Die Freiheit bindet sich an das Gemeinwohl

Joachim Gauck sprach am 22. Juni im Deutschen Theater zu dem Thema "Freiheit – Verantwortung – Gemeinsinn / Wir in unserem Staat". Wir veröffentlichen seine Rede im Wortlaut. Teil 1

Joachim Gauck bei seiner Rede im Deutschen Theater.

Wenn ich mich Ihnen vorstelle, möchte ich meine Leitgedanken, meine politischen Schwerpunkte und Ziele nicht in Thesen fassen. Vielmehr möchte ich von Erfahrungen sprechen, die mich geprägt haben und den aus mir gemacht haben, der heute vor Ihnen steht. Es sind Erfahrungen, die die Leidenschaft für Freiheit, Demokratie und Recht in meinem Leben verankert haben.

Über der ersten Begegnung mit dem Leben könnte ein Titel von Thomas Mann stehen: „Unruhe und frühes Leid“. In meiner Kindheit war Krieg. Ich selbst bin der elementaren Bedrohung nur einmal begegnet, im Keller meines Großvaters. Die Bombe fiel damals nicht auf unser Haus, aber die Angst vor Tod und Zerstörung kam zu mir über die Augen der Erwachsenen. Sie kam auch bei Kriegsende zu mir über die Erwachsenen, als Männer abgeholt wurden, zum Arbeiten oder zum Erschießen, und als Frauen und Mädchen ihre Körper verhüllten und sich der Schrecken auf ihren Gesichtern spiegelte.

Ich bin 1940 geboren.

Ich bin 1940 geboren. An den Glanz in den Augen der Verführten, die jubelten, als ihr Führer aller Welt Angst machte, kann ich mich nicht erinnern. Ich erinnere mich erst an die Angstaugen, als der Krieg verloren war und Deutschland einem schrecklichen Ende entgegen ging. Und das Kind lernte: Da draußen ist es zum Fürchten.

Sechs Jahre später wurde mein Vater abgeholt. Er verschwand in Sibirien wie Abertausende, die denunziert und ohne jedes Vergehen bestraft wurden. Mein Vater hatte Glück. Nach fünf Jahren kehrte er zurück. Arno Esch und andere freiheitsliebende Jugendliche sind in Moskau erschossen worden. Meine Großmutter, meine Mutter, meine kleinen Geschwister und ich, sowie all die anderen Familien, die sich der neuen Zeit verweigerten – wir spürten: Da draußen ist es zum Fürchten.

Als mir Krieg, Diktatur, wieder Diktatur, Willkür und Rechtlosigkeit begegneten, war es die mütterliche Liebe, die dem kleinen Jungen, der sich ohnmächtig fühlte, letztlich das Zutrauen in sich selbst und in das Leben schenkte. Hass und Niedertracht um mich herum waren nicht ausgelöscht, aber ich wurde überlebensfähig. So erkannte ich im Nachhinein: Lange bevor Widerstand, Opposition oder Eigensinn gelebt werden, müssen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Deshalb sind Eltern und frühkindliche ermächtigende Erziehung so unglaublich wichtig.

Es war kein Zufall, dass ich mit zwölf Jahren dem Freiheitspathos von Friedrich Schiller verfiel, mit dreizehn Jahren wie ein Fiebernder am Radiogerät die Ereignisse des 17. Juni verfolgte und mit sechzehn am liebsten bei der Revolution in Ungarn mitgekämpft hätte.

Bis zu meinem 22. Lebensjahr war der Westen noch erreichbar. Ich fuhr hin, viele andere auch, an Wochenenden und in den Ferien. Die Demokratie dort war nicht perfekt, aber lebendig. Die Menschen wählten ihre Regierenden, sie lasen unterschiedliche Zeitungen, sie besaßen Gewerkschaften, die kämpften, es gab Bücher und Schallplatten, die bei uns verboten waren. Die Freiheit, die wir dort fanden, beflügelte uns. Auf Reisen im Westen tankten wir auf, um den Alltag im Osten besser zu bestehen.

Der Ausweg war uns versperrt.

Nach 1961 aber konnten wir nicht mehr zwischen dem Bleiben in der Heimat auch unter kommunistischer Herrschaft oder dem Neubeginn in der ersehnten, aber fremden Freiheit wählen. Der Ausweg war uns versperrt. Das Bild vom Westen setzte sich nur umso fester in unserem Innern fest. Sehnsucht nistete sich in unseren Herzen ein. Das wirkliche Westdeutschland entwickelte sich in eine uns unbekannte, von vielen Widersprüchen und Mängeln geprägte Richtung, unsere innere Wirklichkeit hingegen verklärte den abgetrennten Teil zu einem Staat ohne Runzeln und Abgründe. Wir haben die Freiheit idealisiert, die wir nicht besaßen.

Im eigenen Land trug die Freiheitsliebe einen Tarnanzug. Sie zitierte Heine, sie zitierte Schiller, sprach von der französischen Revolution, siedelte – wie schon in der braunen Diktatur – in Innenräumen. „Die Gedanken sind frei“ sangen wir in der Kirche und in der Familie. Um uns herum gab es gleich gesinnte Freundeskreise, Kirchgemeinden, Cliquen, die Jugendgruppen der Kirchen.

Ich suchte Botschafter der geistigen Freiheit auch in der Diktatur. Immer wieder waren es Christen und Kirchenvertreter wie mein mecklenburgischer Landesbischof Heinrich Rathke, die mir Wegweisung und Mut gaben. Sie ließen mich glauben, dass die Wahrheit – ethisch wie politisch – nicht bei der Mehrheit sein muss. Wir erlernten damals die Minderheitenexistenz. Und indem wir sie annahmen, annehmen mussten, verloren wir zwar allerhand – aber nicht uns selbst.

„I have a dream.“

Uns selber treu zu bleiben, halfen uns auch die, deren Ermutigung uns selbst noch erreichte, als die Staatsmacht sie außer Landes getrieben hatte. Wolf Biermann, Wolfgang Kuhnert, Reiner Kunze, Erich Loest, Sarah Kirsch – um nur einige zu nennen – , deren Worte und Lieder versteckt in Koffern, Handtaschen oder über Diplomatenpost die Mauer überwanden. Wir fanden Trost und Zuspruch auch bei Martin Luther King - ich begegnete diesem Ermutiger persönlich in den sechziger Jahren in der Berliner Marienkirche: „I have a dream.“ Ähnliche Botschaften drangen aus der Ferne auch von Alexander Solschenizyn, Andrej Sacharow, von Vaclav Havel und den Widerständigen aus der polnischen Solidarnosc zu uns. Und mochte Nelson Mandela am anderen Ende der Welt auch in seiner Zelle in Robben Island gefangen sein, so fühlten wir uns doch mit seiner Freiheitsbotschaft verbunden. Später, in der Rückschau erkannte ich die Bedeutung dieser realen und der Begegnungen im Geiste: Widerstand  IST nicht, Widerstand WIRD.

Bevor der Freiheitssturm Europa vor zwanzig Jahren verändern konnte, mussten Angst und Resignation überwunden werden. In unseren Seelen eingelagert war eine ganze Niederlagengeschichte. Immer hatten die Dikatoren gesiegt: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und Polen, 1968 in Prag, 1970 und 1981 in Polen. Widerstand ist zwecklos - fast hatten wir uns damit abgefunden.

In den späten Jahren der Diktatur aber zeigte sich: Es gibt Situationen, in denen die Befolgung von Wahrscheinlichkeits-rechnungen nicht klug, sondern einengend ist –  die angebliche Aussichtslosigkeit von Widerstand legte uns nämlich Wohlverhalten nahe. Erst ganz langsam und dann sehr schnell lernten wir eine ratio, die die humanen Werte hoch hielt und das Ziel der Freiheit auch dann bewahrte und benannte, als ihr Erfolg noch in fernen Sternen stand: Nie vergessen, wie im Nachbarvolk Polen weder Kriegsrecht noch Inhaftierungen den Freiheitswillen brechen konnten. Nie vergessen, wie der polnische Papst mit „Fürchtet euch nicht“ seine Landsleute ermutigte. Weit, ganz weit über die katholische Kirche und Polen hinaus wurde dieser Zuspruch politikmächtig. Nie vergessen, wie Vaclav Havel über die „Versuche in der Wahrheit zu leben“ auch uns eine Richtschnur wies. Diese und ähnliche Vorbilder inspirierten auch uns immer wieder, uns mit den erstarrten Verhältnissen nicht abzufinden.

Zum zweiten Teil der Rede "Wir sind das Volk"

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Aus der Mitte der Bevölkerung

Joachim Gauck möchte als Bundespräsident die Menschen ermutigen. In einem Miteinander der Ermutigten sieht er die Zukunft des Landes.

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„Es ist etwas passiert“

Vor 25 Jahren explodierte der Block 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl. Mitglieder des Bundesvorstands erinnern sich an die Tage der Katastrophe.

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"Wir sind das Volk"

Joachim Gauck über sein Leben, seine Ideale, Bürgersinn in allen Schichten und Menschen, die nach ihren Möglichkeiten den Staat tragen.

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Frauen gegen den Krieg

Advija Ibrahimovic, Mitglied der "Frauen von Srebrenica", will den Genozid nicht vergessen lassen. Eine Serie über die UN-Resolution 1325.

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Damit eine gerechtere Gesellschaft gelingt

Safiatou Samaké will zur Emanzipation der Frauen in Guinea etwas beitragen. Teil 3 unserer Serie über die UN-Resolution 1325.

Kommentare

Oliver
19-03-12 11:30
Ich beglückwünsche Herrn Gauck zu seinem gestrigen Sieg.

Allerdings erwarte ich von ihm nur, dass er Deutschland komplett unparteiisch vertritt und nicht irgendwelchen Parteien hörig ist.
Ingrid
18-03-12 15:56
Aufgabe der Opposition im Bundestag sollte jetzt sein, das Thema Bundespräsidentenamt weiter in den Focus zu rücken und zügig zu neuen Beschlüssen zu führen. Z.B. Aufgabenfeld des Bundespräsidenten, vielleicht irgendwann auch mal Bundespräsidentin, welche Pflichten hat der Präsident wirklich, ist es notwendig, daß er viel inder Welt herumreist, wo wir dazu doch schon einen Außenminister bezaheln. Und vor allem sollte die Abschaffung des Ehrensolds (auch rückwirkend) vorangetrieben werden. Gute Bezahlung während der Amtszeit ist richtig, dann ein Jahr Übergangsgeld und fertig. Angesichts von Kinderarmut, Bildungsmisere, geschädigten Wäldern, maroder werdender Infrastruktur und Billionen-Schulden von Bund, Ländern und Kommunen muß jeder Euro für diese Zwecke verwendet werden. Auch wenn diese nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, sicherlich werden sich noch viel mehr überflüssige Staatsausgaben finden. Möchte nicht wissen was allein die ganze Veranstaltung heute gekostet hat. Die Politk beschäftigt sich leider zunehmend mit sich selbst, mit ihren Pöstchen, Neuwahlen hier und da - und alles verschlingt immer mehr Geld.
Ab ins Altersheim
03-07-10 02:38
Endlich ist es vorbei. Gauck kann nach hause gehen und weiter Kommunisten fressen. Für wie blöd hält die grüne Funktionärskaste eigentlich die Menschen, das sie glauben sollen, die Linke hätte Wulff ermöglicht.
Für Lesewillige:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=6059#more-6059

Jemanden einen Kandidaten vorsetzen, der alles andere als fortschrittlich ist und dann zu erwarten, die Linke macht das Spiel mit. Kriegsbeteiligung als Friedensmission verkaufen ist eine Domäne der Grünen. Nicht wahr Herr Nachtweih & Co.
Vorschlag zur Umbenennung der Partei:
Die Heuchler/Bündnis Blöd
PS. Gauck ein Bürgerechtler der ersten Stunde. Selten so gelacht.
Colanuss
30-06-10 17:09
Kurz nach dem 1. Wahlgang stellt man also bei SPD und Gruenen fest, dass man die Stimmen der PDL braucht...
Man übergeht sie bei der Kandidatenauswahl, diskriminiert sie wo es geht, setzt ihnen einen liberalen Kandidaten vor und will sie nun dazu zwingen, diesen Kandidaten zu wählen, indem man die DDR-Geschichten wieder auspackt...
Und wenn sie das nicht tut, dann ist sie eben wieder das verfassungsfeindliche Stasimonster...
Wie lächerlich, aber dieses Niveau kennt man ja bereits...
Gauck hat keine Chance, genau so wollten es die Gruenen und die SPD... Und die Linken sind schuld.
Sehr geschickt, dieser Schachzug...
Ein Glück,
29-06-10 18:52
dass diesetr Heckmeck morgen vorbei ist. Mein Bundespräsident wird Herr Gauck eh nicht. Vor Imperialisten hab ich keinen Respekt.
27-06-10 21:52
Wenn Joachim Gauck als Bundespräsident gewählt wird, glaube ich, dass wir Deutsche, näher an demokratischen Grundgedanken gerückt sind! Irfan Zubair (Duisburg)
Kommentar

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