Ganztagsschulen statt Chipkarten

Aktuell streitet die Bundesregierung über Bildungsgutscheine für Kinder von Hartz-IV-Empfängern und die SPD über die Rente mit 67. Wir haben mit Cem Özdemir über diese sozialpolitischen Fragen gesprochen. Wie der Grünen-Vorsitzende sagt, sind Ganztagsschulen und Kindertagesstätten für die Bildungschancen von Kindern gerade aus sozial schwachen Familien wichtiger als Gutscheine. Die Debatte um die Rente mit 67 bezeichnet Özdemir als deplaziert. Jetzt gehe es darum, die Arbeitsmarktchancen älterer Menschen zu verbessern.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Arbeitsministerin von der Leyen will für Kinder von Hartz-IV-Empfängern Bildungsgutscheine per Chipkarte verteilen lassen. Ist das vernünftig?

Es ist wichtig, gerade auch Kindern aus sozial schwächeren Familien neue Möglichkeiten zu eröffnen und ihre Bildungschancen zu verbessern. Deshalb höre ich mir gerne jeden Vorschlag an, der diesem Zweck dienen soll. Ich habe auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass es Fälle geben kann, wo man gegebenenfalls sogar gegen die Familie erziehen muss, wenn die elterlichen Pflichten auf Kosten der Chancen der Kinder nicht entsprechend wahrgenommen werden. Damit werden Eltern nicht unter einen Generalverdacht gestellt. Wer solch ein Argument anführt, erstickt eine Debatte, die breit und sachlich geführt werden muss.

Der Vorschlag einer Chipkarte ist aber keine überzeugende Lösung. Für eine Stadt wie Stuttgart mag eine Chipkarte sinnvoll und praktikabel sein, aber nicht für alle. Durch den bürokratischen Aufwand entstehen weitere Kosten für ohnehin schon überschuldete Kommunen. Diese Lesegeräte müssten ja erworben und gewartet werden. Außerdem müsste ein entsprechendes Angebot auch vorhanden sein, das ist aber nicht überall der Fall. Mancherorts werden Schwimmbäder und kommunale Einrichtungen geschlossen, weil Städte und Gemeinden sie nicht mehr unterhalten können. Das ist auch eine Folge der Politik dieser Bundesregierung und ihres so genannten Wachstumsbeschleunigungsgesetzes. Außerdem wäre das Verfahren nicht bis zum 31.12.2010 umsetzbar. Genau das ist aber der Stichtag, den das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zu den Hartz-IV-Regelsätzen vorgegeben hat. Das weiß auch die Arbeitsministerin.

Was muss alternativ geschehen, damit auch Kinder aus sozial schwachen Familien endlich gleiche Bildungschancen bekommen?

Die aktuelle Debatte lenkt doch vom Wesentlichen ab. Wer die Bildungschancen von Kindern mit Eltern im Arbeitslosengeld-II-Bezug sowie von Arbeiter- und Migrantenkindern fördern will, der muss sich auf den Ausbau der Infrastruktur konzentrieren und dort Angebote schaffen. Wir müssen Alleinerziehende, die besonders häufig von Armut betroffen sind, in die Lage versetzen, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und für ihre Kinder sorgen zu können. Deshalb brauchen wir gute Kindertagesstätten und Ganztagsschulen für alle inklusive eines gesunden, regional erzeugten Mittagessens, das nach Möglichkeit auch kostenlos ist. Engagierte Sozialpädagogen, Erzieher und Lehrer mit Migrationshintergrund sind wirksamer als eine Chipkarte, wenn es um die Verbesserung der Bildungschancen geht. Und in den Fällen, wo Eltern mit der Erziehung überfordert sind, braucht es vor allem Hilfen zur Erziehung, es braucht Sozialarbeit und aufsuchende Familienhilfe.

Die SPD streitet über die Rente mit 67. Was sagen denn die GRÜNEN dazu?

Die Rente mit 67 ist für die SPD ein sensibles Thema. Deshalb wundert es mich nicht, dass diese Debatte im Zuge der sozialdemokratischen Katharsis aufgebrochen ist. Noch weniger wundert es mich, dass Sigmar Gabriel mitten aus dem neuen innerparteilichen Konflikt, den er heraufbeschworen hat, versucht, auf die Grünen abzulenken. Seinen Vorwurf, wir müssten endlich mal Farbe bekennen, könnte ich auch der SPD entgegenhalten, die auf Landesebene hier mit der CDU, dort mit der Linkspartei koaliert. Das bringt uns aber inhaltlich keinen Meter vorwärts. Die SPD entscheidet souverän, wir tun das auch. Er muss sich also vor allem selbst an die eigene Nase fassen oder sich an die Worte des Sozialdemokraten Gustav Heinemann erinnern: „Wer mit dem Zeigefinger auf andere Leute zeigt, sollte nie vergessen, dass drei Finger seiner Hand auf ihn selbst zeigen.“

Wir halten die Rente mit 67 vor dem Hintergrund des demographischen Wandels für grundsätzlich richtig, wollen sie nicht abschaffen, sondern vielmehr sozial gerechte und tragfähige Bedingungen dafür schaffen. Und dazu gehört natürlich, dass Ältere auf dem Arbeitsmarkt auch eine echte Chance haben. Alles andere wäre dann nur eine Rentenkürzung durch die Hintertür. Die Regierung muss bis Ende des Jahres einen Bericht vorlegen, wie die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Ältere ist. Auf dieser Grundlage muss dann entschieden werden.

Grüne Rentenpolitik geht aber weiter. Wir brauchen eine Garantierente, die gerade gering entlohnt Beschäftigte im Alter vor Armut schützt. Wir brauchen flexible Renteneintritte, die den verschiedenen Vorstellungen der Menschen über ihren Lebenslauf gerecht werden. Und wir müssen die Basis der Rentenversicherung verbreitern. Langfristig muss die Rentenversicherung zu einer Bürgerversicherung werden, in die alle Erwachsenen unabhängig vom Erwerbsstatus mit Beiträgen auf alle Einkommen einzahlen.

 

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30 grüne Jahre (27): Eine Chronik der Sozialreformen

Von Schröders Agenda 2010 über die Hartz-Reformen bis zum grünen Konzept einer Grundsicherung. Teil 27 der "Grünen Geschichte(n)": Chronik der Sozialreformen.

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Kommentare

Günter K. Schlamp
21-10-10 14:31
Man kann die Chipkarte von interessierten Firmen mitfinanzieren lassen. So würden zudem kleine Rabatte für Badehosen, Fußballschuhe, Kinokarten, Musikinstrumente, Lernspiele, meinetwegen auch Bücher, den deutschen Sozialhaushalt entlasten.
Je mehr Kinder und Jugendliche in den Genuss der Förderung kämen, desto höher könnte die Beteiligung der Firmen ausfallen.
Also gleich (Reicht) "Chipkarte für alle". Dann könnten auch neue Behörden für die Zuteilung von Chipkarten an Berechtigte wegfallen.
Mario Ganick
25-08-10 18:55
Hallo aus Berlin,

die Chipkarte kann natürlich nicht alle Bildungsprobleme lösen - die Angebote, für die man sie nutzen kann, werden schulische Inhalte nur bedingt ersetzen können. Insofern bleibt eine Reform des Schulsystems weiterhin auf der Agenda.

Aber die Chipkarte mit dem Hinweis auf flächendeckende Kitaangebote und Ganztagesschulen abzulehnen, wie Cem es tut, ist aus meiner Sicht kein sehr starkes Argument. Bis die Ganztagesschulen einnigermaßen flächendeckend zur Verfügung stehen, sind die Kinder, um die es geht, erwachsen. Ich sehe auch nicht, dass dieser Ausbau in den Ländern mit grüner Regierungsbeteiligung im Turbogang umgesetzt wird.

Was spricht denn dagegen, den Kindern aus ärmeren Familien eine stärkere soziale und bildungsmäßige Teilhabe per Chipkarte zu ermöglichen, bis wir in 10/20/30 Jahren eine bessere Lösung haben?
Christine OZ
23-08-10 09:50
Eine Bildungs-Chipkarte für alle könnte eine Lösung sein ... die z.B. im Schulsekretariat in Empfang genommen werden kann. Einige Kinder erhalten sie unter bestimmten Voraussetzungen geschenkt, die anderen können sie erwerben. Dabei bleibt auch der Datenschutz bei der Verschwiegenheitspflicht der Schule oder Kindereinrichtung und Kommunen können durch Zusammenarbeit verschiedener Träger gezielte regionale Programme anbieten.
Tine
20-08-10 14:26
Ich finde das es eine tolle Lösung ist für die Kinder die in einer Familie leben, wo halt nicht so viel Geld rein kommt. Ich selbst konnte mir damals auch nichts leisten, während die anderen aus meiner Klasse zum Schwimmkurs gehen konnten, musste ich mir das schwimmen selbst beibringen und das auch erst viele Jahre später als die anderen. Wenn die Familien mehr Geld bekommen sollten, weiß man immer noch nicht wohin das Geld dann fließt! Ob es wirklich dann eine Investition für die Kinder ist oder wieder in die eigene Tasche landet?
fan
20-08-10 00:18
Ich halte die Chipkarte für eine gute Lösung und den Beginn, eine langfristig soziokulturell gut entwickelte Gesellschaft aufzubauen. Gleichzeitig möchte ich Ganztagsschulen nicht für nichtig erklären. Das eine schliesst meines erachtens das andere nicht aus. Hinsichtlich der Kosten für Lesegeräte & Co. muss natürlich eine wirtschaftliche Lösung gefunden werden, aber Ganztagsschulen lassen sich von heute auf morgen auch nicht ohne entsprechenden Kostenaufwand umsetzen. Das Thema erscheint üblicherweise eher auf eine kurzfristige Wählerschafft bezogen und nicht auf eine gesamtwirtschaftliche und vor allem soziokulturell notwendige Neuausrichtung eines Systems bezogen zu sein. Wie lassen sich sonst Debatten über Datenschutzanpassungen im Internet erklären, welche mit Beginn des www eigentlich hätten beginnen müssen. Mein Vertrauen zu den Grünen wächst trotz der offenen Fragepunkte weiter.
Dominik Schott
19-08-10 19:18
Hallo Cem,

die Rente mit 67 ist für mich auch ein Schritt in die richtige Richtung (der ohnehin auf viele kleine Schritte verteilt wurde und ab 2030 bestenfalls auf ein durchschnittliches Renteneintrittsalter von ca. 65 hinauslaufen wird).

Aber was meinst du in diesem Zusammenhang mit flexiblen Renteneintritten? Das klingt widersprüchlich. Kannst du das bei Gelegenheit verdeutlichen?

Schönen Gruß vom Hüttenwanderkumpel aus München
Barbara
19-08-10 13:36
Hallo Bidungs- und Sozialpolitiker,

ich bin an einer OGS tätig und erlebe in einer ländlichstrukturierten Stadt, dass die Fürsorge
für unsere Kinder keinesfalls gelebt wird.
Die Angebote in den OGSen ist sehr bemüht, den
Eltern Hilfe und Unterstützung zu bieten.
Oftmals scheitert die spontane und konkrete
Hilfe an viel zu geringen Budgets und aufwendigen
Anträgen. Ein deutliches Zeichen müßte auch bei den
pädagogischen Fachkräften gesetzt werden. Mit 400,-€-
Jobs wird man auf Dauer keine nachhaltige Arbeit leisten können. Fachkräfte in diesem Bereich leisten eine konstruktive und engagierte Arbeit mit vielen >ehrenamtlichen< Stunden. Verantwortung wird uns überall abverlangt, leider ist die Bezahlung Trägerabhängig sehr unterschiedlich und viel zu gering vergütet. Aufstiegschancen auch für MitarbieterInnen, die zusätzliche Qualifikationen vorweisen,so gut wie ausgeschlossen. Vernetzungen, die durch den Austusch auf ideeler wie auch struktureller Ebene wertvoll sein können,werden nicht gefördert. Eine Gewerkschaft gibt es meines Wissens nicht!
Qualifizierte Wertsrbeit an unseren Kindern scheint nicht
erstrebenswert?! Bitte- geht in die OGSen, hört zu bei OGS-
Fachkraft-Ausbildungs- Schulen wie bei der LWL in Hamm.
Es gibt so viele tatkräftige ideenreiche Frauen und Männer vor Ort, die direkt an der Basis oft desillusioniert sind.
Gebt auch den BetreuerInnen dieser Kinder mehr Chancen und Bewegungsmöglichkeiten bei einem gerechten Lohn!

Grüne Grüße
Barbara
Monika Sattrasai
18-08-10 20:16
Warmes Mittagessen für Schulkinder ist gut - ein ordentliches Frühstück für ALLE (egal aus welchen wirtschaftlichen oder kulturellen „Schichten“) als Voraussetzung für einen guten Start in den Lern-/Schultag aber noch viel wichtiger. Das Hirn funktioniert halt nicht gut, wenn es vorher keine adäquate Nahrung erhalten hat.
Es wäre doch leicht zu ermöglichen, dass Grundschulkinder in der ersten Schulstunde gemeinsam ein gesundes Frühstück zu sich nehmen. Ein Frühstück, das sie zum Teil sogar gemeinsam mit der Lehrkraft eingekauft (Bezug: Sachkundeunterricht/ Ernährung/ Lebensmittel) und mit kalkuliert (Bezug: Mathe) haben? Ein Frühstück, bei dem sie miteinander reden (soziale Kompetenzen, Deutsch, Kommunikation und vieles mehr).
Die einen frühstücken zu Hause, die anderen nicht, das liegt nicht NUR an der elterlichen Fürsorge. Es ist doch wie bei den Erwachsenen auch: Die einen sind früher wach und fit, die anderen später. Die „anderen“ können vielleicht nicht um kurz nach sieben zu Hause frühstücken, weil für sie der Tag der Pflichten viel zu früh beginnt. Vielleicht könnte man hier ansetzen, um bessere Bildungschancen für alle Kinder zu ermöglichen?
Christiane
18-08-10 19:09
Die Chipkarten gehen, wie Cem ganz richtig gesagt hat, am Grundproblem vorbei: Es gibt Eltern, die ihre Kinder fördern und sich ein Bein dafür ausreißen - egal ob Hartz IV oder nicht. Und es gibt Eltern, die das eben nicht tun. Deshalb: mehr Einrichtungen, die für das Kindswohl sorgen. Und weniger Sparmaßnahmen im sozialen Bereich.

Zur Rente mit 67: Die Diskussion ist richtig, denn wer arbeitet denn heute überhaupt noch bis 65?!
Patrick K
17-08-10 13:33
Ich denke, dass die Chipkarten ein großes Privatsphären-Risiko werdne könnten da so schon Interessen und Gewohnheiten der Kinder "ausspioniert" werden könnten, falls diese Karten mit Namen oder Nummern versehen würden. Dies würde zusammen mit Internetüberwachung usw. im Laufe des Lebens ein perfektes Profil des jeweiligen Menschen ergeben.

Ganztagsschulen wären das Optimum der Bildungsförderung.
Mit einem breiten Spektrum an Förderungsangeboten wie Sport oder kleine handwerkliche Angebote könnten Kinder frei wählen und hätten keine beschränkungen wie bei einer "Prepaid" Karte die geplant wäre.
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