpornografie gelten rechtsstaatliche Grundsätze, diese werden jedoch mit dem jetzt beschlossenen Gesetz nicht gewahrt.

Das Bundeskriminalamt bekommt eine nahezu unkontrollierte Befugnis und Telekommunikationsunternehmen werden erneut als Hilfssheriffs herangezogen. Wir Grüne kämpfen für ein rechtsstaatliches Vorgehen und einen wirkungsvollen Kampf gegen solche widerlichen Taten.

Daher ist unser Ziel, die Betreuung und Hilfe für die Opfer zu verbessern, die Verfolgung zu intensivieren und solche Inhalte konsequent aus dem Internet zu entfernen. Wir sagen: Löschen statt Sperren!
 
Der Beitrag von Matthias Güldner vom 27. Juli 2009 in der WELT widerspricht deshalb nicht nur unserer grünen Programmlage, sondern schlägt gegenüber denjenigen, die sich für ein freies Internet engagieren, einen aus unserer Sicht nicht akzeptablen Ton an.

Das Internet war nie und darf auch nie ein rechtsfreier Raum sein. Es geht aber nicht um ein rechtsfreies Internet, sondern um ein freies Internet, ohne Filter und permanente staatliche Überwachung, selbstverständlich im rechtsstaatlichen Rahmen und mit rechtsstaatlicher Verfolgung von Straftaten.

Klicke auf die Buttons, um das jeweilige Netzwerk zu aktivieren. Beachte, dass dadurch persönliche Daten an Facebook, Twitter oder Google übertragen werden.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/malte-spitz-225_03.jpg

Anmerkungen zum Sperrgesetz

Malte Spitz zur Abstimmung im Bundestag

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/Wikipedia_225.jpg

Revolution für freies Wissen

Sie ist die größte freie Wissensdatenbank der Welt und das Musterbeispiel für Schwarmintelligenz. Malte Spitz über die Zukunft von Wikipedia.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/NetzsperreStoppSchild_bka_225x130.jpg

Eine überfällige Entscheidung

Die Bundesregierung will das Netzsperrengesetz zurücknehmen. Sie hat eingesehen, dass Netzsperren wirkungslos sind.

Nazis im Internet

Nicht nur auf der Straße und im öffentlichen Leben ist es wichtig, aktiv gegen rechtsextremistische und menschenfeindliche Ideologien vorzugehen. Auch im Internet dürfen solche Parolen nicht hingenommen werden. Sei es auf Facebook, Youtube, in Foren oder auf eigenen Seiten - gerade im Netz fühlen sich viele Personen ermutigt, ihre Hasstiraden in die Welt zu posaunen. Auch hiergegen könnt ihr etwas unternehmen.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/europakandidaten-albrecht-640.jpg

Das Netz wählt grün

Kulturflatrate einführen statt Internetuser verfolgen, fordert Europakandidat Jan Philipp Albrecht

Kommentare

MGüldner
31-07-09 10:26
Ich habs schonmal gesagt, oder? Es geht hier nur noch um die knallharte Definitionsmacht in Zeiten der Virtualisierung der Welt. Und so diskutiere ich nicht! Fertig, aus!
Klaus Werner
31-07-09 10:20
"BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN haben sich intensiv an der Debatte um die effektive Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet beteiligt und einen klaren Beschluss dazu auf dem letzten Parteitag gefasst, der die Pläne der Bundesregierung hier mit guten Gründen ablehnt."
Soso, deswegen haben Sie ja auch "geschlossen" GEGEN das Gesetz gestimmt, nicht wahr (sofern man eine 1/3 Enthaltung als "geschlossen" betrachten kann)?

...und wieder ein Stammwähler weniger.
Wolfgang M
31-07-09 10:14
Was unterscheidet denn die Grünen von den großen Parteien? Ich sehe da mehr Gemeinsamkeiten, wie Machtgier, Populismus, Trägheit und nicht mehr das aktive Einstehen für einstige Prinzipien. Mit Worten alleine ist es besonders dann nicht mehr getan, wenn die Taten eine andere Sprache sprechen.
Die Demos gegegen den Überwachungsstaat wurden, abgesehen vom (privat?) mitmarschierenden Hans-Christian Ströbele, nicht aktiv unterstützt.
Wer will Euch noch Glauben schenken, wenn Worte, Taten und Aussagen von Eueren Leuten nicht mehr übereinstimmen?
Hubert K
31-07-09 10:05
@Sausi
Nein, es nicht "deren" Problem (bezogen auf den Bremer Landesverband). Es ist das Problem aller Grünen. Denn es hat ein hochrangiger Vertreter in einer deutschlandweit gelesenen Zeitung dieses Interview gegeben.
Stell dir vor bei der Präsentation des eines neuen BMWs sagt der Produktionsleiter, dass ihm die neuen Audis wesentlich besser gefallen und die BMWs nur Schrott sind. Dieser Mann wird sofort von seinem Posten entfernt und dazu aufgefordert, öffentlich zu widerrufen. Ist das deiner Meinung ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit?

Ich kann dir sagen, nein, das ist es nicht. Es ist sogar gefordert. Bei Vereinen nennt man so ei Verhalten "vereinsschädigend" und laut Gesetz sind Verein sogar dazu verpflichtet, sowas zu ahnden. Ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit?

Du verwendest hier Meinungsfreiheit falsch. Meinungsfreiheit gilt für natürliche Personen. Und dort gilt sie unbedingt! Was Güldners private Meinung ist, bleibt unantastbar. Aber seine politische Meinung, und genau diese hat er im geäußert, ist angreifbar, und dies _muss_ auch getan werden. Sie ist aber auch nur und ausschließlich für Mitglieder der Partei angreifbar, und da ich kein Parteimitglied bin, muss ich deswegen euch an der Basis immer wieder auffordern, das zu tun.

Mensch, mir liegt etwas an den Grünen, ich habe sie jahrelang unterstützt. Aber wie mittlerweile mit der Basis umgegangen werden ist himmelschreiend.
Wie kann man solche Leute verteidigen?!! Ich versteh das nicht. Sie verstoßen gegen grüne Grundsätze, sie müssen von ihren Positionen entfernt werden. Und das könnt und dürft nur ihr Parteimitglieder machen.

Was du hier an den Tag legst, ist das, was ich von der CSU-Basis kenne. Was "die da oben" sagen ist unangreifbar, das muss auf Biegen und Brechen verteidigt werden. Ich glaubte früher, dass die Themen bei den Grünen von der Basis in die Spitze steigen und diese Partei sich deswegen so wohltuend von den oligarchisch geführten Parteien a la CDU oder FDP abheben. Aber entweder dringt die Meinung der Basis nicht mehr bis in die Spitze, oder ihr habt dieses Konzept mittlerweile aufgegeben. Was bringt euch das schönste Parteiprogramm, welches demokratisch auf eurem Parteitag beschlossen wurde wenn die Leute, welche für euch im Parlament dieses Parteiprogramm umsetzen sollen, plötzlich eine andere Meinung haben und was das genaue Gegenteil davon umsetzen. Und das wird von dir geduldet mit einer falschen Begründung von Meinungsfreiheit?

Ich will hier keine halbherzige pro-forma Gegenposition vom Bundesvorstand lesen, ich möchte sehen, wie die Basis erfolgreich solche Leute von der Spitze wegkriegt. Ich wähle keine Grünen damit die MdBs dann ihre Privatmeinung verfolgen. Ich wählte die Grünen damit die MdBs die grüne Parteipolitik (Zweitstimme Grün!) umsetzen.

Ihr treibt mich echt noch zu den Linken.
takeo_ischi
31-07-09 08:57
@MARKUS

Sehr gut geschrieben. Sie beschreiben und analysieren das aktuelle Dilemma sachlich und besonnen. Chapeau.
markus
31-07-09 03:42
ein wichtiger aspekt neben der inhaltlichen übereinstimmung, der mich zum überzeugten "stammwähler" der Grünen macht, ist die in allen ebenen der parteistruktur gebene wertigkeit der einzelmeinung, die letztendlich im nicht vorhandenen fraktionszwang ihren ausdruck findet.

was andere politisch opportun oder medial steuernd gern als »innerparteiliche zerstrittenheit« bezeichnen, ist für mich wesentliches merkmal, demokratische selbstverständlichkeit und nicht zuletzt umsetzung des grundgesetzlichen anspruches der persönlichen gewissensentscheidung. die öffentlich geführte auseinandersetzung bis hin zur abstimmung entgegen einer vorhandenen parteilinie bewirkt etwas ganz wichtiges, das dem grossen sumpf deutscher politik und medien nahezu komplett abgeht: transparenz ergibt sich automatisch, ob das nun gewollt und im einzelfall vorteilhaft für die Grünen ist oder nicht.

für mich ist es vorteilhaft. ich bin niemals allein mit einer parteilinie konfrontiert, die durch vertreter der partei in abhängigkeit ihrer persönlichen überzeugung mal mehr, mal weniger glaubhaft vertreten wird. bei den Grünen finden konträre ansichten öffentlich ausdruck und haben ein gesicht. das macht die Grünen abseits der inhalte für mich aus, ist ein sehr wichtiger multiplikator in meiner wahlentscheidung.

die wertigkeit der einzelmeinung hat aber auch ihre schattenseite. meine unterstützung ist schon immer im bewusstsein erfolgt, dass eben auch die stimme "meines" abgeordneten in diesem konstrukt der innerparteilichen auseinandersetzung eine von mehrheiten abhängige einzelmeinung bleibt. sie kann also jederzeit zur stimme jenseits der parteilinie werden, wenn diese sich ändert. die parteilinie ändert sich für mich faktisch, wenn sie nicht umgesetzt wird. zweifel in der wahlentscheidung verhalten sich proportional zur frage der umsetzbarkeit einer parteilinie. denn, auch das ist tendenziell eine schattenseite, mit der wertigkeit der einzelmeinung, der diskussionsbereitschaft, nimmt auch die schwierigkeit zu, eine parteilinie überhaupt erst festzulegen. ein für mich verlässliches parteiprogramm, in das ich mein vertrauen setzen muss. ein vertrauen, das bei den Grünen somit sehr intensiv strapaziert wird. ich betrachte diesen umstand bis heute durchweg positiv, denn er ist, ebenfalls automatisch und ob gewollt oder nicht, ein aufruf zum mitdenken. in der summe findet eine abwägung zwischen positiver grundlage und zweifel an ihrer umsetzbarkeit statt.

nun geht es, wie bereits wiederholt in den kommentaren angeführt, um die summe aus zu deutlicher enthaltung im Bundestag und wortmeldung des Herrn Güldner. unter dem aspekt "bürgerrechtspartei" geht es in sachen wahlentscheidung ans eingemachte. denn, das sei allen verdeutlicht, die es noch nicht begriffen haben, das thema bürgerrechte stellt einen, wenn nicht den kernpunkt der anstehenden wahlentscheidung eines beträchtlichen teiles der wahlberechtigten dar, zusätzlich nahezu aller zukünftig wahlberechtigten.

liebe Grüne, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie egal diesen immer dringender auf schritt und tritt verdächtigten, ihrer bürgerrechte in scheiben beraubten, in der summe schlicht kriminalisierten menschen eure übrigen, jederzeit einem verlässlichen konsens unterliegenden inhalte aktuell sind. diese inhalte sind längst selbstverständlichkeit, grüne grundversorgung, unzweifelhafter teil der parteilinie. das mag euch nicht schmecken, prioritäten über den haufen werfen. ihr solltet es jedoch realisieren und jenseits der ausgemachten zielgruppe, die sowieso längst bescheid weiss, thematisieren. mit der angesprochenen zielgruppe könnt ihr es euch ausschliesslich verscherzen.

wir haben hinsichtlich der bürgerrechte einen von der politik des vergangenen jahrzehnts verschuldeten point of no return erreicht. in meinem gesamten umfeld, dessen zusammensetzung einem Herrn Güldner sicher den schock der demographischen realität in die glieder fahren liesse, beobachte ich ausnahmslos eine stimmung, in der insbesondere aufgrund der "sicherheitspolitik" mit ihren längst nicht mehr hinnehmbaren, direkten auswirkungen auf den alltag politisch keine gefangenen mehr gemacht werden. hier besteht praktisch nur noch ein thema, ein bezug, an dem sämtliche politik gemessen wird. und es gibt nur noch eine bemessungsgrenze, die das direkte echo dieser politik und ihrer auswirkungen darstellt: wer sich, in welcher form auch immer, an einer fortschreitenden aushöhlung der bürgerrechte beteiligt, diese beabsichtigt oder sich in weiterführenden vorhaben auf die bestehende aushöhlung beruft, der ist aus dem spiel. das kann man durchaus auf »wer nicht für uns ist, ist gegen uns« zuspitzen. ja, wir haben exakt den punkt erreicht, an dem diese widerliche floskel aus der politik aufgenommen und ihr um die ohren gehauen wird. ganz schlicht und entgegen der grundsätzlichen überzeugung, dass man über alles reden kann und sollte, und mit einer ordentlichen portion »die haben angefangen« obendrauf.

denn hinsichtlich der bürgerrechte ist ein punkt, an dem noch eine diskussionsgrundlage vorhanden wäre, nicht erreicht, sondern deutlich überschritten. auch die art der umsetzung bürgerfeindlicher politik trägt entscheidend zu einer kompromisslosen reaktion bei. während es lange zeit bedenkliches merkmal der politik war, lediglich im umgang mit dem "politischen gegner" zeitweise jeglichen anstand vermissen zu lassen, findet dieser charakterzug inzwischen direkt gegenüber dem bürger anwendung. Herr Güldner ist nicht der erste, der jeglichen respekt gegenüber den bürgern über bord geworfen hat. die jeweilige motivation ist dabei längst vollkommen irrelevant, denn politische querschläger werden nicht mehr als solche wahrgenommen, weil sie sich in eine deutliche tendenz einreihen. es gibt im bestreben bürgerrechte zu beseitigen und diese beseitigung durchzusetzen offensichtlich keine schranken mehr. es wird gelogen und betrogen, korrumpiert und mit formalen tricks zur umgehung hinderlicher rechtsstaatlichkeit gearbeitet, dass es nur so kracht.

wer sich also darüber wundert oder es als unangemessen empfindet, dass hier in den kommentaren sowohl eine deutlichere distanzierung von Herrn Güldner als auch seine sofortige entfernung aus parteiämtern gefordert wird, der ist tatsächlich derjenige, der sich in dem nebel irgendwo zwischen virtualität und realität befindet, den Herr Güldner so absurd ausgemacht haben will. und wer so denkt, geht in diesem nebel unzweifelhaft in die falsche richtung, denn das aus sicht der politik fatale am echo auf ihre bürgerfeindlichkeit ist, dass es sich in diesem punkt nicht, wie gewohnt, demographisch festmachen und auf dieser basis zum eigenen zweck ausnutzen lässt. das gegenteil jeder demographischen hoffnung ist der fall, wie oft auch immer dümmliche begrifflichkeiten wie »internet-community« und andere wiederholt oder nicht minder realitätsferne »generationen xy« erfunden und einer wunschvorstellung zur durchsetzung politischer ziele zugeordnet werden.

ein kommentar, ein "twitter", die online erfolgte mitzeichnung einer petition und alles weitere ist ebenso real wie die gesetzlich verankert online erfolgte steuererklärung. der unterschied ist nicht inhaltlich, sondern er liegt ausschliesslich darin, dass ein ganz realer mensch diese und andere dinge über ein alternatives medium erledigt. ein medium, das quer durch alle demographisch definierten schubladen alltagsgegenstand ist.

für politik, wirtschaft und weite teile der medienlandschaft ist dieser mensch, dieser bürger, allerdings immer und nur dann real, wenn es bei ihm etwas zu holen gibt. wer nicht realisiert, dass "das internet" lediglich ein medium ist, das analog zu allen anderen medien unaufhaltsam in den alltag der gesamten gesellschaft übergeht, die sich zudem nach wirtschaft und politik durch dieses medium endlich ebenfalls globalisieren kann, der muss sich in seinen bürgerfeindlichen bestrebungen mindestens so beeilen und dabei so infam die öffentlichkeit belügen wie Frau von der Leyen und ihre mitstreiter. die umsetzung solcher bestrebungen funktioniert längst nur noch jenseits der realität, anhand selbst erschaffener, virtueller feindbilder und unter bewusster ausblendung jeglicher sachlichkeit.

oppositionelle enthaltung ist zustimmung. das mag grundsätzlich eine diskutable these sein, im gegebenen fall ist sie in meinen augen jedoch nicht diskutabel. ~30% faktische zustimmung zu einem gesetz, das in krassem widerspruch zu kapitel 8 des parteiprogramms steht, haben mich an besagtem abend mehrfach um den block laufen lassen. es änderte nichts an meinem ersten eindruck, dass das zuviel ist. ich war nicht verwundert, sondern schockiert. zuviel, um den begriff "abweichler" aufs äusserste zu strapazieren. zuviel, um kapitel 8 weiterhin als parteilinie, die gewährleistung und verteidigung des restbestandes der bürgerrechte weiterhin als kernpunkt grüner politik aufzufassen. zuviel, um auf die umsetzung dieses kernpunktes meiner wahlentscheidung zu vertrauen. gleichzeitig war es aber ziemlich genau so viel, um gespannt die innere reaktion der Grünen, ihre auseinandersetzung mit diesem abstimmungsergebnis zu erwarten. aber da kam nichts ausser der vereinzelten ankündigung einer diskussion und der aufklärung der, na klar, abweichler. hier war ich nicht mehr schockiert, sondern angesichts abgeordneter einer "bürgerrechtspartei", die in einem solchen zusammenhang unwissenheit für sich in anspruch nehmen, entsetzt. das blanke entsetzen. und wisst ihr was, liebe Grüne? ich nehme einem abgeordneten einer "bürgerrechtspartei" nicht ab, dass er angesichts des für jeden offensichtlichen frontalangriffes dieses gesetzes auf gleich mehrere grundfesten der freiheitlich demokratischen grundordnung nicht weiss, wie er abzustimmen hat, unter welchem namen auch immer ihm so etwas vorgelegt wird.

und es war ja dann auch sommer. schon während der abstimmung und ziemlich auffällig auch in allen lesungen. liebe Grüne, sommer ist die zeit, in der ganz besonders viele menschen am eigenen leib und auch in Güldners wortsinn ganz real erfahren, wie es um ihre bürgerrechte inzwischen bestellt ist. was die politik möglichst schnell und unauffällig vor ihrer sommerpause vom tisch fegen wollte, ist aufgrund der politik des vergangenen jahrzehnts nach der sommerpause für noch viel mehr bürger ein thema.

nun kommt also Herr Güldner und mit ihm dieses ungute gefühl der bestätigung, der versuch innerer aufklärung der "abweichler" könnte ein sinnloses unterfangen sein, nachdem die wenigen aussagen der enthalter die richtung bereits gewiesen hatten. eine inhaltliche reaktion auf seinen artikel erübrigt sich aus meiner sicht. das ist aufgrund des umfanges die bisher unterste stufe, in jeder denkbaren hinsicht vollkommen indiskutabel. ignorant, verlogen, respektlos, boshaft. in beliebiger reihenfolge. nein, der artikel ist keine polemik. er ist insgesamt schlicht abstossend, weil er durchweg von arroganter verachtung geprägt, gleichzeitig aber bloss ausdruck erschreckender defizite ist. Güldner wendet sich gegen die bürger, gegen "parteifreunde" und parteilinie, gegen technischen fortschritt und wohl auch gegen seine tätigkeit als »Consultant für das britische Kinderhilfswerk "Save the Children U.K."«. wobei man ja nicht mehr durchblicken kann, welche nationale sektion welcher unter dem oberbegriff kinderhilfe politisch tätigen organisation gerade in welchem land für oder gegen blinde holzhammerpolitik jenseits aller subsidiarität und zielsicher auf kosten und zu lasten aller bürger eintritt. hinsichtlich dieser tätigkeit ist er also entweder skandinavisch korrupt oder australisch widersinnig. wie auch immer man es dreht, kann man den artikel in der summe und in verständlicher dialektik wohl nur als eine sturzbescheuerte frechheit bezeichnen. spätestens, wenn Herr Güldner sich oder seinen artikel, wer wollte das interpretieren, als »Tor des Monats« auch noch witzig findet.

der nebel lichtet sich nicht, wenn man als partei einfach feste daran glaubt, diese vorgänge würden von den betroffenen, den bürgern, nicht auf die partei, auf grüne politik in ihrer gesamtheit übertragen. mein vertrauen jedenfalls ist nicht erschüttert. es ist im für mich entscheidenden punkt schlicht nicht vorhanden, in misstrauen umgeschlagen. ich muss mit 39 jahren erstmals die frage, ob etwas gegen meine unterstützung der Grünen spricht, die, nachdem sich alle gegenseitig die meinung gegeigt haben, eben doch meine interessen vertreten, mit ja beantworten. ihr habt meine in diesen 21 jahren wahlberechtigung ununterbrochene unterstützung, mein vertrauen, mit taten gewonnen. ihr werdet mich insbesondere jetzt durch keine parteilinie, kein programm, sondern ausschliesslich durch taten umstimmen.
Herr Gesangsverein
31-07-09 00:42
Vielen Dank für die Entscheidungshilfe noch vor der Bundestagswahl.
Nach über 25 Jahren Grün- und Rot-Wähler sind sie mich los.
Die SPD wohl für immer. Die Grünen werde ich vielleicht in 8 Jahren nochmals prüfen.

Den Kosovokrieg habe ich toleriert.
Den Afghanistankrieg habe ich toleriert.
Hartz4 habe ich hingenommen.

Doch von einer Partei, die ich wählen würde, erwarte ich soviel technischen und moralischen Sachverstand, dass die Ablehnung des sogenannten Zugangserschwernisgesetzes eine absolute und niemals in Frage zu stellende Selbstverständlichkeit sein muss.

Es fördert einerseits dieErrichtung eines Überwachungsstaates. Und das systemimmanent - also zwangsläufig.
Andererseits hilft es keinem Opfer und bestraft keinen Täter.

Dieser Sachverhalt ist im Grunde skandalös.

Die Erste Bürgerpflicht der Grünen wäre es, dagegen massiv zu mobilisieren.
Stattdessen wird dem Thema "Bürgerrechte" offensichtlich keine grosse Bedeutung zugemessen.

Absicht, also alles kleine Möchtegernüberwacher?
Oder kennen die sich wirklich mit der gesellschaftlichen Bedeutung moderner Technologien nicht aus?
Mittlerweile ist es aber ein absolut essentielles Thema.

Ich weiss nicht, was schlimmer ist.


Ich werde einen leeren Stimmzettel abgeben oder die Piraten wählen.
Michael
30-07-09 20:20
Die Causa Zugangserschwernisgesetz (alias Netzzensurinfrastruktur-Verordnung) ist nur ein weiteres Kapitel des politischen Geschehens, in dem die Grünen ihr Unvermögen demonstrierten.

"Die Grünen, einst eine bürgernahe, idealistische Partei, haben sich zunehmend
von der Realpolitik vereinnahmen lassen. Im Zweifelsfall geben sie ihre liberal
ökologisch- pazifistischen Überzeugungen auf, um den Machterhalt zu
gewährleisten. Beispiele sind hier das Votum der Grünen für den Kosovo- und
Afghanistan Krieg, das Mittragen der Agenda 2010 in allen Punkten sowie das
Einknicken vor Ole von Beust Elbhafenpolitik in Hamburg."
(http://illairen.blogger.de/stories/1456776/)

Insofern war das Abstimmungsverhalten, trotz der offiziösen Linie der Bundestagsfraktion mit seinen 1/3 Enthaltungen (mal ehrlich: enthalten haben sich jene Abgeordneten doch nur deshalb, weil man nun mal in der Opposition ist) nur als weiterer Beweis dieser Entwicklung zu sehen. Was ich persönlich durchaus mit Bedauern sehe, denn eigentlich sympathisiere ich mit den Grünen bzw. habe es in der Vergangenheit getan. Allerdings ist nun auch bei mir der Punkt erreicht, Konsequenzen aus dem Desaster im Juni zu ziehen.

Diese Partei werde ich nicht mehr wählen, nicht nur wegen Herrn Güldner, sondern weil ich schmerzhaft erkennen musste, dass konservativ-borniertes Gedankengut à la Uhl und Bosbach schon in der grünen Spitze (z.B. bei Frau Künast) Widerhall findet: nennen wir's den Oswald-Metzger-Effekt. Für schwarz-grüne Koalitionen ist mir meine Stimme aber zu schade!

Deshalb werde ich sie künftig einer Partei zukommen lassen, die, auch wenn sie momentan noch recht klein ist, zumindest dafür sorgen wird, dass die Altparteien sich ihrer Sache nicht mehr zu sicher sein können: der Piratenpartei.
Volker
30-07-09 18:40
ZITAT: @Volker
Du fällst wohl auf jeden Troll rein wie?

Scheint so...schliesslich hab ich die letzten 3 Bundestagswahlen auf ein grünes Pferd gesetzt.
Das eine absolute Ablehnung mit fast 30% Enthaltung gleichsetzt.

Wobei es mich nicht wundern würde, wenn M.G. das selbst geschrieben hätte...Würde chronoligisch fast mit dem Verschwinden des "Statements" auf seiner Homepage harmonieren.
sausi
30-07-09 18:28
@Volker
Du fällst wohl auf jeden Troll rein wie?
Kommentar

Wir freuen uns auf Meinungen zu diesem Artikel. Bitte beachtet unsere Nutzungsbedingungen.
Die Kommentarfunktion dient nicht dazu, direkt mit uns Kontakt aufzunehmen oder Fragen zu stellen. Dafür haben wir ein Kontaktformular.



CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.