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Technisch und ökologisch machbar

Mehrere Studien belegen, dass die Umstellung des Energiebedarfs auf erneuerbare Energien bis 2050 zu schaffen ist. Diese müssten aber naturverträglich ausgebaut werden, damit auch die Umwelt profitiert. Ein Beitrag von Marion Blitz für den Schrägstrich.

Auf dem Land liefern 20.000 Windräder Strom.

„Wir hatten hier vorher gar nichts“, erzählt Gerhard Oberweis, Bürgermeister von Berglicht. Heute steht in dem Ort im Hunsrück ein Gemeindehaus, es gibt einen Rasensportplatz, der Spielplatz ist neu gestaltet und demnächst steht der Ausbau des Kindergartens an. Finanziert wurde und wird das zu einem großen Teil aus den Pachteinnahmen für fünf Windräder, die auf gemeindeeigenem Land stehen. Dabei waren die Bedenken der Einwohnerinnen und Einwohner anfangs groß: Verschandelung der Landschaft, Lärm, Schattenwurf im Sommer und Eiswurf im Winter. Im Gemeinderat und auf Einwohnerversammlungen wurden das Vorhaben ausführlich erörtert und Gutachten zum Lärm- und Umweltschutz eingeholt.

Seit 2001 sind die Windräder nun in Betrieb: „Schattenwurf haben wir je nach Sonneneinfall vielleicht zweimal im Jahr und nur an den wenigen Tagen, an denen Ostwind weht, ist außerhalb des Hauses ein leichtes Summen zu hören“, so Oberweis. „Die meisten Bürgerinnen und Bürger identifizieren sich inzwischen mit dem Projekt, auch weil wir damit unseren Ort zukunftsfähiger gestalten können.“ Fast 80.000 Euro jährlich an Pachteinnahmen seien für eine 500-Einwohner-Gemeinde schließlich viel Geld, erklärt der Bürgermeister, der schon neue Pläne hat: Ein weiteres Windrad ist in Planung und es wird überlegt, dass die Gemeinde dafür weniger Pacht und stattdessen günstigen Strom erhält.

Kritik an Windparks kommt nicht nur von besorgten Anwohnerinnen und Anwohnern. Umweltverbände wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) fordern, dass unter anderem Vogelschutzgebiete, Brut- und Rastplätze bedrohter Arten, die Umgebung von Feuchtgebieten und Gewässern sowie wichtige Fledermauslebensräume in Wäldern und an Waldrändern von Windkraftanlagen freigehalten werden. Weniger klare Erkenntnisse gibt es aus Sicht des NABU allerdings zur Offshore-Windenergie. Während an Land bereits über 20.000 Windräder Strom liefern, wird im Meer Neuland betreten. Erst vor wenigen Monaten ging mit „Alpha Ventus“ nördlich von Borkum der erste deutsche Windpark auf See ans Netz. In den kommenden Jahren sollen in Nord- und Ostsee weitere riesige Offshore-Anlagen entstehen; sie sind die Zukunft der Windenergie und zentral für eine Energieversorgung, die vollständig auf Erneuerbaren basiert.

Unglückliche Standorte

„Ein deutlicher Ausbau der Windkraft auf See ist möglich und nötig“, sagt Carsten Wachholz, NABU-Referent für Energiepolitik und Klimaschutz, „aber für die ersten Projekte wurden sehr unglückliche Standorte ausgewählt, die vor allem die streng geschützten Schweinswale bedrohen.“ Der Unterwasserlärm, der beim Rammen der Fundamente in den Meeresgrund entsteht, erreicht einen für die Tiere unerträglichen Lärm. Dabei gibt es technische Möglichkeiten zum Schallschutz. „Aber die wurden bei Alpha Ventus nicht richtig eingesetzt und man hat die Chance vertan, die Technik weiterzuentwickeln und Standards für den künftigen Offshore-Ausbau zu setzen“, kritisiert Wachholz.

Ökologisch fraglicher als Windkraft ist die Biomasse-Erzeugung. Laut Branchenprognosen kann Bioenergie 2020 in Deutschland etwa 15 Prozent der Energieversorgung decken, wofür in etwa eine Verdopplung der heutigen Anbaufläche auf rund vier Millionen Hektar nötig wäre. „Ob das zu viel ist, hängt davon ab, wie die Landwirtschaft betrieben wird“, sagt Dr. Ulrike Doyle. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und hat am SRU-Sondergutachten „Klimaschutz durch Biomasse“ mitgearbeitet.

Problematisch ist in Deutschland vor allem der zunehmende intensivlandwirtschaftliche Anbau von Raps für die Biodieselherstellung und Mais für Biogasanlagen. „Beide Pflanzen werden meist in Monokulturen angebaut und benötigen deshalb viel Düngemittel und Pestizide“, erklärt die Wissenschaftlerin. Zwar verweist die Branche darauf, dass die EU Nachhaltigkeitskriterien vorschreibt, die den hohen Anteil von Mais verhindern. Doch das ist für den Anbau in Deutschland laut Doyle Theorie: „Die bisherigen Regelungen haben nicht ausgereicht, um die Biodiversität dieser landwirtschaftlichen Flächen zu erhalten.“ Zudem werde die Reduktion der Treibhausgase durch Biomasse überschätzt. „Die Emissionen, die durch den intensivlandwirtschaftlichen Anbau und Landnutzungsänderung – also Rodung, Trockenlegen von Mooren, Umbruch von Grünland – entstehen, wurden nämlich meist nicht mit eingerechnet „, erklärt sie. Und nach wie vor nicht berücksichtigt würden indirekte Landnutzungsänderungen, also die Verdrängung von Nahrungs- und Futtermitteln durch den Anbau von Energiepflanzen auf vorher nicht landwirtschaftlich genutzte Fläche.

Biomasse-Anbau entschleunigen

Eine Untersuchung des Bundesamtes für Naturschutz von 2009 hat gezeigt, dass die unerwünschten Biomasse-Trends meist unmittelbar auf die Förderpolitik zurückzuführen sind. So bevorzuge das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) energieeffiziente Kulturen, wie beispielsweise Mais. „Deren Förderung müsste aber sofort gestrichen werden zugunsten von Pflanzen, die den Boden nicht so auslaugen“, betont Ulrike Doyle. Und es sei eine „Entschleunigung“ – unter anderem längere Bodenruhe, geringerer Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln – des Biomasse-Anbaus nötig sowie eine vorrangige Nutzung von Reststoffen wie Althölzern, Mist, Ernterückständen und Bioabfällen.

Auch der NABU fordert, die Biomasse-Erzeugung an ökologische Mindeststandards zu koppeln und die Förderung „auf die Einsatzstoffe zurückzufahren, die umweltverträglicher sind, also in erster Linie Reststoffe“, so NABU-Referent Wachholz. Außerdem müssten die Rohstoffe möglichst effizient genutzt werden, etwa durch Kraft-Wärme-Kopplung oder eine „Kaskaden-Nutzung“. Bei Holz bedeutet dies beispielsweise, dass es zunächst als Baumaterial verwendet und nach dieser Nutzungsphase energetisch verwertet wird. Grundsätzlich sollte Biomasse vorrangig dort eingesetzt werden, wo es kurzfristig keine sinnvollen Alternativen gibt: bei der Produktion von Kunst- und Kraftstoffen, um dort den Einsatz fossiler Rohstoffe zurückzudrängen.

Erhöhung der Energieeffizienz

Dass ein Umbau der Stromversorgung zu 100 Prozent Erneuerbaren bis 2050 in Deutschland ökologisch verträglich und technisch machbar ist, zeigt die Studie „Energieziel 2050“ des Umweltbundesamtes (UBA). Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) kommt zum gleichen Ergebnis. 100 Prozent Erneuerbare sind laut SRU-Berechnungen auch ökonomisch vorteilhaft: Je nach Kostenentwicklung der konventionellen Energieträger werde ein regeneratives Energiesystem zwischen 2030 und 2040 zur kostengünstigsten Stromversorgungsoption.

Doch nicht nur die Stromgewinnung kann bis 2050 komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden, sondern die gesamte Energieversorgung Deutschlands. Das zeigt das aktuelle Energiekonzept des Forschungsverbunds Erneuerbare Energien (FVEE). „Technisch ist das absolut machbar“, so Professor Jürgen Schmid vom Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES), einer der Autoren der Studie: „Wir brauchen nur die entsprechenden politischen Entscheidungen, um geeignete Rahmenbedingungen herzustellen.“ Dazu gehöre beispielsweise, auf EU-Ebene die rechtlichen Voraussetzungen für ein transeuropäisches Stromnetz zu schaffen. Die wichtigste strategische Aufgabe zur Umsetzung des Konzepts sei aber, so Schmid, die Erhöhung der Energieeffizienz: „Wir müssen Strom ohne Abwärmeverlust erzeugen – das ist heute fast Stand der Technik, per Kraft-Wärme-Kopplung und elektrischen Wärmepumpen heizen und im Verkehr Elektromobilität nutzen und den Schwerlastverkehr auf die Schiene verlagern.“ So ließe sich der Primärenergiebedarf im Vergleich zu heute um die Hälfte reduzieren.

Erwartungen deutlich übertroffen

Noch ambitionierter ist das neue Energiekonzept der grünen Bundestagsfraktion. Die politischen Zielmarken lauten: Europaweit 100 Prozent Stromversorgung aus Erneuerbaren bis 2030 und bis 2040 Vollversorgung mit erneuerbaren Energien – also inklusive Verkehr und Wärme. „Technisch und finanziell ist das machbar, das kann man aus dem SRU-Gutachten ablesen, wenn man sich die Details anschaut“, so Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Was ihn so zuversichtlich stimmt: „Alle Untersuchungen und Prognosen der vergangenen zehn bis 15 Jahre wurden übertroffen, selbst die optimistischsten!“ Als komplett unrealistisch galt beispielsweise das von Rot-Grün im Jahr 2000 ins EEG geschriebene Ziel, bis 2010 eine Verdopplung der erneuerbaren Energien bei der Stromversorgung auf 12,5 Prozent zu erreichen. „Aber heute haben wir schon fast 17 Prozent erreicht“, so Fell. Oder die globale Windenergieprognose der Internationalen Energieagentur (IEA): 100 Gigawatt Leistung seien bis 2020 erreichbar, hieß es vor acht Jahren. Heute – also zehn Jahre vor dieser Marke – produzieren die Windparks weltweit bereits 160 Gigawatt.

Diese Dynamik werde sich sogar noch beschleunigen – davon ist Fell überzeugt: „Unabhängig von den politischen Rahmenbedingungen wird eine ökonomische Kraft pro Erneuerbare wirken, weil die Preise für fossile Energien aufgrund deren weltweiter Verknappung massiv steigen werden und gleichzeitig die Preise für Erneuerbare rasant fallen.“ Uran wird sich beispielsweise laut Jahresbericht 2009 der EU-Behörde Euratom Supply Agency (ESA) in den kommenden Jahren deutlich verteuern und es ist fraglich, ob nach 2013 die Minen ausreichen, um den heutigen Weltverbrauch von knapp 70 Kilotonnen im Jahr zu decken. Bis dahin ist zumindest Deutschland von Uran unabhängig – wenn das grüne Energiekonzept umgesetzt wird. Dass dies gelingen kann, glaubt auch Professor Schmid vom IWES, „wenn alle Hebel in Bewegung gesetzt werden.“