Atomausstieg ohne Hintertürchen

Im Interview spricht Claudia Roth über den Bericht der Reaktorsicherheitskommission, der noch einmal deutlich macht, dass die sieben ältesten Atomkraftwerke auch bei Abstürzen kleiner Flugzeuge nicht genug geschützt sind. Schwarz-Gelb müsse jetzt endlich einen klaren neuen Konsens, mit einem schnellen Atomausstieg ohne Revisionsklausel vorlegen und den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen. Am 28. Mai steht der Bericht der Ethikkommission, am 6. Juni kommt der Kabinettsbeschluss der Regierung, am 30. Juni soll die Verabschiedung im Bundestag, am 8. Juli im Bundesrat erfolgen. Wir erwarten von Schwarz-Gelb den ehrlichen Willen zu Energiewende und Atomausstieg.

Porträtfoto von Claudia Roth., Foto: gruene.de (CC BY-NC 3.0)
Die grüne Bundesvorsitzende Claudia Roth. Foto: gruene.de (CC BY-NC 3.0)

gruene.de: Die Reaktorsicherheitskommission hat gestern ihren Abschlussbericht zur technischen Überprüfung der 17 Atomkraftwerke an Bundesumweltminister Röttgen übergeben. Ist jetzt alles sicher?
Claudia Roth: Ganz sicher nicht, und das war es auch noch nie. Die Sicherheit der AKWs wurde nicht real untersucht, sondern lediglich Altbekanntes in Hinterzimmern mit Hilfe der Betreiber zusammengetragen. Sogar Minister Röttgen hat zugegeben, dass die Risiken von Flugzeugabstürzen schon vorher bekannt waren, aber bei der Entscheidung für die Laufzeitverlängerung im letzten Herbst keine Rolle spielten. Eine solche Aussage offenbart die ganze Verantwortungslosigkeit der schwarz-gelben Politik. Deswegen gab es früher ja sogar Pläne, notfalls Flugzeuge abzuschießen, wenn sie drohen, auf ein AKW zu stürzen. Diese Pläne hat das Bundesverfassungsgericht 2006 aber für verfassungswidrig erklärt. Spätestens dann hätten die sieben ältesten Reaktoren endgültig stillgelegt werden müssen, weil sie keinen oder nur einen geringfügigen Schutz gegen Flugzeugabstürze bieten. Stattdessen hat Schwarz-Gelb die Laufzeiten erst mal kräftig verlängert, um den Konzernen neue Gewinne zu bescheren. Die sieben ältesten AKW und der Pannenreaktor Krümmel dürfen nie wieder ans Netz gehen.

Seit dem Unglück in Fukushima diskutiert ganz Deutschland über einen schnellen Atomausstieg. Gibt es die Chance für einen neuen Konsens?
Einen Atomkonsens gibt es seit 2001 und nicht erst seit Fukushima. Schwarz-Gelb hat ihn im Herbst letzten Jahres mit dem Beschluss zur Verlängerung der Laufzeiten gekündigt. Nun wollen wir einen neuen Konsens finden, um einen endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft und einen glaubwürdigen Einstieg in das Zeitalter der Erneuerbaren zu schaffen. Dafür muss die Regierung aus ihren Fehlern lernen und den breiten Willen in der Bevölkerung nach einem schnellstmöglichen Ausstieg endlich ehrlich und ohne weitere Tricksereien umsetzen. Der Ausstieg muss verbindlich, endgültig und ohne Hintertürchen festgezurrt werden. Wir haben mit einem eindeutigen Zeitplan und einem seriösen Konzept klar gemacht, wie der komplette Ausstieg bis 2017 zu schaffen ist. Dafür müssen aber ab sofort die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden. Es geht um Planungssicherheit für den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien und eine Einigung, wie mit dem Atommüll verfahren werden soll. Auch über verstärkte Anstrengungen beim Ausbau der Netzinfrastruktur und beim Energiesparen und Energieeffizienz muss Klarheit geschaffen werden. Das ist die nötige Grundlage für einen solchen neuen Konsens. Einen Wischi-Waschi-Ausstieg wird es mit uns nicht geben.

Im letzten Herbst hat die schwarz-gelben Koalition die AKW-Laufzeiten verlängert, jetzt geben sich auch Merkel, Röttgen & Seehofer als Atomkraftgegner. Ist das glaubwürdig?
Genau das müssen die Damen und Herren der Koalition nun zeigen. Doch wenn jetzt schon wieder Stimmen aus den Koalitionsparteien zu hören sind, man können zwar jetzt den Atomausstieg beschließen, aber bitteschön kurz vor dem Ablauf noch einmal überprüfen und so möglicherweise den Atomausstieg wieder zurückzuholen, dann ist das alles andere als vertrauenerweckend. Eine solche Revisionsklausel ist für uns absolut undenkbar. Große Teile in der Union hoffen aber offensichtlich nach wie vor darauf, gegen den Willen der Menschen an der Atomkraft festhalten zu können. Auch der bekannt gewordene Entwurf des Umweltministers für ein überarbeitetes Erneuerbare-Energien-Gesetz macht deutlich, dass diese Regierung noch lange nicht verstanden hat, dass die Energiewende das Gebot der Stunde ist. Denn trotz des geplanten Atomausstiegs hält die Bundesregierung an ihrem 35-Prozent-Ziel für erneuerbare Energien bis 2020 fest und strebt nicht, wie es notwendig wäre, den beschleunigten Ausbau an. Solange Schwarz-Gelb weiter solch verheerenden Signale sendet, nimmt dieser Regierung niemand den wirklichen und ehrlichen Willen zur Energiewende und zum Atomausstieg ab.

Wie sieht nun der weitere Zeitplan aus?
Am 28. Mai werden wir beim Aktionstag für den Atomausstieg gemeinsam mit den Umweltverbänden und der gesamten Anti-AKW-Bewegung erstmals in 21 Städten parallel, auf Straßen und Plätzen der Republik zeigen, dass der schnelle und verbindliche Ausstieg aus der Atomkraft der Wille einer breiten Mehrheit in Deutschland ist und damit den Druck auf die Regierung nochmals deutlich erhöhen. Dann wird hart verhandelt. Bis zur Entscheidung Anfang Juli ziehen wir Grüne alle politischen und parlamentarischen Register, um den Ausstieg schnell, verbindlich und endgültig zu realisieren. Wenn Schwarz-Gelb tatsächlich einen ernstgemeinten und an den beschriebenen Kriterien messbaren Vorschlag macht, behalten wir uns als Bundesvorstand vor, diese Frage auf einer Außerordentliche Bundesdelegiertenkonferenz zu beraten. Diese BDK würde dann am 25. Juni 2011 stattfinden.

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Licht und Schatten

Wie stehen die Grünen zum schwarz-gelben Energieplan? Claudia Roth erläutert den Antrag des Bundesvorstandes zum kommenden Parteitag am 25. Juni in Berlin.

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Ja zum schnellen Atomausstieg

Dem Atomausstieg bis 2022 soll zugestimmt werden, aber die Grünen werden alles daran zu setzen, das letzte AKW deutlich vor 2022 abzuschalten.

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Es wird ein guter Parteitag

Ein Interview mit Steffi Lemke über eine demokratische Diskussion mit der Basis und Merkels verpasste Chance eines gesellschaftlichen Konsens.

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Keine Wende in Sicht

Schwarz-Gelb verstolpert wichtige Schritte auf dem Weg zur Zukunft mit Erneuerbaren. Die Solarförderung wird gekappt, bei Energiesparen und Energieeffizienz werden Potentiale nicht genutzt.

Atomausstieg in die Hand nehmen!

Große Menschenkette am 12. März zwischen Stuttgart und dem AKW Neckarwestheim.

Kommentare

Klaus
09-06-11 12:52
Die Zeit der Politik, mittels Lug und Trug den Wähler zu täuschen, um einer gewissen Lobby zu dienen,
neigt sich dem Ende zu. Der Kurswechsel der Regierung bei der Atomenergie ist reine Überlebensstrategie. Der Ausstieg ist eine langwierige und extrem teure Angelegenheit, an der sich vermutlich die Atomindustrie finanziell nicht beteiligen wird.
Ohne die vielen Aktionen der Grünen und sonstiger Umweltorganisationen wäre ein Ausstieg in Deutschland nicht so einfach zu machen. Vielen Dank dafür
Martin
04-06-11 14:55
Wenn die Grünen dem Atomausstieg der Schwarz Gelben Regierung zustimmen ist das Verrat an der Sache. Sämtliche fossilen Brennstoffe (Kohle, Gas, Öl etc.) sollten ebenso abgeschafft werden wie die Atomkraft. Hier sollten Grossdemos organisiert werden. Auch sogenannte blackouts sollten bewusst in Kauf genommen werden. Dann muss es der Autoindustrie an den Kragen gehen. Daimler, BMW, Audi und Porsche haben keine Zukunft mehr in Deutschland. VW genügt voll auf. Auch hier sind Grossdemos zu organisieren. Motorräder, Sportwagen und Oldtimer sind zu verbieten. Kein Nutzwert und Umweltverschmutzung. Letztlich sollte man auch Chemiewerke die ein ähnliches Risiko wie AKW's darstellen aus Deutschland verbannen. Wie man sieht gibt's noch sehr viel zu tun.
Also Genossen, ran an die Sache. Ein wirtschaftlicher Einbruch ist in Kauf zu nehmen, ist auch aus Umweltgesichtspunkten keine schlechte Sache. Weniger Kohle = weniger Umweltbelastung.
03-06-11 01:56
Hallo,

ich habe 2005 während des winterbedingten Stromausfalls im Münsterland gearbeitet. Der war mit allen seinen Folgen nicht lustig. Eine Woche frieren war die leichteste Disziplin, unbezahlter Urlaub wegen fehlender Elektrizität und somit "höherer Gewalt" war dann schon mehr ein Highlight.

Die Bundesnetzagentur warnt nun seit Tagen, dass es wegen der (religiös-ideologischbedingten) Abschaltung vieler AKW's zu ähnlichen Situationen kommen könnte.
Falls dies eintrifft, wer ersetzt eigentlich verdorbene Ware in Kühlschränken oder im Winter Frostschäden an Gebäuden?
Wer ersetzt den oben erwähnten Verdienstausfall, wer ersetzt Arbeitgebern ihre wirtschaftlichen Schäden?

Zahlt die Bundesregierung oder werden die betroffenen Bürger in den Prozessmarathon gegen ihre Energieversorger geschickt?

Auch könnten Grosskonzerne eine Prozesslawine lostreten. Ich halte es für wenig hilfreich, anzunehmen, dass z.B.Daimler Bandstillstände oder KommunikationsGau's mit wichtigen Kunden aufgrund von strombedingten Servershutdowns hinnehmen würde.

Was halten Sie denn von Einberufungsbefehlen an Bürger, die im Winter zum Windradpusten herbeizitiert werden?
Als "Motivationshilfe" könnte man ja die Feldjäger einsetzen.

*Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen*

Ach eins noch: entspricht meine Mail der PC und wird veröffentlicht?

mit freundlichen Grüßenürger
lästiger Bürger
karl
23-05-11 12:51
Ist es nicht GRAUENHAFT,

dass KAUDER (im Fernseh-Interview) die Energiedebatte bis Ende Sommer beenden will,

WEIL SIE den Gruenen nützt ?

UND NICHT etwa deshalb, weil sie SINN MACHT, NOTWENDIG ist
und von der Bevölkerung gewollt ist !°!!!!!!
Svenja
22-05-11 16:59
Ich finde diesen Artikel total interessant und sehr informativ!! Er hat mir sehr bei meinem Vortrag auch gut geholfen...
Deshalb vielen Dank an den Reporter und an Claudia Roth !!
Ich hoffe es gibt weiterhin ein paar solcher Interviews im Internet!!
Ebersberger Bündnis für den Atomausstieg
18-05-11 19:22
Gut gebrüllt grüner Löwe ...
wer ist bitte uns? "Wir und die Anderen"?
Also ... meine Eltern haben mir bei gebracht, dass man sich bei Gemeinschaftsaufzählungen immer zuletzt nennt. Es sei denn man möchte ausdrücken, dass man es eigentlich ohne die Anderen auch schafft.
Gerhard Küchen
18-05-11 15:17
Ja, super, weiter so, es ist Eure grüne Stunde, nutzt sie gnadenlos, ökologisch, klar und unzweideutig: der echte Ausstieg ist machbar jetzt, schnell, verbindlich und endgültig. Und dies muß, kann und wird der Startschuß sein für den gesamten Umbau der gesamten Industriegesellschaft hin zu mehr nachhaltiger, dezentraler, naturnaher, ökologischer Wirtschaftsweise. Die echte Energiewende ist der Beginn und der Schlüssel dazu.Aber auch Autos, Verkehr, Banken und vieles mehr muss ökologischer, sozialer, sanfter und nachhaltiger werden (dazu muß man/frau nicht auf die komplette Abschaffung des Kapitalismus warten, wir beginnen ihn von Innen zu zähmen :-). Es wird ein sehr sonniger , grüner, nachhaltiger, möglichst radikal atomstromfreier Frühling 2011. In diesem Sinne, nutzt ihn und dran bleiben. Viel Erfolg :-).
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