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Was kostet Strom?

In letzter Zeit wurde viel über die Strompreise diskutiert. Meist heißt es dann, dass Atomstrom billig sei und die erneuerbaren Energien den Strompreis in die Höhe trieben. Eine Studie zeigt jetzt: Wenn alle Kosten des Energieträgers mit eingerechnet werden, ist Atomstrom heute schon viel teurer als Wind- und Wasserkraft.

Stromzähler mit dem Aufkleber "Atomkraft? Nein danke!"
Wir wollen die Stromkosten für Privathaushalte sowie kleine und mittelständische Unternehmen verringern. Foto: a.fiedler/Flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Wählerischer Stromzähler, Foto: a.fiedler/flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Mitte April veröffentlichte das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft eine von Greenpeace Energy in Auftrag gegebene Studie, die einen systematischen Vergleich zwischen den verschiedenen Energieträgern zulässt.

Die Wissenschaftler haben untersucht, was eine Kilowattstunde (kWh) Strom wirklich kostet, wenn alle Kosten des Energieträgers mit eingerechnet würden. Bei den gesamten staatlichen Förderungen in den Jahren 1970 bis 2010 ist die Steinkohle Spitzenreiter mit 288 Milliarden Euro. Die Atomenergie belegt mit 196 Milliarden Euro Platz zwei. Abgeschlagen auf Platz drei folgt die Braunkohle mit 67 Milliarden Euro, und auf dem letzten Platz liegen die erneuerbaren Energien mit nur 39 Milliarden Euro Förderung. Die hohen Zahlen erklären sich nicht allein durch den längeren Förderungszeitraum bei Kohle- und Atomstrom. Allein in den letzten zehn Jahren wurde der Atomstrom mit 65 Milliarden Euro gefördert. Die erneuerbaren Energien erhielten im selben Zeitraum lediglich 25 Milliarden Euro.

In der Wahrnehmung der Verbraucher erscheinen aber die am wenigsten geförderten erneuerbaren Energien als teuerste Energieform. Das liegt daran, dass die Förderung der erneuerbaren Energien auf jeder Stromrechnung explizit ausgewiesen wird. Die Förderungen der fossilen und atomaren Stromerzeugung erfolgen dagegen aus öffentlichen Haushalten und über Sonderregelungen für die Erzeuger. Sie sind für den Stromkunden also nicht unmittelbar nachvollziehbar.

Ohne Förderung gäbe es keine Atomkraftwerke

1970 wurde eine kWh Atomstrom mit 67,3 Cent gefördert, 2010 sind es noch 4,2 Cent. Die erneuerbaren Energien erreichten erst 2010 eine höhere Förderung pro kWh als Atomstrom. Diese Förderung ist nötig, da die erneuerbaren Energien noch ausgebaut werden müssen. Dabei wird in eine nachhaltige Technologie investiert, die anders als Kohle- oder Atomstrom keine unkalkulierbaren Folgekosten generiert. Diese Investitionen zahlen sich aus, wenn die Anlagen ihre Anschaffungskosten verdient haben. Danach sinkt der Preis für den Strom, da dann nur noch Unterhaltungs- und Wartungskosten anfallen.

Über die letzten vierzig Jahre wurden Atom- und Kohlestrom intensiver gefördert als heute die erneuerbaren Energien. Wenn die Betreiber der Atomkraftwerke auch nur einen relevanten Teil der tatsächlichen Kosten selbst hätten tragen müssen, wäre diese Technologie niemals eingeführt worden. Erst durch die massive Förderung wurde der Atomenergie ihre heutige dominante Marktstellung ermöglicht. Zeitgleich wurde mit der Förderung des Atomstroms ein Entwicklungspfad vorgegeben, der einer frühzeitigen Förderung von erneuerbaren Energien entgegen lief.

Windkraft schlägt Atom

Der wirkliche Strompreis berechnet sich aber keineswegs nur aus den Erzeugungskosten und den Subventionen. Bei der Produktion von Strom entstehen auch Folgekosten für die Gesellschaft. Diese Folgekosten heißen daher externe Kosten. Sie setzen sich in dieser Studie aus der Umwelt- und Klimabelastung der einzelnen Energieträger zusammen, etwa dem Ausstoß von CO2 und von Luftschadstoffen. Die Formel für die gesamtgesellschaftlichen Kosten ist: Erzeugungspreis + Subevention + externe Kosten.
Wenn all diese Faktoren berücksichtigt werden, zeigt sich, dass Wasserstrom mit 6,5 Cent pro kWh und Windstrom mit 7,6 Cent pro kWh die günstigsten Formen der Stromerzeugung sind. Bei Braun- und Steinkohle summieren sich die Kosten auf 12,1 Cent pro kWh. Am teuersten ist der Atomstrom mit 12,8 Cent pro Kilowattstunde. Die externen Kosten machen bei Kohle- und Atomstrom etwa die Hälfte der Gesamtkosten aus. Bei Wind- und Wasserkraft liegen sie bei gerade mal 0,15 Cent pro Kilowattstunde.

Zugegeben: Bei den erneuerbaren Energien ist der Solarstrom derzeit noch verhältnismäßig teuer. 2010 lagen die Gesamtkosten für eine kWh Solarstrom bei 46,5 Cent. Dieser hohe Betrag kommt durch die bisher noch recht hohe Einspeisevergütung zustande. Um den Ausbau von erneuerbaren Energien zu fördern, bekommen die Betreiber der Anlagen eine feste Vergütung für ihren Strom. In den nächsten Jahren wird die aber weiter sinken (siehe Grafik), und die Anlagen werden bald konkurrenzfähig sein. Die Module werden immer günstiger und leistungsfähiger. Seit 2006 haben sich die so Kosten für eine neue Photovoltaik-Anlage halbiert. Die externen Kosten liegen bei gerade mal einem Cent pro kWh.

Was auf der Stromrechnung steht

Diese Zahlen sind nicht zu verwechseln mit dem Strompreis auf der Stromrechnung. Dieser Preis berücksichtigt nämlich nicht die verdeckten Förderungen und Folgekosten der jeweiligen Energiegewinnung. Der Strompreis setzt sich aus mehreren Kostenbestandteilen zusammen (Quelle: Bundesnetzagentur):

  • Kosten für die Strombeschaffung und für den Vertrieb inklusive Marge (34,6 Prozent).
  • Steuern (24,7 Prozent): Mehrwertsteuer, Stromsteuer.
  • Kosten für die Netznutzung (21,4 Prozent): das Netznutzungsentgelt.
  • Staatliche Abgaben (15,9 Prozent): Konzessionsabgabe, Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und dem Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz (KWKG).
  • Messung, Messstellenbetrieb und Abrechnung (3,4 Prozent): Entgelte für die Kosten der Abrechnung sowie der technisch notwendigen Mess- und Steuereinrichtung (Zähler, etc.), in der Regel in Euro pro Jahr, sowie das Entgelt für die Ablesung und das Inkasso.

Ein Ende der Atomkraft, so betonen die Betreiber, hätte unweigerlich eine Erhöhung des Strompreises zur Folge. Der Strompreis steigt aber schon seit Jahren, obwohl kein einziges Atomkraftwerk abgeschaltet wurde. Die vier großen Versorger EnBW, E.on, Vattenfall und RWE dominieren den Strommarkt in Deutschland. Sie haben dadurch eine bestimmte Macht, die Strompreise zu lenken. Die abgeschriebenen Meiler machen den Strom nicht billiger, sie erhöhen lediglich die Gewinnmargen der Atomkonzerne. Eine dezentrale regenerative Energieversorgung würde den Wettbewerb auf dem Strommarkt erhöhen. Viele Wettbewerber führen zu einem faireren Preis.

Wie geht es mit dem Strompreis weiter?

Der Verbraucher zahlt, unabhängig von seinem eigenen Verbrauch, für fossile und atomare Energie, da die Förderungen aus dem Staatshaushalt und damit aus dem Steueraufkommen bezahlt werden. Die Transparenz der Förderungen der erneuerbaren Energien darf ihnen nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Viel wichtiger ist es, die Strompreisdiskussion zu versachlichen und nicht auf die Panikmache der Atomkonzerne hereinzufallen. Die Kostenrechnung in der Studie zeigt, dass mit dem Ende der Atomkraft und der Kohleverstromung finanzielle Reserven frei würden, mit denen die erneuerbaren Energien weiter gefördert werden könnten. Diese Investition lohnt sich in vielerlei Hinsicht. In Zukunft wird der Preis für Strom aus fossilen Energieträgern mit den Rohstoffpreisen steigen. Kohle, Öl und Gas werden teurer. Deutschland ist bei allen fossilen Energieträgern, mit Ausnahme der Braunkohle, überwiegend von Importen abhängig. Dagegen wird Strom aus erneuerbaren Quellen, laut einer Studie zu den Langfristszenarien der erneuerbaren Energien, günstiger werden und Deutschland unabhängiger machen.

Rainer Brüderle, der Fraktionsvorsitzende der FDP, veranschlagt die Kosten für einen schnelleren Atomausstieg auf bis zu 3 Milliarden Euro jährlich. Umgerechnet auf die produzierte Strommenge, wären das zusätzliche Kosten von 0,5 Cent pro kWh. Investitionen in die Energieversorgung sind zudem langfristig angelegt. Der Verbraucher muss also nicht auf einen Schlag die Kosten tragen. Sie werden vielmehr über Jahrzehnte verteilt auf den Strompreis aufgeschlagen. Es muss also niemand damit rechnen, dass sich die Stromrechnung plötzlich verdoppelt.

Links: Studie: Was Strom wirklich kostet. Kurzfassung (PDF); Langfassung (PDF)

Fotos: Abendstimmung: gruene.de (CC BY-NC-SA 2.0); Grafik "Externe Kosten (v.o.l.n.u.r.): ifranz/flickr.com (CC BY-NC 2.0), familymwr/flickr.com (CC BY 2.0), gumtau/flickr.com (CC BY-NC-SA 2.0), groovelock (CC BY-NC-SA 2.0); Photovoltaik-Anlage auf Dach: steamtalks/flickr.com (CC BY-NC 2.0); Grafiken: gruene.de.