Fleischeslust
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In Zeiten des Internets kann die Unterhaltungs- und Kulturindustrie die Kontrolle über die Werke nicht mehr zurückgewinnen. Aber es müssen Wege gefunden werden, die Kulturschaffenden angemessen zu vergüten. Ein Text von Tim Renner für den schrägstrich 02/2012.

Singen konnte Sven Regener nie wirklich gut. Sein Trompetenspiel reicht auch nicht, um ernsthaft in einem Konservatorium vorspielen zu können. Wucht und Durchsetzungskraft hatte er aber damals schon, als ich ihn vor mittlerweile mehr als 25 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne stehen sah. Die Texte seiner Band Element of Crime waren noch auf Englisch. Wer bereits jenseits der Muttersprache das Publikum mit seinen Zeilen zum Zuhören bewegen konnte ist ein Wortgewaltiger, das klar. Ich nahm ihn und seine Band für die große Plattenfirma Polydor unter Vertrag.
Die Welt war damals noch analog. Die Verbreitung der CDs und somit der Verkauf von Musik als digitale Daten hatte gerade erst begonnen. Wer länger auf einen Computerbildschirm schaute, dem tränten die Augen – undenkbar so jemals freiwillig ein Buch zu lesen. Die Filme gab es im Kino und später auf VHS, dann im Fernsehen und die Zeitungen und Zeitschriften gab es natürlich nur am Kiosk. Der Produzent von Medien und Kulturgütern hatte volle Kontrolle über die Werke der Kunstschaffenden und Medienmacher. Wir konnten entscheiden, wann man was in welchem Zusammenhang zu sehen, hören oder lesen bekam. Diese Zeiten sind vorbei.
Sven Regener hat zwischenzeitlich weit über hunderttausend Platten verkauft und Bestseller geschrieben. Er ist älter und konservativer geworden, aber ich mag ihn auch noch heute. Anzuhören wie er dem (fast bemitleidenswerten) bayrischen Rundfunkautor Erich Renz einen einschenkt, macht allein schon ob seiner Wortwahl und der brillanten Betonung des Textes einen großen Spaß. Kaum zu glauben, dass das Gespräch, welches heute als Regeners „Wutrede“ bekannt ist, improvisiert war. Trotz vieler Erfolge in seinem Leben, ist der YouTube-Mitschnitt vom Radiosender wahrscheinlich Regeners bislang größter Hit.
Profilierte Redakteure wie Kurbjuweit im Spiegel („Die Freiheit der Wölfe“), 51 Autorinnen und Autoren des „Tatort“ (offener Brief an „Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde“) als auch die vielen Unterzeichner (darunter Daniel Kehlmann, Charlotte Roche und abermals Sven Regener) des vom Literaturagenten Matthias Landwehr verfassten Aufrufs „Wir sind die Urheber“ setzen aktuell gegen die von Sven Regener angeprangerte „Kostenlos-Kultur“ nach – suggeriert wird, nur mit staatlicher Kontrolle könne verhindert werden, dass die Ideen und Kreativität im Netz geplündert werden, wie die Waren aus einem Supermarkt während eines Bürgerkriegs.
Diejenigen, die sich gegenüber der von ihnen festgestellten „Kostenlos-Kultur“ verwehren, frönen ihr in der Regel selbst nicht. Darin liegt das zentrale Missverständnis begründet. Täten sie es, wüssten sie, dass im Netz „umsonst“ eine Schimäre ist. Die Villa, die Autos, die Hausmädchen von Kim Schmitz, dem mittlerweile inhaftierten Gründer der Plattform Megaupload, kommen nicht von ungefähr, sondern sind Ergebnis der Gebühren des Dienstes, die man bei intensiver Nutzung zu zahlen hatte. Auch die vielen Millionen, die man meint als Gewinne von kino.to ausgemacht zu haben, sind nicht Ergebnis des Porno-Banners, das man wegklicken musste, sondern der „Optimierungszugänge“, die man für bis zu 14,99 im Monat abonnieren sollte, damit der Stream mit den neuen Kinofilmen besser lief. Das Geschäftsmodell hat sich bis heute (jetzt beim Nachfolger kinox.to) nicht geändert.
Bezahlt wird für Service und Inhalte im Netz immer. Entweder im Rahmen von Flatrates für aktuelle Musik oder Filme oder eben mit Zeit oder persönlichen Daten. Denn auch dort, wo der Konsument mit Pop-Ups und anderer Werbung beballert wird oder sich durch Fragen in Suchmaschinen oder in sozialen Netzwerken offenbart, entsteht ein Mehrwert. Die wenigsten Plattformen werden von Altruisten betrieben, die meisten haben sehr wohl ein Geschäftsmodell. Das erkennt auch der auf die „Kostenlos-Kultur“ schimpfende Regener: „Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen (…), ist scheiße.“
Es ist anzunehmen, dass eine Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer Regener zustimmen würden. Ihnen geht es nämlich in erster Linie um guten Service, nicht um „kostenlos“. Würden sonst Supermärkte unter dem Risiko drastisch steigenden Ladendiebstahls ihre Läden offen gestalten und die Nadelöhre an den Kassen verschwinden lassen? Würden sonst die Märkte, in denen es für Musik legale Streamingangebote gibt, die so schnell wie die Radiostationen bedient werden, plötzlich wieder deutlich wachsen (Skandinavien, Frankreich, BeNeLux)? Kostenlos ist kein Menschheitsbedürfnis. Und weder Diebstahl noch Plünderei sind cool. Plünderung ist kein Hobby von Hipstern, sondern Ausdruck von Wut (siehe die Londoner Krawalle von 2011) oder purer Not (siehe den Kohlenklau in den Nachkriegsjahren). Erinnert sich einer an den heldenhaften Plünderer, der mit seinen Taten und der Beute prahlt? Nein, Diebstahl und Plünderei sind gesellschaftlich geächtet, schon allein weil ein jeder von uns Opfer werden kann.

Das Bedürfnis nach bequemem und unmittelbarem Zugriff auf Entertainment-Inhalte ist jedoch offensichtlich ein Bedürfnis. Es bahnte sich bei Musik schon vor fast 15 Jahren mit Napster den Weg. Im Rahmen einer hitzigen Diskussion über „Internet-Piraterie“ innerhalb des Bundesverbandes Musikindustrie, an der ich damals für die Universal Entertainment teilnahm, fragte ich die Chefs der anderen, großen Plattenfirmen, wer denn schon einmal Napster genutzt habe. Napster war damals ein Peer-to-Peer-Service und illegal. Keine einzige Hand hob sich.
Alle Musik war dank Napster jederzeit verfügbar. Das und nicht der Fakt, dass man nichts zahlte, machte den Dienst zum Erlebnis. Das Gefühl war dabei wie beim Kohlenklau – man tat es mangels anderer Möglichkeit, war aber mitnichten stolz auf sich. Hätte man sich seitens der Musikindustrie inhaltlich mit dem illegalen Konkurrenten beschäftigt, statt ihn ungesehen und ungenutzt zu verdammen, hätten wirkliche, legale Alternativen nicht fünf (iTunes), respektive zehn (Spotify, Streaming-Dienst) Jahre nach Napster auf sich warten lassen.
Die Musikindustrie hat aus Unkenntnis über die Bedürfnisse ihrer ehrlichen Kundinnen und Kunden, diese im Internet entweder gar nicht bedient oder ihnen lange mit Kopierschutz das Leben schwer gemacht. Verständlich, dass auf diese Art und Weise die überholte CD nicht non-physisch ersetzt werden konnte. Besonders dort nicht, wo wie in Deutschland das Geschäftsmodell mangels GEMA-Einigung für die legalen Anbieter über Jahre unkalkulierbar blieb. 83 Prozent des Umsatzes wurde 2011 in Deutschland noch mit Tonträgern gemacht, das ist ein globaler Spitzenwert im konservativen Sinne (in den USA waren es zum Vergleich 49 Prozent).
Um Sven Regeners Wut gerecht zu werden, müssen wir also nicht nach schärferen Gesetzen rufen, sondern Blockaden wie zwischen GEMA und YouTube aufheben helfen, damit die adäquaten Angebote entstehen. Diese Angebote und Künstler wie Sven gilt es dann dadurch zu schützen, dass man wie im Fall Schmitz und kino.to zu Recht geschehen, die Menschen bestraft, die an ihren Geschäftsmodellen Kreative nicht angemessen beteiligen. Es geht darum zu vergüten, statt zu verbieten. Die Kontrolle darüber, wann und wie ein Werk gelesen, gehört oder gesehen wird, kann die Unterhaltungs- und Kulturindustrie nicht mehr zurückgewinnen. Dazu müsste man letztlich das Internet abschaffen. Das kann aber nicht das Ziel sein und wäre sicher auch nicht im Sinne von Sven, der letztlich zu Recht nur Respekt und finanziellen Ausgleich fordert.
Tim Renner ist Musikproduzent, Autor und Professor an der Popakademie Baden-Württemberg.

Ein Kommentar von Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Das Internet hat unsere Gesellschaft auf eine neue technisch-kommunikative Basis gehoben. Historische Vergleiche mit der Einführung der Eisenbahn oder der Elektrifizierung sind durchaus angebracht. Eine solche epochale Neuerung stellt soziale, kulturelle und rechtliche Regeln auf den Prüfstand. Die Debatte um das Urheberrecht ist ein Beispiel hierfür. Es geht keineswegs um „Petitessen“, sondern darum, die Weichen für die Wissens- und Informationsgesellschaft des 21. Jahrhundert richtig zu stellen. Die Art, wie die Debatte bisher geführt wurde, war wenig produktiv. Juristen, Politik und Wirtschaft, Kreative und User sind zum Teil mit „harten Bandagen“ unterwegs. Ich bin Tim Renner dankbar, dass er in seinem Beitrag Brücken baut – sowohl der Form wie dem Inhalt nach. Seinen Grundsatz, „Vergüten statt Verbieten“, teile ich absolut. Wir können und wollen das Internet nicht zu einer universalen Kontrollmaschine aufrüsten. Wir müssen auch zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung deutlich unterscheiden. Statt einer Abmahnwelle und millionenfacher Kriminalisierung von privaten Nutzerinnen und Nutzern brauchen wir bürger- und freiheitsrechtsschonende Regelungen – und natürlich faire Vergütungen für Kreative!
Viele Blockaden müssen gelöst werden, auch zwischen GEMA und YouTube oder bei der zu schleppenden Einführung von legalen Modellen – auch hier hat Tim Renner Recht. Viele Kunstschaffende wollen ihre Werke zudem direkt im Internet vermarkten, Kreative ihre Inhalte unter Creative-Commons-Lizenzen ins Netz stellen. Auch das unterstützen wir.
Creative Commons ist eine Non-Profit-Organisation, die verschiedene Standard-Lizenzverträge anbietet. Mit diesen können Urheber der Öffentlichkeit auf einfache Weise Nutzungsrechte an ihren Werken einräumen.
Und bei öffentlich geförderten Projekten sollte gemeinfrei zugänglich sein, was von der Gemeinschaft bezahlt worden ist. Wir Grüne fragen als bisher einzige Partei auch nach weiteren Vergütungsmodellen für die digitale Nutzung, zum Beispiel nach Pauschalvergütungen und Kulturflatrate-Modellen.
Die Kulturflatrate ist eine gesetzlich geregelte Pauschalabgabe auf Internetbreitbandzugänge, deren Einnahmen an die Urheber digitaler Inhalte verteilt werden sollen. Gleichzeitig soll die nichtkommerzielle Verbreitung digitaler Kopien, etwa in Filesharing-Portalen, legalisiert werden.
Wenn es möglich ist, auch auf diesem Weg zu einem fairen Ausgleich beizutragen und zusätzliche Einnahmen für Kreative zu generieren, dann wollen wir diese Chance nutzen.
Digitaler Wandel und Wirtschaft