Dann eben ohne die Amerikaner

Die Bundesregierung agiert bei der globalen Regulierung des Waffenhandels unglaubwürdig. Sie muss endlich Rüstungsexporte einschränken. Nach den gescheiterten Verhandlungen zu einem weltweiten Abkommen ist Deutschland gefordert, bei der Uno-Vollversammlung einen globalen Waffenhandelsvertrag notfalls auch ohne Amerika zu beschließen. Der Gastbeitrag von Claudia Roth und Katja Keul ist am 31. Juli 2012 in leicht gekürzter Form in der Financial Times Deutschland erschienen.

Ein Panzer., Foto: rikdom/Flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)
Wer Waffenlieferungen in Krisen- und Kriegsgebieten nicht unterbindet, trägt eine Mitschuld am millionenfachen Leid und Sterben, schreiben Claudia Roth und Katja Keul. Foto: rikdom/Flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0)

Es ist eine Schande: Ein weltweiter Waffenhandelsvertrag schien zum Greifen nah. Doch am Ende knickte Amerika vor der internationalen Waffenlobby ein und verhinderte so einen Abschluss. Wieder einmal. Zwar war der Entwurf aus unserer Sicht nicht weitgehend genug, schließlich ließ er den Umgang mit Munition komplett außen vor. Doch immerhin hätte er erstmals den Handel mit Waffen verbindlich geregelt, die Prüfung von Menschenrechtsverletzungen vorausgesetzt und Kleinstwaffen, wie Pistolen, Gewehre und Granaten, durch die täglich rund 1000 Menschen sterben, mit eingeschlossen.

Bundesaußenminister Westerwelle verspricht jetzt, Deutschland werde sich schnellstmöglich für einen neuen Anlauf stark machen. Das hört sich gut an. Doch wie glaubwürdig ist die deutsche Initiative für ein weltweit verbindliches, wirksames Waffenhandelsabkommen?

Seit langem kämpfen wir GRÜNE für eine transparentere und rechtlich durchsetzbare Exportkontrolle. Gerne hätten wir Herrn Westerwelle deswegen auch schon ein starkes Mandat aus dem deutschen Bundestag für die Verhandlungen in New York mit auf den Weg gegeben. Doch ausgerechnet seine eigene Fraktion hat zusammen mit der Unionsfraktion die Forderungen des eigenen Außenministers zum Waffenhandel im Bundestag torpediert und abgelehnt. Ein solches Verhalten schwächt nicht nur Westerwelles Position bei weiteren Verhandlungen, sondern es macht auch die ganze Doppelbödigkeit der Regierungspolitik deutlich.

Diese Blockade ist exemplarisch für die bisherige schwarz-gelbe Politik in Sachen Rüstungsexportkontrolle. Deutschland ist nach den USA und Russland der drittgrößte Waffenhändler der Welt. Allein im Jahr 2012 hat Deutschland Kriegswaffen im Wert von 2,1 Milliarden Euro exportiert, 500 Millionen Euro davon in Länder außerhalb der Europäischen Union und der NATO. So ging 2010 ein großer Teil der Kriegswaffenexporte in Krisenregionen wie Pakistan, Indien oder Saudi-Arabien. Und das, obwohl es die deutschen Rüstungsexportrichtlinien ausdrücklich untersagen, Rüstungsgüter in Spannungsgebiete zu liefern.

Claudia Roth mit schwarzer Lederjacke.
Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Sei es der geplante Panzerdeal mit Saudi-Arabien, bei dem es um den Export von bis zu 600 Leopard II-Kampfpanzern der neuesten Generation geht, oder die aktuelle Spekulation über den Verkauf weiterer 200 Panzer desselben Typs an das Emirat Katar - beide Vorfälle zeigen die Skrupellosigkeit der derzeitigen Waffenexportpolitik. Während die Bundesregierung der Öffentlichkeit dazu jede Auskunft verweigert, vermietet sie bereits einen Bundeswehroffizier an die Herstellerfirma zu Panzertests in der saudischen Wüste. Dass weder Saudi-Arabien noch Katar Menschen- und insbesondere Frauenrechte achten, Saudi-Arabien sogar den friedlichen Protest in Bahrein mit militärischer Gewalt brutal niederschlug spielt für Schwarz-Gelb offenbar keine Rolle.

Auch in anderen Bereichen agiert die Bundesregierung sehr zynisch: Zu Recht plädiert der deutsche Außenminister für klare Bestimmungen im Waffenhandelsvertrag für eine nachhaltige Entwicklung. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben im Jahr 1998 einen gemeinsamen europäischen Standpunkt zu Rüstungsexporten vereinbart. Demnach soll die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Empfängerlandes wichtiges Entscheidungskriterium bei Waffenexporten sein. Doch wohin lieferte die deutsche Rüstungsindustrie zuletzt die meisten Waffen? Ausgerechnet in die Schuldenländer Portugal und Griechenland.

Waffenlieferungen sind das Gegenteil eines nachhaltigen Wachstums, schaffen in den Empfängerländern keinen einzigen Arbeitsplatz und bekämpfen auch nicht die horrende Jugendarbeitslosigkeit.

Auch in Bezug auf Transparenz und Durchsetzbarkeit unserer nationalen Exportkontrolle sehen wir gravierende Defizite. Deutsche Sturmgewehre vom Typ G-36 wurden zum Beispiel in Libyen gefunden - in einem Land, in dem die Waffen nach geltendem Recht gar nicht hätten auftauchen dürfen. Die Ermittlungen laufen noch, aber ohne eine wirksame Endverbleibskontrolle wird all das nichts nützen. In der Zwischenzeit erhalten Heckler&Koch und andere Hersteller die wohlmeinende Unterstützung ihrer schwarzen und gelben Wahlkreisabgeordneten.

, Foto: S. Kaminski/Grüne Bundestagsfraktion
Die grüne Bundestagsabgeordnete Katja Keul ist Parlamentarische Geschäftsführerin der grünen Bundestagsfraktion und Mitglied im Verteidigungsausschuss. Foto: S. Kaminski/Grüne Bundestagsfraktion

Für uns steht fest: Wer auf globaler Bühne glaubhaft verhandeln will, sollte gerade nach dem Scheitern eines - von nahezu allen getragenen - internationalen Waffenhandelsabkommens nun eine Vorreiterrolle auf nationaler Ebene einnehmen. Deshalb fordern wir von der Bundesregierung, dass sie endlich ein Rüstungsexportgesetz auf den Weg bringt, in dem die Kriterien für Waffenexporte gesetzlich verankert werden und das die deutsche Rüstungsexportpolitik auf Transparenz, Verbindlichkeit und Glaubwürdigkeit einer menschenrechtsbasierten Außenpolitik verpflichtet.

Dazu gehört auch eine verbindliche Berichtspflicht, die garantiert, dass Entscheidungen zum Waffenhandel vierteljährlich dargelegt werden müssen. Außerdem müssen die Kontrollrechte des Parlaments gestärkt werden, so dass über besonders sensible Exporte künftig der Bundestag vor einer Entscheidung der Bundesregierung gesetzlich verpflichtend unterrichtet werden muss. Schließlich muss eine Kontrolle möglich sein, wo die Waffen auch tatsächlich hin gelangen.

International ist Deutschland nun gefordert, bei der UN-Vollversammlung einen Waffenhandelsvertrag notfalls auch ohne Amerika zu beschließen. Wir nehmen es nicht hin, dass ein restriktives Waffenabkommen durch einige wenige Länder blockiert wird. Jedem muss klar sein: Wer Waffenlieferungen in Krisen- und Kriegsgebieten nicht unterbindet, trägt eine Mitschuld am millionenfachen Leid und Sterben.

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Tag der Menschenrechte

Am Tag der Menschenrechte machten die Grünen auf die scheinheilige Menschenrechtspolitik der Regierung Merkel aufmerksam.

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Aufrüstung ist keine Stabilisierung

Claudia Roth im Interview über Rüstungsexportrichtlinien und die Bundesregierung.

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Klage gegen geheimen Panzerdeal

Claudia Roth, Katja Keul und Hans-Christian Ströbele wollen eine Auskunft der Bundesregierung über die Panzerlieferung an Saudi-Arabien erzwingen.

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Exportmeister

Deutschland exportiert Waffen - nicht selten in Staaten, die diese zur Repression ihrer Bevölkerung einsetzen

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Ohne Green New Deal keine Eurorettung

Die Euro-Krisenländer müssen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern vermindern, sagt Sven Giegold. Ein Gastbeitrag.

Kommentare

RentnerRS
03-12-12 09:22
Ohne zu tun alles besser zu wissen, muss ich einem vorherigen Schreiber Recht geben, dass es auch Lieferungen deutscher Waffentechnik unter Rot/Grün gab. Ferner gebe ich zu bedenken, dass die Lieferung deutsche Arbeitsplätze sichern wird. Wenn Deutschland die Lieferung nicht durchführt, werden entweder die amerikanischen oder englischen Waffenschmieden mit Freuden einspringen. Deutschland sollte auch mal an sein eigenes Volk denken und Arbeitsplätze sichern. Das sollte auch mal vorgehen. Wir zahlen schon in anderen Bereichen (im Namen des Volkes - welches Volk?) Milliarden in Fässer ohne Boden, während in Deutschland Schulen, Straßen und andere öffentliche Gebäude nicht mehr saniert werden können, ohne neue Abgaben (z.B: PKW-Maut) zu erfinden. Die Renten können auch nicht mehr leistungsentsprechend ausgezahlt werden, da ja andere Löcher gestopft werden müssen. Aber hier müssen sich alle Parteioen an die Nase fassen, da sie schon lange das Volk aus den Augen verloren haben und nur noch nach Gutdünken regieren.
Volker Z.
27-08-12 04:33
Die Grünen sind schon lange die 5. Kolone Washingtons....ob Teilnahme am Bilderberger Treffen durch Herrn Trintin oder Mitgliedschaft von Herrn Özdemir bei der Atlantikbrücke...

Auch merken die Grünen nicht von wem die Pussy Riots und ander Protestgruppen gesteuert werden, diese NGOs werden alle aus Washington finanziert und sollen Russland die amerikanische Demokratie aufdrücken, vielmehr möchte man freien Zugriff auf Recourcen etc.
Das National Endowment for Democracy wurde in den 1980er Jahren gegründet, um CIA-Aktivitäten besser verschleiern zu können. Es übernimmt eine wichtige Rolle bei Umsturzbewegungen in Ländern, die sich dem Einfluss Washingtons entziehen


http://antikrieg.com/aktuell/2012_08_20_pussyriot.htm


http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=2478&koobi=8c4e32b934eb64f0a4cb504776cc8c53

Ich bin die Heuchelei der Grünen, so was von satt.....
Andreas Hinz
09-08-12 18:25
Ich finde die Initiative gut, den Waffenhandelsvertrag in Gang zu setzen. Ohne die Amerikaner ist er zwar nicht gleich so wirksam, als wenn sie ihn mit umsetzen würden. Aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Dann könnten langfristig auch Zustände wie in Syrien aufhören, wo sowohl die Regierung als auch die Rebellen mit Waffen beliefert werden.

Der Waffenhandelsvertrag wäre daher eine echte Friedensinitiative und nach und nach könnten sich alle Länder anschließen.
Pu244
07-08-12 01:00
In Sachen "Doppelbödigkeit" könnten sich die Grünen ruhig mal an die eigene Nase fassen, immerhin hat Rot-Grün damals den Export von G36 Gewehren und meines Wissens einer dazugehörigen Fabrik nach Saudi Arabien erlaubt. Damit wurden nicht nur Waffen sondern auch das dazugehörige Wissen um sie zu bauen exportiert, eine nicht wieder gut zumachende Sünde.

Das G36 ist für die Demokratiebewegungen im nahen Osten eine wesentlich größere Gefahr als die Leopard II Kampfpanzer. Um einen Aufstand niederzuschießen gibt es fast nichts besseres als das "Plastic Fantastic", in Verbindung mit den leichten französischen Schützenpanzern einfach ideal.

Auch Heuchlerisch ist das es der Aktuellen Bundesregierung angekreidet wird das sie so geheimniskrämerisch ist, es war Rot-Grün die dafür gesorgt haben das die Öffentlichkeit außen vor bleibt.

Das die Menschenrechte dort mit Füßen getreten werden und all diese Länder von Diktatoren regiert werden war auch Rot-Grün bekannt.

Es ist nun einmal (leider) eine Tatsache das Saudi Arabien mit vielen anderen Ländern in der Region unser Verbündeter ist. Seinen Verbündeten sollte man auch Waffen liefern wenn diese sie brauchen, wenn es aus ethischen Gründen bedenklich ist sollte man in Erwägung ziehen ob da etwas völlig Falsch läuft.

Zu guter letzt noch das ökonomische Argument:
Etwa 0,084% unseres Bruttonationaleinkommens stammt aus dem Waffenverkauf, 0,02% aus dem Export an andere Nationen, klingt wenig, doch auch Kleinvieh macht Mist. Der Waffenhandel sollte global geregelt werden. Was nutzt es uns wenn Griechenland seine Waffen woanders kauft und ihnen ist auch nicht damit geholfen. Deutsche Waffentechnologie ist nun einmal in vielen Gebieten führend in der Welt und wenn unsere Verbündeten darauf Zugriff haben wollen sollten sie ihn auch bekommen.

Sollte es tatsächlich einmal wegen mangelnder Abschreckung zu einem Krieg zwischen einem Bündnispartner und einem anderen Land kommen müssen im Zweifel auch wir unseren Hintern dafür hinhalten und das will ja wohl keiner.
Kommentar

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