Zentrale Fragen bleiben unbeantwortet

Wenn Kanzlerin Merkel und Staatspräsident Sarkozy jetzt eine europäische Wirtschaftsregierung, eine Finanztransaktionssteuer und eine Schuldenobergrenze fordern, wollen sie damit zwar alte grüne Vorschläge umsetzen, tun das aber nur halbherzig, sagt Sven Giegold, grüner Europaabgeordneter. Wichtig sei jetzt auch, das Europäische Parlament zu stärken und die Euro-Anleihen nicht bis zur nächsten Verschärfung der Krise zu verschieben.

Sven Giegold, grüner Abgeordneter im Europäischen Parlament.

gruene.de: Bundeskanzlerin Merkel und der französische Staatspräsident Sarkozy fordern eine europäische Wirtschaftsregierung, eine Finanztransaktionssteuer und eine Schuldenobergrenze für alle Euro-Staaten. Kann mit diesen Institutionen bzw. Instrumenten die Euro-Krise überwunden werden?
Sven Giegold: Nein. Die drei Forderungen stehen schon lange auf der Liste grüner Vorschläge für eine echte europäische Wirtschaftsunion (PDF, Beschluss der grünen BDK, 25. Juni 2011). Gerade die Initiative für eine Finanztransaktionssteuer in der Eurozone ist ein großer Erfolg für die kritische Zivilgesellschaft und uns GRÜNE. Die Vorschläge lassen aber die zentrale Frage unbeantwortet: Wie kommen die schwächeren Länder aus der Krise? Spanien und Italien werden von hohen Zinsen erdrückt. Investitionen sind dort weitgehend Fehlanzeige.

Sind diese Forderungen ein entschlossener Schritt zu mehr europäischer Koordinierung?
Ja. Wir brauchen eine europäische Wirtschaftsregierung und die deutsch-französische Initiative geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Wo Europäische Wirtschaftsregierung draufstehen soll, muss aber auch wirklich Europäische Wirtschaftsregierung drin sein. Die Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident setzen da lediglich auf entsprechende Treffen der Staats- und Regierungschefs und damit auf die Nationalstaaten, statt die europäischen Institutionen wie die Kommission und das Parlament zu stärken. Die Vorstellung von Merkel und Sarkozy ist doch abenteuerlich, ein Gipfel von Staatschefs könnte auf Dauer die nationalen Parlamente regieren. Ein Europa der Staatschefs hat keine ausreichend demokratische Legitimation. Die europäische Vereinigung braucht eine starke Verankerung in den nationalen Parlamenten und im Europäischen Parlament. Wir brauchen deshalb jetzt einen neuen europäischen Konvent, um Europa mit den Erfahrungen der Krise demokratisch zu erneuern.

Welche Rolle soll das Europäische Parlament in Zukunft einnehmen?
Das Europaparlament hat schon mehrfach enge wirtschaftspolitische Koordinierung, Eurobonds und eine europäische Finanztransaktionssteuer gefordert. Übrigens jeweils mit den Stimmen der konservativen und der liberalen Fraktion, während CDU und FDP die gleichen Inhalte hier bekämpft haben. Es ist gut, dass die Bundeskanzlerin hier den Widerstand aufgibt, nachdem sie eine europäische Wirtschaftsregierung lange abgelehnt hatte. Das Europaparlament hat bewiesen, dass es sich um die europäische Wirtschaft als Ganzes kümmert und nicht nur bis zum nationalen Tellerrand schaut. Daher sollte es auch eine Europäische Wirtschaftsregierung kontrollieren, wählen und abberufen dürfen. Auch braucht das Europäische Parlament endlich ein vollwertiges Gesetzesinitiativrecht.

Euro-Anleihen lehnten Merkel und Sarkozy ab. Ist es richtig, die Euro-Bonds zum "letzten Mittel" zu erklären und sie vorerst nicht einzuführen?
Wir brauchen die Eurobonds rasch. Immer mehr Ökonominnen und Ökonomen schlagen sich auf die Seite der Befürworter. So können alle Euroländer von niedrigen Zinsen profitieren und Euroland ein großer, liquider Anleihemarkt werden, der für Sparer aus der ganzen Welt attraktiv ist. Klar ist aber auch, dass gleichzeitig strenge Regeln für die Staatsverschuldung der Eurobonds-Nutzer nötig sind. Sonst wäre die Haftung gemeinschaftlich, das Schuldenmachen aber national. Wenn man den Zugang zu Eurobonds aber von soliden Staatsfinanzen abhängig macht, stellen sie einen großen Anreiz dar. Die erneute Verzögerungstaktik von Angela Merkel - vor allem als Rücksichtnahme auf die mehrheitlich marktradikale FDP - wird die Krise wieder verlängern und verzögern. Schon jetzt ist klar und wird vorbereitet: Die Eurobonds kommen nach der nächsten Verschärfung der Krise. Damit wird alles für die Arbeitslosen und Armen schmerzhafter und die Krise ökonomisch noch teurer.

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Endlich ein europäischer Weg

Cem Özdemir im Interview: Über seine Eindrücke vor Ort in Griechenland und Wege aus der Euro-Krise.

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Europa hängt am seidenen Faden

Im Interview kritisiert Claudia Roth das unzureichende Krisenmanagement von Merkel bei Eurokrise, Klimawandel und Rechtsextremismus.

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"Gemeinsame Wirtschaftspolitik fehlt"

Ist der Euro noch zu retten? Sven Giegold über Spekulanten, Populisten und die Konstruktionsfehler der Europäischen Währungsunion.

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Wege aus der Schuldenfalle

Damit Griechenland und der Euro stabilisiert werden können, ist eine sanfte Umschuldung notwendig.

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Alle für alle!

Für Griechenland wurden Milliardenpakete aus Steuergeldern geschnürt. Wie auch private Gläubiger und Vermögen am Kampf gegen die Eurokrise beteiligt werden können.

Kommentare

Carsten
10-09-11 13:50
Ich empfehle jedem sich einmal EU Debatten mit Nigel Farage in YouTube anzuschauen. Mittlerweile bin ich der Meinung die EU sollte wieder zur EWG zurück gebaut werden.
Caro
03-09-11 12:54
Einige Länder sind überschuldet (Altschulden erdrücken den Haushalt). Nun kann man die Länder totsparen oder Ihnen helfen. Diese Hilfe jedoch nur unter harten Kreditbedinungen, die die Geberländer vorschreiben. Bsp Änderung EU-Vertrag, Abgabe nationaler Investitions- und Haushaltsrechte an die EU, Prüfungsrechte, Schuldenbremse, keine Neuverschuldung über den Konjunkturzyklus und vieles mehr. Der EU-Vertrag muss durch die einzelnen Länderparlamente. Jedes Land kann damit entscheiden, ob mehr oder weniger EU gewünscht wird. Eurobonds kommen danach (geregelt oder im Notfall ungeregelt). Ggf wird es dann EWF genannt oder anders.
Markus
02-09-11 16:01
Jeder wirft mit dem Wort "Eurobonds" umher. Dabei gibt es zwei gegenläufige Varianten (eine harte und eine weiche Umsetzungsform). Die KRITIKER haben Angst, dass Deutschland nicht nur haftet, sondern auch zahlen muss und das Geld in Deutschland fehlt. Es wird gedanklich ausgeblendet, dass der bestehende Rettungsschirm schon längst eine Haftungsgemeinschaft ist (rd. 211 Mrd.€). Das Argument kommt daher zu spät!! Die BEFÜRWORTER kennen dies. Sie fordern von CDU/FDP eine zentrale Wirtschaftsregierung und zentrale EU-Haushaltserstellung und –kontrolle. Ferner sollen über den Konjunkturzyklus keine Neuschulden mehr gemacht werden (Haftungszusage durch zentrale Kontrollinstanz ergänzen). Mit harten Eurobonds geht es darum den Zinssatz für Altschulden zu reduzieren, um Defizite schneller abzubauen und Freiraum für Reformen und Investitionen zu schaffen (wie gesagt Haftungsunion besteht durch EFSF bereits). Ferner soll das EU-Parlament demokratisch entscheiden und nicht die Regierungschefs alle paar Monate im Hinterzimmer. Die Mehrkosten für DE werden von den Kritikern stark übertrieben.
Hans
02-09-11 15:32
Jeder wirft mit dem Wort "Eurobonds" umher. Dabei gibt es zwei Varianten (eine harte und eine weiche Umsetzungsform). Die KRITIKER haben Angst, dass Deutschland nicht nur haftet, sondern auch zahlen muss und das Geld in Deutschland fehlt. Die BEFÜRWORTER kennen dies und schließen dies aus, indem eine zentrale Wirtschaftsregierung und zentrale EU-Haushaltskontrolle gefordert wird. Ferner sollen über den Konjunkturzyklus keine Neuschulden mehr gemacht werden. Insofern geht es darum den Zinssatz für Altschulden zu reduzieren, um Freiraum für Reformen und Investitionen zu schaffen. Ferner soll das EU-Parlament demokratisch entscheiden und nicht die Regierungschefs. Die Mehrkosten für DE werden vom ifo-Institut etc stark übertrieben (aktiver Markt, Benchmarkbonds, AAA-Rating etc.).
Marco
28-08-11 17:13
Als Mitglied der Grünen bin ich etwas erstaunt, wie leicht es sich die Partei mit der Einführung der Eurobonds macht. Der Artikel auf http://www.voxeu.org/index.php?q=node/6899 zeigt deutlich, dass Eurobonds die Probleme der Länder nicht löst. Niedrige Zinsen für Eurobonds ergeben sich dem Artikel zufolge aus dem Vertrauen, welches Investoren in die Möglichkeit und den Willen zur Rückzahlung haben. Die Tatsache, dass viele politischen Entscheidungen während der Verschärfung der Eurokrise revidiert wurden, trägt nicht gerade zum Vertrauen in den Rückzahlungswillen bei. Die Annahme, dass neue Regeln zu besserer nationaler Finanzpolitik führen, wurde schon in der Vergangenheit bei Defizitverletzungen von Deutschland und Frankreich Lügen gestraft. Die Obsession der Deutschen mit Regeln und deren Bedeutung in der Finanzkrise wird übrigens auf der Seite http://www.vanityfair.com/business/features/2011/09/europe-201109 sehr schön dargestellt. Dass darüber hinaus finanzielle Strafen für Regelverletzungen bei Staaten in finanziellen Schwierigkeiten kaum angewandt werden können, dürfte jedem selbst einleuchten. Die Bedeutung der höheren Liquidität von Eurobonds wird in dem Artikel ebenfalls relativiert. Der Unterschied zwischen Ländern mit großem und kleinen Anleihemarkt, wie Deutschland und Österreich, ist minimal. Dass man den Zugang zu Eurobonds von soliden Staatsfinanzen abhängig machen will, ist vollkommen absurd. Wenn man solide Staatsfinanzen hat, benötigt man keine Eurobonds, wie einige osteuropäische Länder zeigen. Die vermeintlich hohen Zinskosten in Italien und Griechenland werden nicht durch Eurobonds i.H.v. 60 Prozent des Bruttoinlandprodukts beseitigt, da die restlichen ungarantierten Schulden ebenfalls refinanziert werden müssen und die Zinsen für diese Bonds entsprechend höher wären.
Heinz-Dieter
28-08-11 10:42
Nun machen auch die Grünen Vorschläge für die Entschuldung der deutschen Finanzen. Und es ist richtig, die Steuer für reiche zu erhöhen, die Vermögensseuter und Erbschaftssteuer wieder einzuführen.
Aber warum geht die Grünen nicht an das wesentliche an. Sparen beim Staat!!!! Warum hört man nicht einmal, das die Grünen sich dafür einsetzen, die Anzahl der Bundesländer z.B. auf 6 zu reduzieren. Durch die Auflösung der nicht benötigten Parlamente und Verwaltungen könnte erhebliche Millione eingespart werden.
Auch der Bildung kämen 6 Bundesländer entgegen. Gäbe es dann doch nur noch 6 unterschiedliche Meinungen.
Auch vermisse ich bei den Grünen den Einsatz gegen die Dumpinglöhne. Erst neulich gab es bei Monitor wieder einen Bericht, wie der Versandhandel Otto schamlos den Pakettransport durch Subunternehmen ausnutzt. Die bei den Subunternehmen, eilweise als Unternehmer beschäftigten Mitarbeiter erhalten pro Paket 60 Cent. Davon könne sie kaum leben. Und die Politik schaut zu wie die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Mit freundlichen Grüßen

Heinz-Dieter Schneider
Das Niveau anpassen
27-08-11 03:37
Die Mehrkosten fuer die Eurobonds kann man ja aus der deutschen Rentenversicherung bezahlen. Ueberhaupt sollten die Gruenen mal ueber Transferleistungen aus der deutschen Rentenversicherung in griechische, spanische, irische, portugisische und italienische Rentenversicherungen nachdenken. Darueberhinaus kann man ueber die Eurobonds die deutsche Wirtschaft auf ein weit niedriges Niveau absenken. Damit koennte man dann ja auch Energiesparen. Eine europaeische Wirtschaftsregierung schafft tausende von Arbeitsplaetzen fuer Politiker und Beamte. Damit wuerden hunderte von Gesetzen erlassen die wiederum von tausenden von Beamten ueberwacht werden muessen. Damit wuerde man die Vollbeschaeftigung erreichen. Man sieht die Gruenen sind mal wieder ihrer Zeit weit voraus.
Johannes
23-08-11 00:47
Müssen wir uns das gefallen lassen? Sind wir Europas Vollidioten die alles zahlen? Wir werden doch nur ausgelacht ob unserer Blödheit. Die Anderen lassen es sich gut gehen und wir sparen wo es geht und zahlen dann die Zeche. Wo bleibt da die Gerechtigkeit. Es reicht!!!
Ulrich
23-08-11 00:28
Sind die Grünen von allen guten Geistern verlassen? Ich will keine Eurobonds. Lieber soll der Euro zerbrechen als dass wir uns von den Südländern an der Nase herumführen lassen. Dafür würde ich auch gerne auf Wohlstand verzichten. Wir haben auch unseren Stolz und der Euro ist nicht alternativlos.
Klaus
22-08-11 14:48
Ein Europa das nur darauf beruht solange Deutschland die Schulden der anderen Staaten bezahlt, bleibt zusammen,
ansonsten bricht alles auseinander und Deutschland ist dann natürlich daran schuld!!!
Nein Danke Europa, ich möchte die D-Mark wieder haben!!!!!

Wiso, müssen nur die 17 €-Staaten solidarisch sein und nicht alle 27 EU-Staaten zu gleichen anteilen??? Griechenland ist Überschuldet egal ob in € oder Drachme!!

Neue Regeln sind doch nur Volksverdummung!!Es macht auch mit neuen Regeln eh jeder Staat was er will!!!Was wurde nicht auch bei der €-Einführung für ein hochgelobtes Regelwerk eingeführt. Hallo, nimm zur kenntnis ich glaube
nichts mehr!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Deutschland hat hohe Steuern und Abgaben! Irland hat deutlich weniger, warum tun die nicht erstmal Ihre Steuern erhöhen dann können die auch ihre Schulden selber bezahlen!!

Wie kann es sein das der Griechische Staat bei den momentanen Goldpreisen mit unserem Geld Gold ankauft, anstatt wenigstens etwas von Ihrem Goldbestand zu verkaufen um sine Schuldenlast zu verringern!!!!!
Um meiner Wut los zu werden gäbe es noch soviel zu sagen.
Für mich bleibt nur eins
Nein Danke Europa, Nein Danke SPD und Nein Danke Grüne!!!!!!
Kommentar

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