Der Text "Unser Spitzenduo". Dazu die Gesichter von Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt.

Grundbaustein einer gerechten Gesellschaft: Eine Schule für Alle

Ein Debattenbeitrag von Vito Dabisch (BAG Bildung), Rhea Niggemann und Robin Völker (KV Berlin-Neukölln)

Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht und gute Bildung der Schlüssel zur Mitgestaltung der Gesellschaft. Die Bedeutung von Bildung nimmt stetig zu. Dahinter stecken nicht nur ökonomische Interessen, auch die Demokratie kann nur mit aufgeklärten, frei und selbstständig denkenden Bürger*innen funktionieren. Das heißt aber nicht, dass unbedingt alle Menschen Abitur und Studium absolvieren sollen, zumal ein hohes Maß an Bildung schon längst keine Garantie mehr für Aufstieg und Sicherheit bedeutet. Bildung ist mehr als die Summe der im Bildungssystem verbrachten Jahre und soll vor allem die Ausbildung persönlicher Stärken und Fähigkeiten zum Ziel haben. Eine gerechte Bildungspolitik will nicht zwangsläufig alle Menschen an die gleichen Abschlüsse heranführen, aber sie will allen Menschen die tatsächliche Möglichkeit dazu bieten. Hiervon ist Deutschland, wie weitläufig bekannt, meilenweit entfernt. Viele Lösungen sind in der Vergangenheit diskutiert worden, von einer praxisnäheren Lehrer*innenausbildung, über die bessere Bezahlung von Lehrkräften, kleineren Klassen, binnendifferenziertem Lernen bis hin zum Ausbau der Ganztagsschulen. Alles richtige und wichtige Forderungen. Doch ein zentraler Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit wird oft vernachlässigt – auch bei uns Grünen: das längere gemeinsame Lernen.

Die bisherigen Reformen waren allenfalls Reförmchen

In wohl keinem anderen Politikfeld klaffen wissenschaftliche Erkenntnisse und eine entsprechende Umsetzung durch die Politik so eklatant auseinander wie in der Bildungspolitik. Eine der größten Quellen von sozialer Ungleichheit im Bildungssystem ist die Differenzierung beim Übergang von der Grund- auf die Oberschule. Die Faktenlage zu den Nachteilen des gegliederten Schulsystems und den Vorteilen einer „Schule für Alle“ ist erdrückend. Nicht umsonst steht Deutschland mit seiner hierarchischen Gliederung der Schulformen nach der vierten Klasse international praktisch alleine da.

Trotzdem weigert sich die Politik, das Problem anzugehen und das Schulsystem grundlegend zu reformieren. Auch in Grün mitregierten Ländern werden allenfalls Reförmchen verabschiedet. Der in NRW groß gefeierte sogenannte "Schulfrieden“ beinhaltet lediglich die Schaffung einer fünften Oberschulform. Neben Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Gesamtschule gibt es nun noch die Sekundarschule. Auch in Baden-Württemberg sollte der bisherige Erfolg der Gemeinschaftsschule nicht zu groß geredet werden. Seit dem Schuljahr 2012/13 können sich prinzipiell alle Oberschulen in Gemeinschaftsschulen umwandeln und bei mindestens 60 interessierten Schüler*innen eine gymnasiale Oberstufe anbieten. In der Praxis führte dies meist nur zu einer Umwandlung von Haupt- in Gemeinschaftsschulen oder höchstens zu einer Zusammenlegung von Haupt- und Real- zu Gemeinschaftsschulen. Der Anteil der Schüler*innen die an einem Gymnasium unterrichtet werden, stieg seit der Einführung der Gemeinschaftsschule sogar minimal an, von 27.5 Prozent auf 27.8 Prozent. Der Anteil der Haupt- und Realschüler*innen ist hingegen leicht rückläufig zu Gunsten von Schüler*innen, die eine Gemeinschaftsschule besuchen.

Eine Schule für Alle funktioniert nur, wenn auch Alle hingehen

Genau das ist das Problem. Das Konzept der Gemeinschaftsschule arbeitet mit einer heterogenen Schüler*innenschaft und kann deshalb nur aufgehen, wenn sie von Schüler*innen aus allen gesellschaftlichen Milieus besucht wird. Wenn ein Großteil der Kinder aus privilegierten Elternhäusern über Gymnasien aus diesem Modell herausfällt, verkommt die Gemeinschaftsschule zu einer „Resteschule“. Dabei zeigt beispielsweise die Berliner Gemeinschaftsschule in der wissenschaftlichen Begleitstudie immer wieder, dass es möglich ist, dass alle Schüler*innen vom gemeinsamen Lernen profitieren können. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine Analyse der Hamburger Längsschnittstudie KESS: In Schulklassen mit großen Leistungsunterschieden, lernen Schüler*innen besser als in homogenen Klassen. Besonders leistungsschwache Schüler*innen erreichen an allen Regelschulformen höhere Leistungszuwächse. Aber auch die Leistungsstarken lernen in gemischten Klassen entweder genauso gut oder sogar besser als in Klassen, die wenig Unterschiede aufweisen.

Von dieser fördernden Wirkung einer „Schule für Alle“ können aber nur alle profitieren, wenn sie von allen besucht wird! Es ist daher ein Fehler, dass keine der bisherigen Schulreformen den konsequenten Schritt gegangen ist: Alle Schulformen zu einer zusammenzuführen.

Veränderungen kommen nicht von selbst

Dies wird nicht ohne politischen Gestaltungswillen funktionieren. Gibt man den Schulen bei der Schulstrukturfrage das letzte Wort, so werden sich vor allem die Gymnasien entziehen. Denn sie bieten bildungsbewussten Milieus die Möglichkeit, sich von „den Schmuddelkindern“ abzugrenzen und Eltern aus diesen Milieus werden in den meisten Fällen an dieser Möglichkeit festhalten wollen. Das zeigt auch eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2013. Sie kommt bei der Analyse des Schulwahlverhaltens zu einem wenig überraschenden Ergebnis: „Die zentralen Motive von Eltern aus gehobenen Milieus und auch aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft bei der Schulwahl sind Distinktion und soziale Homogenität“. Das Bedürfnis nach Abgrenzung und Besitzstandswahrung der Privilegierteren und das gesellschaftliche Interesse an Bildungsgerechtigkeit lassen sich nicht miteinander vereinbaren. In der Praxis führt dies immer wieder dazu, dass das geltende Recht genutzt wird, um Abgrenzung zu erreichen und zu sichern. Warum dann aber ausgerechnet den Verfechter*innen einer Beendigung des separierenden Schulsystems eine ideologische Argumentation vorgeworfen wird, bleibt eine große Skurrilität der gesellschaftlichen Debatte, die sich auch in unserer Partei findet.

Drei Schritte zu einer gerechten grünen Bildungspolitik

Der Weg zur „Schule für Alle“ wird nicht ohne Widerstände verlaufen. Doch wenn wir gute Bildung für alle Schüler*innen wollen, führt kein Weg daran vorbei. Natürlich braucht eine demokratische Entscheidung auch Unterstützung aus der Bevölkerung. Doch wir hätten wohl kaum überzeugende Konzepte zum Atomausstieg, der Lebenspartner*innenschaft, einem neuen Staatsbürger*innenrecht oder einer liberalen Drogenpolitik entwickelt, wenn wir jedes Mal davor die Demoskop*innen befragt hätten. Warum wir ausgerechnet in der Bildungspolitik nur noch tun sollen, was gesellschaftlicher Konsens ist, bleibt unbegreiflich und ist gerade in diesem Bereich fatal. Denn in fast keinem anderen Politikfeld wird das Problem abnehmender politischer und gesellschaftlicher Teilhabe so deutlich. Von einer Schulreform profitiert vor allem, wer politisch wenig oder gar nicht partizipiert. Und gerade für die, die ihre Rechte nicht selber einfordern (können), müssen wir Politik machen.

Was wir tun sollten:

  1. Das Anreizsystem für Schulen sich in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln kurz- und mittelfristig weiter verstärken und diese Schulform zur absoluten politischen und finanziellen Priorität erklären. Auch auf Kosten der Gymnasien.
  2. Als gesellschaftlicher Akteur endlich wieder das Ziel einer "Schule für alle" nach außen tragen und die Vorteile dieser Schulform stärker kommunizieren. Wir müssen klarmachen, dass Heterogenität ein Wert an sich und die Bedingung für Dynamik in einer Gesellschaft ist.
  3. Eine Bildungspolitik machen, die Hand in Hand geht mit Verteilungsgerechtigkeit. Gerade in Zeiten wachsender Kinderarmut und einer dringend notwendigen besseren Unterstützung von Familien mit Kindern mit Förderbedarf, geht es darum Bildungs- und Sozialpolitik stärker miteinander zu verzahnen. Nur so schaffen wir eine gerechte Gesellschaft.

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