Licht und Schatten

Am 25. Juni bewertet ein außerordentlicher Grünen-Parteitag die schwarz-gelben Pläne zu Atomausstieg und Energiewende. In seinem Antrag nimmt der Bundesvorstand die insgesamt acht Gesetze unter die Lupe und kommt zu gemischter Benotung. Energiewende: "ungenügend", Atomausstieg: "befriedigend". Claudia Roth erklärt im Interview, warum.

Porträtfoto von Claudia Roth., Foto: gruene.de (CC BY-NC 3.0)
Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Foto: gruene.de (CC BY-NC 3.0)

gruene.de: Werden BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN den Gesetzesvorhaben zu Atomausstieg und Energiewende zustimmen?
Claudia Roth: Wir betrachten die acht Gesetzesvorhaben der Bundesregierung differenziert: Beim Ausbau der Erneuerbaren Energien steht Schwarz-Gelb voll auf der Bremse, stattdessen sollen neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Deshalb werden wir den entsprechenden Gesetzen ohne substanzielle Veränderungen nicht zustimmen. Auch die unsinnige Kaltreserve, mangelhafte AKW-Sicherheit und den Weiterbau des geplanten Endlagers in Gorleben lehnen wir ab. Nach Fukushima wurde die schwarz-gelbe Bundesregierung nun aber von der Wirklichkeit in Richtung Wahrheit gezwungen. Hunderttausende, die seit Jahrzehnten gegen die Atomkraft kämpfen und in den letzten Monaten gegen die unsägliche Laufzeitverlängerung der Bundesregierung auf die Straße gegangen sind, haben Merkels Politik in ihre Schranken gewiesen: Sie muss die Laufzeitverlängerung komplett zurücknehmen, die sieben ältesten und unsichersten Reaktoren plus den Schrottreaktor Krümmel endgültig abschalten und auf unseren Druck hin für jedes AKW ein festes, endgültiges Abschaltdatum festlegen. Das ist ein wahnsinniger Erfolg der Anti-AKW-Bewegung und der vielen Menschen, die sich gegen die unverantwortliche und gefährliche Politik der Atomclique in Regierung und Industrie gewehrt haben. Und mit Verlaub, es ist auch ein großer Erfolg für uns Grüne. Klar ist: Das, was die Bundesregierung nun vorlegt, ist nicht der schnellstmögliche Ausstieg. Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, wenn ab sofort die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, bis 2017 in Deutschland sicher aus der Atomkraft auszusteigen. Aber jetzt, nach Fukushima, ergibt sich die Möglichkeit, vielleicht die einzige überhaupt, in einem breiten Parteienkompromiss den Ausstieg festzuzurren. Die dürfen wir nicht verspielen. Deshalb schlägt der Bundesvorstand nach intensiver Abwägung vor, der von Merkel vorgelegten Veränderung des Atomgesetzes, in der die Rücknahme der Laufzeitverlängerung, die Abschaltung der Altmeiler und feste Abschaltdaten für jedes einzelne Atomkraftwerk geregelt sind, zuzustimmen.

Und was wollt ihr ab 2013 beim Thema Atomkraft verbessern?
Wir werden sofort das überarbeitete Kerntechnische Regelwerk einsetzen und damit die Sicherheit der dann noch laufenden AKW erhöhen. Denn das ist doch der eigentliche Skandal: Die Bundesregierung lässt sich in einem sogenannten Stresstest nachweisen, dass die deutschen Atomkraftwerke nur ungenügend gegen Flugzeugabstürze gesichert sind, lässt dann aber die Sicherheitsbestimmungen auf dem laxen Stand, den sie im Herbst zusammen mit der verheerenden Laufzeitverlängerung beschlossen hat. Das werden wir ändern. Auch muss es endlich die ergebnisoffene, bundesweit vergleichende Suche nach dem bestmöglichen Standort für ein Atommüllendlager geben, und der Schwarzbau in Gorleben muss beendet werden. Und wenn der Ausstieg wirklich glaubwürdig sein soll, dann muss Deutschland damit aufhören, in anderen Ländern den Bau von Atomkraftwerken zu unterstützen. Deswegen werden wir Hermesbürgschaften für Atomkraftwerke im Ausland sofort stoppen. Außerdem müssen die Atomkonzerne stärker als bisher an den Kosten der Atomkraft beteiligt werden. Bislang läuft es doch so: Die Gewinne fahren die Konzerne ein, die immens hohen Folgekosten, siehe Asse, zahlen aber die Steuerzahler. Das ist doch völliger Irrsinn.

Wo sind sonst Nachbesserungen zwingend erforderlich?
Die schwarz-gelben Pläne zur Energiewende sind ein Totalausfall. Die Förderung von Windkraftanlagen an Land wird verschlechtert, die Energieerzeugung setzt auf zentrale Klimakiller-Kohlekraftwerke und nicht auf dezentrale Lösungen aus Erneuerbaren Energien. Bürgerbeteiligung beim Netzausbau sucht man bei den Gesetzesnovellen vergebens, das Energiesparen ist bei Merkel nicht mehr als eine freiwillige Schönwetterdisziplin, und ein Gebäudesanierungsprogramm, das Milliardenaufträge für Handwerk und Industrie bringt, wird nur zögerlich aufgestockt. Das zeigt, wie halbherzig und inkonsequent die schwarz-gelbe Bundesregierung die Energiewende anfasst. Diese Haltung kennen wir aus den letzten Jahrzehnten, da waren Union und FDP einfach echte Dagegenparteien, wenn es um die Förderung und den Ausbau der Erneuerbaren ging. Dabei muss doch jetzt das Ziel sein, so schnell wie möglich auf erneuerbar erzeugten Strom umzusteigen! Wenn aber weiterhin von 35 Prozent Ökostromanteil bis 2020 gesprochen wird, ist das nicht nur unambitioniert, sondern bedeutet auch faktisch eine Verlangsamung des Ausbaus der Erneuerbaren.

Wie wollen denn die Grünen die Energiewende beschleunigen?
Bis 2020 wollen wir einen Anteil von 40 Prozent der Stromerzeugung mit Erneuerbaren Energien abdecken – mit Windkraft auf Land und See sowie Solarstrom, nachhaltiger Bioenergie, Geothermie und nachträglicher Wasserkraft. Vorrang haben bei uns flexible, dezentrale, beteiligungsorientierte und klimaverträgliche Lösungen. Unsere Brückentechnologie für den Übergang sind flexible und effiziente Gaskraftwerke. Aber bei der grünen Energiewende geht es nicht nur um eine klimaverträgliche Stromerzeugung, sondern auch um Energiesparen und Energieeffizienz. Den Energieverbrauch wollen wir bis 2020 um 20 Prozent senken, das Gebäudesanierungsprogramm soll auf jährlich zwei Milliarden Euro erhöht werden, und wir fordern einen beschleunigten Netzausbau mit einer breiten Bürgerbeteiligung.

Werden denn die Grünen weiter gegen Atomkraft demonstrieren?
Wir kämpfen seit über 30 Jahren gegen Atomkraft und für die Energiewende. Auch wenn jetzt eine wichtige Etappe geschafft ist: Der Ausstieg ist erst dann Wirklichkeit, wenn das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet und das Atommüllproblem gelöst ist. Dafür sind wir Grüne der Garant, dafür kämpfen wir weiter, gemeinsam mit der Anti-Atom-Bewegung auf den Straßen und Äckern dieser Republik. Vor allem aber braucht es starke Grüne, um jetzt mit voller Kraft den kompletten Umstieg auf eine erneuerbare, dezentrale Energievorsorgung anzugehen. Deutschland kann eine solche grüne Energiewende als erstes Industrieland schaffen und damit ein Vorbild für andere Länder sein. Wir Grüne bleiben dafür die treibende politische Kraft.

 

BDK-Antrag des Bundesvorstandes, 17. Juni 2011

Energiewende in Deutschland – Grün geht voran

Die Zukunft gestalten: erneuerbar, effizient und energiesparsam - Die atomare Vergangenheit endgültig beenden

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Ja zum schnellen Atomausstieg

Dem Atomausstieg bis 2022 soll zugestimmt werden, aber die Grünen werden alles daran zu setzen, das letzte AKW deutlich vor 2022 abzuschalten.

Atomausstieg in die Hand nehmen!

Große Menschenkette am 12. März zwischen Stuttgart und dem AKW Neckarwestheim.

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Atomausstieg in die Hand nehmen! Komm zur Menschenkette!

Unser Kampf gegen Atomkraft geht auch 2011 weiter! Zeige Schwarz-Gelb die rote Karte und komm am 12. März zur großen Anti-Atom-Menschenkette zwischen Stuttgart und dem AKW Neckarwestheim.

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Keine Wende in Sicht

Schwarz-Gelb verstolpert wichtige Schritte auf dem Weg zur Zukunft mit Erneuerbaren. Die Solarförderung wird gekappt, bei Energiesparen und Energieeffizienz werden Potentiale nicht genutzt.

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Atomausstieg ohne Hintertürchen

Klar, ehrlich und schnell - wie ein neuer Atomkonsens aussehen müsste, erklärt Claudia Roth im Interview.

Kommentare

Es lebe das Atom
25-06-11 07:24
Ich sag nur JA zur ATOMKRAFT und nein zu GRÜN
Es lebe das Atom
25-06-11 07:12
Geht in eure höhlen zurück ihr Öko-Kommunisten

Ich sag nur JA zur ATOMKRAFT und nein zu GRÜN
Danny
22-06-11 23:52
Auf www.stroebele-online.de gibts einen Kommentar, dem ist nicht hinzuzufügen!
Flo
22-06-11 09:36
Ich halte die Vorgehensweise der Grünen für richtig, auch wenn vielleicht noch ein kleines bisschen mehr drin wäre.
Lieber habe ich jetzt einen rechtlich sauberen, endgültigen Ausstieg bis 2021 als weiter Unklarheit für alle.
Nur so werden zwingend notwendige Änderungen und Investitonen gleich angepackt und nicht wieder wertvolle Jahre vergeudet.

Letztendlich hat es (hoffentlich) Rot-Grün (oder Grün-Rot? :) ab 2013 in der Hand, durch gewisse Sicherheitsauflagen die Rentabilität der AKWs so zu reduzieren, dass das ganze beschleunigt wird und alte AKWs freiwillig früher stillgelegt werden. Das wird umso einfacher sein, je weiter der Netz- und EE-Ausbau bis dahin schon vorangeschritten ist.

Von dem her, liebe Grüne, macht weiter so und lasst euch von ein paar Fundis, die sich mal wieder verraten fühlen, nicht verunsichern. Realpolitik ist angesagt, radikale Alles-oder-nichts-Ideologien helfen niemandem.
Michael H.
21-06-11 12:47
Ich halte den Leitantrag des BUVO für den einzig gangbaren Weg. Das ist unser Erfolg. Wie wollen wir das verkaufen, wenn wir nun komplett dagegen sind? Der (durch die Bewegung und die Grünen erzwungene) Konsens in dieser Frage ist ein hoher politischer Wert. NAtürlich hat die BEwegung eine andere Aufgabe als wir als politische PArtei...
Thomas
20-06-11 08:37
Sehr geehrte Frau Roth,

ich stimme Ihren Beitrag "Licht und Schatten" in Großen Teilen zu. Besonders hervorheben möchte ich dabei, dass die Grünen den Ausstiegsplänen der Regierungsparteien prinzipiell zustimmen und keine Fundamentalopposition betreiben. Diese Haltung ist meiner Meinung nach richtig und für die Glaubwürdigkeit der Gründen als ökologische Partei sehr wichtig.
Auch wenn man noch über diverse Schwachstellen der Gesetzesvorlage von Union und FDP zu diskutieren hat, so ist der Kern doch eindeutig - der Ausstieg aus der Atomenergie.

Vielen Dank dafür und mit freundlichen Grüßen

Thomas D
bernhard
19-06-11 15:43
es ist wichtig das so bald wie Möglich aus der kernenergie ausgestiegen wird aber die stromversogung muss sicher sein ich glaube ihr müsst denleuten die angst nehmen das sie ohne strom sind. darum lasst euch nicht mit einen kuhhandel mit der CDU ein. mutter freut sich schon auf eure zustimmung dann hat sie euch im sack. also bleibt standhaft. ich habe euch in hamburg nur nicht gewählt da ihr die dreckschleuder moorburg mitgetragen habt
bleibt bitte hart gegen das werben der CDU und von der fdp braucht ihr euch schon lange nichts sagen
mfg bernhard
Michael
19-06-11 10:58
"In the year 2525" hieß ein Lied von Zager and Evans, gehen wir nur nach 2025 und schauen dann zurück. Dann wird es heißen "wir sind aus der Atomenergie" ausgestiegen und schlimmstenfalls kommt der Zusatz "und die Grünen waren dagegen". Andere Details wird in 2025 keiner mehr im Kopf haben.
Jürgen
18-06-11 21:36
Nach der Gründung der Grünen Anfang 70er riefen alle Gruppenmitglieder: Weg mit dem Atomprogramm. dafür haben wir in Whyl, Brokdorf, Gorloben, den meisten AKW-Standorten und Wackersdorf gekämpft, damit einmal eine Bundesregierung beschliesst: Das letzte Atomkraftwerk hört spätestens am Tag xx im Jahr yyyy auf.
Ich verstehe Greenpeace, die grüne Jugend, die Atomaustiegsorganisationen und unabhängige Atomgegener, welche gerne morgen die AKWs sofort abgeschaltet haben möchten. Ich auch, zumal keiner eine Garantie übernimmt, dass wir nicht morgen irgendwo doch noch verstrahlt werden.
Aber mit dem Aussstiegsgesetz ist ein Konsens möglich, mit dem viel besser und schneller bei einer eventuellen Regierungsbeteiligung noch die Atomkraft schneller beerdigt wird und die Forderung nach 2017 aich real umgesetzt wird.
Die Kritiker, welche bei de BDK gege den Leitantrag stimmen wollen begründen ihre Ablehnung mit möglichen Rückzugsformeln im Atombeendigungs-Gesetz und das wir schneller aussteigen müssen, möglichst sofort.
Mit einer Verweigerung erreichen wir gar nicht. Grüne sind dann in der Gesellschaft nicht mehr vertrauenswürdig und politikfähig. Die AKWs laufen trotzdem weiter und bei einer tatsächlichen sofortigen Abschaltung wird es tatsächlich Stromausfälle geben, was die Atomlobby wieder aufstehen lässt nach dem Motto: Wir haben Euch doch gewartn dass ohne Atom Blackouts kommen.Deshalb Weiterbetrieb. Das möchte ich nun gar nicht.

Das allerwichtigste Argument aber ist: Wir haben keine Zeit mehr in zwei Jahren die gleiche Diskussion noch einmal zu führen. Die öffentliche Sympathien für Grün werden dann weg sein und die erneuerbaren Energien werden weiter blockiert.
Ohne grüne Zustimmung zum AKW-Ausstieg ist eine konzentrierte Klimaschutzpolitik und tatsächliche 100% ige Stromversorgung aus regenerative Energien genau um die zwei Jahre verspätet.

Mein Fazit:

- für das Ausstiegsprogramm
- absolut gegen die schwer Blockade z. B. im erneuerbaren Energie Gesetz
- für Klimaschutz, so schnell und so umfangreich wie seit Jahrzehnten gefordert.
Karl-Otto
18-06-11 21:12
Ich verstehe immer noch nicht, warum es notwendig ist der Veränderung des Atomgesetzes zuzustimmen OBWOHL es so nicht grünen Vorstellungen entspricht ( z.B. 2017) Wenn ohne grüne Zustimmung das Gesetz scheitern könnte würde ich sagen : Na besser als nichts - Augen zu und durch. Aber diese Notwendigkeit besteht nicht, also auch keinen Notwendigkeit Kröten zu schlucken.
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