Frauenrechte wachsen, aber die Angst bleibt

Am 31. Oktober 2000 wurde die Resolution 1325 vom UN-Sicherheitsrat verabschiedet. Sie soll die Einbeziehung und Berücksichtigung der besonderen Rolle von Frauen bei der Prävention und Beilegung von Krisen und Konflikten fördern. Doch auch nach zehn Jahren hat sich in Deutschland wenig getan. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN machen sich schon seit langem für die Umsetzung dieser Resolution stark. Wir wollen an dieser Stelle in einer Porträtserie Frauen aus Kriegs- und Krisenregionen wie Bosnien, Afghanistan und dem Iran selbst zu Wort kommen lassen, um auf die Notwendigkeit der Umsetzung der Resolution aufmerksam zu machen. Teil 2: Friedensstifterin Palwasha Kakar, stellvertretende Ministerin im Ministerium für Frauenangelegenheiten Kabul, Afghanistan.

Friedensstifterin Palwasha Kakar.

Als ich mir die gegenwärtige Situation der Frauen, vor allem in Afghanistan, genauer angeschaut habe, kam ich zu dem Schluss, dass die Frauen unter schwierigen Bedingungen leben und ihre gesetzmäßigen Rechte verloren haben. Mir ist klar geworden, dass Frauen die Chance ergreifen müssen und sich für die Stärkung anderer Frauen einsetzen müssen. Sie müssen ihnen helfen, durch Medien, Workshops und Seminare ein Bewusstsein für ihre Rechte zu entwickeln. Hierzu wollte auch ich meinen Teil beitragen. Der Hauptgrund dafür, dass ich in die Politik gegangen bin, war meine Selbstverpflichtung für mehr Kampf für die Belange von Frauen.

Viele dieser Versuche innerhalb der afghanischen Gesellschaft waren erfolgreich: Die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Frauen haben sich verbessert. Sie haben das Recht bekommen, sich und Kandidatinnen für das Parlament zu wählen und durch das Verfassungsstatut des Wahlkomitees mitzuwirken. Täglich erreichen die Frauen etwas und vergrößern ihre Aktivitäten. Sie entwickeln ihre Rolle weiter und machen Fortschritte. Sie kämpfen für die Lösung ihrer Lebensprobleme und -bedingungen. All diese Aspekte und Leistungen verändern auch die politische Vision von Frauen. Wenn Frauen sich nicht mit Politik beschäftigen, wird sich die Politik mit den Frauen beschäftigen, und sie in diesem Kreis gefangen halten.

Seit 2001 gab es positive Veränderungen in allen Aspekten des Lebens afghanischer Frauen. An dieser Stelle können wir den Namen des Gouverneurs von Afghanistan nennen, die Motivation internationaler Gesellschaften und auch all die lese- und schreibkundigen afghanischen Frauen mit ihrem hohen Grad an Wissen und Erfahrung. Außerdem haben Frauen jetzt ein Ministerium (Ministerium für Frauenangelegenheiten). Und es gibt Dutzende von Organisationen mit verschiedenen Namen in der Zivilgesellschaft und Vertreterinnen internationaler NROs, die sich für Frauen einsetzen. Auch wurde die Rolle der Frauen in der Verfassung von Afghanistan registriert und anerkannt. Frauen haben einige bestimmte Medien für sich gewonnen, die sie im Kampf um ihr Recht unterstützen. Gesetze für Frauen, wie das Anti-Gewalt-Gesetz, sind in Kraft getreten, Familiengesetzgebung und -politik werden vielleicht bald umgesetzt. Die hochrangige Anti-Gewalt-Kommission wurde ins Leben gerufen, die Teilnahme von Hunderten von Frauen im Parlament und im Senat wurde festgelegt. Eine sehr große Anzahl an Frauen arbeitet auf der Ebene der Entscheidungs- und Strategiefindung. Viele verschiedene Mechanismen für die Rechte von Frauen werden koordiniert und geprüft.

Der hohe Wissensgrad, mächtige und bewusste Solidarität sowie die Verantwortung der afghanischen Regierung, auf der Grundlage der Bonner Konferenz in 2001, haben dazu beigetragen, die Rechte der afghanischen Frauen zu verbessern. Neben all diesen positiven Veränderungen im Leben der Frauen darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass sich auf der einen Seite unfaire Bräuche, Traditionen und Sitten kontinuierlich gegen Frauen richten. Diese sollen die positiven Entwicklungen und die historischen Erfolge unterbinden und die machtvollen Frauen schwächen.

Zu meinem Leidwesen muss ich auch sagen, dass selbst unter den hellen Köpfen und Menschenrechtsbefürworterinnen manche Angst vor der ungewissen Zukunft haben, und diese Angst wird jeden Tag durch das Verbreiten von Gerüchten über die Verhandlungen zwischen der Regierung und der Opposition verstärkt. Daher fand vor einigen Monaten ein Treffen mit Hamid Karzai, dem Präsidenten von Afghanistan, statt, an dem Frauenrechtsorganisationen, Politikerinnen und soziale Organisationen von Frauen teilnahmen. Diese Vertreterinnen haben direkt ihre große Angst vor der Versöhnung mit den Taliban ausgedrückt, die ein klarer Gewaltakt gegen Frauenrechte ist.

Die AWN (Afghan Women’s Network) sowie alle anderen Organisationen, die mit Menschenrechtsangelegenheiten zu tun haben, haben außerdem am 24. August 2010 kollektiv einen offenen Brief an die Adresse seiner Exzellenz Hamid Karzai geschickt, in dem die Frauen erneut ihre Angst vor der ungewissen Zukunft zeigen. Wir wissen, dass der Rückzug der Frauen ein großer Rückschritt wäre innerhalb der Geschichte Afghanistans. Denn um Verantwortung für das Schicksal des Landes zu übernehmen, müssen die afghanischen Frauen am politischen Prozess und am Wiederaufbau des Landes teilnehmen. Dies kann nur dann geschehen, wenn die afghanischen Frauen zusammenhalten und gemeinsam Widerstand leisten.

Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan aus. Damit sie Unabhängigkeit erlangen, müssen sie Zugang zum Bildungswesen erhalten. Damit sie von verschiedenen Arten von Gewalt und sexueller Belästigung befreit werden, müssen politische Entscheidungträger in Afghanistan gemäß islamischer Rechtsprechung handeln und ein nationales Entwicklungsprogramm vorantreiben.

Diese Leistungen sind unmöglich ohne die Beteiligung von Frauen an den politischen Prozessen. Frauen müssen Politik studieren, als Politikerinnen aktiv werden und an politischer Macht teilhaben. Um hier die Rechte von Frauen zu stärken im Kampf für eine bessere Zukunft, müssen sie auf allen Ebenen der afghanischen Gesellschaft und in Politik, Wirtschaft und Kultur einbezogen werden.


Friedensstifterin Palwasha Kakar, stellvertretende Ministerin im Ministerium für Frauenangelegenheiten Kabul, Afghanistan

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