Putins inszenierte Demokratie

Im Interview spricht Claudia Roth über die Unregelmäßigkeiten bei der Wahl in Russland. Diese müssten unabhängig untersucht werden, so die grüne Bundesvorsitzende. Im Iran wurde ebenfalls gewählt und dort sei auch künftig nicht mit einer fortschrittlicheren oder weltoffenen Mehrheit im Parlament zu rechnen. Die Zustimmung zur Ratifizierung des Fiskalpaktes macht Claudia Roth von Merkels Einsatz für eine Finanztransaktionssteuer abhängig. Diese müsste auf europäischer Ebene durchgesetzt werden. Doch die schwarz-gelbe Koalition zeige momentan vor allem eines - Arbeitsunfähigkeit. Auf dem Koalitionsgipfel werde Geschlossenheit simuliert, statt an wichtigen Themen wie der Energiewende zu arbeiten.

Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

gruene.de: In Russland und im Iran wurde angeblich demokratisch gewählt. Wie bewertest du die Ergebnisse?
Claudia Roth: Sicher kann man die beiden Länder nicht miteinander vergleichen, aber wirklich demokratisch ging es nirgendwo zu. Wir glauben, dass in Russland sehr viel demokratische Sauberkeit inszeniert worden ist. Es gab ganz offensichtlich schon im Vorfeld der Wahl Manipulationen, indem nicht Kreml-genehme Kandidaturen verhindert worden sind. Auch wurde der Zugang für die Opposition zu den Medien und damit zu einem gleichberechtigten Wahlkampf in der Öffentlichkeit massiv behindert.

Putin hat die Zeichen der Zeit offensichtlich nicht erkannt. Nach den monatelangen, friedlichen und kreativen Protesten ist der Geist der Freiheit auch in Russland aus der Flasche. Deshalb sollte sich Putin nicht verschätzen in seinem Allmachtsgefühl und auf die Opposition zugehen. Er muss auch seine Kritiker einbinden und wirklich demokratische Reformen einleiten. Außerdem muss es jetzt zu einer unabhängigen Untersuchung der Wahl und der vielen gemeldeten Unregelmäßigkeiten kommen. Bisweilen sind ja in manchen Stimmbezirken 100-Prozent-Ergebnisse herausgekommen, das ist wenig glaubwürdig.

Auch im Iran waren die Wahlen nicht frei, sondern gelenkt. Die Bevölkerung hatte nicht die Wahl, sich für eine Politik außerhalb der vom Innenministerium und Staatsoberhaupt vorgegebenen Linie zu entscheiden. Es wurden keine oppositionellen Kandidaten zugelassen, nur dem Klerus oder dem Lager von Präsident Ahmadinedschad nahestehende Personen. Schon allein die Teilnahme an den Wahlen wurden so von der Staatsführung zu einem Quasi-Referendum über ihre Politik instrumentalisiert. Die Zusammensetzung des neuen Parlaments ist eine klare Niederlage für Präsident Ahmadineschad und seine Anhänger und ein klarer Sieg des geistlichen Führers und Staatsoberhaupts Ajatollah Ali Chamenei. Deswegen werden wir es auch künftig nicht mit einer fortschrittlicheren oder weltoffenen Mehrheit im Parlament zu tun haben.

Mit dem von 25 EU-Staaten beschlossenen Fiskalpakt soll der Anstieg der Neuverschuldung begrenzt werden. In Deutschland braucht die Bundesregierung für die Ratifizierung die Zustimmung der Opposition. Werden BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN dem Fiskalpakt zustimmen?
Der Fiskalpakt braucht eine 2/3-Mehrheit sowohl im Bundestag als auch im Bundesrat. Das heißt, Frau Merkel und ihre Regierung brauchen die Opposition, sonst bekommen sie diese notwendige Mehrheit nicht. Sie tut gut daran, offensiv in Verhandlungen einzutreten, denn wir knüpfen eine Zustimmung zum Fiskalpakt natürlich an Bedingungen. Eine Bedingung ist, dass Frau Merkel die Finanztransaktionssteuer nicht mehr als ihr privates Anliegen verkauft, sondern dass die Bundesregierung die Finanztransaktionssteuer auf europäischer Ebene endlich durchsetzt.

Wir wollen zweitens einen Altschulden-Tilgungsfonds, der über eine Vermögensabgabe finanziert werden soll. Und wir wollen drittens – und das ist keineswegs eine Lapalie – dass das demokratisch legitimierte Europäische Parlament in diese Entscheidungen mit einbezogen wird. Wenn jetzt über intergouvernementale Vereinbarungen versucht wird, das wieder zurückzudrehen, was an mehr demokratischer Entscheidungskompetenz für das Europäische Parlament erreicht wurde, dann werden wir das so nicht zulassen.

Was zeigt der Koalitionsausschuss am gestrigen Sonntag außer einer zerstrittenen Koalition?
Das waren Szenen einer zerrütteten Ehe, das war Inszenierung des schönen Scheins, das war der Versuch, Arbeitsfähigkeit zu simulieren, wobei man sich die wirklichen Arbeitsaufträge wie die Energiewende ja gar nicht vorgenommen hat bei diesem Koalitionsgipfel. Da sollte Geschlossenheit vorgespielt werden. Da muss man gar nicht viel Kratzen bei dieser Koalition, der Lack ist einfach weg. Und dahinter kommt ein erschreckendes Ausmaß an fehlendem politischen Kompass hervor sowie eine Politik- und Funktionsunfähigkeit dieser schwarz-gelben Bundesregierung. Wir haben mit Angela Merkel zwar eine präsidiale One-Woman-Show, aber die ersetzt keine handlungsfähige Bundesregierung. Die Energiewende in all ihren Dimensionen hätte das eigentliche Thema sein müssen für diesen Koalitionsgipfel.

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Mehr Mut zu Europa

Nach leidenschaftlicher Debatte unterstützte der Länderrat den Verhandlungskompromiss bei Fiskalpakt, Finanztransaktionssteuer und Wachstumspaket.

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Sonderländerrat zur Eurokrise

GRÜNE wollen am 24. Juni auch parteiintern die Debatte um den besten Weg für Europa führen.

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Anpacken! Füreinander!

Der Grünen-Parteitag startete am ersten Tag mit den Spitzenkandidaten, kämpfenden Niedersachsen, einem Grünen-Oberbürgermeister, der politischen Rede von Cem Özdemir und der Debatte zur Außenpolitik.

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Stark in die nächsten Jahre

Die Grünen werden es der schwarzen-gelben Regierung nicht leicht machen

Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenz

Hier findet ihr alle Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenzen seit 2008 als PDF-Datei.

Kommentare

N:S.
27-06-12 13:39
Zeigen Sie bitte den Staat ohne Verbrechungen gegen die Menschenrechte.
Gesine
22-04-12 23:41
Putin ist bei weitem ein demokratischer Politiker als alle Politiker der Grünen, linken und der SPD zusammen.Er verrät sein Volk nicht und äußert sich nicht feindlich gegen sein eigene Bevölkerung.Hoffentlich gibt es hier bald ein Politiker, der eine Mischung aus Putin und Geert Wilders ist, und der endlich dieses Land wieder lebenswert macht.....
h.g.
20-03-12 19:09
Die , von den Grünen so vehemennt geforderte Finanztransaktionssteuer trifft auch irgendwann auch die Rentner mit Riesterrente, oder ähnlich gelagerten finanziellen Alterssicherungen. Aber das Wohlergehen der Rentner interessiert die Grünen nicht, wie sie es während ihrer Regierungskoalition mit der SPD af Bundesebene deutlich bewiesen haben. Dass die Grünen so vehemennt gegen Putin agieren, ist eigentlich verwunderlich, wo doch die Antiatom- und sog. Friedensbewegung, aus der die Grünen wohl hervorgingen auf den Ostermarschtourneen Hilfe aus der DDR, die zudem noch eine Art Rückzugsgebiet einiger RAF-Terroristen war, bekamen. Künstler aus der DDR, welche hier als Agitatoren auftraten und finanzielle Hilfe wurde offensichtlich gern genommen. Jetzt so heuchlerisch gegen Putin wettern, obwohl die Verhälnisse im Ostblock zu DDR und Sowjetunion-Zeiten keinen Deut besser waren, wirkt vor diesem Hintergrund ein wenig seltsam. Frau Roth sollte ihre Statements besser überarbeiten und mal die Vergangenheit Revue passieren lassen.
15-03-12 11:01
Wo bleibt der Aufschrei der Grünen bei diesen Themen?

USA "Demokratie"

Das Gesetz "Federal Restricted Buildings and Grounds Improvement Act of 2011" wurde am 8. März 2012 von Obama unterschrieben.
Danach ist die Durchführung von Protestaktionen in der Nähe von Regierungsgebäuden verboten, wenn nach Meinung der Behörden der ordentliche Amtsbetrieb dadurch gestört wird. Man darf auch nicht mehr in der Nähe einer geschützen Person demonstrieren. Die Begriffe "Nähe" und "ordentlicher Amtsbetrieb" sind Ermessenssache der Behörden. Die Strafe kann 10 Jahre Gefängnis sein.

Der "National Defense Authorization Act" oder NDAA ist 1. Januar 2012 in Kraft. Danach kann der US Präsident anordnen amerikanische Staatsbürger ohne ordentlicher Anklage, ohne gerichtlichen Prozess und ohne Verurteilung durch Geschworene, einfach inhaftieren oder ermorden lassen - Weltweit.

EU "Demokratie"

Nach der neuesten EU Gesetzgebung (sog. Lissabon Vertrag) ist die Todesstrafe abgeschafft. Die Tötung ist aber zulässig wenn Aufstände rechtmäßig niederschlagen werden. (?!!!)
Wladimir
11-03-12 17:34
Was soll das hier denn bitteschön für ein Demokratie sein, wenn sie von Verbrechen an anderen Menschen lebt?

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,820622,00.html

Die Grünen sind wie immer dabei.
ali
07-03-12 19:33
solange unsere volksvertreter in ihren wohlversorgten ämtern mit ihren selbst zugemessenen versorgungen sitzen finden sie dieses system immer in ordnung. dies bei uns und anderswo so. frau roth sollten sich lieber dafür einsetzen, dass in unserem lande die versorgung und entlohnung von politikern per volksentscheid geregelt wird. der skandal um den ehemaligen bp wulff erfordert dies. soviel demokratie trauen sich die grünen aushängeschilder offenbar wohl nicht zu. demokratiegerede immer dann, wenn es dem eigenen vorteil nutzt und man davon profitiert. glaubwürdigkeit geht anders. nicht immer nur andere kritisieren, sondern bei sich selbst anfangen.
zulu
07-03-12 13:32
Mit inszenierter Demokratiek ennt Frau Roth sich ja aus.
Kommentar

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