Wir kämpfen für mehr Gerechtigkeit

Am zweiten Tag des Grünen-Parteitages standen die Sozialpolitik, der Bundesvorstands- und Parteiratswahlen und die gerankten Verschiedenes-Anträge auf dem Programm.

Cem Özdemir am Redepult, Foto: © Ingo Kuzia
"Ich habe immer noch die Träume von damals, als ich angefangen habe in der Politik!", stellte Cem Özdemir in seiner Bewerbungsrede für den Bundesvorsitz klar. Der Grünen-Bundesvorsitzende wurde mit 83,29 Prozent im Amt bestätigt. Foto: © Ingo Kuzia

Unter dem Motto „Der frühe Vogel trifft die richtigen Entscheidungen“ startete die Bundesdelegiertenkonferenz am zweiten Tag mit der Sozialpolitik. Wir GRÜNE kämpfen für mehr Gerechtigkeit, Zusammenhalt und eine Gesellschaft, in der niemand zurückgelassen wird. Trotz teils unterschiedlicher Detailvorstellung wurde in der Debatte klar: Teilhabe, Armutsbekämpfung bei Kindern, Frauen und im Alter, einen Mindestlohn, soziale Gerechtigkeit – Sozialpolitik ist Grünen-Politik.

„Ich möchte, dass man zukünftig, wenn man das Thema Teilhabe hört, wenn man an das Thema Gerechtigkeit denkt, dass man auch an BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN denkt“, eröffnete Cem Özdemir die Debatte zur Sozialpolitik am frühen Samstagmorgen mit der Einbringung des Leitantrages "Eine Gesellschaft für Alle: Umfassende Teilhabe durch gute Institutionen und gerechte Verteilung". Die großen Veränderungen, wie die Einführung eines Mindestlohns, stünden noch bevor - spätestens nach einer Regierungsübernahme in 2013. Cem Özdemir gab damit den Tenor der nächsten Stunden an, und am Ende stimmten die Delegierten mit überwältigender Mehrheit für den Leitantrag.

Für eine verfassungsgerechte Grundsicherung

In seiner Rede sprach Cem Özdemir davon, dass er sich als gelernter Erzieher nicht damit zufrieden gebe, irgendeinen Kitaplatz zu schaffen. Er fordert gute Kitaplätze. „Ich will, dass da Erzieher arbeiten, die gut ausgebildet sind, die einen guten Lohn bekommen.“ Der internationale Vergleich zeige, dass auch ein Mindestlohn keine Gefahr für die Volkswirtschaft sei. Statt unsinnigen Ausgaben für ein Betreuungsgeld müsse der Fokus auf eine menschenwürdige, verfassungsgerechte Grundsicherung gesetzt werden, so Cem Özdemir. Diese systematische Finanzierung sei langfristig sinnvoller, als Geld in ein bestehendes System zu pumpen. Stattdessen wolle er das Vertrauen von ehemaligen Schleckermitarbeiterinnen ebenso bekommen, wie von dem gutverdienenden Arzt, denn alle seien Teil derselben Gesellschaft und müssten dazu beitragen, dass diese nicht auseinanderfällt.

Annelie Buntenbach am Redepult, Foto: © Ingo Kuzia
Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds machte klare Ansagen: „Ich glaub, dass Sozialpolitik ein zentraler Hebel in unserer Gesellschaft für Gerechtigkeit ist.“ Foto: © Ingo Kuzia

Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds machte in ihrer Gastrede klare Ansagen an die Anwesenden: „Ich glaub, dass Sozialpolitik ein zentraler Hebel in unserer Gesellschaft für Gerechtigkeit ist.“ Den Fokus der BDK auf die Sozialpolitik auszurichten, sehe sie dabei als gutes Zeichen. Die Spaltung der Gesellschaft sei in Deutschland zu groß. Eine Umverteilung müsse daher gesamtgesellschaftlich passieren. „Uns geht es um eine Gesellschaft, in der alle auf Augenhöhe teilhaben“, sagte Annelie Buntenbach.

Dies hieße einerseits, dort zu fordern, wo bis jetzt zu wenig gegeben wird. „Wer viel stärker in die Verantwortung genommen werden muss, und da setze ich auf euch, sind die Arbeitgeber“, sagte Annelie Buntenbach. Ein Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro seien ebenso notwendig wie die Bekämpfung von Kinderarmut und die Abschaffung der „elenden Herdprämie“.

Jutta Allmendinger am Redepult, Foto: © Ingo Kuzia
Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin, hielt in der sozialpolitischen Debatte einen Gastvortrag: "Wenn ich mir anschaue, wie lange meine Großmutter in der Bildung war, angesichts ihrer Lebenserwartung, dann war das tausendmal mehr, als mein Sohn in der Ausbildung war." Foto: © Ingo Kuzia

Die Relevanz von Bildungspolitik als maßgebliche, aber nicht einzige Säule der Sozialpolitik thematisierte Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin. Es sei schon lange bekannt, dass inklusive Modelle, wie ein einteiliges Schulsystem, am besten seien, um Ursachen von Benachteiligung und Armut entgegenzuwirken. Nun müssten diese Modelle endlich eine breite Umsetzung bekommen, so Allmendinger. Sie kritisierte die Exzellenzförderung und Bildung von privaten Schulen als falsche Lenkung des Bildungssystems. Stattdessen müsste man Schulen an Brennpunkten unterstützen und die Möglichkeit schaffen, auf die Vielfältigkeit der Schülerinnen und Schüler eingehen zu können.

Mit dem Antrag des Bundesvorstands wurde ein umfassendes Konzept zur Armutsbekämpfung in allen Gesellschaftsgruppen von einer überwältigenden Mehrheit der Delegierten verabschiedet. Eine Altersvorsorge, die auch dann eine angemessene Grundsicherung ist, wenn die Erwerbsbiografie nicht der Norm des männlichen jahrzehntelangen Vollbeschäftigten entspricht.

Rückhalt für die Benachteiligten

Vor allem aber fordert der Beschluss einen Rückhalt für diejenigen, die auch schon vorher benachteiligt werden. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf einer eigenständigen Existenzsicherung für Frauen, die nicht ohne einen Abschied von Minijobs und der überfälligen Bereitstellung von Kitaplätzen funktionieren wird. Ebenso soll Menschen mit Beeinträchtigungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden.

Als Sofortziele des Antrages nannte Astrid Rothe-Beinlich auch ein Ende der aktuellen Situation von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern. „Da steht nicht mehr und nicht weniger als auch die Abschaffung des diskriminierenden Asylbewerberleistungsgesetzgebung drin“, sagte die Frauenpolitische Sprecherin der Grünen. Denn die Würde des Menschen sei unantastbar und der Wert einer Gesellschaft müsse immer am Umgang mit den Schwächsten bemessen werden.

Bundesvorstands- und Parteiratswahlen

Nach der Sozialpolitischen Debatte waren die Delegierten aufgerufen, ihre Parteiführung neu zu wählen. Der Bundesvorstand mit Claudia Roth, Cem Özdemir, Steffi Lemke, Benedikt Mayer, Astrid Rothe-Beinlich und Malte Spitz wurde komplett bestätigt.

Im neuen Parteirat sind jetzt: Bärbel Höhn, Katrin Göring-Eckardt, Annalena Baerbock, Gesine Agena, Renate Künast, Theresa Schopper, Rebecca Harms, Jürgen Trittin, Volker Beck, Gerhard Schick, Johannes Remmel, Tarek Al-Wazir und Rasmus Andresen. Weitere Informationen findet ihr in unserem Artikel über die Wahlen.

V-Anträge

Von den ausgewählten Verschiedenes-Anträgen wurden unter anderem eine Angabe von CO2-Emissionen bei allen Fernverkehsmitteln, die Einführung einer Kennzeichnungspflicht bei Verwendung von tierischen Bestandteilen und tierischen Produkten in Lebensmitteln, die Bekämpfung von Folter, eine Ablehnung von bewaffneten Drohnen bei der Bundeswehr sowie ein Verfahren für den Antrag zum Thema Beschneidung beschlossen. Der Antrag zum Thema Beschneidung wird an die auf der Freiburger BDK 2010 gebildete Kommission zum Religionsverfassungsrecht verwiesen. Die komplette Übersicht mit den beschlossenen V-Anträgen findet ihr weiter unten.

 

Reden der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover

Über das Menü des Players könnt ihr die verschiedenen Videos auswählen.


Vorläufige Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenz (PDF)

TOP Außenpolitik

TOP Sozialpolitik

TOP Haushalt

TOP Satzung

TOP Verschiedenes

 Alle weiteren Beschlüsse findet ihr in unserer Beschlussübersicht.

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Die BDK 2012 in Bildern

Wir zeigen euch den Parteitag in Bild und Text.

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Heimat Europa

Am dritten und letzten Tag des Grünen-Parteitages stand ein Endlagersuchgesetz und die Europapolitik auf dem Programm.

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Anpacken! Füreinander!

Der Grünen-Parteitag startete am ersten Tag mit den Spitzenkandidaten, kämpfenden Niedersachsen, einem Grünen-Oberbürgermeister, der politischen Rede von Cem Özdemir und der Debatte zur Außenpolitik.

Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenz

Hier findet ihr alle Beschlüsse der Bundesdelegiertenkonferenzen seit 2008 als PDF-Datei.

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Jetzt wird gemeinsam gerockt

Der Grünen-Bundesvorstand wurde komplett im Amt bestätigt. Alle sechs Mitglieder erhielten starke Ergebnisse.

Kommentare

Dieter
27-11-12 18:34
"Wir kämpfen für Gerechtigkeit" Ha Ha Ha - Sieht so Gerechtigkeit aus?

Hamburger Morgenpost:
"Er trägt Mitschuld am Tod des Dachdeckers Thomas M. (44), trotzdem gab die Hamburger Justiz ... Onur K. ... noch eine Chance. Onur nutzte die Bewährung offenbar, um nur sechs Monate nach dem milden Urteil wieder Menschen zu verletzen. Am Freitag steht er erneut wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. "

Begründung für die politisch korrekte Nichtstrafe nach dem Tod des Dachdeckers war: Der Tod nach einem einzelnen Schlag sei eine Besonderheit. (Wird so auch bei einheimischen Deutschen entschieden?)

Die Grünen haben darauf nur eine Antwort. Noch mehr Migranten ins Land lassen und einen noch behutsameren Umgang mit solchen Personen sowie alle Kritiker als Rassisten beschimpfen. Das ist dann gerecht?
Klaus Lehmann
26-11-12 16:04
59.505 (Stand: 9. November 2012) so viele Mitglieder von den Grünen haben hier noch nicht unterschrieben, obwohl sie das auf ihrem Parteitag beschlossen haben.

Es muss doch nicht wie bei dem Atomstrom so lange dauern, man kann es auch vor den Wahlen erledigen.

also auf auf und den Beschluss des Parteitags umsetzen. Das wäre doch mal der erste Beschluss einer Partei der vorher schon umgesetzt wurde! das ist ist ein Wahlversprechen mit Beweiskraft! Und es wäre so einfach, einfach unterschreiben und zwar 59.505 Unterschriften von den Grünen schließt Euch einfach den anderen Grünen an. vielleicht habt ihr es auch mal als Link auf Eure Hauptseite und Werbung aktiv, es ist Euer Parteitagsbeschluss und Eure Chefin war schon die erste! http://www.sanktionsmoratorium.de/
Surf 67
24-11-12 12:39
Die nächsten Veränderungen stehen an!!
Die Zeit ist reif um mehr Menschen ein friedliches und freies Leben zu ermöglichen !!
Die Hartz 4 Falle für ältere und ständig im Berufsleben stehende Arbeiter muss schnell
beseitigt werden!
Fässer ohne Boden (Griechenland) sofort fallen lassen !!!!
Sie haben sich in die EU hinein betrogen und geschwindelt !!!
Zur Zeit entsteht eine neue Wählerschicht die eine Schuldenpolitik nicht wählen wird!!!!
2013 werden wir eine sehr hohe Wahlbeteiligung haben und die kleinen Parteien werden aus den Bundestag verschwinden !
Ehrlich und mit vielen Wählerstimmen belohnt würden ein gemeinsames Wahlprogramm von SPD und den Grünen vor der Wahl !!!
Ehrlichkeit und Berechenbarkeit ist 2013 der Schlüssel zum Erfolg !!!
Denn es werden Lösungen vom Wähler erwartet welche Steinbrück und Trittin
an den Wähler bringen können !!!!
Christoph
21-11-12 15:28
Hallo,

wie heißt das Lied, welches den Film über das Trainee Programm begleitet hat?
ma
20-11-12 15:26
420€ sind zu wenig, nach der Wahl, Gesetzbeschluss usw. Ist 1/2014!
Bereits ca.2010 haben die Sozialverbaende 420/440€ gefordert ohne
Beruecksichtigung der jetzt hohen Energiekosten!
Domi
19-11-12 12:00
Glückwunsch!Dir Grünen haben ihr Programm vorgestellt, sieben Jahre waren sie in der Bundesregierung, haben das Land völlig vor die Wand gefahren und fordern jetzt unter anderem den Hartz IV-Satz auf 420,00 € heraufzusetzen´.
Damit werden sie den sozialen Abstieg nicht stoppen, sondern somit wird in bildungsfernen Schichten das Geld doch lieber für Alkohol und Zigaretten ausgegeben.
Zusammen mit der SPD haben sie die Einschnitte beschlossen, was nicht zu vergessen ist. Warum haben sie da schon nicht den Mindestlohn eingeführt?
Für mich ist dieses wahltaktisches Manöver, um an die Macht zu kommen, die Quittung erhalten wir alle, z.B. City-Maut, keine Studiengebühren und die Mittelschicht wird weiterhin belastet.
Hätten die Grünen unser Land den so hervorragend durch die Krise geführt, wie jetzige Regierung? Ich glaube nicht.
Als Opposition kann man viele Vorschläge machen.
Robert Heinrich
18-11-12 23:04
@Uli: Den Song "Little Talks" habe ich ausgesucht. Weil er musikalisch gut zur Abschlussaktion passt. Wenn wir jede Liedzeile auf die Goldwage legen würden, könnten wir bei Parteitagen nur noch Fahrstuhlmusik spielen :-) Gruß R. Heinrich
kuec
18-11-12 20:33
Die Gastrednerinnen Buntenbach und Allmendinger waren eine gute Wahl. Der Antrag zur Sozialpolitik lieferte aber nur eine Problembeschreibung und viele schöne Absichtserklärungen. Dabei müsste klar sein, dass die Finanzierung nicht geht, wenn man nicht die Einnahmeseite verbessert. Der Antrag auf Erhöhung des Spitzensteuersatzes wurde aber leider abgelehnt.-
Statt das Thema Beschneidung vernünftig auf die Tagesordnung zu setzen, wurden die betreffenden Anträge unter Verschiedenes lange nach 22 Uhr behandelt. Hier hat der Parteitagsregie der Mumm gefehlt, mal eine wirklich kontroverse Sache vernünftig anzugehen. Dabei war der Umgang unter den AnstragstellerInnen trotz unterschiedlicher Ansätze sehr respektvoll.
Trotzdem eine BDK, wo viel Engagement für ur-grüne Ziele zum Tragen kam. Ermutigend.
Simone Eberle
18-11-12 15:14
Hallo,
bei der Cems Bewerbungsrede für den Bundesvorsitz ist nochmal seine Politische Rede eingestellt. Ich würde aber gerne erstere hören. Lässt sich das bitte korrigieren?
Vielen Dank im Voraus -Simone
Uli
18-11-12 13:03
Wer hat denn "Don't listen to a word I say..." von "Of Monsters and Men" als Schlusslied ausgesucht? ;o) Schönes Lied, aber zum Glück ist der Text nicht Programm...
Kommentar

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