»Uns kommt eine besondere Rolle zu«

Für Cem Özdemir geht es bei einem neuen Bildungskonsens darum, Strukturen zu verändern und die Qualität der Bildung zu verbessern.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Erst einmal herzlichen Glückwunsch: Du bist gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Bald stellt sich für dich erneut die Frage, eine Kita zu finden. 2013 wird ja jedes Kind unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben …
Cem Özdemir: Danke für die Glückwünsche! Die Einlösung des Rechtsanspruchs durch die Kommunen rückt angesichts der Steuerpolitik von Schwarz-Gelb in weite Ferne. Dabei sagen selbst FDP- und Unionswähler, dass ihnen ein gutes Bildungssystem wichtiger ist als Steuersenkungen auf Pump und zu Lasten künftiger Generationen. Unser Bildungssystem muss besser werden, nur so haben wir eine Chance, auch global zu bestehen.

Nun ist Bildung nicht nur eine Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch eine zentrale Frage der Gerechtigkeit.
Ein besseres Bildungssystem heißt für mich: gerechter und leistungsfähiger. Bildung ist aber auch eine Frage der Demokratie. Die Demokraten von morgen, die sich aktiv beteiligen und für ihre Interessen einsetzen, müssen auch irgendwo Demokratie erfahren. Und diese Orte sind oftmals die Schule und die Universität. Auch deshalb sind die Forderungen der Studierenden berechtigt, dass sie an Entscheidungen, die ihre Zukunft betreffen, stärker beteiligt werden.

Was ist für dich momentan die größte bildungspolitische Herausforderung?
Wir müssen den Anteil der Risikoschüler verringern. 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen heute nicht das Bildungsminimum, das etwa für eine erfolgreiche Ausbildung notwendig ist, hier hat sich seit dem PISA-Schock von 2001 viel zu wenig getan. Das ist ein Armutszeugnis für unser Land. Hinzu kommt: Wessen Eltern Hartz-IVEmpfänger sind, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit später auch. Und wessen Eltern Chefärzte sind, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls Akademiker. Das hat nur sehr bedingt etwas mit dem zu tun, was einem an Begabungen mit in die Wiege gelegt wurde, und sehr viel damit, was nach der Geburt passiert. Ein gerechtes Bildungssystem muss aber den Anspruch haben, jedes Kind zu fördern und gesellschaftliche Blockaden durch das Aussortieren von Kindern nicht auch noch zu verfestigen.

Brauchen wir einen neuen Bildungskonsens, um diese Barrieren aufzubrechen?
Wir brauchen einen Konsens, um die Ideologisierung der Bildungsdebatte zu überwinden. Es geht nicht darum, entweder die Strukturen zu verändern oder die Qualität zu verbessern – beides muss zusammenkommen. Wir brauchen ein längeres gemeinsames Lernen ebenso wie mehr individuelle Förderung und bessere Unterrichtsmethoden. Nur so kann man auch die Eltern überzeugen, denn schließlich will niemand mit seinem Kind experimentieren. Solch ein Konsens muss aber auch gesellschaftliche Gruppen wie Gewerkschaften, Arbeitgeber, Eltern- und Migrantenverbände und Schülervertretungen umfassen. So entsteht ein Druck für Reformen, den die Politik nicht ignorieren kann. Die hat sich und der Sache durch das in der Föderalismusreform verankerte Kooperationsverbot erheblich geschadet. Ich sehe nicht, dass die Bevölkerung Verständnis für diese Spielchen zwischen Bund und Ländern hat, die auf dem Rücken der Schülerschaft und Studierenden ausgetragen werden.

Die »taz« hat den neuen Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Ludwig Spaenle, gerade einen »Hauptschul-Fundi« genannt. Er ist ein glühender Verfechter des dreigliedrigen Schulsystems. Gibt es nicht eher wieder eine Re-Ideologisierung der Debatte statt einen Konsens?
Uns Grünen kommt eine besondere Rolle zu. Wir kommen aus der Bildungsreform von unten. Insofern sind wir geradezu prädestiniert, diese absurde Teilung in der deutschen Debatte aufzuheben zwischen denjenigen, die nur die Struktur ändern wollen und denen, die das ablehnen und allein die Qualität verbessern wollen. Wir müssen Initiativen vor Ort viel Raum geben. Wenn etwa Schulen zu einer Gemeinschaftsschule fusionieren wollen und die Gemeinde es unterstützt, dann sollte das Ministerium keine Steine in den Weg legen, wie etwa in Nordrhein-Westfalen geschehen. Auch in Baden-Württemberg gab es Rektoren, die einen Brandbrief geschrieben haben, dass die Hauptschule nicht nur schlecht geschminkt, sondern tot ist.

 

 

Längeres gemeinsames Lernen und Gemeinschaftsschulen finden Eltern häufig nur so lange gut, bis ihre Kinder selbst in die Schule kommen. In Kreuzberg, wo du wohnst, will eine Initiative seit Jahren eine eigene Privatschule gründen, weil ihnen die öffentlichen Schulen mit den Migrantenkindern zu schlecht erscheinen.
Wir Grüne verteufeln die Freien Schulen nicht. Viele davon haben auch für staatliche Schulen wichtige reformpädagogische Anregungen gegeben. Aber – und da unterscheiden wir uns von Union und FDP – wir wollen, das gerade in den benachteiligten Stadtteilen am meisten in die öffentlichen Schulen investiert wird. Wir müssen verhindern, dass die Mittelschicht dort abwandert und dafür sorgen, dass die Kinder bestmöglich gefördert werden, weil der Bedarf hier am größten ist. Eines ist aber klar: Reformen für ein besseres Bildungssystem sind nicht umsonst. Es gibt ein schönes Zitat eines ehemaligen Präsidenten der Harvard-Universität: »Wenn du denkst, Bildung ist zu teuer, versuch‘s mit Dummheit.« Und wenn mehr Bildungsausgaben bedeuten, dass woanders Mittel fehlen, dann muss die Politik hier die Karten auf den Tisch legen. Die Rechentricks mancher Finanzminister hingegen, die nun Pensionszahlungen an Lehrer als Bildungsausgaben deklarieren, sind schäbig.

Was muss sich an den Schulen selbst ändern?
Sie müssen autonomer werden. Man muss sich nur anschauen, welche Schulen den »Deutschen Schulpreis« gewinnen: Das sind Schulen, die mutig sind, neue Wege gehen, sich über bestehende Verordnungen hinweg setzen und sich auch von der Kultusbürokratie nicht bremsen lassen. Die Schulleitung vor Ort weiß besser als eine Behörde, welcher Lehrer zu welcher Schule in welchem Stadtteil passt. Die Schulen könnten zudem eigene Profile entwickeln und musische, naturwissenschaftliche, sprachliche, auch sportliche Schwerpunkte setzen. Auch die gute Entwicklung der Rütli-Schule, über die vor einiger Zeit die ganze Republik gesprochen hat, zeigt, was möglich ist.

In Hamburg könnte es zu einem Volksentscheid über die schwarz-grüne Schulreform kommen. Wie erklärst du dir die 184.000 Unterschriften der Reformgegner? Das ist ja nicht nur der »Gucci-Protest«, wie er mal spöttisch genannt wurde.
Ich nehme zur Kenntnis, dass offenbar nicht nur bestimmte »privilegierte« Schichten unterschrieben haben, sondern auch andere, die eigentlich für unsere Reform zu gewinnen sind. Das hat natürlich auch mit der Kampagne der Reformgegner zu tun und dem finanziellen Aufwand, der hier betrieben wurde. 184.000 Unterschriften bedeuten aber nicht, dass die Mehrheit gegen die Schulreform ist. Zum einen hat die Hamburger Bürgerschaft kürzlich einstimmig für die Schulreform votiert und auch die umstrittene Abschaffung des Elternwahlrechts korrigiert, es bleibt erhalten. Zum anderen vertraue ich auf die Durchschlagskraft der Argumente, denn bei dieser Reform geht es nicht nur um Strukturen und längeres gemeinsames Lernen, es geht auch um die Verbesserung der Qualität, kleinere Klassen, individuelle Förderung, mehr Lehrerinnen und Lehrer und eine bessere Fortbildung. Das verbessert nicht nur die Chancen eines Arbeiterkindes, es nützt auch dem Kind eines Anwalts.

Das Gespräch führte Holger Böthling für den schrägstrich.

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Kommentare

ali
10-01-12 13:11
..."Muslimische Machos schikanieren die christliche Minderheit „Mono-Kulti“ hat „Multi-Kulti“ abgelöst"...lautet eine schlagzeile in einem boulevardblatt. schönen dank an die grüne führungsspitze und die durch sie befürwortete multi kulti sosse, die uns noch sehr viel ärger bescheren wird. verantwortung für deutschland sieht anders aus. danke frau roth dafür, dass sich mit ihrer unterstützung die islamisch gläubigen in den schulen auf kosten der nicht islamisch gläubigen (ich würde sagen,verblendeten) austoben können. solange man dafür, was man tut die anderen die verantwortung übernehmen müssen kann man dieses multi kulti gesülze weiter verbreiten. schlicht verantwortungslos.
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