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Arbeiten in der digitalisierten Welt: Was kommt da noch alles uns zu?

Cloud Computing, Big Data, Crowdworking oder cyber-physische Systeme - vieles ist schon Alltag. Jetzt rücken die mit den neuen Produktionskonzepten und sich wandelnden Unternehmensstrukturen einhergehenden Konfliktfelder zunehmend in den Mittelpunkt. Höchste Zeit.

Ein Debattenbeitrag von Ralf Kronig (KV Karlsruhe Land)

Schon heute machen Videokonferenzen Dienstreisen überflüssig, ist der Arbeitsplatz im Betrieb nicht mehr der einzige Ort, an dem die E-Mails abgerufen werden können und vieles mehr. Bereits jeder vierte Befragte arbeitet nach einer Befragung von TNS Infratest mobil. „Künftig werden viele Arbeitnehmer nicht mehr am Arbeitsplatz, sondern von überall arbeiten können. In der Zeit von Laptop und Smartphone sind starre Regelungen nicht mehr zeitgemäß“, meinte Rainer Dulger, Vorstand beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall.

Manche Unternehmen machen ihre Mitarbeiter ganz gezielt mit der Digitalisierung vertraut. Die digitalisierte Arbeitswelt erfreut jedoch keineswegs alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Viele fühlen sich der digitalen neuen Arbeitswelt nicht gewachsen.

Früher waren es verschlossene Zugtüren, fehlgesteuerte Atommeiler oder Chemie-Anlagen, heute sind es manipulierte Software, unermessliche Datensammelwut oder - nicht zu vergessen - die Dauerbestrahlung durch WLAN, die unsere Gemüter erhitzen. Selbstfahrende Fahrzeuge, gesteuert über Programme, Sicherheits-Software, die in totalitären Regimen genutzt werden, Schnittstellen zu Datenbanken, die ein Profiling von Internet-Nutzern ermöglichen und so weiter brauchen klare Leitplanken und Ethik-Regeln und keine Überlassung der „unsichtbaren Hand“ des Marktes.

Deregulierte und flexibilisierte Arbeit belastet die Menschen

Die Digitalisierung trägt letztlich dazu bei, dass der sogenannte finanzgetriebene („Casino“-) Kapitalismus mit Hilfe von Deregulierung und Flexibilisierung noch mehr Rendite abschöpfen will. Schon heute nimmt die Zahl der Milliardäre und „Global Player“ mit ihren wachsenden Vermögen und somit ihrem Einfluss auf Politik und Regierungen zu. Allein die 65 reichsten Menschen besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung mit ihren 3.500.000.000 Menschen. Dieser Kapitalismus ist außer Kontrolle geraten und pervertiert die Demokratie. Allein ökonomisches Wachstum kann angesichts der ökologischen und sozialen Probleme nicht die Lösung sein.

Globale Unternehmen nutzen die Digitalisierung für radikale Kostenspar- und Rationalisierungsmaßnahmen. Mit der Folge, dass die digitale Arbeit noch mehr prekäre Arbeitsformen und Arbeit in den Niedriglohnländern schafft sowie die gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen verschärft. Beängstigend und bedrohlich zugleich ist der Forderungskatalog „Chancen der Digitalisierung nutzen“ vom Mai 2015 - Verfasser: Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände:

  • keine weitere Regulierung von Werk- und Dienstverträgen,
  • keine neuen Belastungen durch Regulierung von Leiharbeit,
  • wöchentliche Höchstarbeitszeit statt Regelungen zur täglichen Arbeitszeit (nach dem Arbeitszeitgesetz)
  • keine weiteren gesetzlichen Maßnahmen zum Thema psychische Belastungen
  • kein Gestaltungsbedarf beim Crowdworking
  • keine Verzögerung der technologischen Modernisierung durch Mitbestimmung
  • keine gesetzlichen Beschränkungen bei Arbeitszeitkonten (wie die Dokumentationspflicht)
  • Ausbau der Möglichkeiten unbegründeter Befristung
  • Flexibilität beim Datenschutz.

Das zeigt deutlich auf, dass die Sozialpartnerschaft zukünftig von stärkeren Lagerkämpfen bestimmt und mit unverrückbaren Konfrontationslinien verbunden sein wird. Damit stellt sich automatisch leider die Frage, ob es die Sozialpartnerschaft zukünftig de facto noch geben wird.

Von Seiten der Arbeitgeber-Lobbyisten hören wir zumeist nur unverbindliche Absichtserklärungen. Bei einem Workshop „Mobiles und entgrenztes Arbeiten“ im Rahmen der Initiative „Arbeit 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sprachen Firmenvertreter von globalen Konzernen von eigenverantwortlicher Arbeitsplanung und dass es „einen engen Zusammenhang zwischen Vertrauen und der Zufriedenheit der Mitarbeiter/innen“ gäbe. „Die Beschäftigten müssten für bestimmte Themen sensibilisiert werden, damit beispielsweise Ruhephasen eigenverantwortlich eingehalten würden.“ Werden sie sich bald für die Abschaffung von Feiertagen und die Flexibilisierung von Urlaubstagen einsetzen? Alles unter dem Deckmantel von Vertrauen und Selbstverantwortung – mit dem Ziel der Deregulierung von Arbeitnehmer-Mitbestimmung und verstärkter Flexibilisierung und Individualisierung zum Nachteil von Beschäftigten.

Das Gefühl der Freiheit wird erkauft mit der Pflicht zur permanenten (Selbst-)Optimierung. Die Anwendung von hoher (Selbst-)Verantwortung und hohen (fremdgesteuerten) Zielvorgaben, soll die Produktivität erhöhen - ohne dass eine direkte Steuerung in Erscheinung tritt. Grenzen zwischen Privatem und Arbeit verschwinden, mit Folgen für die Gesundheit der Beschäftigten und damit letztlich der Gesellschaft.

Arbeiten 4.0 braucht faire Regeln und keine dogmatische Technikgläubigkeit

Es ist sehr wichtig, dass Vereinbarungen zwischen der betrieblichen Interessenvertretung und dem Management die digitale Transformation in den Unternehmen regelt. Gleichzeitig müssen die Mitbestimmungsrechte der betrieblichen Interessenvertretungen nicht nur gestärkt sondern ausgebaut werden.. „Faire, transparente Regeln sind nicht nur im Interesse der Beschäftigten“, betont Dr. Manuela Maschke von der Hans-Böckler-Stiftung. „Sie sind Voraussetzung für motivierte, selbstverantwortliche Arbeit, ohne die moderne Unternehmen gar nicht funktionieren können.“

Volkswagen vereinbarte, dass Server außerhalb der vertraglichen Arbeitszeit für tariflich Beschäftigte abgeschaltet werden. Daimler richtete einen elektronischen Abwesenheitsassistenten namens „Mail on Holiday“ ein, der alle E-Mails, die während des Urlaubs eingehen, automatisch löscht. Der Betriebsrat von BMW handelte eine Vereinbarung zur Gestaltung der mobilen Arbeit aus. Dies wird unter anderem durch das Recht auf Nichterreichbarkeit gewährleistet. Somit ist Freizeit und Erholung gesichert. Bei Bosch beschloss man, dass Arbeitszeit und -ort eigenverantwortlich und aufgabenbezogen gewählt werden können. Bedingung ist, dass die Arbeitszeit aufgezeichnet und entsprechend vergütet wird. Angesichts der dramatischen Änderungen von Berufsbildern, sind erweiterte Schutzregelungen für die Beschäftigten unabdingbar.

Überwachung eindämmen und nicht wegschauen!

Wie ist überhaupt die Hoheit über die wachsenden Datenmengen und wie die Überwachung von Beschäftigten geregelt? Es ist technisch machbar, jederzeit zu kontrollieren, was die Beschäftigten tun und wo sie sich aufhalten. Alle Zugriffe über mobile Geräte können lückenlos aufgezeichnet werden. Je nach Freigabe kann der Arbeitgeber sogar bei Telefonaten mithören. Dies alles eröffnet völlig neue Möglichkeiten der Verhaltens- und Leistungskontrolle - die sich jedoch durch neue Betriebsvereinbarungen eingrenzen lassen. Betriebsrat und Datenschutzbeauftragte müssen daher „mit einer Stimme“ sprechen.

Ausblick: Optimismus ist angesagt?

Rund die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen, die Industrie 4.0-Anwendungen nutzen oder dies planen, erwarten dadurch mehr Umsatz. Den größten Umsatzschub erwarten die Unternehmen der Elektrotechnik: Hier sagen 53 Prozent der Nutzer und Interessenten von Industrie 4.0, dass sie mit steigendem Umsatz rechnen. In der Chemiebranche sind es 52, im Automobilbau 50 und im Maschinen- und Anlagebau 48 Prozent. Knapp zwei Drittel der Unternehmen in den industriellen Kernbranchen nutzt heute bereits Industrie 4.0-Anwendungen oder plant dies.

Ob viele oder wenige Menschen von Digitalisierung profitieren, hängt letztendlich davon ab, wie Sozialpartner und unsere politischen Eliten mit der betrieblichen Mitbestimmung umgehen bzw. sich für deren Ausbau stark machen. Die Vorteile neuer Technologien müssen so gestaltet sein, dass die Menschen auch mitgestalten und mithalten können. Leider sind die Herausforderungen der Arbeitswelt 3.0 noch nicht gelöst. Die Digitalisierung braucht als Mindestmaß:

  • Neue Techniken für Ergonomie nutzen
  • Schutz vor psychischen Belastungen verstärken
  • Altersreduzierte Arbeits-/Altersteilzeit-Modelle fördern
  • Schutz mobiler Arbeit(sbedingungen) regeln
  • Mehr Beteiligung bei der Überwachung festlegen
  • Technologiefolgenabschätzung sichern
  • Strukturierte Qualifizierungs- und Personalpolitik mitbestimmen.

Ungeklärt ist auch die Frage: „Wie sieht die soziale Absicherung für die Normalbeschäftigten der Zukunft aus?“ Feste Arbeitsplätze bei einem Arbeitgeber werden immer mehr zur Ausnahme. Neue Arbeitsformen führen für Beschäftigte zu (Schein-)Selbstständigkeit ohne soziale Absicherung. Gute, digitalisierte Arbeit – moderne Arbeit soll auch modern gestaltet sein – und sozial reguliert.

Klar ist, dass hinter dem Stichwort Industrie 4.0 auch ein Rationalisierungsvorhaben gegen einen großen Teil der Beschäftigten und damit der Gesellschaft steht.

Weitere Beiträge: http://www.bund-verlag.de/zeitschriften/computer-und-arbeit/