Der Extremismusbegriff

Beim Kampf gegen Rechts kann es vorkommen, dass Kritiker eures Engagements Rechtsextremismus mit linker Gewalt und Islamismus in einen Topf werfen. Im folgenden findet ihr eine Erklärung, warum diese Gleichsetzung problematisch ist.

Nazis, Nein Danke!

Seit 2010 ist der Streit um den Extremismusbegriff in Deutschland wieder aufgeflammt. Rechtsextremismus und "Linksextremismus" werden gerade von konservativen Akteurinnen und Akteuren gerne in einem Atemzug genannt.

Auslöser der aktuellen Debatte war die erstmalige Förderung von Programmen gegen "Linksextremismus und Islamismus" und die Zusammenlegung der Fördertöpfe mit den Programmen gegen Rechtsextremismus durch die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kristina Schröder. Dieser Zusammenlegung liegt indirekt die Annahme zugrunde, dass es extreme Ränder innerhalb der Gesellschaft gibt, die versuchen, demokratische Strukturen abzuschaffen und die sich gegen Menschenrechte richten. Dieses Verständnis von Extremismus ist aus mehreren Gründen schwierig. Zum einen gibt es bisher keine wissenschaftlich fundierte Definition, was genau "extremistisch" bedeutet. Zum anderen ist die Gleichsetzungslogik von Rechts- und Linksextremismus inhaltlich nicht haltbar. Dass die Ablehnung von Menschenrechten und demokratischen Überzeugungen keine linken Grundideen sind, jedoch zum Standardprogramm aller nationalistischen und rassistischen Gruppen gehören, wird dabei genauso übersehen, wie die Tatsache, dass es seit der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR 1989 zwar fast 150 Todesopfer durch Neonazis gab, jedoch kein einziges durch "linke" Gewalt registriert worden ist.

Außerdem übersieht diese Logik, dass Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus nicht nur Randphänomene der Gesellschaft sind, sondern auch in der so genannten bürgerlichen Mitte auftreten. Die alltägliche Diskriminierung von Menschen, die nicht einer vermeintlichen Norm entsprechen, ist nach wie vor fest in unserer Gesellschaft verankert, wie wissenschaftliche Studien immer wieder bestätigen. Die Verwendung eines unklaren und schwammigen Extremismusbegriffs verharmlost daher rassistische Gewalt, führt zu einer Kriminalisierung von Anti-Nazi-Initiativen und vertuscht rassistische und antisemitische Einstellungen in der sogenannten "Mitte der Gesellschaft".

 

Die Demofibel im Überblick

1. Praktische Tipps für den Kampf gegen Nazis

2. Verhinderung einer rechten Demonstration

3. Gegendemonstration und Blockade

4. Was ihr nicht vergessen solltet bei Aktionen gegen Rechts

5. Nazis im Internet

6. Umgang mit der "Wortergreifungsstrategie" der NPD

7. Der Extremismusbegriff

8. Welche Bündnispartner ihr ansprechen könnt

9. Fakten zum Verbot einer Demonstration

10. Wann die häufigsten Demo-Termine der rechten Szene sind

11. Wo ihr mehr Infos bekommt: Linksammlung

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Nützliche Links

Eine Sammlung nützlicher Links rund um das Thema Rechtsextremismus.

Nicht vergessen bei Aktionen gegen Rechts

Um einen größeren Effekt und auch eine Sichtbarkeit von Grüner Politik vor Ort zu erreichen, solltet ihr einige Dinge nicht vergessen:

Nazis im Internet

Nicht nur auf der Straße und im öffentlichen Leben ist es wichtig, aktiv gegen rechtsextremistische und menschenfeindliche Ideologien vorzugehen. Auch im Internet dürfen solche Parolen nicht hingenommen werden. Sei es auf Facebook, Youtube, in Foren oder auf eigenen Seiten - gerade im Netz fühlen sich viele Personen ermutigt, ihre Hasstiraden in die Welt zu posaunen. Auch hiergegen könnt ihr etwas unternehmen.

Häufige Demo-Termine der rechten Szene

Rechtsextreme missbrauchen häufig die Jahrestage bestimmter historischer Ereignisse für ihre Veranstaltungen und Demonstrationen. Rund um diese Termine solltet ihr also besonders wachsam sein und gegebenenfalls Gegenveranstaltungen organisieren.

Bündnispartner gegen Rechts

Entscheidend für eine gelungene Aktion gegen Rechts ist, dass nicht nur wir als GRÜNE ein deutliches Zeichen gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit setzen, sondern die gesamte Zivilgesellschaft. Gegenaktionen zu rechtsextremen Demonstrationen, Ständen oder Mahnwachen sind deutlich wirksamer, wenn nicht nur eine einzelne Partei in Erscheinung tritt. Versucht deshalb, ein möglichst breites Bündnis auf die Beine zu stellen. Vergesst dabei unsere Grüne Jugend nicht. Solche Netzwerke sollten auf Dauer angelegt sein, denn dann stärken sie auch die Zivilgesellschaft vor Ort. Hier findet ihr eine Liste potentieller Bündnispartner.

Kommentare

Gast
19-03-12 08:25
"die Ablehnung von Menschenrechten und demokratischen Überzeugungen keine linken Grundideen" ???

Stalin: Von 1929 bis 1953 wurden 20 Millionen politische Abweichler oder einfach Bürgerliche, unfähig, sich selbst zu wehren, von deren eigener sowjetischen Regierung zusammengetrieben und vernichtet.

Das kommunistische China: Von 1948 bis 1976 wurden 20 Millionen Antikommunisten, Christen, politischen Selbstständige und Erneuerer, unfähig, sich zu selbst zu wehren von deren eigenen chinesischen Regierung, zusammengetrieben und vernichtet.

Pol Pots kommunistisches Terrorregime in Kambodscha: Von 1957 bis 1977 wurden 1 Millionen "Intellektuelle", unfähig, sich selbst zu wehren von deren eigenen kambodschanischen Regierung zusammengetrieben und vernichtet.

Mehr als 40 Millionen Tote - aber "die Ablehnung von Menschenrechten und demokratischen Überzeugungen ist keine linke Grundidee" ???
Fragant
10-03-12 20:54
Wieso ist es eine "Gleichsetzungslogik" von Rechts- und Linksextremismus, wenn man Anti-Extremismusprogramme macht, die in alle Richtungen gehen? Ist es nicht gerechtfertigt, auf keinem Auge blind sein zu wollen? 2001 wurden große Kampagnen gegen Rechtsextremismus gefahren und dann war man überrascht, das aus Deutschland Attentäter zum Anschlag vom 11. September kamen. Dann wurde die Islamismusgefahr immer wieder thematisiert und scheinbar über Jahre "übersehen", das eine Naziterrorbande, die NSU, ihr unwesen treibt. Also bitte reduziert das nicht auf eine Seite, Ablehnung von Menschenrechten und Antidemokratische Inhalte gab und gibt es aus jeder politischen Richtung!

Und es stimmt auch NICHT, dass es seit 1989 kein Todesopfer durch linke Gewalt gab. So wurde beispielsweise der Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder am 01.04.1991 von RAF-Aktivisten per Schuss in den Rücken ermordet.

Es gibt keine wissenschaftliche Definition von Extremismus? Absolut falsch. Es gibt wie immer sogar mehrere und die sind weder unklar, noch schwammig. Zum Beispiel: "Im politischen Sinne bedeutet E. die prinzipielle, unversöhnliche Gegnerschaft gegenüber Ordnungen, Regeln und Normen des demokratischen Verfassungsstaates sowie die fundamentale Ablehnung der mit ihm verbundenen gesellschaftlichen und ökonomischen Gegebenheiten. Extremistische Einstellungen basieren i.d.R. auf grundsätzlicher Ablehnung gesellschaftlicher Vielfalt, Toleranz und Offenheit und stellen häufig den Versuch dar, die aktuellen politischen, ökonomischen und sozialen Probleme auf eine einzige Ursache zurückzuführen." Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 4., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2006.

So lange die Menschen hierzulande die veralteten rechts / links - Schemata zu nutzen, so lange brauchen wir auch den Extremismußbegriff. Wie sollte man sonst den Unterschied zwischen KPD & SPD oder zwischen CDU & NPD treffender und einfacher erklären?

Der Extremismußbegriff übersieht NICHT, dass die Probleme auch in der so genannten bürgerlichen Mitte auftreten. Auch einE ExtremistIn kann in der Mitte der Gesellschaft Leben. Je größer die Abneigung gegenüber dem Staat und seinen Institutionen (beispielsweise Steuern, Polizei...) desto akzeptierter sind extremistische Einstellungen. Im Falle von Nichtakzeptanz verbreitet sich dann die Auffassung, man dürfe bestimmte Sachen nicht aussprechen und ist daher begeistert, wenn es beispielsweise ein Thilo Sarrazin tut... Sarrazin dann zum "geht gar nicht"-Mann des Jahres zu erklären, genügt nicht. Man muß sich mit seinen Thesen auseinandersetzen. So erreicht man auch viele dieser scheinbar unerreichbaren MitbürgerInnen.

Die Vorwürfe am Ende des Artikels sind absurd. Wieso beispielsweise sollte eine Anti-Nazi Initiative durch den Extremismusbegriff kriminalisiert werden? Dazu müßte sie schon extremistische Ziele haben, das ist weit, weit, weit mehr als nur gegen Nazis zu sein. Wenn dort Feinde der FDGO unter dem Deckmantel von Antifaschismus arbeiten, muß das auch aufgedeckt werden können.

Wie kann es sein, dass wir wie selbstverständlich Nazi-Demos blockieren wollen, aber untätig da stehen, wenn Salafisten regelmäßig in der Fußgängerzone Werbung machen oder so genannte "Antideutsche" gegen Muslime & deren Länder hetzen?
Kommentar

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