Zurück in die 80er

Atomkraft, Roth

Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

In punkto Atompolitik scheint Schwarz-Gelb zu halten, was es versprochen hat. Erleben wir ein Comeback der Atomkraft?

Wir erleben gerade einen Frontalangriff auf eine Politik, die viel Zukunftsfähigkeit bewiesen hat. Der Atomausstiegskonsens hat dieses Land nach vielen Jahren Auseinandersetzungen befriedet. Ich erinnere an Wackersdorf, an Brokdorf, an Gorleben oder an Neckarwestheim. Überall gab es diese heftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
Schwarz-Gelb katapultiert Deutschland zurück in die achtziger Jahre und vergibt damit die Chancen der Erneuerbaren Energien und damit auch einen möglichen Standortvorteil für Deutschland. Das konterkariert auch alle Ankündigungen etwas gegen den Klimawandel tun zu wollen.

Union und FDP wollen nur die "sicheren" Atomkraftwerke längere laufen lassen. Gibt es die überhaupt?

Es gibt keine sicheren Atomkraftwerke! Wer das behauptet, lügt! Die vielen, vielen meldepflichtigen Zwischenfälle zeigen es. In diesem Sommer war es ja nicht nur Krümmel. Atomkraftwerke sind nicht beherrschbar und nicht geschützt vor Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen.

Sie sind in hohem Maße gesundheitsgefährdend. Aktuelle Studien haben wieder bewiesen, dass es rund um Atomkraftwerke zu einer signifikanten Erhöhung von Leukämiefällen bei Kindern kommt. Ich würde mir wünschen, dass Schwarz-Gelb sich mit den Eltern an einen Tisch setzt, deren Kinder an Leukämie erkrankt sind.

Schwarz-Gelb hat angedroht, dass die Energiekonzerne einen Teil der Gewinne aus der Laufzeitverlängerung in den Ausbau der Erneuerbaren Energien stecken müssen. Eine sinnvolle Maßnahme?

Nein, denn mit der Laufzeitverlängerung werden gleichzeitig die Wege für die Erneuerbaren Energien verstopft. Die Erneuerbaren brauchen ganz andere Bedingungen und andere Stromnetze. Sie sind nicht mit der Atomkraft kompatibel. Windkraft beispielsweise braucht andere Zusatzenergien als Atomkraftwerke. Sie braucht dezentrale kleine Gaskraftwerke.

Je weiter die Laufzeiten verlängert werden, desto weniger wird in die notwendige Dezentralisierung investiert. Man verstärkt hiermit die Macht der vier großen Konzerne. Das ist bestenfalls greenwashing. Die Großkonzerne können sagen: "Ach im übrigen tun wir auch was für die Erneuerbaren Energien."

Schwarz-Gelb redet von "Laufzeitverlängerung". Wann endet diese Verlängerung?

Das sagen Union und FDP natürlich nicht. Würden sie die Atomkraft wirklich als eine Brückentechnologie behandeln, müssten sie ganz klar sagen, wann sie endet. Hierfür müssten sie den Atomausstiegskonsens neu bestimmen. Da sie das nicht tun, halte ich das für einen Beschiss. Sie bereiten den Wiedereinstieg in die Atomtechnologie vor.

Gorleben soll zeitnah wieder als Atommüll-Endlager erkundet werden. Der bis 2010 von Rot-Grüne verhängte Erkundungsstopp wird aufgehoben mit der Begründung: "Eine verantwortungsvolle Nutzung der Kernenergie bedingt auch die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle." Ist Gorleben eine verantwortungsvolle Lösung für sichere Endlagerung?

Dieser Satz ist zynisch. Es ist keine sichere Endlagerung für radioaktive Abfälle bekannt. Laufzeiten zu verlängern und damit jeden Tag mehr Müll zu produzieren ohne zu wissen, wie denn ein sicherer Endlagerstandort aussieht, ist unverantwortlich.

Das Erkundungsmoratorium gegenüber Gorleben war eine richtige Entscheidung. Eine weitere Erkundung hätte eine Vorfestlegung auf Gorleben bedeutet. Ganz offensichtlich hat sich Schwarz-Gelb für Gorleben entschieden.

Das ist der helle Wahnsinn!

Angesichts des Absaufens der Asse ist die Vorfestlegung auf Gorleben absolut unverantwortlich. Die Asse, die ja das Modell für Gorleben war, ist momentan vielleicht das größte Umweltproblem in Deutschland. Dieses Modell hat nicht hunderttausende Jahre gehalten, sondern ist nach wenigen Jahren radioaktiv abgesoffen.

Was wir endlich brauchen, und das hat die Große Koalition in den letzten vier Jahren nicht getan, ist eine ergebnisoffene Endlagersuche entsprechend der Kriterien des unter Rot-Grün eingesetzte Arbeitskreises "End".

Wieviel Kraft hat die Anti-Atombewegung jetzt? Und welche Rolle wollen die Grünen dabei spielen?

Die Atompolitik wird eine der zentralen Auseinandersetzungen mit Schwarz-Gelb, die in den Parlamenten aber auch auf den Straßen stattfinden muss. Nach den Demonstrationen in Gorleben im letzten Herbst und der großen Anti-Atom-Demonstration mit über 50.000 Menschen vor wenigen Wochen in Berlin, brauchen wir eine weitere Renaissance der Antiatombewegung.

Die Verlängerung der Laufzeiten schafft zwar pro Tag und pro Atomkraftwerk einen Nettogewinn von einer Million Euro für die Energiekonzerne, aber vernichtet de facto Arbeitsplätze in den Erneuerbaren Energien. Es ist daher nicht nur eine Frage der Atomkraftgegner sondern auch der Gewerkschaften. Es ist auch eine ethisch-moralische Frage und damit sind auch die Kirchen aufgefordert an diesem breiten Bündnis teilzunehmen und zusammen auf die Straßen zu gehen und Druck auszuüben.

Es kann nicht sein, dass Schwarz-Gelb eine Politik durchzockt, die von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewollt wird.

Klicke auf die Buttons, um das jeweilige Netzwerk zu aktivieren. Beachte, dass dadurch persönliche Daten an Facebook, Twitter oder Google übertragen werden.

Atomkraft: Schluss jetzt!

Die Anti-Atom-Bewegung muss am 18. September 2010 in Berlin zeigen, dass der Ausstieg aus dem Atomausstieg keine Option ist.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/vattenfail_9_225.jpg

Heute: Defekte Brennstäbe

Vattenfall musste weitere Pannen zugeben. Grüne Demonstranten forderten die endgültige Abschaltung von Krümmel!

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/Atomkraft_Erneuerbar_225x130.JPG

Licht und Schatten

Wie stehen die Grünen zum schwarz-gelben Energieplan? Claudia Roth erläutert den Antrag des Bundesvorstandes zum kommenden Parteitag am 25. Juni in Berlin.

Aufruf nach Gorleben

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland will keine Atomkraft mehr. Das haben nicht zuletzt die kilometerlangen Proteste der Menschenkette zwischen Krümmel und Brunsbüttel und die für Schwarz-Gelb desaströse Wahl in NRW gezeigt. Trotzdem bahnt sich ein heißer Herbst an und die Anti-Atom-Bewegung muss am 18. September 2010 in Berlin zeigen, dass der Ausstieg aus dem Atomausstieg keine Option ist.

http://www.gruene.de/uploads/tx_rsmttnewsext/Demozug_Dannenberg225x130_01.jpg

Gorleben stoppen

Im November ist es wieder soweit, der nächste Castor rollt nach Gorleben!

Kommentare

Daniel
19-10-09 14:39
Ich war 20 Jahre SPD-Mitglied, werde nun austreten und wollte meinen Anschluss eigentlich bei den Grünen suchen. Den Schwenk von Euch im Saarland zur CDU (im übrigen auch der in Hamburg)hat mich desillusioniert. Ich versteh langsam die Bürger, die überhaupt keine Ahnung mehr haben, wen sie eigentlich wählen sollen. In Thüringen ist Matschie vernebelt, im Saarland der Ulrich verniebelt.Zweien Parteien, FDP und Union, die dem Atom-Irrtum obliegen, die Steigbügel zu halten, das ist fatal. Und macht Euch und die Sozen zumindest zu Mitläufer und damit beliebig. Schade.
Michael Scheier
19-10-09 01:24
Liebe Gruene, es passt für mich nicht zusammen, wie Ihr hier gegen Schwanzgelb wettert und Euch gleichzeitig auf Landesebene Euch alle Koalitionsoptionen offenhalten wollt. Verratet dann bitte einmal, wie Widerstand gegen diese Politik möglich sein soll wenn nicht über die Landesparlamente und den Bundesrat? Ihr werdet bei den Wahlen in NRW die Quittung für diese Politik der Beliebigkeit bekommen. Aber wenn Ihr genug Stimmen bekommt, um FDP und CDU die Mehrheit zu sichern, ist das ja nach aktueller Sachlage auch ausreichend für Euch. Oder habe ich da etwas missverstanden?
Alfred Walter
18-10-09 22:34
Der Aufruf den hier Frau Roth von sich gibt ist Aufruf zu Klassenkampf, so geht es nicht Frau Roth lebt von diesem Volk seinen Steuern.Fragt man die Leute möchten sie Atom sagen sie nein, sagt man Ihnen dass in Zehn Jahren der Strom dann 50 % teurer ist dann ist die Abneigung wie weggeblasen. die Gewerkschaften werden sich nicht vor einen Karren spannen lassen der ins ungewisse fährt.Der Strom kommt nicht aus der Steckdose.Aber Frau Roth lebt in Ihrer Welt, Deutsche kinder sollen türkisch lernen, damit die armen Türken nicht deutsch lernen brauchen. Ich kann nur sagen Gott hat uns in letzter Minute geholfen mit dieser Regierung, sie wird die Wirtschaft wieder ankurbeln
James Bond
18-10-09 17:26
Die Mission ist gescheitert! Es wäre für Ulrich und Co besser im Saarland zu bleiben, in Rostock kann man diesen gequirlten Quark nicht verkaufen! Manchmal muss man die Notbremse ziehen! Noch ist Zeit dazu!
Steve
17-10-09 17:36
Ich bin dafür, dass die Leute die eventl. wieder große Polizeieinsätze auslösen insbesondere bei Schienenblockierungen etc. - nicht bei einfachen friedlichen Demos - dafür anteilig den Polizeieinsatz in Rechnung gestellt bekommen.
Amovitam
17-10-09 16:41
@Nicolas

Gut das es im Saarland keine Atomkraftwerke gibt. Jedenfalls nach meinen Infos.

Ich werde die Grünen ebenfalls nicht mehr wählen und habe meinen Parteiaustritt bereits kund getan. Ich finde es zu tiefst traurig, dass ich nun soweit gehen muss. Ich dachte, ich hätte bei den Grünen endlich eine politische Heimat gefunden. Scheinbar war dieser Gedanke zu naiv.

Ein enttäuschter Ex-Grüner
Nicolas
17-10-09 14:58
Auch ich frage mich ob Jamaika im Saarland die richtige Entscheidung war.
Aber: Bund und Länder sind etwas verschiedenes. Hier geht es um die Atompolitik im Bund, im Saarland setzten die Grünen einen Verzicht auf Atomstrom durch.
Die Grünen im Saarland haben mit ihren 3 Abgeordneten unglaublich viel rausgeholt in ihren zentralen Themen Umwelt und Bildung.
Svend von Holtey
17-10-09 11:53
Vielen Dankfür diese Nachricht, aber wenn ich mir anschaue, mit wem die Grünen im Saarland koalieren, bedaure ich, dass ich die letzten 20 Jahre grün gewählt habe. Die nächste Wahl in NRW werde ich das nicht mehr tun
realsatire
17-10-09 00:04
"Es kann nicht sein, dass Schwarz-Gelb eine Politik durchzockt, die von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewollt wird."

MUHAHAHA, ganz großes kino, fragt mal die bevölkerung im saarland, was sie sich wünscht. RIP grüne ideale, die rettet auch kein "böse AKWs" mehr!
Robert
17-10-09 00:01
Mit denen wollt ihr im Saarland zusammen gehen!

Unglaublich sowas das man sich noch nicht einmal auf die Grünen verlassen kann da steigen die doch tatsächlich im Saarland mit der Atomlobby ins Bett und Bundesweit beschließt schwarz gelb die Laufzeitverlängerungen für AKWs.

Ich bin mal gespannt wie ihr das euren Wählern klar machen wollt.
Kommentar

Wir freuen uns auf Meinungen zu diesem Artikel. Bitte beachtet unsere Nutzungsbedingungen.
Die Kommentarfunktion dient nicht dazu, direkt mit uns Kontakt aufzunehmen oder Fragen zu stellen. Dafür haben wir ein Kontaktformular.



CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.