Fleischeslust
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Heute jährt sich die atomare Katastrophe von Tschernobyl zum 25. Mal. Noch immer leidet die Bevölkerung um das havarierte Atomkraftwerk unter den Folgen des Unglücks. Ein Sperrzone von 30 Kilometern um die Ruine wird auch die nächsten Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte unbewohnbar bleiben. Mitglieder des Bundesvorstands von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erinnern sich an den Tag, der die Welt verändern sollte.
Ich war am Abend des 26. April 1986 als Pressesprecherin mit der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Hannegret Hönes, in der „Provinz“, einer rot-grünen Kneipe im Regierungsviertel in Bonn. Dann rief Matthias Küntzel an, der damals wissenschaftlicher Mitarbeiter war. Er teilte mir nur klar und knapp mit, dass „etwas passiert sei“. Ich ließ mein Bier stehen und lief zu Fuß zur Fraktion. Hannegret kam mit. Zunächst gingen wir, aber dann fingen wir an zu rennen, als würden wir Angst spüren. In der Fraktion lief der Fernseher.
Die Nachrichten über den Super-GAU kamen aus Schweden, wo die erste Strahlungswolke gemessen worden war. Wir versuchten, weitere Informationen zu beschaffen, telefonierten mit den zuständigen Ministerien, mit Journalisten. Und wir machten die Erfahrung, dass es praktisch eine Zensur gab, eine Unterdrückung von Nachrichten und faktische Desinformation. Friedrich Zimmermann war damals Innenminister und Wolfgang Schäuble Chef des Kanzleramts.
Wir konzentrierten uns sofort darauf, tatsächliche Aufklärung zu leisten und eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Relativ schnell knüpfte sich ein Netzwerk aus dem damals noch neuen Ökoinstitut, unabhängigen Journalisten, Atomexperten, Wissenschaftlern an den Universitäten, Greenpeace, den Umweltschutzverbänden und unseren Experten. Eberhard Walde, der Geschäftsführer der Partei, und ich bauten in Nächten ohne Schlaf einen Verteiler für jede neu eingehende Nachricht auf, was damals nicht so leicht war. Wir hatten damals weder Computer noch Faxgeräte.
Wir trommelten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Abgeordneten und die Parteisprecher zusammen, um eine Krisensitzung abzuhalten. In dieser Sitzung fielen Begriffe wie Fall-Out, Halbwertzeit, Cäsium, die uns eine erste Vorstellung von dem gaben, was angesichts des Unvorstellbaren zu tun sei. Wir steckten die künftigen Arbeitsbereiche ab: Welche Gefährdung geht tatsächlich von der Wolke aus? Wie schützt man sich? Welche Lebensmittel werden kontaminiert? Ist Regen gefährlich? Was macht man mit dem verstrahlten Gemüse? Und wie fängt man die Umsatzeinbußen der Milch- und Obstbauern auf? Plötzlich wurde Frischmilch zur Risikoware und Salat für zehn Pfennig den Kopf verschleudert.
Wir druckten Plakate, die wir noch in der nächsten Nacht quer durch Deutschland klebten, um die Menschen, die ihre Informationen nur aus der Bild-Zeitung und von Zimmermann erhielten, aufzurütteln und aufzuklären. Wir schalteten Anzeigen in verschiedenen Zeitungen und in verschiedenen Sprachen, um auch möglichst viele Migrantinnen und Migranten zu erreichen.
Wir versuchten mit atomkraftkritischen Wissenschaftlern in die Bundespressekonferenz zu gelangen und wurden danach angepöbelt und beschimpft. Die Regierung, Zimmermann und Schäuble, und viele Journalisten erklärten, dass wir Grüne nur Panik schüren würden und ohnehin nicht wüssten, wovon wir redeten, und dass natürlich kein Grund zur Sorge bestehe und die Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet sei.
Wir richteten ein Nottelefon ein, das von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fraktion rund um die Uhr besetzt war. Und plötzlich erhielt ich Anrufe von schwangeren Frauen, die mich fragten, ob sie ihr Kind abtreiben müssten. Es war eine unglaublich angespannte Situation.
(Auszug aus dem Buch „Das Politische ist privat“, erschienen beim Aufbau-Verlag)
Ich kann mich an den konkreten Tag nicht mehr erinnern. Denn in der DDR wurde damals ja lange und hartnäckig nicht über die Vorfälle berichtet. Ich war damals 18 Jahre alt und machte eine Ausbildung zur Melkerin. Das hieß jeden morgen um halb fünf aufstehen und auf die Arbeit fahren. Bevor mich die Nachrichten über das Unglück – vor allem über die „Westmedien“ erreichten, waren schon einige Tage vergangen. Deshalb vermischen sich auch die Berichterstattung aus der BRD, die Vertuschungskampagne des DDR-Fernsehens und die persönlichen Gespräche in meiner Erinnerung. Die Atomenergie galt ja auch in der DDR als absolut sicher und Risiken existierten in der offiziellen Darstellung nicht.
Ich erinnere mich allerdings, dass es plötzlich das sonst so knappe frische Obst und Gemüse in den Läden zu kaufen gab. Dass das daran lag, dass es wegen der erhöhten Strahlenbelastung nicht mehr exportiert werden konnte, sagte uns natürlich niemand.
Was das Unglück von Tschernobyl wirklich bedeutete und in welchem Ausmaß davon die Menschen wirklich betroffen waren, ist mir erst nach dem Mauerfall bewusst geworden.
Deshalb ist meine wichtigste persönliche Verbindung mit dem Thema auch eine Reise nach Weißrussland, die mich unter anderem in die sogenannte verbotene Zone geführt hat. Da ist mir erst richtig und nachhaltig bewusst geworden, dass diese Katastrophe alle Menschen, die in dieser Region leben umklammert hält und nicht mehr los lassen wird. Dass sich das jetzt in Japan wiederholen soll, ist unglaublich traurig. Und dass sich die Informationspolitik der japanischen Regierung in Fukushima und die der damaligen UdSSR in Tschernobyl sich so fatal ähneln, ist ein Déjà-vu Erlebnis, das erschreckt. Deshalb muss klar sein – Atomenergie ist nicht beherrschbar und der Ausstieg muss jetzt endlich so schnell wie möglich realisiert werden. Für immer!
Aus der DDR kommend erinnere ich mich zu aller erst an die Desinformationspolitik. Bei uns ging schließlich immer alles "seinen sozialistischen Gang". Übers Westradio (einen Fernseher hatten wir nicht) hörten wir vom Super-GAU und von gefährlicher Strahlung. Die ganze Familie verstummte, wenn in den Nachrichten des Deutschlandfunks von Tschernobyl die Rede war. Ich war damals in der 7. Klasse in der Polytechnischen Oberschule 24 in Erfurt. Unsere 10. Klasse war just während der Explosion in Tschernobyl auf Abschlussfahrt in Polen. Bei der Wiedereinreise in die DDR wurden den SchülerInnen auf polnischer Seite Jodtabletten ausgereicht, die ihnen die DDR-Grenzer prompt wieder abnahmen. Es war schließlich nichts passiert. Auch darüber sprechen sollten sie nicht. Unsere Eltern ließen uns bei Regen draußen nicht mehr spielen. In der Kirche sangen wir Umweltlieder wie: „Komm bau ein Haus, das uns beschützt“ , und Anti-Atom-Lieder, die uns Westfreunde mit der Gitarre beibrachten.
Plötzlich gab es in den Gemüseläden, wo sich sonst nur Rot-, Weißkohl und Kartoffeln stapelten, Salat in unterschiedlichsten Formen. Gleiches galt für die Schulspeisung und die Kantinen in den Betrieben. Der Westen kaufte uns nämlich unser Gemüse nicht mehr ab. Und weil ja alles in Ordnung war, wurde es an die Bevölkerung abgegeben - kluge Sprüche über gesunde Ernährung inklusive. In der Schule achteten die LehrerInnen penibel darauf, dass alle ihre Schulmilch tranken - aber genau das sollten wir - laut unseren Eltern - nicht tun. Somit führten schon so kleine „Verhaltensauffälligkeiten“ unweigerlich zu Konflikten.
In den Zeitungen der DDR war die Gefahr kein Thema. Wir hörten aber immer häufiger von denen, die gezwungen wurden, die aus der Sowjetunion einreisenden LKW abzuwaschen - ohne jede Schutzkleidung. Die meisten von ihnen sind inzwischen gestorben. In den Sommern nach 1986 ließen wir - passionierte Paddler- und CamperInnen- rund um die Mecklenburger Seenplatte alle Pilze stehen und wurden dafür verlacht. Gerade in den Jahren schossen die Pilze so gut.
Nach 1989 hatten auch wir Kinder aus Tschernobyl zu Gast. Sie wirkten blass, verstört, krank und hatten kaum Lebensmut. Sicher war es gut gemeint, den Kindern Ferien in einer gesunden Umgebung zu ermöglichen. Doch sie wagten es kaum, das fremde Essen zu essen oder sich frei zu bewegen. Und sie mussten schließlich zurück, dahin, wo missgeborene Kälbchen an der Tagesordnung waren und sind und unzählige Menschen in der Folge des Super-GAUs starben.
Die Erinnerungen an die Tage und Wochen nach Tschernobyl sind begrenzt. Durch meine drei älteren Schwestern weiß ich heute aber zumindest noch etwas darüber. Waldspaziergänge am Sonntagnachmittag musste ich nicht mehr mitmachen. Andererseits war das Sandkastenverbot erstmal ziemlich doof, da ich mich früher häufig den ganzen Tag dort rumgetummelt habe. Das ist natürlich die Erinnerung eines damals gerade zwei Jährigen.
Wie besorgt meine Eltern waren, habe ich nicht mitbekommen. Für sie war Tschernobyl der Anlass auch ganz praktisch etwas an ihren Lebensgewohnheiten zu ändern. Lebensmittel aus unbekannter Herkunft waren fortan tabu, auch wenn ich vom Milchpulver verschont blieb. Stattdessen schlossen sie sich einer Einkaufsgemeinschaft an. Von da an gab es vornehmlich Lebensmittel aus dem Münsterland – meiner Heimat. Nach Möglichkeit waren die Lebensmittel schon damals biologisch produziert. Heute hat meine Mutter ihren eigenen Bioladen in Telgte. Was es bei der Einkaufsgemeinschaft nicht gab, waren Pilze. Ob Champignons, Pfifferlinge oder Kräuterseitlinge, Pilze kamen bei uns wegen der Strahlengefahr nicht auf den Tisch. Und so habe ich bis vor wenigen Jahren Pilze gemieden, da meine Kindheit ohne den Genuss von Pilzen stattfand.
Heute verstehe ich natürlich, welche Katastrophe damals in Tschernobyl stattgefunden hat und kann mir in etwa vorstellen welche Veränderungen das auch bei uns in der Familie mit sich gebracht hat.
1986 - ich lebte in Bonn und aktuelles Hauptthema war nicht die Atomkraft sondern die friedenspolitische Agenda nach dem Nato – Doppelbeschluss zu den Mittelstreckenraketen.
3 Tage nach dem Gau erklärt Innenminister Zimmermann es gäbe keine Gefahr in Deutschland - höhere Radioaktivität werde nicht gemessen. Wenige Tage nach der Explosion wurde wie jedes Jahr „Rhein in Flammen“ in den Rheinauen gefeiert und es regnete. Es war tatsächlich so: die Rot-Kreuz Helfer und Feuerwehrleute beim Fest wurden von der CDU-regierten Stadt gewarnt; die bis zu 1 Millionen BesucherInnen des Festes waren dem Regen und damit auch dem nachgewiesenen radioaktiven Niederschlag schutzlos ausgeliefert. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass wir in den nächsten Tagen bundesweit zu Fachleuten von Becquerel und Röntgenstrahlung wurden.
Als Geschäftsführer der Bonner Grünen Ratsfraktion konnte ich dazu beitragen, dass größere lokale Demonstrationen ausgerichtet worden sind. Es gründeten sich zuhauf Stadtteilinitiativen gegen Atom, die Mütter gegen Atom fingen an sich zu organisieren und es bildete sich ein starkes Anti-Atom Bündnis – neben dem schon aktiven Bonner Friedensplenum. Einer der Protagonisten war übrigens der grüne Stadtverordnete Gerd Billen – heutiger Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen.
Unmittelbar nach der Katastrophe von Tschernobyl nahm ich an den großen Demonstrationen in Wackersdorf bei der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) teil – legendär ist das Anti WAAhnsinns-Festival im Juni 1986. Das Projekt WAA wurde 1988 beerdigt – auch der Kampf um den Schnellen Brüter in Kalkar fiel in diese Zeit – dieses Projekt wurde erst 1991 endgültig abgesagt. Mich hat das Thema Anti-Atom bis heute nicht losgelassen.