Gesamtdeutsches Win-Win
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"Eine Frau, die nach einer Familienphase wieder in den Beruf einsteigen will, hat doch ihre berufliche Qualifikation nicht mit der Geburt des Kindes abgegeben", sagt Astrid Rothe-Beinlich im Interview.

gruene.de: Der Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern liegt in Deutschland aktuell bei weniger als zwei Prozent, sagt das Institut für deutsche Wirtschaft (IW). Dann gibt es also keine Lohnungleichheit?
Astrid Rothe-Beinlich: Das IW bedient sich hier eines methodischen Tricks. Ohne diesen Trick käme auch diese Studie zu einem Lohnunterschied von mindestens 21 Prozent. Die strukturellen, diskriminierenden Gründe, die eine Lohnlücke entstehen lassen, wurden in der Studie kurzerhand herausgerechnet. Es gibt keinen Grund, Teilzeitbeschäftigte schlechter zu bezahlen, als Angestellte mit Vollzeitjobs. Eine Frau, die nach einer Familienphase wieder in den Beruf einsteigen will, hat doch ihre berufliche Qualifikation nicht mit der Geburt des Kindes abgegeben. Und die Erzieherin, Hebamme oder Krankenpflegerin kann auch nichts dafür, wenn sie für ihre wichtige Arbeit weniger Lohn bekommt als ein Fahrzeugmechatroniker. Und dem gilt es umfänglich zu begegnen.
Wie wollen die Grünen dem begegnen?
Unsere Fraktion hat einen Antrag für ein Entgeltgleichheitsgesetz in den Bundestag eingebracht, und wir setzen uns zusätzlich für ein Gleichstellungsgesetz in der Privatwirtschaft ein. Außerdem braucht es dringend den gesetzlichen Mindestlohn. Ein derart vielschichtiges Problem muss eben an allen relevanten Stellen angegangen werden. Wichtig ist nur: Wir müssen jetzt etwas tun!
Angelehnt an die IW-Studie titelt der aktuelle Focus „Wir wollen keine Frauenquote“. Zwölf privilegierte Frauen, unter ihnen Bundesfrauenministerin Kristina Schröder, sprechen sich gegen „Staatsdiktat und Gleichmacherei“ aus. Frauen wollten nicht „an die Spitze gehätschelt werden“, heißt es. Ist das wirklich der Kern des Problems?
Ganz im Gegenteil, der Kern des Problems liegt in der Tat viel tiefer. Auch wenn Frauen gleich gut qualifiziert sind, können sie oft die gläserne Decke nicht durchstoßen. Dass Karriere nur mit Leistung und Qualifikation zu tun hat, ist ein längst widerlegter Mythos. Eine entscheidende Rolle spielt dabei, dass Männer oft nur Männer in Gremien berufen oder fördern, weil sie sich möglichst mit "Gleichgesinnten" umgeben. Männer scheinen ihnen verlässlicher, weil bekannter. Hinzu kommt, dass Frauen mit Familie, unabhängig davon, wie sie ihr Familienleben geregelt haben, nicht zugetraut wird, sich auf ihren Job zu konzentrieren. Bei Männern scheint das nicht der Fall zu sein. Eine Quote hat nichts mit verhätscheln zu tun, sie erleichtert den Einstieg beziehungsweise gleicht Nachteile und strukturelle Hindernisse aus. Bewähren müssen sich die Frauen in ihrem Job dann genauso, wenn nicht noch mehr. Nicht zuletzt bedeutet eine Quote im Vorstand oder im Aufsichtsrat, dass auch auf den Ebenen darunter Frauen gefördert werden müssen. Übrigens: Wenn man bei "hätscheln" an Kinder denkt, liegt man gar nicht so falsch. Fünf der zwölf Frauen in der Focus-Geschichte sind entweder als Erbinnen oder über Familienbande zu Chefinnen geworden. Sie sind also mehr oder weniger qua Geburt an ihre Position gekommen.
Frauen benachteiligen sich doch eigentlich selbst, weil sie sich eigenmächtig dafür entscheiden, Kinder zu bekommen, in Babypausen zu verschwinden, Teilzeit zu arbeiten und Studienfächer und Ausbildungen mit geringen Karrierechancen auszusuchen. Was ist die logische Schlussfolgerung?
Nun, die logische Schlussfolgerung hieße ja: Keine Kinder mehr und auch keine Krankenpflegerinnen und Erzieherinnen - weil alle Frauen jetzt Maurerinnen oder Computerspezialistinnen werden. Das zeigt die Absurdität dieses zynischen Vorwurfs. Der Bedarf gerade in den Pflegeberufen steigt immer mehr. Es braucht hier eine höhere Anerkennung von Arbeit mit Menschen und vor allem existenzsichernde, anerkennende Löhne und mehr Männer, die sich für bislang sogenannte Frauenberufe entscheiden. Gleichzeitig wissen wir, dass viele Männer und Frauen mit Kindern leben und zugleich erfolgreich im Beruf sein wollen. Und der überwiegende Teil der Menschen will sich auch die Familienarbeit partnerschaftlich teilen. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen: Durch gleichen Lohn, durch eine Frauenquote, die Frauen auch im unteren und mittleren Management zu Gute kommt, durch ein Rückkehrrecht in Vollzeit nach Auszeiten im Berufsleben und natürlich durch die Basis: eine gute, verlässliche und flächendeckende Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur, die Eltern überhaupt erst ermöglicht, Familie und Beruf zu vereinbaren und sich die Sorgearbeit partnerschaftlich zu teilen. Außerdem braucht es ein Nachdenken über Zeitpolitik – für Frauen und Männer gleichermaßen.