Eine faire Chance für alle

Im Interview mit gruene.de spricht Cem Özdemir über die Ergebnisse des EU-Gipfels am vergangenen Donnerstag, Europa und eine mögliche Änderung des Grundgesetzes, die skurrilen Pannen bei den Ermittlungen zu den Neonazi-Morden der NSU und seine Erwartungen an den grünen Sozialpolitischen Kongress am 6. und 7. Juli in Bielefeld.

Cem Özdemir vor grauem Hintergrund., Foto: Steffen Kugler/Getty Images
Cem Özdemir, Parteivorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Foto: Steffen Kugler/Getty Images

gruene.de: Beim EU-Gipfel vergangenen Donnerstag musste Bundeskanzlerin Merkel eine herbe Niederlage einstecken und von ihrem eisernen Sparkurs abweichen. Bekommen kriselnde Staaten und Banken jetzt einen Freifahrtschein zum Schulden machen?

Cem Özdemir: Niemand bekommt einen Freifahrtschein. Das wollte und will auch niemand. Die Beschlüsse des Gipfels verschaffen den Ländern aber ein wenig Luft bei ihren Reformen, da sie den Zinsdruck für die Refinanzierung der Staaten senken.

Da musste Frau Merkel nun offiziell endlich einräumen, dass sie mit ihrem nach außen dargestellten Mantra des Sparens in Europa isoliert ist. Zumal es nicht einmal der Wahrheit entspricht, denn das Handeln und die PR die Bundesregierung sind zweierlei. De facto hat schwarz-gelb bereits für über 300 Milliarden Euro Risiken über die Europäische Zentralbank vergemeinschaftet. Letzte Woche hat der Europäische Gipfel sogenannte europäische Projektanleihen beschlossen – mit der Stimme von Frau Merkel. Ich halte den gemeinsamen, europäischen Weg für absolut richtig und notwendig. Wir GRÜNE wollen aber den transparenten Weg dorthin gehen anstatt durch die Hintertür etwas zu beschließen wie die Kanzlerin es tut.

Im Zuge der Bekämpfung der Euro-Krise geben die Nationalstaaten immer mehr Kompetenzen an die Europäische Union ab. In der Diskussion über eine deshalb eventuell notwendige Grundgesetzänderung hat Bundestagspräsident Norbert Lammert nun die Möglichkeit der Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung ins Spiel gebracht. Was ist davon zu halten?

Herr Lammert hat Recht, wenn er eine verfassungsgebende Versammlung als eine Möglichkeit in Gespräch bringt, etwaige Veränderungen am Grundgesetz in Folge der Novellierung der EU-Verträge vorzubereiten. Wir GRÜNE haben uns schon auf unserem Parteitag im Herbst letzten Jahres dafür ausgesprochen, denn eine vielleicht notwendige Überarbeitung des Grundgesetzes sollte nicht allein von Berufspolitikern diskutiert und entschieden werden.

Bei den Ermittlungen im Zusammenhang mit der Neonazi-Zelle NSU werden immer neue skurrile Pannen bekannt. Heute musste sogar der Präsident des Verfassungsschutzes, Heinz Fromm, zurücktreten. Wie kann nach solchen Versäumnissen das Vertrauen in den Rechtsstaat wieder hergestellt werden?

Es ist interessant, dass es aus den Reihen des Verfassungsschutzes jetzt schon wieder heißt, dass Herr Fromm nicht zurückgetreten sei, sondern in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. Dies zeigt doch, dass der Verfassungsschutz und die politischen Verantwortungen noch immer nicht erkannt haben, wie ernst die Situation ist. Stellen wir uns mal vor, in einem anderen Land wäre über Jahre hinweg insgesamt neun dort lebende Deutsche ermordet worden und bei der Aufklärung kämen solche Schlampereien und immer neue Fragen auf. Was würden wir in Deutschland wohl denken?

Aus meiner Sicht gibt es nur eine Möglichkeit das Vertrauen in die Behörden wieder zurück zu gewinnen: Wir brauchen eine rückhaltlose Aufklärung ohne Rücksicht auf Personen und Ämter.

Am kommenden Wochenende findet in Bielefeld der Sozialpolitische Kongress von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN statt. Worüber wird da diskutiert werden?

Ich erwarte eine spannende Debatte in Bielefeld über die Frage, wie unsere Gesellschaft fairer und gerechter werden kann. Im Mittelpunkt wird unter anderem die Bedeutung öffentlicher Institutionen als Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe stehen. Wie sieht also der richtige Mix aus zwischen direkter, finanzieller Unterstützung Betroffener und der Stärkung von Einrichtungen wie Kitas und Schulen aus? Das Ziel dabei lautet aus grüner Sicht: Wir wollen jeder und jedem die Chance geben, seine Vorstellungen, Fähigkeiten und Potenziale zu erkennen und zu nutzen – egal woher sie oder er kommen.

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Endlich ein europäischer Weg

Cem Özdemir im Interview: Über seine Eindrücke vor Ort in Griechenland und Wege aus der Euro-Krise.

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Knochenbruch ist die falsche Therapie

Cem Özdemir über die Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands und die Äußerungen der schwarz-gelben Panikmacher.

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Ein parteiübergreifender Kandidat muss her

Claudia Roth und Cem Özdemir fordern, dass die schwarz-gelbe Koalition und die Opposition gemeinsam einen neuen Bundespräsidenten finden.

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Wir kämpfen für mehr Gerechtigkeit

Die BDK beschloss am zweiten Tag den sozialpolitischen Leitantrag.

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

Kommentare

Gast
06-08-12 17:20
Cem Özdemir:
"Eine faire Chance für alle"

Kommentar:
Diesen Satz kann man zu jeder Gelegenheit von sich geben ohne damit etwas Konkretes zu sagen. z.B. bei Sportveranstaltungen, auf der Gewerkschaftsversammlung, im Kindergarten beim Topfschlagen, bei der Ziehung der Lottozahlen oder an der Wühlkiste für Sonderangebote im Supermarkt.

Weiter so mit solchen wegweisenden Äußerungen Herr Özdemir.
Dieter
12-07-12 10:26
"Im Zuge der Bekämpfung der Euro-Krise geben die Nationalstaaten immer mehr Kompetenzen an die Europäische Union ab."

WER hat die Nationalstaaten dazu ermächtigt? Wird die Krise vielleicht nur deswegen inszeniert, damit dies passiert?

"Herr Lammert hat Recht, wenn er eine verfassungsgebende Versammlung als eine Möglichkeit in Gespräch bringt, etwaige Veränderungen am Grundgesetz in Folge der Novellierung der EU-Verträge vorzubereiten."

Was ist ein Grundgesetz wert wenn es beliebig an die Machenschaften der jeweiligen Regierung angepasst wird?
Ida
07-07-12 18:26
Wenn man vornherein die Lüge, es handele sich bei der Krise um einen andere Krise als 2008 und um eine "Schuldenkrise" nicht anzweifelt, erübrigt sich natürlich auch dieses Interview mit Herrn Özdemir. Lügen können die Grünen gut.

http://tinyurl.com/6sv7twp
hase
05-07-12 21:19
super
GSD
05-07-12 00:15
Nachdem mit Hilfe von Euch(unseren) Grünen diverse Ermächtigungsgesetze verabschiedet wurden, wird der Tag auch nicht mehr weit sein, daß Nazis und Kommunisten unsere Demokratie retten müssen.
Gast
03-07-12 15:32
Cem Özdemir: Niemand bekommt einen Freifahrtschein.

Walter Ulbricht: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten
Dr. Nils Jena
03-07-12 13:52
Auf dem Sozialpolitischen Kongress könnte über die längst überfällige Umverteilung von oben nach unten diskutiert werden. Ich weiß, dass die GRÜNEN eine Vermögensabgabe fordern, eine Vermögenssteuer steht allerdings noch aus. Außerdem müssen endliche die Sanktionen gegen Hartz-IV-Bezieher abgeschafft werden. Mal sehen, wie sozial die GRÜNEN sind oder ob auf diesem Kongress wieder nur Wohlfühlthemen für die SUV-fahrenden Bioladenkunden behandelt werden.
kiba
03-07-12 08:00
Es ist eine Schande den spanischen Banken(-Maklern) Vollmacht über unsere Konten zu erteilen um ihre spanischen Immobilien 2 x zu verkaufen.
Wo bleiben gesicherte Eigentumsrechte an spanischen Immobilien, wenn wir dafür zahlen, Herr Özdemir?? Sind wir soo gut oder so doof?
Das Auftreten des spanischen MP als "Schockbettler" auf der Rambla (Brüssel) hat bei Merkel Wirkung gezeigt. Trotz der Warnung, man solle Bettlern nichts geben, man hilft nicht wirklich.
Beide - MP und Schockbettler sind Handlanger der Banken oder anderer Mischpoke. Herr Özdemir, lassen Sie sich nicht einspannen.
kiba
03-07-12 07:48
Merkel hat am 29.06.12 vor dem DBT gesagt, dass der ESM Banken direkt finanziert.
Gabriel wies in seiner nachfolgenden Rede ausdrücklich darauf hin, dass der DBT genau "heute" dem nicht zustimmen wird, das Banken Vollmacht über unsere Konten verfügen.

Wörtlich: sollte es so sein, dann müsste der DBT nochmal abstimmen.
Wie stehen Sie zu dieser Aussage der Opposition, Herr Özdemir? Ist das alles nur Theater von der Opposition u wir Bürger sollen nachher an der Kasse zahlen?
Stehen Sie zu dem Wort u fordern erneut die Zustimmung zum ESM. Besser w#re ein Volksentscheid.
Ansonsten fällt es mir sehr schwer, das übliche gesülze zu lesen.
Kommentar

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