Der Text "Unser Spitzenduo". Dazu die Gesichter von Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt.

Die Grünen und das Fleisch: Warum manchmal nur Verzicht gerecht ist

Auf dem Gerechtigkeitskongress diskutieren wir über Gerechtigkeit zwischen Armen und Reichen, zwischen uns und Menschen in anderen Teilen der Welt, über Gerechtigkeit zwischen Geschlechtern und zwischen Generationen. Alles ohne Zweifel wichtige Fragen. Was aber fehlt ist die Diskussion über Gerechtigkeit zwischen uns und anderen Tieren und die Frage danach, was unser Umgang mit nichtmenschlichen Tieren mit Ungerechtigkeit gegenüber anderen Menschen zu tun hat.

Ein Debattenbeitrag von Rhea Niggemann (KV Berlin-Neukölln) und Philipp Bruck (KV Bremen kreisfrei)

Es geht um die Wurst

Wenn wir über Gerechtigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren reden, ist die nächstliegende Frage die, ob der Konsum von Fleisch eigentlich gerecht sein kann. Denn der Verzehr von Fleisch bedingt immer das Töten von nichtmenschlichen Tieren und damit einen drastischen Eingriff in ihre Interessen. Zudem ist Fleisch ein Klimakiller und verschwendet Ressourcen. Damit stellt sich auch die Frage, ob es sich gegenüber unseren Mitmenschen (vor allem in anderen Teilen der Welt) und gegenüber nachfolgenden Generationen rechtfertigen lässt, Fleisch zu essen.

Artgerecht ist nur die Freiheit

Bei Fragen der Gerechtigkeit geht es um den Ausgleich zwischen und das Abwägen von Interessen und Bedürfnissen. Dass auch nichtmenschliche Tiere Interessen haben, dass ihr Leben gut oder schlecht sein kann, das steht außer Frage. Nicht umsonst heißt es im Tierschutzgesetz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“ (TierSchG § 1).

Wie gehen wir also gerecht mit Tieren um? Indem wir für vermeintlich „artgerechte” Tierhaltung kämpfen? Unter dem Begriff verstehen viele Menschen – auch Grüne – in der Regel eine Biohaltungsform. Aber auch in dieser hat ein 100-kg-Schwein lediglich 1,3 m² Stallfläche zur Verfügung. Auch hier werden Rindern die Hörner ausgebrannt und Milchkühen ihre Kälber weggenommen. Bis zu 4.800 Hühner werden in einem Stall zusammengepfercht, bevor sie keine drei Monate nach ihrer Geburt getötet werden. Und auch in der Biolandwirtschaft werden die sogenannten “Nutztiere” am Ende ihres – immer sehr kurzen – Lebens gewaltvoll getötet, nur weil wir ihre Körper oder deren Produkte essen wollen.

Gerechtigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren sieht anders aus. Um uns ihnen gegenüber gerecht zu verhalten, müssen wir ihre individuellen Bedürfnisse berücksichtigen und gegen unsere Bedürfnisse abwägen. Wenn wir dies ehrlich tun, können wir nur zu dem Schluss kommen, dass das Bedürfnis, Fleisch zu essen, kein großes Gewicht auf die Waage der Gerechtigkeit bringt. Das Bedürfnis eines nichtmenschlichen Tieres auf ein angenehmes und langes Leben ohne gewaltvollen Tod wiegt zweifelsohne sehr viel schwerer.

Gerecht verhalten wir uns, wenn wir auch nichtmenschliche Tiere als Subjekte wahrnehmen und behandeln und nicht länger als Gegenstände. Das passiert in der „Nutztierhaltung” aber nicht – weder in der Agrarindustrie noch in den Heile-Welt-Biobetrieben, die wir Grünen so gerne propagieren. Wenn wir gegenüber nichtmenschlichen Tieren gerecht sein wollen, müssen wir damit aufhören, ihnen die Freiheit zu nehmen und sie systematisch auszubeuten, nur um unsere eigenen Interessen zu befriedigen.

Fleisch essen tötet auch Menschen

Wenn wir Fleisch essen, verhalten wir uns aber nicht nur nichtmenschlichen Tieren gegenüber ungerecht, sondern auch gegenüber unseren Mitmenschen und nachfolgenden Generation.

Unsere Ernährung mit Tierprodukten trägt weltweit mehr zum Klimawandel bei als der gesamte Transportsektor. Sie zerstört die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen, nimmt ihnen den Zugang zu Nahrungsmitteln oder Trinkwasser und zwingt sie zur Migration.

In deutschen Schlachthäusern arbeiten Menschen unter unwürdigsten Bedingungen. Die meist osteuropäischen Arbeitskräfte werden systematisch ausgebeutet. Die gewaltvolle Arbeit führt bei vielen Menschen zu psychischen Schäden. Fleischreste, die wir nicht essen wollen, exportieren wir zu absurd niedrigen Preisen, sodass lokale Bäuer*innen im Globalen Süden keine Chance haben mitzuhalten. Gleichzeitig beansprucht unsere Tierhaltung weltweit riesige Flächen zur Futtermittelproduktion. Diese Flächen stehen den Menschen vor Ort nicht mehr zur Verfügung, um ihre eigenen Lebensmittel anzubauen. Wer Fleisch isst, verschärft also die Hungerproblematik.

Die Liste der negativen Folgen unseres Fleischkonsums ist noch länger – von zerstörten Regenwäldern über verseuchtes und verschwendetes Wasser bis hin zu Antibiotika-Resistenzen. Es braucht also gar nicht den Blick über die Speziesgrenze hinaus um festzustellen: Fleisch essen ist nicht gerecht.

Manchmal muss es eben Verzicht sein

Eine ehrliche und gerechte Interessensabwägung zwischen unserem Bedürfnis, Fleisch zu essen, und den Interessen nichtmenschlicher Tiere findet in der Regel nicht statt – auch nicht in der Biolandwirtschaft. Auch die Interessen anderer Menschen und damit einhergehende Gerechtigkeitsfragen werden beim Fleischkonsum nicht berücksichtigt. Wir essen Fleisch einfach nur, weil es lecker und geil ist – nicht, weil wir es zum Überleben oder für unsere Gesundheit brauchen. Und schädigen damit massiv andere Menschen und nichtmenschliche Tiere.

Fleisch essen ist ungerecht. Das sollten wir beständig im Hinterkopf behalten und deshalb immer wieder zu veganen Alternativen greifen. Und vor allem sollten wir als Partei auch den Mut haben, Verzicht zu propagieren, wenn es die Gerechtigkeit verlangt. Das gilt nicht nur für den Fleischkonsum, sondern auch fürs Fliegen und Autofahren, beim Einkauf von Kleidung, die unter miesen Bedingungen produziert wird, und bei vielem mehr. Eine Partei, die Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu ihren Grundwerten zählt, kommt um Verzicht nicht herum. Wenn wir auf dem Niveau weiter konsumieren und leben, wie es viele von uns momentan tun, ist eben nicht genug für alle da. Es wird Zeit, dass gerade wir Grünen das auch immer wieder ehrlich sagen.

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