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Katrin Göring-Eckardt reicht einer alten Dame im Pflegeheim ein Stück Kuchen von einem Tablett.

Ein richtig harter Job

Katrin Göring-Eckardt hat am 1. Mai in einer Pflegestation den Menschen, die dort arbeiten zugehört und einiges mitgenommen. Ihre Erfahrungen hat sie hier aufgeschrieben.

Frau K., die neben mir sitzt, hat seit vielen Jahren immer wieder Krebs. Sie hat sich immer wieder zurückgekämpft. Im Moment ist sie wieder einmal krank. Aber sie ist trotzdem zum Termin gekommen. Sie will erzählen, was ihr auf den Nägeln brennt. Eigentlich sollte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben, aber sie hängt daran. Sie will weiter machen. Sie ist Pflegefachkraft. Einer der anstrengendsten Berufe, die ich kenne, und einer der am schlechtesten bezahlten. Das war am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Gewerkschaften fordern, es wird diskutiert und demonstriert. Ich gehe in diesem Jahr dahin, wo auch an diesem Tag, natürlich im Dreischichtsystem, gearbeitet wird. Waschen, Hilfe beim Frühstück, beim Mittagessen, beim Abendbrot, beim Toilettengang, zwischendurch für Unterhaltung sorgen, Vorlesen, gemeinsam etwas unternehmen, Aktivierung und Pflege, Gespräche mit den Verwandten. Dann gibt es einen Notfall. Jemand stirbt und man ist wieder einmal unterbesetzt. So beschreibt mir Frau K. den Alltag einer Pflegekraft.

Ich frage: „Was treibt sie am meisten um, was nehmen sie mit, wenn sie nach Hause gehen?“ Die Antwort: „Hab ich wirklich alles getan? Der Mann, der heute gefallen ist, in seinem Zimmer, mitten in der Nacht, hätte ich ihn früher finden müssen? Na klar, ich habe nach Plan gearbeitet, alles richtig, alles hält jeder Kontrolle stand, aber hätte ich es vielleicht doch merken müssen?“ Eine andere Antwort: „Ich kann es schwer aushalten, wenn es dem Ende zu geht und es gibt kein Akzeptieren bei der Familie. Wir sollen noch einmal alles versuchen. Aber die alte Dame, sie will nicht mehr, sie hatte ihr Leben und jetzt möchte sie gehen. Und sie will jemanden, der ihr die Hand hält, aber keine Be-Hand-lung mehr. Natürlich ist es nicht meine Aufgabe, es den Verwandten zu sagen, aber ich würde mich so gern auf die Seite der Frau stellen, die ich in den letzten Monaten fast jeden Tag gesehen habe. Sie lachte viel, war immer dabei, dann wurde sie stiller und jetzt möchte sie so gern los lassen.“

Wie sind sie eigentlich auf diesen Beruf gekommen? Die Antwort: „Ich wollte es, von Anfang an. Ich mache das jetzt seit 34 Jahren. In den letzten 15 Jahren gab es keinerlei Gehaltserhöhung. Aber hier, in diesem Team, das ist mir wichtig, also bleibe ich.“ Eine andere Antwort: „Ich hab früher was mit Jugendlichen gemacht. Dann die Umschulung, jetzt mache ich hier die Pflegeassistenz. Wir lesen vor, backen, stricken, was so ansteht im normalen Alltag. Und dann hab ich meine alte Gitarre wieder herausgeholt und geübt, bis ich so weit war, dass wir hier zusammen singen konnten.“ Zwischenruf eines Bewohners: „Mit mir nicht, mit mir bestimmt nicht! Das will keiner hören.“ Gegenrede: „Jeder kann singen!“ Ein ganz normaler Dialog. Fröhlich. Die alte Frau neben mir kichert, weil der Mann gegenüber einfach keine Lust auf Schlager hat. Ich frage: „Wie lange sind sie schon im Heim?“ Die Antwort: „Sieben Monate, nach dem Krankenhaus direkt.“ „Und sie wohnten in der Nähe?“ „Nein, wenn ich die alten Freunde treffen will, fahre ich eine ganze Stunde mit der Bahn.“ Ich denke: Quartiersentwicklung. Alte werden gepflegt, wo sie früher wohnten, daneben steht die Kita und alles ist ganz selbstverständlich. Das hatte ich in NRW gesehen, erzähle es hier. „Ja, das hätten wir wirklich auch gern.“

„Vielen Dank, dass Sie da sind. Für uns interessiert sich einfach nie jemand. Außer denen oben, die uns kontrollieren und den Verwandten, die immer mehr Ansprüche haben.“ sagt mir eine Pflegekraft und ich schäme mich ein wenig, wenn sich diejenigen, die ganz am Ende für uns da sind, bedanken, weil ihnen mal jemand zuhört. Ich bin diejenige, die sich bedanken muss. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen haben sich zusätzlich Zeit genommen, sie reden offen über das, was sie antreibt und beschwert.

Nachdenklich komme ich aus dem Termin. Ich habe im Kopf, was politisch umzusetzen wäre nach diesem Treffen: einheitlicher Tarifvertrag Pflege, Mitspracherecht für Pflegekräfte, endlich angemessene Bezahlung, Dokumentation digitalisieren und und und.

Aber vor allem frage ich mich: Wie kann es eigentlich sein, dass wir diejenigen, auf die wir am meisten angewiesen sind, als Gesellschaft kaum sehen? Hebammen, Erzieherinnen, Pflegekräfte - sie werden schlecht bezahlt,  und ihre Rente wird am Ende kaum zum Leben reichen.

Und ich denke über den Satz nach, den ich bestimmt schon hunderte Male gehört und zig mal selbst gesagt habe: Alles, bloß nicht ins Heim. Anerkennung für fürsorgliche, oft harte, oft frustrierende Arbeit sieht wohl anders aus.

Und was nehme ich mit, für meine und für unsere Grüne Politik? Viel hab ich gewusst, von dem Gehörten. Ich lese ja die Unterlagen, die Zeitung und ich kenne ein paar Leute. Außerdem war ich auch schon in allerlei Pflegeeinrichtungen. Aber Frau K hat etwas geändert. Sie kämpft gegen ihre Krankheit, gegen die Empfehlung der Ärzte, gegen das Wissen, dass sie schlecht bezahlt wird und kaum Anerkennung bekommt. Sie kämpft dafür weiterhin Menschen pflegen zu können. Nein, ich hab nicht einfach Respekt vor dieser Frau. Ich bewundere sie. Und als sie fragt, ob wir noch ein Foto machen können, weil ihre Mutter ihr sonst nicht glaubt, dass sie heute so eine bekannte Politikerin getroffen hat, habe ich das Gefühl, ich brauche ein Foto mit dieser unglaublich besonderen Frau.

Am Tag der Arbeit bin ich froh, dass ich diesmal nicht bei der Kundgebung war.