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Fairkultur – mehr als eine andere Sozialpolitik

Um Gerecht sein zu können, brauchen wir eine Kultur der Fairness. Je mehr kostengünstige, einfach zu bedienende, mobile, leistungsfähige, grenzüberschreitende Kommunikations- und Warentransportsysteme verfügbar sind, um so größer ist die Auswahl und die zunehmende direkte Vernetzung von Informationen und die Nutzung von Rohstoffen und Waren für die Gestaltung unseres Alltags. Insbesondere für die Abschätzung von Entwicklungen, als Grundlage für tragfähige Entscheidungen und Handlungen, müssen gegenseitige Wertschätzung und Einbeziehung einen hohen Stellenwert bekommen.

Ein Debattenbeitrag von Werner Grimm (KV Darmstadt-Dieburg)

An welchen Fragen haben wir schwer zu knabbern? Es sind die komplexen, die nicht einfach mit ja oder nein zu beantworten sind, einige Beispiele:

  • Wie kann den Landwirten geholfen werden, die für ihre Kuhmilch nicht mehr genug erlösen können und damit in wirtschaftliche Not geraten?
  • Wie kann das Finanzierungsmodell für die erneuerbaren Energien gestaltet werden, um weiterhin einen Investitionsanreiz zu bieten, aber gleichzeitig die damit verbundene zusätzliche Belastung für die Stromkunden zu begrenzen?
  • Wie gelingt es, beim Schienenverkehr die Transportkapazitäten für den Personen- und den Güterverkehr umweltverträglich auszubauen, um den weiteren Straßenausbau reduzieren zu können?
  • Wie gelingt es, ausreichend viele kostengünstige, bezahlbare Wohnungen zu Verfügung zu stellen?
  • Im Hinblick auf den großen Strom von Flüchtlingen entstand der Begriff der Willkommenskultur. Was ist zu tun, damit wir Flüchtlingen über die „Begrüßungskultur“ hinaus den Weg eröffnen, auf Zeit und unter bestimmten Bedingungen auch auf Dauer, aus eigener Kraft ihren Alltag und ihre Versorgung zu bewältigen?

Entscheidungen und Vereinbarungen sind Antworten auf ein Bündel von Fragestellungen und Anforderungen, die von Betroffenen und Interessenvertretern als wichtig erachtet werden. Es sich einfach zu machen, in dem versucht wird, die Menge der Anforderungen gering zu halten, dürfte in den wenigsten Fällen zu besseren Entscheidungen führen. Der offene Ansatz, mit offenen Armen Anforderungen zu sammeln und allen hinreichend gerecht werden zu wollen, bedeutet mehr Aufwand, verhindert jedoch auf der anderen Seite die explosive Aktivierung der Ausgegrenzten.

Spätestens, wenn wir über die finanztechnische Bewertung hinaus auch die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen einbeziehen, stellen sich Fragen nach den zu erzielenden Änderungen, den zumutbaren Belastungen und den zu setzenden oder zu überwindenden Grenzen und Barrieren zwischen den Beteiligten und den Betroffenen. Immer häufiger findet sich im Alltag das Kürzel „fair“, als Hinweis für einen Abstimmungsprozess, der damit lebt, dass auch mit zusätzlichen Belastungen zu rechnen ist oder dass zumindest nicht alle Erwartungen zu erfüllen sind.

Die Anforderungen an die vernetzte Betrachtung wird komplexer, je mehr Informationen über Einflüsse berücksichtigt werden. Auf der anderen Seite entsteht der gesellschaftliche Anspruch, Einflüsse und Auswirkungen umfassend zu betrachten. Da geht es nicht mehr allein um Nutzen und Kosten. Fragen zu Arbeitsbedingungen und Umweltbelastungen bei der Produktion, beim Vertrieb, Auswirkungen der Rohstoffgewinnung, des Transportes, des Betriebes bis hin zur Entsorgung gilt es zu beantworten.

Letztlich brauchen wir ein neue Kultur der Betrachtung vernetzter Strukturen, die zum Ziel hat, einen fairen Ausgleich zwischen den Ansprüchen, Erwartungen und Lasten herzustellen, eben eine „Fairkultur“. Vorrangig ist es Sache der Politik in vernetzten Strukturen zu denken und doch finden wir gerade hier die natürliche Abwehr, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die begrenzte örtliche, regionale Zuständig- und Verantwortlichkeit erschwert die in der Sache notwendige übergreifende Zusammenarbeit. Ein natürliches Hemmnis ist dabei die fehlende Schnittstellen übergreifende Nutzbarkeit der verfügbaren Kommunikations- und Arbeitssysteme.

Jedoch auch jeder einzelne der Gesellschaft, in Betrieben und Organisationen sehen sich zunehmend in der gesellschaftlichen Verpflichtung umfassend im Geist der „Fairkultur“ zu agieren. Obwohl in Betrieben allein schon wegen des Regionen übergreifenden Wettbewerbes bereits sehr intensiv an der Nutzung und Optimierung vernetzter Strukturen gearbeitet wird, richtet sich diese oftmals vorrangig nach kurzfristigen finanztechnischen Zielen. Die wünschenswerte weitergehende Ausrichtung und die Beteiligung gemäß „Fairkultur“ fällt naturgemäß schwer, so lange der finanzielle Nutzen auch anderweitig gesichert werden kann und damit die wahren Kosten nicht in den Produkten abgebildet werden. Kulturelle und organisatorische Begrenzungen, die für Überschaubarkeit und Identität sorgen, sind aber nur so lange akzeptabel, wenn diese zu keinen wesentlichen grenzüberschreitenden Auswirkungen führen. Hier ist Politik gefordert, für einen Ausgleich am Verhandlungstisch zu sorgen. Gelingt das nicht rechtzeitig, entladen sich die aufgestauten Spannungen, um neue Grenzen zu ziehen.