Fleischeslust
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Die Anzahl der Pflegebedürftigen nimmt zu. Schon jetzt fehlt es an einer flächendeckenden und qualitativ hochwertigen Pflegeinfrastruktur. Aufgrund von schlechten Arbeitsbedingungen und wenig Anerkennung in der Pflege ist auch kein Nachwuchs in Sicht. Um in Zukunft nicht vor unlösbaren Problemen zu stehen, müssen Pflege-Berufe in den Fokus politischer Auseinandersetzung rücken und die Arbeitsbedingungen müssen deutlich verbessert werden. Erster Teil unserer Artikel-Serie "Wer pflegt uns?".

Der demografische Wandel ist in vollem Gange. Wir leben in einer alternden und immer älter werdenden Gesellschaft. Die Pflegebedürftigkeit nimmt stetig zu.
In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Pflegebedürftigen um 16 Prozent gestiegen. Heute sind 2,34 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Das stellt unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen, denn bereits jetzt fehlt es an einer flächendeckenden und qualitativ hochwertigen Pflegeinfrastruktur und an qualifiziertem Personal. Dies betrifft sowohl die häusliche und ambulante als auch die stationäre Pflege.
Der Personalmangel in der Pflege ist seit Jahren offensichtlich und nimmt stetig zu. Beruflicher Nachwuchs ist nicht in Sicht. Schuld daran sind auch die Bedingungen, unter denen die Pflegekräfte arbeiten. Die Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger ist nicht nur körperlich sondern auch psychisch oft sehr anstrengend. Schließlich sind sie ständig mit Krankheit und Tod konfrontiert. Dies führt unter anderem dazu, dass Pflegende überdurchschnittlich oft krank sind und besonders häufig an psychischen Erkrankungen und Überlastungssymptomen leiden. Hinzu kommt, dass diese wichtige Arbeit durchweg sehr schlecht bezahlt ist, Aufstiegschancen kaum vorhanden sind und das Berufsfeld auch gesellschaftlich keine besonders hohe Wertschätzung erhält. Gerade die Kombination dieser beiden Problematiken senkt das Interesse von Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern in die Pflege einzusteigen und führt so zu immer größeren Pflegeengpässen. Auch mit einer zunehmenden Anzahl an ausländischen Pflegekräften ist dieser Personalmangel nicht aufzufangen.
Wenn wir nicht in Kürze vor unlösbaren Problemen in der Pflege stehen wollen, gilt es jetzt umzusteuern, Konzepte zu entwickeln, auszubilden, besser anzuerkennen und auch in der Politik dafür entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Es ist höchste Zeit für mehr Aufmerksamkeit für die Pflege.
Ein Frauenberuf in Männerregie?
Pflegeberufe gelten nach wie vor als typische Frauenberufe.
2009 waren 87 Prozent der Pflegenden weiblich und nur 13 Prozent männlich. Auffällig ist dabei, dass es einen starken Unterschied gibt zwischen der direkten Pflege und der Organisation der Pflege. In der direkten Pflege, in der unmittelbar mit den Betroffenen gearbeitet wird, verweilen Männer oftmals nur sehr kurz, bevor sie dann in Führungspositionen aufsteigen und so keinen direkten Kontakt mehr zu den zu Pflegenden und den Pflegebedürftigen haben. Die Führungspositionen in der Pflege sind nach unterschiedlichen Studien ca. 50 bis 60 Prozent männlich besetzt. Es lässt sich also mit Recht behaupten, dass die Pflege ein Frauenberuf in Männerregie ist.
Doch woher kommt dieser überwältigende Frauenanteil in der Pflege? Wie ist der große Unterschied zwischen der direkten Pflege und der Führungsebene zu erklären? Auch hier spielen mehrere Gründe eine Rolle und bedingen sich gegenseitig. Zum einen ist der Berufszweig aus historischen Gründen weiblich konnotiert. Die professionelle Pflege entstand aus von (Ordens-)Schwestern geleisteter Pflegearbeit, die fast ausschließlich ehrenamtlich geleistet wurde. Erst langsam entwickelte sich hieraus ein bezahlter Beruf. Bis heute werden zwei Drittel der Pflege ehrenamtlich geleistet und noch immer ist die Bezahlung in der professionellen Pflege verhältnismäßig gering.
Ignoranz gegenüber der Komplexität von Pflege
Die schlechte Bezahlung wird oftmals damit begründet, dass die Tätigkeiten, die zur Ausübung der Pflege notwendig sind, in Arbeitsbeschreibungen nicht als qualifizierte Tätigkeiten eingestuft werden und dafür notwendige Kompetenzen nicht in den Arbeitsbeschreibungen auftauchen. Dadurch werden diese als nicht eigens zu erlernende – und damit zu bezahlende - Kompetenzen wahrgenommen. Hinzu kommen Meinungen wie "Es reiche aus, einen Löffel halten zu können", die an Ignoranz gegenüber der Komplexität von Pflege kaum noch zu überbieten sind. Die körperlichen und psychischen Belastungen der Tätigkeiten werden schlicht ignoriert und dementsprechend auch finanziell nicht gewürdigt.
Gesundheitsversorgung muss rund um die Uhr gewährleistet werden, und fordert den Pflegenden ein großes Maß an Flexibilität bei der Arbeitszeit ab. Rund 70 Prozent der Pflegenden arbeiten "ständig, regelmäßig oder gelegentlich im Schichtdienst". Außerdem wird häufig an Sonn- und Feiertagen gearbeitet. Hinzu kommt die große körperliche Anstrengung. Im Rahmen des Mikrozensus gaben 16 Prozent der in der Pflege Beschäftigten an, dass sie in den letzten zwölf Monaten arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme hatten. Hiermit liegt der Anteil der Betroffenen mehr als doppelt so hoch wie in anderen Gesundheitsberufen und der Gesamtgesellschaft. Als häufigste Ursachen wurden "Zeitdruck und Arbeitsüberlastung" sowie das "Heben von schweren Lasten" genannt.
Die enorme körperliche und psychische Belastung gepaart mit dem Zeitdruck, der sich in Minutenvorgaben für jede Handlung ausdrückt, führt dazu, dass die Pflegenden häufig überfordert sind. So kommt es auch zu Übergriffen von Pflegenden auf Pflegebedürftige. Viel häufiger tritt jedoch der umgekehrte Fall auf. Pflegende werden in ihrem Berufsalltag immer wieder beschimpft, bedroht und gewalttätig angegangen.
Hinzu kommt weiterhin, dass 71 Prozent der Pflegenden teilzeitbeschäftigt sind. Zusammen mit dem geringen Lohnniveau reicht bei einer Teilzeitbeschäftigung jedoch der Verdienst oftmals nicht zum Leben, geschweige denn zu einer wirklichen sozialen Absicherung.
Eingefahrene Rollenbilder
Nach wie vor ist die Ansicht weit verbreitet, dass Fürsorge und "sich um Menschen kümmern" Eigenschaften sind, die Frauen "von Natur aus" in sich tragen. Das Rollenbild der sorgenden Frau, als Mutter, Schwester, Gattin, Schwiegertochter ist fest in unserer Gesellschaft verankert und wird insbesondere von Konservativen auch heute noch immer wieder vorgetragen und vorgeschoben. Pflege und Sorge werden so zu Tätigkeiten, die Frauen - angeblich allein auf Grund ihres biologischen Geschlechts – per se können. Dies führt nicht nur dazu, dass die geleistete Arbeit weniger gewürdigt und schlechter bezahlt wird, sondern suggeriert gleichzeitig auch, dass Männer diese Fähigkeiten nicht hätten und auch nicht erlernen können.
Doch warum gilt das Waschen eines Autos als erlernbare und wichtige Fähigkeit, das Waschen eines Menschen jedoch nicht? Die Zuschreibung, die Pflege sei ein Frauenberuf, führt dazu, dass junge Männer nur selten auf die Idee kommen, diesen Beruf zu ergreifen und auch in der Familie überwiegend Frauen ältere Angehörige pflegen. Wenn Männer dies doch tun, müssen sie oftmals gegen Vorurteile von Familie und Freunden ankämpfen. Ein Pfleger berichtet beispielhaft, dass zu Beginn seiner Tätigkeit die meisten Freunde und Verwandten noch voller Wertschätzung und Zustimmung über den gewählten Beruf waren. Mit der Zeit wurden jedoch Stimmen laut, die fragten, ob er nicht mal "was Richtiges" machen möchte.
Arbeitsbedingungen müssen deutlich verbessert werden
Wenn wir der immer größeren Zahl von Pflegebedürftigen dauerhaft würdig und fachlich gerecht werden wollen, müssen sich die Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer in der Pflege deutlich verbessern. Vorurteile, dass Männer für den Pflegeberuf schlechter geeignet wären als Frauen, müssen abgebaut und der Beruf von Pflegern zu einem neuen Leitbild einer geschlechtergerechten Gesellschaft werden. Die Pflege als qualifizierter Beruf braucht ein ihrer Wichtigkeit und Verantwortlichkeit der Tätigkeit entsprechendes Ansehen.
Das Lohnniveau muss deutlich steigen und die Arbeitsbedingungen müssen verbessert und abgesichert werden. Nur so werden sich in Zukunft Frauen und Männer selbstverständlich und bewusst für Pflegeberufe entscheiden und diese wichtige Aufgabe wahrnehmen. Grundsätzlich halten wir eine Unterscheidung in vermeintliche Frauenberufe und vermeintliche Männerberufe für ein Relikt, das es endlich abzulegen gilt.
Die Pflege und das auf Respekt gründende "Kümmern" um Menschen ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Daher ist es wichtig, dass Care-Berufe endlich in den Fokus rücken und diese wichtige und schwere Arbeit auch die Anerkennung bekommt, die sie verdient.
Mit dieser Artikel-Serie möchten wir einen Beitrag dazu leisten, das Thema stärker in die politische Debatte zu bringen und die Aufmerksamkeit auf die immer noch bestehenden Probleme zu richten.
Da zu den Care-Berufen jedoch nicht nur die professionelle Pflege gehört, werden wir uns in der Folge auch mit Menschen in der ehrenamtlichen Pflege befassen, die Sicht auf die Pflege von der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer-Seite beleuchten, die soziale Akzeptanz von Männern in Frauenberufen untersuchen sowie die Situation in der Krankenpflege darstellen.