Ein gerechteres und besseres Bildungssystem!

Die Bildungschancen werden in Deutschland stark von der sozialen Herkunft bestimmt. Das gilt auch fast zehn Jahre nach dem PISA-Schock. Gefragt sind Reformen für ein gerechteres und besseres Bildungssystem. Ein Gastbeitrag von Cem Özdemir in "didacta - Das Magazin für lebenslanges Lernen", Ausgabe 1/2010.

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die Qualität einer Gesellschaft bemisst sich auch daran, ob sie es den Menschen ermöglicht, „ihr“ Leben zu leben. Bildung und der Zugang zu guter Bildung spielen dabei eine herausragende Rolle. Denn die Lebenschancen des Einzelnen hängen heute aufgrund der Anforderungen in der Arbeitswelt und im Alltag mehr denn je von Bildung und Wissen ab. Doch es geht dabei um mehr als die bloße Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, denn Bildung vermittelt auch soziale Kompetenzen und ist Teil der Erziehung zur Demokratie.

Gesellschaftliche Teilhabe wird von ethnischer und sozialer Herkunft bestimmt

Vor diesem Hintergrund ist es alarmierend, dass die Chancen der Menschen auf gesellschaftliche Teilhabe derart durch ihre soziale und ethnische Herkunft bestimmt werden, wie es heute in unserem Bildungssystem der Fall ist. Es war die PISA-Studie, die 2001 hierzulande viele aufgeschreckt hat. Deutschland, das Land der Dichter und Denker und Wilhelm von Humboldts, landete im Vergleich der teilnehmenden Staaten nicht nur bloß im Mittelfeld – es stellte sich auch heraus, dass die Bildungschancen in Deutschland wie in kaum einem anderen Industrieland von der sozialen Herkunft abhängen. Daran hat sich trotz des „PISA-Schocks“ bis heute kaum etwas geändert, wie auch die PISA-Studie aus dem Jahr 2006 sowie die jährlich erscheinenden Analysen „Bildung auf einen Blick“ der OECD belegen.

Tatsächlich erinnert unser Bildungssystem mitunter an einen 100-Meter-Lauf: Die äußeren Bedingungen sind für alle gleich, alle starten zur selben Zeit, alle müssen die gleiche Strecke bewältigen – doch manche laufen mit zwei, andere nur mit einem Bein. Diese „Einbeinigen“ sind keine Minderheit. 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler gehören zur sogenannten „Risikogruppe“. Sie verlassen die Schule, ohne in den Kompetenzen Lesen und Mathematik über das Bildungsminimum zu verfügen, das für eine erfolgreiche berufliche Ausbildung notwendig ist.

Risikogruppe hat es schwer in der Arbeitswelt

Gegenwärtig besuchen etwa neun Millionen Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden Schulen. Rund 1,8 Millionen von ihnen gehören auf lange Sicht zur Risikogruppe der heutigen Schülerschaft, die es schwer haben wird, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Das muss nicht nur die betroffenen Familien und bildungspolitisch Interessierte beunruhigen, sondern jeden, dem etwas an der Zukunft dieses Landes liegt.

Der Zugang zu guter Bildung ist wieder zu einer zentralen Gerechtigkeitsfrage unserer Gesellschaft geworden. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund weisen beim Lesen große Defizite auf, entsprechend gehören etwa 40 Prozent von ihnen der Risikogruppe an. Dieser Befund gilt zwar ähnlich auch für andere Einwanderungsländer, doch ist dieser Anteil in Deutschland im Vergleich besonders groß. Hinzu kommt, dass der Leistungsabstand von in Deutschland geborenen Kindern zugewanderter Eltern zu Schülern deutscher Herkunft im internationalen Vergleich sogar am größten ist. Anderen Einwanderungsländern gelingt es besser, auch Kinder anderer Herkunft und Muttersprache in ihrer schulischen Entwicklung zu fördern.

Bildungsarmut in Problembezirken

Die Konsequenz in unserem mehrgliedrigen Schulsystem mit dem wichtigen Übergang auf eine weiterführende Schule nach der Primarstufe ist deutlich: Zwischen 1985 und 2006 schafften es 30 Prozent der deutschen Schüler auf ein Gymnasium, hingegen nur neun Prozent der Schüler mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit. Und während etwa zwei Drittel der ausländischen Schüler auf die Hauptschule wechselten, waren es bei deutschen Schülern 42 Prozent. Außerdem ist das Risiko für Schüler nicht-deutscher Herkunft, an eine Sonderschule überwiesen zu werden, doppelt so hoch.

Doch es wäre falsch, Bildung als ein Integrationsthema zu begreifen, das nur Migranten betrifft. Denn in der Risikogruppe finden sich auch deutsche Kinder. Aussagekräftig ist hierbei die Sprachstandsmessung von Vorschulkindern in Berlin. Im Jahr 2007 waren dort von allen Kindern mit einem sprachlichen Förderbedarf immerhin 32 Prozent deutscher Herkunft. Bildungsarmut betrifft nicht nur Migrantenkinder, sondern auch deutsche Kinder aus Arbeiterfamilien. Bildungsarmut betrifft auch Kinder alleinerziehender Mütter und Väter, die Familie und Beruf mitunter nur schwer vereinbaren können. Bildungsarmut betrifft gerade auch Kinder, die in so genannten Problembezirken aufwachsen, in denen Vorbilder fehlen, kein geregelter Tagesablauf vorgelebt wird, wo Kindergärten und Schulen mit der Herausforderung allein gelassen werden, die ungünstigeren Ausgangsbedingungen der Kinder auszugleichen. Die Schule kann nicht alle Versäumnisse reparieren, doch sind gerade diese Kinder in besonderem Maße auf sehr gute Bildungseinrichtungen angewiesen.

Die fehlende Bücherwand kompensieren

Auch im Wohnzimmer meiner Eltern fehlte die Bücherwand mit dem Brockhaus. Aber ich hatte Lehrer, die mich gefördert haben. Ich hatte Eltern, die mir zwar nicht bei den Hausaufgaben helfen konnten, die mir aber Nachhilfe besorgten. Und da waren auch noch die Eltern meiner deutschen Freunde, die auch einen Blick in meine Schulhefte warfen. Da waren Menschen, die die fehlende Bücherwand ausgeglichen haben. Das zeigt auch, wie wichtig Vorbilder für Heranwachsende sind und wie wir auch hier neue Wege gehen müssen.

Wo sie nicht vorhanden sind, müssen wir Vorbilder organisieren, etwa über Mentorenprogramme. Warum sollen Studierende oder angehende Lehrer nicht Mentor sein für eine Schülerin oder einen Schüler? Beide Seiten hätten etwas davon. Bildungspolitik allein kann die Ungerechtigkeiten der Gesellschaften nicht überwinden und sie ersetzt ganz sicher auch nicht sozialstaatliche Solidarität. Aber sie kann und muss gerade auch Kindern und Jugendlichen aus nicht-akademischen Familien eine Chance auf soziale, wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe eröffnen.

Sprachkenntnisse und Wissensdurst fördern

Es muss uns beunruhigen, wenn von 100 Akademikerkindern 83 auf die Hochschule gehen, aber nur 23 von 100 Arbeiterkindern. Wir können es uns nicht leisten, auf die Kreativität dieser jungen Menschen zu verzichten. Das gilt aber vor allem für die genannte Risikogruppe, deren Lage aus meiner Sicht trotz zahlreicher anderer Baustellen bildungspolitisch in den Mittelpunkt gerückt werden muss. Wenn jeder zweite Hauptschüler selbst ein Jahr nach seinem Hauptschulabschluss noch keinen Ausbildungsplatz gefunden hat, dann spricht das Bände und illustriert den Wandel, mit dem wir konfrontiert sind. Wir müssen die Zeit vor der Einschulung wesentlich besser nutzen, um die Sprachkenntnisse und den Wissensdurst der Kinder zu fördern.

Ein wichtiger Schritt ist daher der konsequente Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen für unter Dreijährige, um die Nachteile der Kinder aus bildungsarmen Familien konsequent anzugehen. Der Ausbau muss einhergehen mit einer verbesserten Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher, die mitunter auch an unseren Hochschulen stattfinden sollte. Mit dem qualitativ hochwertigen Ausbau dieser Bildungseinrichtungen verbessern wir die Lebenschancen der Kinder und wir wertschätzen die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher, die heute wichtiger ist denn je.

Wie kann eine gute Schule aussehen?

Doch letztlich muss Bildungspolitik eine zentrale Frage beantworten: Wie kann eine gute Schule aussehen? Eine gute Schule agiert selbstständig. Sie übernimmt die Verantwortung, wie die Bildungsstandards erreicht werden und hat ein eigenes Personalbudget. Die Schulleitung spielt dabei eine besondere Rolle, eine selbstständige Schule lebt aber auch vom Engagement der Lehrerinnen und Lehrer, der Eltern und der Schülerschaft. Eine gute Schule ist aus meiner Sicht eine Ganztagsschule, denn eine hochwertige ganztägige Betreuung ist besonders gut geeignet, ungleiche Voraussetzungen durch eine intensive individuelle Förderung der Kinder auszugleichen. Unsere Schulen müssen zu einem Lebensraum werden, der ganztägig geöffnet ist, wo Lehrer auch mit Eltern zusammenkommen und sich über die Erziehung der Kinder verständigen. Ein Ort, wo auch Kinder aus sozial schwächeren Familien eine musische und kulturelle Erziehung erfahren, wo sie auch nachmittags von Büchern umgeben sind und den Umgang mit der komplexen Welt der alten und neuen Medien lernen.

Längeres gemeinsames Lernen

In einer guten Schule lernen die Kinder länger gemeinsam. Deshalb müssen wir die frühe Trennung der Kinder nach der Grundschule überwinden. Denn die Aufteilung in die weiterführenden Schulen soll zwar nach den tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder vorgenommen werden, tatsächlich jedoch ist die soziale Herkunft mitentscheidend. Schließlich hat das Kind eines Arztes eine mehr als zweieinhalb Mal so große Chance, eine Gymnasialempfehlung zu erhalten, als das Kind einer Verkäuferin – bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und Leseleistungen. Bereits heute machen Schulen vor, wie auch bei einer sprachlich, ethnisch und sozial heterogenen Schülerschaft unter gewissen Bedingungen – nicht zuletzt kreative und mutige pädagogische Konzepte, ein besonderes Engagement der Lehrerschaft und der Eltern – hervorragende Lernfortschritte erzielt werden und der Einfluss der sozialen Herkunft minimiert werden kann. An vorderster Stelle stehen hier beispielhaft die Schulen, die jährlich mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet werden, etwa die Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund oder die Max-Brauer-Schule in Hamburg, die 2009 die Auszeichnung erhielten. Sie zeigen auf beeindruckende Art und Weise, wie eine gute Schule gelingen kann.

Wir können das Schulsystem in Deutschland aber nicht von heute auf morgen revolutionieren, alle Kinder in die gleiche Schule stecken und hoffen, dass als Ergebnis mehr Gerechtigkeit herauskommt. Gute Bildungspolitik muss sowohl sinnvolle Strukturreformen voranbringen als auch die Qualität verbessern. Die Kinder müssen nicht nur länger gemeinsam lernen, sie müssen vor allem individuell gefördert werden – und selbstverständlich gilt das auch für die Hochbegabten unter ihnen. Es reicht nicht, die Hauptschule als Schulform abzuschaffen, es bedarf zugleich auch einer verbesserten Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer sowie neuer Methoden des Lehrens und Lernens, die in einer entsprechenden Unterrichtsqualität münden. Das ist der einzige Weg, um sowohl Kinder aus bildungsarmen Familien zu fördern als auch die Abwanderung der Mittelschicht aus unserem öffentlichen Schulsystem zu verhindern.

Hamburger Schulreform

Zugleich zeigt die Hamburger Schulreform, dass Strukturänderungen immer auch auf Widerstand stoßen. Ich hoffe, dass es diesem Widerstand nicht darum geht, mit wem die Kinder des Bürgertums bei einem längeren gemeinsamen Lernen möglicherweise die Schulbank teilen müssen. Wer es aber wirklich ernst meint mit einem bildungspolitischen Aufbruch, der muss endlich die Unterfinanzierung des Bildungswesens beenden. Während die Bildungsausgaben für allgemeinbildende Schulen laut Bildungsfinanzbericht im Jahr 1995 noch 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrugen, lag der Anteil 2005 nur noch bei 2,2 Prozent – und das trotz des PISA-Schocks. Auch im OECD-Vergleich gibt Deutschland im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft weniger für Bildung und insbesondere den Primar- und Sekundarbereich aus als der Durchschnitt. Die Politik muss dabei ehrlich sein und die Karten auf den Tisch legen. Denn die Mittel, die wir in Bildung investieren müssen, werden angesichts der angespannten Lage der Haushalte an anderer Stelle fehlen. Aber Bildung muss auch angesichts knapper Kassen Priorität haben. Denn all die Debatten um Qualitätsoffensiven und Strukturreformen sind umsonst, wenn nicht erkannt wird, dass gute Bildung zwar kurzfristig ihren Preis hat, langfristig aber eine unumgängliche Investition in die Zukunft unseres Landes ist.

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Kommentare

Sarah
29-03-11 08:50
Ich finde die Idee der Ganztagschule sehr gut, vorallem können Mütter schneller wieder in ihren Beruf einsteigen. Ich spreche das an, da ich selbst ein 8 Monate altes Kind habe und nun im Juni wieder anfangen möchten zu arbeiten, leider muss ich nun in die Nachtschicht gehen, da wir nicht ausreichend Krippenplätze haben (Keine idealen Zeiten) etc.
Und im weiteren wird das Kind schulisch ideal gefördert, und kein Kind geht unter nur weil die Eltern keine Hausaufgaben kontrollieren können oder wollen.
Es ist von allen Sichtweisen aus gut zu betrachten.
m.m
28-03-11 21:03
Wichtiger finde ich die Gesamtschuleform die auch noch Lücken besitzt. Man muss nach Leistung sortieren und somit von der 5. Klasse an die Schüler trennen jedoch jedes Schuljahr neu die Möglichkeit geben durch gute Noten und Empfehlungen sich auf den nächst höhern Kurs einzulassen. Hier findet gar keine soziale Sortierung statt wie mom. auf den Gymnasien (leider)

Man kann den sozialen Unterschied auch einfach durch Privatisierung lösen damit gibt es dann gar kein "gemeinsames Lernen" .Dass passiert in meiner Umgebung immer mehr...auch die Privatschulgesetze müssen eingeschränkt werden, d.h. die Finanzierung muss auch nach der best. Zeit komplett privat bleiben !
As
26-03-11 19:28
Ganztagsschulen sind nur für Eltern die keinen Bock haben sich selber um ihre Kinder zu kümmern weil sie dazu nicht mehr fähig sind.
Alle schreien bloß noch nach Ganztagesunterbringung, am besten gleich nach der Entbindung.

Wozu dann noch kinder wenn man die Erziehung nur noch anderen überlassen möchte.
Kirsten
23-03-11 12:59
Ich finde nicht ,dass noch mehr geld un SChulumstrukturierungen gestecktv wrden muss -noch nicht. Erst sollte unser altes Schulsysthem mal aufgemotzt werden.Das Schulsysthem ist eigendlich tranparent. Aber Die Klassen sind zu groß-verschiedene Kinder haben verschidene Fähigkeiten. Darauf sollte man mehr achten.Mehr und besser geschulte Lehrer Zusätzliche klassenunabhängige Pädagogen und Schulpsychologen um Propleme an der Wurzel zu bekämpfen.
Man mußß allen KINDERN NAHEBRINGEN , DAS LERNEN SPASS MACHT
Lernen sollte wieder in Mode kommen.
Das ist meine Meinung!
Lydia
12-03-11 17:13
Ich persönlich finde, dass Cem Özdemir einige zentrale Punkte guter Bildungspolitik anspricht.

1. Ganztagsschulen - Schule als Lebensraum
Es gibt bereits gute Konzepte, in denen die Schule nicht mehr nur Lernraum ist, sondern Lebensraum wird. Eine gute Ganztagsschule bedeutet für die Schüler einen Ort zu schaffen, an dem sie sich allgemein bilden können, aber auch nach ihren Interessen, gemeinsam mit anderen Schülern und Lehrern Projekte durchführen. Ob das nun die Gestaltung des Schulhauses in einer Raumplanungs-AG oder die Teilnahme an der Basketball-AG, das Schultheater oder der Chor sind ist dabei unerheblich. Ich habe eine Schule besucht, an der es sogar ein Schülerradio für die Mittagspause, eine AG für Problembewältigung und einen - von Schülern geleiteten - Nachhilfekreis gab.
Jeder Schüler war Teil des großen Ganzen und sah seine Schule als Lebensraum, wo er Freunde trifft und seinen Interessen nachgehen kann.
Ganztagsschule... G8... So wie das derzeit funktioniert ist es tatsächlich fast schädlich für Schüler und Lehrer, denn der Lehrplan, für den bisher ein Jahr länger Zeit war, wird nun auf die verbliebenen Schuljahre verteilt, ohne dass es am Vormittag die Gelegenheit gibt wirklich mal durchzuatmen und andere Ideen zu verfolgen. Das kann nur zu Erschöpfung auf allen Seiten führen. Ganztagsschule bedeutet für mich also auch, dass es eine lange Mittagspause gibt, in der Raum für die oben erwähnten Aktivitäten ist.

2. Selbstständigkeit der Schulen
In einer Gesellschaft, in der den Schulen lediglich von oben aufdiktiert wird wie sie zu unterrichten haben, aber nicht die Möglichkeit gegeben wird sich ihren Lehrkörper dementsprechend passend zusammenzusuchen, ist gutes Unterrichten schwer durchführbar.
Wenn Ganztagsschulen eingeführt werden sollen - mit aller Konsequenz - ist es dringend nötig, den Schulen größere Handlungs- und vor allem Planungsspielräume zu geben um ein eigenes Schulprofil zu erarbeiten, in dem festgelegt wird, inwiefern die Schule z.B. mit außerschulischen Partnern (z.B. Musikschulen, Sportvereinen, Bastelkursen und und und) zusammenarbeitet, welches Lehrpersonal sie einstellt, welche Maßnahmen sie zur Inklusion ALLER Mitglieder der jungen Gesellschaft ergreift usw.
Ganztagsschule heißt NICHT: Verzicht auf bisher außerschulische Hobbys, sondern die Möglichkeit der Integration dieser in den Lernalltag und somit die Schaffung eines Lebensraums Schule.

3. längeres gemeinsames Lernen
Bleiben die sogenannten Risikogruppen länger mit der sogenannten Elite zusammen (ich finde den Begriff Elite mindestens genauso furchtbar, wie den Begriff Risikogruppe... Glücklicherweise gibt es nicht nur Eliteschüler, sondern auch Elitetomaten! So kann ich immer wieder darüber schmunzeln) profitieren beide Seiten. Jedoch nur dann, wenn die dritte Komponente - nämlich die Bildungseinrichtung - auch ihre Konsequenzen daraus zieht.
In der Schule, wie sie derzeit mehrheitlich funktioniert, wird die Mitte gefördert, die schwachen und die starken bleiben auf der Strecke.
Die Starken könnten ihre überschüssige Energie jedoch z.B. in die Unterstützung der Schwachen investieren, indem sie diesen etwas langsamer lernenden Schülern die Inhalte nochmal mit eigenen Worten erklären. Dabei lernen die Starken nochmal deutlich mehr als alle anderen Schüler, denn sie verinnerlichen das Gelernte durch die Erklärungen. Darüber hinaus könnte man den Starken Aufgaben anbieten, die über das allgemeine Klassenziel hinausgehen.
Die Aufgabe der Schule sollte nicht sein, jedem Schüler denselben Lernstoff zu vermitteln, sondern jedem Schüler denselen Lernstoff zur Verfügung zu stellen, jeder Klasse ein Lernziel zu stellen, dass alle erreichen sollten und darüber hinaus den Starken mehr Material bieten - z.B. Verknüpfungen des bearbeiteten Themas mit anderen Themengebieten, Aufgaben mit höherem Schwierigkeitsgrad, o.ä. und den Schwachen stärker didaktisch aufbereitetes Material zu Verfügung stellen, damit auch diese das Klassenziel erreichen können.
Es gibt - auch am Gymnasium oder an der Hauotschule - KEINE homogenen Lerngruppen. Die genannten Maßnahmen sind an ALLEN Schultypen notwendig! Gemeinsames Lernen bedeutet einfach nur Chancenerhöhung auch für diejenigen, die ihre Chancen nicht von zu Hause mitgegeben bekommen.

4. Verpflichtende Vorschule, vorschulisches Lernen
Liebe Eltern, die ihre Kinder am liebsten bis zur Oberschule den ganzen Tag um sich haben: Soziales Lernen beginnt bereits in der Kindheit. Teamgeist, soziale Kompetenzen und Toleranz können bereits in sehr jungen Jahren gefördert werden.
Wozu?
Nur in einer Gesellschaft, deren Mitglieder in der Lage sind die eigene Andersartigkeit zu akzeptieren (ja, auch ein - bitte entschuldigt das etwas rassistische Bild - blondes, blauäugiges Mädchen ist anders, wenn man es neben ein türkisches Mädchen mit Kopftuch stellt), kann Chancengleichheit entstehen. Wenn wir die sogenannte kulturelle Kompetenz der Kinder schon in jungen Jahren fördern, indem wir unsere Kinder schon früh der vielfältigen Gesellschaft aussetzen, in der sie Leben und ihnen mit gutem Beispiel vorangehen, können wir erreichen, dass sich die Kinder untereinander helfen, auch wenn sie anders sind.
Das schließt das erlernen der gemeinsamen Sprache (hier Deutsch) genauso ein, wie die Auseinandersetzung mit den Problemen, die ein Kind hat, das an den Rollstuhl gefesselt ist, oder nichts sehen kann.
DJ
17-02-11 08:16
Neben längeren gemeinsamen Lernen, was ja den Teamgeist stärkt, sollten Schüler mit größeren Defiziten stärker gefördert werden. Was die Sprachschwierigkeiten angeht, die auch eine Menge deutschstämmiger Kinder betrifft, gibt es schließlich die Möglichkeit von Sprachkursen.

Villeicht sollte man das Problem auch ganz anders anpacken und Kinder schon viel früher fördern. Viele sagen "der Ernst des Lebens beginnt früh genug", doch ist es schließlich erwiesen, das die Lernfähigkeit im frühen Kindesalter am ausgeprägtesten ist.

Obwohl ich grün mit Leib und Seele bin, war es bei den vorgezogenen Landtagswahlen in Hessen 2009 ausgerechnet ein Vorschlag der FDP, der mich am Meisten fasziniert hat. Der Vorschlag ein verpflichtendes Vorschuljahr ab dem 5. Lebensjahr einzuführen, hat etwas. Sprachbarrieren können viel früher abgebaut werden, Grundfähigkeiten (Lesen, schreiben, rechnen) können früher vermittelt werden und so auch den zusammengepressten Lehrplan in den höheren Jahrgangsstufen ein wenig auseinanderzerren. Eine frühe Förderung kann auch die geistige Entwicklung eines Kindes fördern.

Blicke ich auf meine eigene Schulzeit zurück, würde ich auf jeden Fall sagen, dass dies mir dies gut getan hätte, da ich ein "Spätzünder" war und in der weiterführenden Schule im Vergleich zu meinen Klassenkameraden geistig zurückgeblieben war. Es ging nicht um schulisches Wissen, sondern um sozialen Umgang, aber auch so etwas kann in der Schule vermittelt werden, zum Beispiel durch Sozialarbeiter.

Das verpflichtende Vorschuljahr könnte noch mit einer Kindergartenpflicht ab dem 3. Lebensjahr abgerundet werden, um die Entwicklung von Kleinkindern zu optimieren.

(PS: Es sollte hier noch klargestellt werden, dass ich hier keineswegs Werbung für eine andere Partei machen wollte. Ich fand lediglich diesen einen Programpunkt gut. Man sollte auch die Vorschläge anderer erörtern und darüber debattieren, den auch davon lebt eine Demokratie. Wenn etwas gut ist, ist es eben gut. Etwas nur aus Prinzip abzulehnen ist einfach dumm!)
pro Atomkraft
30-01-11 01:03
Ach wenn man es sich doch so leicht bei der Schulbildung machen könnte. Aber wie die Studien zeigen hilft leider weder mehr Geld noch längeres gemeinsames Lernen das Bildungsniveau als Ganzes zu heben. Vielleicht wäre ja ein Anfang, wenn die Bundespolitik einmal versuchen würde, das Bildungsniveau der Schüler in den Ländern durch zentrale Lehrpläne und Tests zunächst zu vereinheitlichen, ehe man an eine Steigerung denkt. Das schafft dann auch die Möglichkeit anhand der erbrachten Leistung die Einstufung für die jeweilige Schulform vorzunehmen, die in den Ländern ebenfalls vereinheitlich werden sollte.

@ Colanuss
Hier scheint einer zu verkennen, dass der Großteil der Schüler aufs Gymnasium möchte. Also heißt es in der Logik von Colanuss vielmehr, dass derjenige der in der 6. Klasse den Dreisatz nicht versteht trotzdem auf Gymi kommt... - wegen des Teamgeistes. Wirklich sehr sinnvoll...
Auch die Logik, das wegen Leistungsverweigerung und Leistungsunfähigkeit als Probleme des Elternhauses die guten und schlechten Schüler länger in Klassen zusammenbleiben sollen, mag für den Teamgeist und die steigende Jugendkriminalisierung und Bandenbildung gerade in Problembereichen zuträglich sein, für das Bildungsniveau insgesamt jedoch wohl eher weniger, da die Leistungsverweigerung der schwachen Schüler nicht überwunden wird bzw. die Leistungsunfähigkeit nicht überwunden werden kann.
GünerStahrr
27-01-11 10:41
öztürl,meine meinung ist ganz anders-aber auch einstimmend,deshalb bin ich sehr grün.(mit Auge und seele)
GrünerStarr
27-01-11 10:37
also mein persönlciher eindruck ist sehrformatr
Ex Grüner
18-01-11 16:34
ich habe ganz andere erfahrungen gemacht. mir als person mit schwächen in mathematik z.b. hat es überhaupt nichts genützt in einem standard bildungsschema mithalten zu müssen. ich kam meist nach kurzer zeit schon nicht mehr mit. das andere einen dann mitziehen ist nur eine wunschvorstellung, ich hätte ein niedriges niveau in diesem fach gebraucht und mehr zeit. andere haben da eben ein besseres händchen für, die haben nur halb soviel gelernt wie sie hätten lernen können/wollen, weil solche leute wie ich in der klasse waren. dazu kommt noch, wenn ein paar leute erstmal nicht mehr mitkommen fangen sie an zu stören beschäftigen sich mit anderen dingen, machen damit den unterricht kaputt. nene es ist ganz in ordnung das die menschen unterschiedlich sind, unterschiedliche stärken haben und ein unterschiedliches bildungsniveau erreichen. die aufteilung in verschiedene bildungsstufen ist sinnvoll und wird schwächen und stärken verschiedner schüler viel eher gerecht als wenn jeder den gleichen bildungsstand erreichen soll. auch eine gesammtschule muss dem gerecht werden können, also wäre meiner meinung nach eine gesammtschule nur dann sinnvoll und konstruktiv wenn die aufteilung haupt, real und gymnasium auf eine art und weise in dieses gesammtschule konzept transponiert wird.
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