Big Brother? Haben wir schon

Wolfgang Wieland ist Direktkandidat von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN in Berlin Mitte. Seit 2005 ist er Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. Sein Thema: Innere Sicherheit. Wir sprachen mit Wolfgang Wieland über die Datensammelwut des Staates und das BKA-Gesetz.

Wolfgang Wieland, Sprecher der Bundestagsfraktion für Innere Sicherheit

Herr Wieland, leben wir in einer überwachten Gesellschaft?

Unser Datenschutzbeauftragter Peter Schaar hat nach den Datenschutzskandalen bei der Bahn, der Post und Lidl gesagt, dass wir auf dem Weg dort hin sind. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage wir haben bereits einen Überwachungsstaat.

Was macht der Staat mit unseren Daten?

Er schluckt sie wie ein Staubsauger. Er versucht, Informationen aus allen Lebensbereichen der Bürger zu erfassen. Seien es Gesundheits- oder Melderegisterinformationen, seien es Daten, die bei geheimen Überwachungsmaßnahmen anfallen. Dann bündelt er sie zu großen Einheiten. Was das Ganze restlos unerträglich macht, ist, dass er sie völlig wahllos an andere Staaten weitergibt.

Unsere Daten sind also nicht mehr sicher?

Nein, wir haben kaum noch Verfügungsgewalt. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ist weitgehend außer Kraft gesetzt.

Was entgegnen Sie Leuten, die mit dem Argument „Ich habe doch nichts zu verbergen“ diese Überwachung hinnehmen?

Jemand, der sagt, er habe keine Geheimnisse, der geradezu auf einem Präsentierteller leben will, der hat nicht nachgedacht. Das sind aber die wenigsten. Die Empörung über die Bespitzelung aller Angestellten der Deutschen Bahn zeigt, dass dieser wahllose Umgang mit Daten zunehmend auf Widerstand stößt.

Lässt sich durch ein Mehr an Sicherheit auch ein Mehr an Freiheit gewinnen?

Das ist immer ein Spannungsverhältnis. Meist gehen Zugewinne an Sicherheit zu Lasten der Freiheit. Noch schlimmer ist es, wenn solche Maßnahmen der inneren Sicherheit wenig bis gar nichts bringen, aber umso stärker die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger einschränken. Gute Beispiele dafür sind der große Lauschangriff, die Online-Durchsuchung und das neue BKA – Gesetz. Eine solche Innenpolitik schützt unsere Freiheit zu Tode.

Das BKA-Gesetz ist seit Anfang des Jahres in Kraft. Was bedeutet das für uns und unser Verhältnis zur Polizei?

Das BKA wird zu einem deutschen FBI ausgeweitet. Ein FBI, das im Vorfeld vorbeugend tätig werden darf und auch tätig wird, ohne dass auch nur eine Straftat begangen wurde. Das Gesetz ermöglicht den großen Spähangriff, die Videokamera in meinen Privatgemächern. Das führt direkt in die Orwellsche Horrorvision des heimlich gefilmten, total überwachten Menschen.

Wen beobachtet das BKA?

Das BKA beobachtet alles und jeden, wenn es der Ansicht ist, es könnte sich um die Begleitperson eines Terrorverdächtigen handeln. Es gibt nach diesem Gesetz keine Grenzen mehr für polizeiliches Vorgehen. Eine ganz schlimme Sache.

Wie sollte man das BKA-Gesetz ändern?

Wir wollen, dass Polizei und Geheimdienste wieder strikt voneinander getrennt werden. Das BKA muss wieder für die Verfolgung von Verbrechen zuständig sein, es muss im föderalen Konzert arbeiten.

Das BKA warnt vor Terroranschlägen im Vorfeld der Bundestagswahl. Brauchen wir deswegen, wie es Bundesinnenminister Schäuble fordert, die Bundeswehr im Inneren?

Wir Grünen lehnen den Bundeswehreinsatz im Inneren ab. Deshalb klagen wir vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Einsatz von Tornados und Panzerspähwagen, selbst wenn bei diesen die Kanonen abmontiertet sind.

Aus gutem Grund haben wir den Bundeswehreinsatz im Inneren in der Entwicklung der Bundesrepublik unmöglich gemacht. Die Bundeswehr muss für die äußere Sicherheit, die Polizei für die innere Sicherheit zuständig bleiben. Wir kämpfen dagegen, dass diese Grenze fällt.

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Bürgerrechte

Die Bürger- und Menschenrechte stehen im Zentrum grüner Politik. Ziel ist die Stärkung des liberalen, demokratischen Rechtsstaates.

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Überwachung stoppen!

Tausende setzten sich auf der Demo "Freiheit statt Angst" für Bürgerrechte und einen modernen Datenschutz ein.

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Das Spiel ohne Sieger

Alles gegen den Terror? Wie staatliche Überwachung uns nach und nach die Freiheit raubt

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Innenpolitik

Die Schaffung vermeintlicher Sicherheit durch den Abbau von Bürger- und Freiheitsrechten lehnen wir ab.

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Enttäuschung für die Bürgerrechte

Malte Spitz kommentiert die schwarz-gelbe Einigung bei Internetsperren, Onlinedurchsuchung und Vorratsdatenspeicherung.

Kommentare

Hans Stahl
31-08-09 01:00
Nicht schlecht gesprochen, Herr Wieland, doch sollten Worten auch Taten folgen.
Aber wenn ich lesen muss, dass sich 15 Mitglieder ihrer Fraktion bei der Abstimmmung über Internetsperren enthalten haben, und somit die grüne Fraktion kein Bild der Einigkeit hinsichtlich der Ausweitung staatlicher Zensur bietet, gibt es für mich andere Parteien, denen ich die Wahrung der bürgerlichen Freiheitsrechte eher zutraue als Ihnen.
Die derzeitge Entwicklung betrifft uns alle und wird auf Dauer das Leben in unserer Gesellschaft sehr stark - und nicht unbedingt positiv - beeinflussen.
Daniela
22-06-09 23:40
Und jetzt, Herr Wieland?

Ich sehe die Situation genau wie Sie. Wir leben in einem Überwachungsstaat. Und es wird immer schlimmer. Wie kann ein Gesetz wie die Internet-Zensur einfach so "durchrasseln"?

Wenn auch die Grünen nicht einstimmig dagegen gestimmt haben, an wen kann man sich da noch wenden?
Christof Fox
24-03-09 14:17
Hallo liebe B90/Grüne,

wenn mit falschen oder konstruierten Vorwürfen dafür gesorgt wird, das Andersdenkende oder Alternativ Denkende oder Opositionelle über einen gewissen Zeitraum verfolgt und überwacht werden, wenn man vor lauter Vidoüberwachung in Straßen und auf Plätzen sich vorkommt wie in einem Orlwell Staat, wenn andere Meinungen mit Berufsverbot belegt werden, wenn immer mehr Daten über die Bürger gesammelt werden, dann werden sich die Parteien, die so etwas fördern und immer weiter ausbauen sich auch ihre letzte Sympathie verscherzen. Dann ist es eben kein Wunder mehr, das die Wahlbeteiligungen immer mehr sinken. Ein aufgerüsteter Militär- und Überwachungsstaat wird dann schließlich an seinen eigenen Kosten und an der Intoleranz zugrunde gehen, und leider auch die noch verbliebene Demokratie, Vielfalt und Lebendigkeit einer Gesellschaft.

Viele Grüsse

Christof Fox
Kommentar

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