Parlamentarischen Prozess öffnen

Dies ist ein Entwurf für den Abschlusstext zur Arbeit des Zukunftsforums Demokratie von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Er soll die bisherigen Diskussionsergebnisse des Zukunftsforums festhalten, diese einem breiteren Publikum zugänglich machen, und damit eine Debatte in der Partei anstoßen. Auf dem Demokratiekongress am 13. März in Mainz schaffen wir einen Rahmen, diese Debatte breiter zu führen. Auf dieser Seite kann der Text kommentiert werden. Bis zum großen Grünen Zukunftskongress im Juli in Berlin soll der Text laufend überarbeitet werden – ein aktueller Stand wird regelmäßig online gestellt.

Im Parlament entscheiden Parlamentarier – so viel steht fest. Und klare Verantwortlichkeiten sind gerade für Demokratie wichtig. Es ist allerdings nicht ersichtlich, warum der parlamentarische Prozess dabei nicht weiter für Bürgerinnen und Bürger geöffnet werden kann. Auch wenn die Grenzen für eine Öffnung darin liegen, dass das Parlament arbeitsfähig sein muss, sehen wir die Möglichkeiten der direkten Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern auch an der Parlamentsarbeit nicht als ausgeschöpft an. Beteiligung sollte auch nicht allein als Mehraufwand und Arbeitshindernis betrachtet werden, sondern als notwendiges und bereicherndes Element von Demokratie.

Wir setzen uns für eine stärkere Beteiligungsmöglichkeit auch bei parlamentarischen Verfahren ein. Bereits 2005 ist das europaweit einmalige System der öffentlichen Petitionen unter unserer wesentlichen Federführung eingeführt worden. Die steigende Zahl von Nutzerinnen und Nutzern und Mitzeichnenden, sowie die umfangreichen Debatten unterstreichen, dass eine Stärkung des Petitionsrechts der richtige Weg ist. Es gilt zu überprüfen ob die Fristen ausreichend lang sind, und ob die Mindestzahl an Mitzeichnenden abgesenkt werden kann, mit der Petenten den Ausschuss zwingen können, sich einer Petition anzunehmen. Zu prüfen ist darüber hinaus die Einführung eines Ombudsmenschen nach schwedischem Vorbild, der oder die mit weitreichenden Kompetenzen zwischen Bürgern und Institutionen vermitteln kann und Bürgerinnen und Bürger in ihrer Beteiligung an parlamentarischen Prozessen stärkt.

Gerade die neuen Kommunikationstechnologien im Web 2.0 eröffnen hier neue Horizonte. Durch Online-Beteiligung könnten insbesondere junge Menschen für Politik gewonnen werden. Hier gilt es jedoch genau hinzuschauen und gute Modelle von schlechten unterscheiden zu lernen. Es ist frustrierend und für langfristige Demokratiebegeisterung eher schädlich, wenn Internetforen veraltet und ungenutzt im Netz verstauben und Beteiligung im virtuellen Raum verpufft. Es ist dagegen motivierend und stärkt die Demokratie, wenn das Netz klug und professionell für gezielte Beteiligung genutzt wird, wenn Menschen auch mit wenig Zeit die Möglichkeit bekommen ihre Stimme hörbar zu machen.
Neue Foren zur Deliberation, also zum zwanglosen Austausch von Argumenten, sollten verstärkt in den Fokus von Strategien zu Beteiligung gerückt werden. Anhörungsverfahren, zu denen Bürgerinnen und Bürger beispielsweise per Los eingeladen werden, können eine Bereicherung für den parlamentarischen Prozess sein. In Kommunen gibt es das Modell der Bürgerpanels, über das durch eine repräsentative Stichprobe aus der Einwohnerschaft einer Kommune über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren regelmäßig aktuelle Themen der Kommunalpolitik diskutiert werden können. Modelle wie die Bürger- oder Zukunftswerkstatt, sowie Planungszellen haben sich bereits als gute Möglichkeiten erwiesen, um engagierte Bürgerinnen und Bürger vor Ort effektiv einzubinden und deren Ideenreichtum und eine Vielfalt von Perspektiven direkt in die Politik einfließen zu lassen. In Kinder- und Jugendparlamenten können junge Menschen zugleich Demokratie lernen und über Anträge Einfluss auf lokale Politik nehmen.

Wir müssen bei Beteiligungsoffensiven aus Fehlern in der Vergangenheit lernen. Der „Agenda-21“-Prozess ist vielerorts ein Beispiel dafür, wie Engagement auch frustriert werden kann, wenn es verpufft und an lokalen Machtverhältnissen scheitert. Nur wo Gehörte auch ernstgenommen werden und wo Macht real abgegeben wird, kann Bürgerbeteiligung florieren. Bürgerinnen und Bürger wollen nicht nur mitreden, sondern auch mitentscheiden. Und bei neuen Beteiligungsverfahren, bei denen nicht mitentschieden sondern lediglich mitgeredet wird, muss dafür Sorge getragen werden, dass Argumente auch tatsächlich in parlamentarische Diskurse einfließen können und nicht zur Legitimitätsbeschaffung missbraucht werden. Eine Pseudo-Beteiligung zur Befriedung von Konflikten kann nicht das Ziel sein. Damit stärkere Beteiligung die Ungleichheit in politischer Partizipation nicht noch verschärft sollte außerdem immer der Versuch unternommen werden, gleiche Zugangschancen für alle zu neuen Beteiligungsformen zu befördern.

Wahlrecht demokratisieren

Wir wollen der Stimme der Bevölkerung auch bei Wahlen mehr Gewicht geben. Zuvorderst wollen wir deshalb überhaupt allen dauerhaft in Deutschland lebenden Menschen die Möglichkeit zum Wählen geben. Es ist ein Skandal dass Millionen von Menschen in Deutschland diese Möglichkeit vorenthalten wird. Regeln, die für alle gelten, müssen auch von allen demokratisch gestaltet werden können. (Siehe: 2.1 Politische Gerechtigkeit)

Das Wahlrecht muss bürgerfreundlicher gestaltet werden, um sicherzustellen, dass Menschen einer Wahl nicht fernbleiben, weil sie nicht ausreichend gut informiert waren. Gerade bei komplizierteren Wahlverfahren sind übersichtliche und leicht verständliche Informationen darüber, wie Wahlzettel auszufüllen sind und auch wie die abgegebenen Stimmen im Verfahren gewertet werden, ein wichtiger Schritt, Barrieren zur politischen Beteiligung abzubauen.
Darüber hinaus wollen wir den Schritt prüfen, Wählerinnen und Wählern – wo noch nicht geschehen – eine Einflussmöglichkeit auf die Listenreihenfolge einer Partei zur Stärkung einzelner Abgeordneter zu verschaffen. Hier gilt es jedoch, die Vor- und Nachteile eines solchen Schrittes gründlich abzuwägen. Andere Fragen, in denen wir bislang keine Einigung erzielen konnten, sind die weitere Absenkung des Wahlalters oder eine gänzliche Abschaffung des Mindestalters für Wahlen. Immerhin handelt es sich um ein Recht und nicht eine Pflicht zum Wählen, welches jeder Mensch zu einem für sich richtigen Zeitpunkt entdecken sollte. Ebenfalls offen ist für uns die Frage einer Absenkung der 5%-Hürde zum Einzug in Landesparlamente oder den Bundestag.

Öffentlichen Raum erhalten

Ein scheinbar banaler, aber in der Praxis sehr wichtiger Beitrag zur Stärkung der politischen Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern ist aus unserer Sicht das Bewahren öffentlichen Raums. Ob in Bürgerzentren, auf öffentlichen Plätzen, in Parks: öffentlicher Raum ist Grundvoraussetzung für Demokratie. Erst hier können Menschen sich begegnen, die sonstige Wege und Orte des Alltags nicht zusammenführen. Hier können Menschen aus allen Schichten und kulturellen Hintergründen zusammenfinden. Hier können Veranstaltungen organisiert werden und Diskurse stattfinden. Hier kann demokratisches Leben eine Heimat finden, die für alle annehmbar ist. Wir wenden uns daher gegen die zunehmende Kommerzialisierung und Zurückdrängung öffentlicher Räume. Die Vertreibung Schwacher gerade aus den Zentren großer Städte ist auch aus demokratischer Sicht nicht hinzunehmen: wie soll jemand als politisch Gleicher an demokratischer Politik teilhaben, wenn er oder sie nicht mal auf dem öffentlichen Platz erwünscht ist? Demokratie bedeutet ganz fundamental dass alle Menschen ihren Platz in der Gemeinschaft haben. Dazu braucht es Orte, an denen jeder erwünscht ist.

Starke Bürgerinnen und Bürger brauchen unabhängige Medien

In einer modernen Demokratie wird Politik zum großen Teil über Massenmedien vermittelt. Ein direkter Austausch ist in einem großen Staat von 80 Millionen Menschen rein praktisch nicht möglich. Medien kommt daher in der Demokratie eine Schlüsselrolle zu: in der Vermittlung von politischen Inhalten und indem sie politischen Diskursen Raum geben. Für die Demokratie ist es daher unabdingbar, dass die Medienlandschaft vielfältig ist und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten unabhängig arbeiten. Unabhängiger, pluraler und kritischer Journalismus ist für Politiker häufig unbequem – und das ist gut so. Es braucht eine vierte Gewalt, die den Akteuren in den politischen Institutionen auf die Finger schaut, und beispielsweise aufdeckt wenn in den Grauzonen der Politikbeeinflussung skandalöse und demokratieschädliche Praktiken stattfinden.

Für die Demokratie ist eine Trennung von publizistischer und politischer Macht ungemein wichtig. Der Einfluss des Präsidenten Silvio Berlusconi in der italienischen Medienlandschaft ist ein abschreckendes Beispiel. Wir brauchen mehr Transparenz über die Eigentumsverhältnisse in Medienunternehmen, unter Berücksichtigung der gesamten publizistischen Verwertungskette. Darüber hinaus gilt es, das Kartellrecht gerade im Mediensektor konsequent durchzusetzen, um den lokalen Medienmonopolen, die sich vielerorts breit gemacht haben, entgegenzuwirken. Das Kartellrecht alleine reicht jedoch nicht aus, da dies allein auf Begrenzung von Marktmacht ausgerichtet ist. Wir wollen Meinungsmacht begrenzen um Vielfalt zu sichern. Dazu sollte die „Kommission zur Ermittlung von Konzentration im Medienbereich“ (KEK) gestärkt werden. Zur Stärkung von Unabhängigkeit im Zeitungsmarkt sollten nicht profit-orientierte Rechtsformen und Eigentümerstrukturen nach dem Vorbild von Qualitätsmedien wie FAZ, taz oder Spiegel gefördert werden. Darüber hinaus stellt eine Förderung nicht-kommerzieller Bürgermedien wie lokaler Bürgerradios gerade in diesem Licht einen wichtigen Beitrag zur Medienvielfalt dar.

Wir wollen eine Stärkung öffentlich-rechtlicher Medien, die weder von der Werbewirtschaft noch von der Politik dominiert werden. Die Abberufung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, allem Anschein nach unter parteipolitischem Vorzeichen, hat gezeigt, dass die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten immer wieder in Gefahr steht. Hier gilt es der direkten Einflussnahme durch die Politik einen Riegel vorzuschieben. Genauso braucht es eine Eingrenzung der Werbezeiten und ein striktes Verbot von Schleichwerbung. Auch während Kinderprogrammen ist Werbung inakzeptabel. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten müssen Qualität des Programms in den Mittelpunkt rücken – und im Zweifelsfall auch vor die Quote setzen.

Entsprechend der Veränderung der Nutzergewohnheiten wollen wir die Öffentlich-Rechtlichen neben den beiden Säulen Hörfunk und Fernsehen insbesondere im Internet stärken. Gerade junge Nutzerinnen und Nutzer können damit erreicht werden. Sendungen sollten auf Dauer im Netz abrufbar sein – denn für deren Produktion haben Bürgerinnen und Bürger mit ihren Gebühren schließlich gezahlt. Da die Inhalte der öffentlich-rechtlichen Medien Bürgergut sind, sollte eine Umstellung der Inhalte auf Creative-Commons-Lizenzen nach dem Vorbild von NDR und SWR geprüft werden. Solche Lizensierungsmodelle ermöglichen es den öffentlich-rechtlichen Anstalten, ihre Inhalte zu schützen und gleichzeitig Einbindung auf nicht-kommerziellen Webseiten oder Nutzung im Unterricht zu ermöglichen.

Das Internet bietet darüber hinaus große Chancen für Meinungsvielfalt und kritische Öffentlichkeit. Als Grundvoraussetzung müssen wir die sogenannte Netzneutralität sichern – also gewährleisten dass die Datenübertragung für alle gleich zugänglich ist und die Übertragungswege nicht den Giganten unter den Internetmedien bevorzugt zur Verfügung stehen, deren Dominanz selbst die Vielfalt im Netz bedrohlich infrage stellt. An Netzneutralität und Vielfalt im Internet entscheidet sich ganz elementar, wie demokratisch die Nutzung des Internets in der Zukunft wird sein können – und damit inwieweit das Internet die für die Demokratie so wichtige Medienvielfalt erweitern kann. Am Umgang der Politik mit dem Internet wird also auch deutlich, wie ernst wir es mit der Demokratie meinen.

Medienschaffende müssen gegenüber staatlichen Institutionen gestärkt werden. Quellenschutz ist für Pressefreiheit ein zentrales Gut. Auch steht Journalistinnen und Journalisten zu, dass sie auf Anfragen Antworten aus den politischen Institutionen erhalten, und die gilt nicht nur für einen handverlesenen Kreis, sondern als Grundsatz der Informationsfreiheit. Nur so können die Medien ihre Rolle als kritische Hüter der Demokratie gegenüber den staatlichen Gewalten wahrnehmen.

Auf der anderen Seite sollten alle Journalisten in ihrer Ausbildung entsprechende Kompetenzen erlernen. Ein Demokratieschwerpunkt und Schwerpunkte in investigativer Recherche sollten verpflichtend zum Grundhandwerkszeug in einer Journalistenausbildung gemacht werden. Auch betrachten wir mit Sorge, dass bereits in der Ausbildung die Unterscheidung zwischen PR und Journalismus durch hybride Studiengänge im Bereich „Medien“ immer stärker verwischt. Ziel sollte jedoch eine strikte Trennung zwischen den Berufsfeldern und deshalb auch den Ausbildungen sein. Aufklärung und interessengeleitete Kommunikation sind getrennte Metiers.

Auch wollen wir die Medienkompetenz von jungen Menschen verstärkt fördern. Denn in einer Medienlandschaft voller Informationsflut und Vielfalt, und zugleich einer nicht direkt sichtbaren Eigentümerkonzentration, sowie einer zunehmenden Vermischung von PR und Journalismus ist bewusster Umgang mit den Medien mehr denn je gefragt. Bürgerinnen und Bürger, die auch guten Journalismus nachfragen, sind die beste Garantie dass es diesen auch gibt.

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Kommentare

Gregor
16-06-11 18:52
2.2/Starke Bürgerinnen und Bürger/Parlamentarischen Prozess öffnen/3. Absatz/4. Satz:

Wie ist das mit diesem Forum?!: Nur für „meinekampagne“-Mitglieder und die, die es mit ca. 5 Clicks und viel Glück reinschaffen!?! (siehe „2.“)



2.2/Starke Bürgerinnen und Bürger/Wahlrecht demokratisieren/2. Absatz:

Wenn aber die Bürger von den Institutionen der „repräsentativen Demokratie“ verschleppt, ihrer Freiheit beraubt und gefoltert werden, ist es ihnen schwer ihre Bürgerpflicht zu erfüllen!
2.2/Starke Bürgerinnen und Bürger/Starke Bürgerinnen und Bürger brauchen unabhängige Medien/4. Absatz/3. Satz:

Gute Idee! - So könnte vielleicht die Hemmschwelle für Propaganda heraufgesetzt werden.
Felix
08-05-11 09:26
Dieser Abschnitt ist zum Teil nicht gegendert.

Hier ist anscheinend die Systematik etwas durcheinandergekommen -- vieles in diesem Abschnitt paßt nicht unter die Überschrift "Parlamentarischen Prozess öffnen".
Jann- Olav
07-05-11 10:06
Wahlrecht demokratisieren
allgemein die fünf Prozent Hürde aufzuheben, halte ich aufgrund der drohenden Zersplitterung für nicht sinnvoll. Es gibt aber eine Ausnahme: der „dänische“ Abgeordnete im SH-Landtag. Er ist ein Teil der dänisch-deutschen Versöhnung (die für Europa vorbildlich ist). Und darum geht es doch: Warum nicht in jedem, der eigentlich wählen sollte, aber kein Wahlrecht hat, seinen Platz im entsprechendem Parlament gewähren. Ein Abgeordneter (direkte Wahl) für Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren und ein Abgeordneter für alle die dauerhaft in Deutschland leben. Sollte sich dieser Schritt bewähren, kann eine weitere Öffnung des Wahlrechtes später noch erfolgen.
Jann- Olav
07-05-11 10:03
Wer soll über wichtige demokratische Prozesse im Internet berichten? Die Öffentlich rechtlichen? Infobroschüren der Regierung? Verpflichtung der Print-Medien?
Christiane Schulzki-Haddouti
15-03-11 11:33
Zum Thema Bildung von Journalisten:
Die Journalistenausbildung muss sich verändern. Zum einen muss auf die homogene gesellschaftliche Zusammensetzung des Berufsstands durch Inhalte reagiert werden. Der Journalistenberuf selbst muss Inhalt werden - auch was die Zugehörigkeit zur und das Bewusstsein von Elite betrifft. Schafft man in der Ausbildung ein Bewusstsein für die eigene möglicherweise verzerrte Wahrnehmung sozialer Realität kann sich der journalistische Blick ändern.
Berufsethische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisvermittlung und Reflexion darf aufgrund der unterschiedlichen Bildungswege in den Journalismus nicht auf die Hochschulen beschränkt werden, sondern muss auch Eingang in die Volontariate und zu den besonders elitären Journalistenschulen finden. Zum anderen sollten die ganz offensichtlich bestehenden, auf den gesellschaftlichen Schichten beruhenden Barrieren zum Journalistenberuf reduziert werden. Patentlösungen dafür kann es aufgrund der Komplexität des Themas nicht geben. Es wäre zu prüfen, ob dies mit veränderten Aufnahmeprozeduren an den Journalistenschulen sowie Aufnahmebedingungen der Hochschulen zu erreichen wäre. Der offiziell freie Zugang zum Beruf reicht aber ganz offensichtlich nicht. Daher ist eine Debatte zum Thema in den Journalistenverbänden und -zusammenschlüssen und auch in der Medienwissenschaft von Nöten. Auch die soziologische Elitenforschung ist, was den Journalismus betrifft, unterbelichtet. Sie beschäftigt sich fast ausschließlich mit Eliten aus Wirtschaft und Politik.

Zum Thema (elitäres, männliches) Selbstvertändnis:
Eine stärkere Öffnung publizistischer Konzepte hin zu Modellen des Bürgerjournalismus kann dazu beitragen, die Wahrnehmung sowie den Raum für gesellschaftlich relevante Themen zu erweitern. Generell sollten Feedbackschleifen erkannt und aktiv genutzt werden.
Verlage und Redaktionen sollten aktiv die Gleichstellung von Frauen und Männern im mittleren Management fördern. Arbeitszeitmodelle sollten Mütter und Väter unterstützen.
Peter Ziegler schlägt vor, dass Absolventen von Journalistenschulen als Kommunikationsmanager dem Mainstream gegensteuern könnten. Die Schulleitungen hätten die „Option, ihre Lehrpläne stärker auf die Modelle partizipatorischer Medienarbeit auszurichten". Sie sollten außerdem bei Aufnahmeprozeduren darauf achten, dass auch Bewerber aus gesellschaftlichen Randgruppen wie Migranten, die von Haus aus nicht über denselben, wohl aber über einen anderen Bildungshintergrund verfügen, eine Chance erhalten.

Zum Thema Eigentumsstrukturen:

In einem gefestigten Markt der Lokalzeitungen können Initiativen einzelner Journalisten in Regionen, in denen es nur eine Zeitung gibt, die über das lokale Geschehen berichten, punktuell für mehr publizistische Vielfalt sorgen. Diese können mittelbar auch wieder zu einer besseren Berichterstattung in der Region führen. Als Beispiele hierfür sind etwa das Heddesheimblog.de von Hardy Prothmann oder Hohenlohe-Ungefiltert.de von Ralf Garmatter und Axel Wiczorke anzuführen, die bewusst inhaltliche Lücken in der Berichterstattung der regionalen Monopolisten füllen wollen

Zum Thema Finanzierung:

Neben eher traditionellen Maßnahmen, die auf eine Verbesserung des redaktionellen Binnenverhältnisses in den Redaktionen oder zwischen Redaktionen und Autoren bzw. auf gewerkschaftliches Engagement abzielen, wurde 2009 eine Reihe von Lösungsvorschlägen diskutiert, die direkt am Finanzierungsmodell der Publikationen ansetzen. So wurden Alternativen zu den heutigen Geschäftsmodellen wie den Abo- und Einzelentgelten, der Werbung sowie Gebühren gesucht, da insbesondere die Refinanzierung über klassische Werbung immer schwieriger wird:

Finanzierung durch öffentliche Einrichtungen
Öffentliche Einrichtungen wie Kirchen oder Universitäten könnten Qualitätsmedien herausgeben oder finanzieren, schlugen Weichert und Kramp vor. Volker Lilienthal machte allerdings darauf aufmerksam, dass auch die Kirchen im Zuge der Kirchenaustritte an Finanzkraft einbüßen mussten.
Finanzierung durch zivilgesellschaftliches Engagement

Weichert und Kramp schlugen außerdem eine Art Volksaktien für Qualitätsmedien vor. Als Vorbild präsentieren sie das Genossenschaftsmodell der taz. Lilienthal glaubt jedoch, dass dies nur für Minderheitsmedien interessant sein könnte, da das Interesse der Deutschen an Qualitätsmedien nicht ausreichend groß sei.

Finanzierung durch Kulturflatrate
Die Einführung einer Kulturflatrate wird seit längerem vor allem in Hinblick auf Musik diskutiert (Rossnagel) und wurde ebenfalls von Weichert und Kramp aufgegriffen. Die Diskussion knüpft hier an das Verteilungssystem der Verwertungsgesellschaften wie der GEMA oder der VG Wort an. Der Gesetzgeber könnte nicht nur Gerätehersteller, sondern auch Internetprovider zu Pauschalabgaben verpflichten, die direkt auf die Rechteinhaber umgelegt werden könnten. Problematisch ist hier jedoch, einen Verteilschlüssel zu finden, der Qualität honoriert.

Finanzierung durch Nationalfonds
Eine weitere Lösung besteht nach Ansicht von Weichert und Kramp in der Errichtung eines „Nationalfonds für Qualitätsmedien". Doch auch hier stellt sich wie bei der Kulturflatrate die Frage nach einem adäquaten Verteilschüssel. Auch ist, so Lilienthal, zu überlegen, ob damit nicht Eliteblätter für wenige herangezüchtet werden. Zu klären wäre auch, ob die so finanzierten Zeitungen überhaupt entgeltpflichtig wären - analog dem GEZ-finanzierten Rundfunk.

Finanzierung durch Mäzenaten
Richard Tofel von der US-amerikanischen ProPublica-Stiftung erwartet ein Marktversagen in vielen Nachrichtenbereichen und setzt dabei auf eine gemeinnützige Finanzierung: Wenn der Markt versagt - so heißt es in den Wirtschaftslehren - braucht man öffentliche Güter. Ich denke, in diesen Fällen, in denen der Markt versagt, wird gemeinnützig finanzierter Journalismus eine zunehmend wichtige Rolle spielen". (Sixtus/Endert 2009) Mäzene oder Stiftungen, die sich für Qualitätsmedien einsetzen, schlagen deshalb Weichert und Kramp mit Blick auf das US-amerikanische Modell „Pro Publica" (http://www.propublica.org) als weitere Lösungsmöglichkeit vor. Der Miliardär Herbert M. Sandler will mit der gemeinnützigen Organisation dediziert investigativen Journalismus unterstützen, da dieser in der Regel keine Inhalte hervorbringt, die Anzeigenkunden schätzen. Derzeit recherchieren mit einem Budget von jährlich etwa zehn Mio. US-Dollar mehr als zwanzig Journalisten nach exklusiven Beiträgen aus den Bereichen Politik und Wirtschaft. Unter anderem enthüllten sie, dass die US-Regierung mit über 500 Mio. US-Dollar das arabische TV-Network „Al Hurra" subventionierte. Die Recherche floss in einen Beitrag für das TV-Magazin „60 Minutes" von CBS News, das für seine Scoops seit Jahrzehnten berühmt ist.

In Deutschland gibt es bereits einige Zeitungen, die von Stiftungen getragen werden, so etwa die FAZ durch die FAZIT-Stiftung. Die Rudolf-Augstein-Stiftung fördert seit Sommer 2009 die neue Stiftungsprofessur für die Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg. Lilienthal (2009a) weist jedoch darauf hin, dass Mäzenatenum die Produktion gesellschaftlichen Reichtums voraussetze. Dies sei in Zeiten der Wirtschaftskrise fraglich. Zudem setze es voraus, dass es genügend Besitzende gibt, die sich im Sinne des Gemeinwohls für einen kritischen Journalismus engagieren wollen. Schließlich könnten hier auch neue Abhängigkeiten entstehen.

Finanzierung durch Mikrofinanzierung
Es gibt inzwischen auch Versuche von Autoren und Autorengruppen sich direkt von ihren Lesern bezahlen zu lassen und so den Verlag oder den Sender als Mittler zwischen Autor und Leser zu übergehen. Der Journalist und Blogger Christopher Allbritton überzeugte die Leser seines Blogs, ihn für zwei Recherchereisen in den Irak während des Kriegs zu unterstützen. Seine Berichte veröffentlichte er zunächst in seinem Blog „Back to Iraq" (http://www.back-to-iraq.com), später schrieb er auch für das TIME Magazine als Free-Lancer. Damit inspirierte er die Plattform Spot.us dazu, von ihren Lesern für mehrere Autoren Spenden einzusammeln. Für jedes Artikelprojekt setzt sie einen eigenen Spendenaufruf auf. (Sixtus/Endert)

Finanzierung durch neue staatliche Förderinstrumente
Möglich ist auch die Förderung von Medien durch neue staatliche Förderinstrumente, die jedoch eine staatliche Einflussnahme auf die Projektteilnehmer ausschließen. So fördert etwa das niederländische Bildungsministerium mit den „Digitale Pioniers" (http://www.digitalepioniers.nl/) seit 2002 zahlreiche kleinste und kleine zivilgesellschaftliche Medieninitiativen über einen staatlich alimentierten Förderfonds, der vom Think Tank Kennisland verwaltet wird. Diese Projekte müssen zur Meinungsbildung, Partizipation und Informationsvermittlung im Internet beitragen können. Die Förderung kann über bestimmte Förderkriterien Qualitätsstandards in Bezug auf Inhalte, soziale Kommunikations- und Umgangsformen und lizenzrechtliche Regelungen wie etwa der Verwendung von Creative-Commons-Lizenzen setzen.

Finanzierung durch Product Placement
Eine Finanzierung durch Product Placement ist mit der Änderung des entsprechenden EU-Rechts für das Privatfernsehen legal. Gleichwohl wird sie kontrovers diskutiert.

Zum Thema Rechtschutz für freie Journalisten:
Rechtsschutz verbessern

Ein umfassender Rechtsschutz bzw. eine Vermögenshaftpflichtversicherung für kleine Unternehmen und Organisationen sowie freie Journalisten kann das finanzielle Risiko mindern, das mit Klagen und Unterlassungserklärungen einhergeht. Dieser Rechtsschutz sollte ausdrücklich auch das selbständige Publizieren im Netz auf eigenen Plattformen wie Blogs umfassen. Derzeit sind aber entsprechende Versicherungsverträge für Freie kaum bezahlbar. Es ist daher zu überlegen, ob insbesondere das Abmahnwesen auf vernünftige Maße eingeschränkt werden kann, insbesondere durch die Streichung der Anwaltsgebühren für die erste Abmahnung.

Zum Thema PR:

Einheitliche berufsethische Grundsätze anstreben
Die berufständischen und sonstigen journalistischen Interessenvertretungen sind bis heute nicht zu einer einheitlichen Linie in der Definition ethischer Grundsätze gelangt. Sie reichen von zölibatähnlicher Enthaltsamkeit von PR bei Ausübung von Journalismus beim „Netzwerk Recherche" und umgekehrt bis hin zur Akzeptanz koexistierender Tätigkeiten unter Einhaltung definierter Grundregeln beim deutschen Presserat. Das Problem ist erkannt - allein, es fehlt an einer griffigen Lösung.
Unbewusste Vermischung von Journalismus und PR vermeiden

Das Kernproblem ist die bewusste oder unbewusste Vermischung von PR-Inhalten mit redaktioneller Berichterstattung und Kommentierung. Dies betrifft als Rollen die freien Journalisten bei der Erwirtschaftung ihres Einkommens durch ihre Haupteinnahmequellen und die fest angestellten Redakteure mit Nebeneinkünften, sei es direkt als in der PR-Tätige oder aufgrund eines anderen Auftrags. Für den Lösungsansatz sind zunächst die Gefahren unbewusster Vermischung journalistischer mit Öffentlichkeitsarbeit von den Gefahren durch bewusste Vermischung zu trennen.

Bei Gefahr durch unbewusste Vermischung von journalistischen und PR-Inhalten ist das notwendige Erwerbspotenzial zu beachten. Fest angestellte Journalisten und Freie mit einem mindestens branchenüblichen Durchschnittseinkommen sollten hier Angebote aus der Öffentlichkeitsarbeit oder dem PR-nahen Umfeld strikt meiden und dem Duktus vom „Netzwerk Recherche" nachgehen. Entsprechendes gilt umgekehrt für Öffentlichkeitsarbeiter in Richtung journalistischer Aufträge und Angebote. Auf der journalistischen Seite würde dies insbesondere auch fast vollständig für feste Freie bei Rundfunk und Fernsehen gelten. Eine Transparenzregel, z.B. öffentliche Anzeigepflicht, bietet eine wirksame flankierende Maßnahme. Die Fraglichkeit von Presserabatten und Pressereisen müsste in diesem Zusammenhang eine eigenständige Analyse erhalten. Freie Journalisten, die auf Zusatzeinkünfte aus existenziellen Ursachen nicht verzichten können, sollten - realitätsnah - die koexistierende Ausübung ihrer Tätigkeiten in beiden Aufgabengebieten gestattet sein, sofern sie die Kundengruppen sachlich und auch in angemessener zeitlicher Hinsicht sauber und nachvollziehbar trennen.

Zeitdruck mindern
Hinsichtlich der unbewussten oder indirekten Vermischung von journalistischen und PR-Inhalten dürfte auch eine bessere personelle Ausstattung von Redaktionen bzw. eine deutliche Minderung des Zeitdrucks durch organisatorische Maßnahmen zu einer Verbesserung führen. Die vorgestellten Studien aber auch die Aussagen der Interviewpartner haben deutlich gezeigt, dass der Faktor Zeit wesentlich ist für die Qualität der Recherche.

Transparenz und Sanktionen
Bei Gefahr durch bewusste Vermischung von journalistischen und PR-Inhalten laufen ethische Forderungen ins Leere. An dieser Stelle können nur wieder andere Journalisten oder kritische Publizisten (z.B. Blogger) investigativ einschreiten und solches Fehlverhalten durch Publikationen öffentlich machen. Oder es gibt sanktionsfähige Gremien, die die Pflege von Lobbyistenregistern, die Zwangseintragungen und die Veröffentlichung, z.B. im Internet, sicher stellen. Ob hier zusätzlich die Offenlegung von Geschäftsbeziehungen durch die Auftraggeber eine realistische und umsetzbare Forderung ist, darf eher bezweifelt werden.

Ein besonders Problem der Vermischung von PR- und journalistisch relevanten Informationen ist die indirekte Beeinflussung von Journalisten durch Peers, Experten und Informanten. Politiker stellen hier eine der größten Gruppen. Journalisten, die auf diese Art von Quellen angewiesen sind, haben häufig keine Instrumente, um eine für die Öffentlichkeit wichtige Nachricht von eingestreuten PR-Informationen zu trennen. Politiker sollen gewisse Karenzzeiten einhalten, um ihre politische Tätigkeit nicht direkt mit Lobbytätigkeiten zu verknüpfen.

Ausbildung
Die Ausbildung angehender Journalisten sollte die Grenzen zwischen Journalismus und PR vermitteln, indem sie Einblick in beide Bereiche und nicht nur in den Bereich des Journalismus gewährt. Wer den Unterschied nicht begriffen hat, ist auch nicht in der Lage zu hinterfragen. Ein reines „Training on the Job" genügt nicht, Reflexion ist nötig. Wichtig ist aber auch, dass die Recherche als journalistische Kernkompetenz systematischer gelehrt werden sollte. Letztlich sollte in der Ausbildung jedoch ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen Aufgabe des Journalismus vermittelt werden.
achim
11-03-11 17:26
Zum Petitionsrecht: Es wäre schön, wenn aus dem Petitionsausschuss heraus direkt Gesetzesvorschläge initiert werden könnten.
Der Abschnitt Wahlrecht, ist imho sehr wischiwaschi formuliert, da gibt es wohl parteiintern viel Diskussionsbedarf. Ich persönlich bin für einen größeren personellen Einfluss der Bürger auf die Zusammensetzung der Parlamente, allerdings sollte hier nach dem Graßwurzelprinip beim demokratisieren vorgegangen werden, von der Kommunalebene über die Länderebene zur Bundesebene. Die fünfprozenthürde sollte dort zuerst aufgehoben werden, wo keine absoluten Mehrheiten zur Regierungsbildung benötigt werden, bzw es keine solchen Mehrheiten gibt nämlich bei Kommunalwahl und bei der Europawahl.
Kommentar

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